„EU-Bulgaristik“: Perspektiven und Potenziale

Ort
Berlin
Veranstalter
Christian Voss, Humboldt-Universität zu Berlin, in Kooperation mit der Botschaft der Republik Bulgarien
Datum
16.05.2008 - 17.05.2008
Von
Michael Hein, Institut für Politik- und Kommunikationswissenschaft, Universität Greifswald

Bulgarien ist in der heutigen geistes- und sozialwissenschaftlichen Lehre und Forschung in Deutschland ein randständiges Thema. Die traditionelle slawistische Bulgaristik wird seit den 1990er-Jahren immer stärker aus den Universitäten verdrängt – und mit ihr verlieren auch andere disziplinäre Zugänge an Boden. Diese defensive Lage der multidisziplinären Bulgaristik in Deutschland entspricht jedoch keineswegs dem Status Bulgariens als junges Mitgliedsland der Europäischen Union. Ziel der von Christian Voss an der Humboldt-Universität zu Berlin in Kooperation mit der Botschaft der Republik Bulgarien organisierten Tagung war es angesichts dieser durchaus prekär zu nennenden Situation, eine „Leistungsschau“ der Bulgaristik zu bieten und zu zeigen, auf welchen zahlreichen Forschungsfeldern und mit welchen vielseitigen Ansätzen Kultur-, Sprach-, Literatur- und Rechtswissenschaftler, Historiker, Soziologen, Politologen und Fachdidaktiker bulgaristische Themen bearbeiten. Die Bulgaristik sollte in ihrem Potential erstmalig gesamtdeutsch erfasst werden, um Kompetenzen zu bündeln und gemeinsame Strategien zu besprechen.

Das erste Panel befasste sich mit der Stellung Bulgariens im heutigen Europa. KLAUS ROTH (München) erörterte in seinem Vortrag die Frage, inwieweit Bulgarien Teil des kulturellen Raums der Europäischen Union ist. Dabei ging er nicht nur auf die einschließenden wie ausgrenzenden Stimmen und Wahrnehmungen in den bisherigen EU-Mitgliedsstaaten ein, sondern schilderte auch die pro- und anti-europäischen Meinungen und Diskurse in Bulgarien selbst. Dort habe es während des Beitrittsprozesses von Seiten der politischen Elite keine Debatte über die kulturelle Identität Europas und die Zugehörigkeit Bulgariens gegeben, während sich in der Bevölkerung zunehmend anti-europäische Stimmungen und ein Gefühl des „Noch-Nicht-Angekommenseins“ breitgemacht habe. Dies finde in einer positiven Neubewertung des Balkanischen und Orientalischen Ausdruck, was sich insbesondere in der heute dominanten „Čalga-Kultur“ zeige. Mit diesem Begriff, der eigentlich die bulgarische Variante der in Südosteuropa weit verbreiteten Ethnopop-Musik bezeichnet, versuchte Roth die zum Teil aggressive Betonung des Eigenen und das Ignorieren genuin europäischer Werte und Normen metaphorisch zu beschreiben. Im Besonderen problematisierte Roth die große soziale Bedeutung persönlicher Netzwerke gegenüber öffentlichen, formalen Institutionen und schloss mit dem Fazit: „Bulgarien wird seinen kulturellen Ort in Europa erst noch bestimmen müssen.“

RAYMOND DETREZ (Gent) diskutierte ebenfalls eine Reihe von Problemen, die mit der Stellung Bulgariens im balkanischen und europäischen Kontext verbunden sind. Dabei schilderte er eingangs die im niederländisch-flämischen Raum ähnlich prekäre Situation der universitären Bulgaristik. Danach ging er ausführlich auf eine Reihe von Projekten der Universität Gent ein, die sich mit den Beziehungen der Bulgaren zu Europa sowie der Stellung Bulgariens und der Bulgaren in ihrem balkanischen Umfeld beschäftigen und skizzierte mögliche Richtungen zukünftiger komparativer Forschungsarbeiten.

Im zweiten Panel zum Themenfeld „Literatur und Gender“ gab WOLF-HEINRICH SCHMIDT (Berlin) zunächst einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand zum Verhältnis von Staatssicherheit und Literatur im bulgarischen Staatssozialismus. Bisher fehle eine gründliche wissenschaftliche Bestandsaufnahme dieser Beziehung ebenso wie eine allgemeine literaturgeschichtliche Gesamtdarstellung aus postsozialistischer Sicht. Mittlerweile seien jedoch neben der für einen Systemwechsel typischen Anklage-, Rechtfertigungs- und Enthüllungsliteratur auch einzelne sachlich-dokumentierende Arbeiten zum Verhältnis von Politik und Literatur erschienen. Als zentrale Fragestellung zukünftiger Forschung stellte Schmidt das Paradoxon heraus, wie es trotz eines brutalen Repressionsapparates eine ausgesprochen lebendige und kreative Literaturentwicklung geben konnte, da die Zeit zwischen 1944 und 1989 unzweifelhaft zu den produktivsten Phasen der bulgarischen Literatur gehöre.

ANA LULEVA (Sofia) präsentierte danach eine „kurze Geschichte der Geschlechterforschung“ in Bulgarien und deren Entwicklungsperspektiven. Trotz des weitgehenden Fehlens einer Frauenbewegung in Bulgarien und einem bis heute ausgesprochen negativen gesellschaftlichen Umfeld für feministische Orientierungen habe sich seit der Mitte der 1990er-Jahre ein interdisziplinäres Interesse für Frauen- und später auch für Genderforschung entwickelt, das sich seit Ende der 1990er-Jahre in mehreren Veröffentlichungen niedergeschlagen habe.

Das dritte Panel widmete sich der Stellung Bulgariens in der europäischen Hochschullandschaft. MARKUS WIEN (Blagoevgrad) skizzierte die massenhafte, nachgerade inflationäre Gründung privater Universitäten in Bulgarien, nachdem 1990 das Hochschulwesen nahezu vollständige gesetzliche Autonomie erlangt hatte. Dieses „mushrooming“ habe jedoch eine zunehmende Unübersichtlichkeit zur Folge gehabt, in der Qualitätsstandards immer weniger gesichert gewesen seien. Darauf habe die Politik nach einem Jahrzehnt mit der Einführung eines obligatorischen staatlichen Akkreditierungsverfahrens für sämtliche Hochschulen und alle angebotenen Studiengänge reagiert. Doch diese Bemühungen seien ambivalent zu bewerten, insbesondere, weil sich ihre Kriterien zu stark an den durch staatliche Hochschulen gesetzten Standards orientierten. Im Besonderen ging Wien auf die Amerikanische Universität in Blagoevgrad ein, die 1991 als eine der ersten privaten Hochschulen in Bulgarien entstanden war.

MARKO TODOROV (Russe) gab im Anschluss einen allgemeinen Überblick über die bulgarische Hochschulpolitik seit 1989 und den Beginn des sogenannten „Bologna-Prozesses“. Neben den bereits von Markus Wien angesprochenen Schwierigkeiten ging er dabei insbesondere auf die großen Finanzierungsprobleme und die damit verbundenen, höchst unattraktiven Arbeitsbedingungen in Lehre und Forschung ein, was einen Rückgang des wissenschaftlichen Personals um ein Drittel und parallel seine massive Überalterung sowie einen dramatischen Rückgang der Promotionen und Habilitationen zur Folge gehabt habe. Aktuell gebe Bulgarien nur noch rund 0,5 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für Wissenschaft aus – gegenüber 2,5 Prozent im Jahre 1989. Gleichwohl seien auch positive Entwicklungen zu verzeichnen, wozu Todorov trotz zahlreicher ungelöster Probleme vor allem den bereits 1995 erfolgten Start der Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen zählte – vier Jahre, bevor der „Bologna-Prozess“ ins Leben gerufen wurde.

Im vierten Panel „Hochschuldidaktik und Bulgaristik“ berichtete zunächst SABINA WIEN (Blagoevgrad) über die Spezifika und Probleme des Bulgarischunterrichts als Fremdsprache in heterogenen Lernergruppen. Dies illustrierte sie mit ihren Erfahrungen aus der Unterrichtsarbeit an der Amerikanischen Universität in Bulgarien. Anschließend präsentierte UWE BÜTTNER (Leipzig) ein neues multimediales Bulgarisch-Lehrwerk, das im Rahmen einer dreijährigen internationalen Kooperation von Hochschuleinrichtungen sowie Software- und Mediendesignunternehmen entstanden ist. Das Besondere an diesem neuen, fünfsprachigen Lehrmaterial sei, dass es durch die multimedialen Möglichkeiten einen ständigen Zugang zum Wörterbuch, ein integriertes Kontrollsystem, zahlreiche Animationen, Videosequenzen und Comics, einen ständig aktualisierten Landeskunde-Link und nicht zuletzt die Möglichkeit der autodidaktischen Beschäftigung biete.

In der anschließenden Podiumsdiskussion „Bulgaristik im 21. Jahrhundert“ debattierten die Bulgarisch-Lektoren Uwe Büttner (Leipzig), Gergana Börger (Jena), Rumjana Koneva (Freiburg) und Anelia Stefanova (Berlin) mit den Tagungsteilnehmern intensiv die Frage nach der Zukunft der universitären Bulgaristik in Deutschland. Dabei herrschte weitgehende Einigkeit unter den Diskutanten, dass die Bulgaristik sich wesentlich stärker als bisher interdisziplinär öffnen müsse und sich nicht mehr nur eng als Teildisziplin der Slawistik verstehen dürfe. Ansonsten könne man kaum der ungeheuren Dynamik der EU-Südosterweiterung und den Spezifika der vielfältigen Entwicklungen in Bulgarien gerecht werden, geschweige denn gegenüber den anderen geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern an Attraktivität gewinnen. Über die Wahl der hochschulpolitischen Strategie für dieses Ziel kristallisierten sich jedoch zwei diametrale Positionen heraus: Christian Voss argumentierte für die Fokussierung auf wenige Zentren der Slawistik bzw. Südosteuropaforschung in Deutschland. So habe die Bulgaristik nicht nur bei zukünftigen „Kürzungsrunden“ eine reale Überlebenschance, sondern füge sich auch in ein Umfeld ein, in dem die Lehre und Forschung der benachbarten Disziplinen profitieren könne. Elisabeth Cheauré (Freiburg) plädierte demgegenüber für die Stärkung dezentraler Strukturen. Nur so könne die Bedeutung des slawischen Kulturraumes den anderen Fächern immer wieder in das Bewusstsein gerufen und im akademischen Raum insgesamt präsent gehalten werden.

Zu Beginn des zweiten Konferenztags mit dem fünften Panel „Bulgarien interkulturell“ referierte RUMJANA PREŠLENOVA (Sofia) über einige zentrale Aspekte der vielschichtigen und komplizierten deutsch-bulgarischen Beziehungen seit dem 19. Jahrhundert. Ein besonders wichtiges Moment für die Untersuchung dieser Beziehungen sei, dass beide Nationen ausgesprochen asymmetrisch hinsichtlich ihres demographischen Potenzials, der historischen Entwicklung, ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit und ihrer Bedeutung in den internationalen Beziehungen waren und sind. SIGRUN COMATI (Rüsselsheim) stellte anschließend einige Beobachtungen zum Sprachgebrauch in Bulgarien seit 1989 aus den Bereichen Wirtschaft, Medien und Musikkultur vor. So habe es im erstgenannten Bereich neben der Einführung zahlreicher neuer Wörter wie beispielsweise „biznesmen“ (Unternehmer) oder „ednolična firma“ (Einzelunternehmen) vor allem das interessante Phänomen des Wechsels positiver und negativer Konnotationen gegeben, wie etwa bei dem Begriff „dalavera“ (ursprünglich pejorativ: Gaunerei, Betrug; neu auch: Schnäppchen). Die Pressesprache sei seit den frühen 1990er-Jahren hauptsächlich durch drei Trends geprägt: eine starke Vulgarisierung, die Nutzung des Modus des Renarrativs zur Distanzierung sowie einen zunehmenden Gebrauch von Mythen. Bezüglich der Musikkultur beschrieb Comati, wie sich die „Čalga“-Musik seit 1990 im Rundfunk verbreitete, nachdem sie vorher nur in privaten Bereichen anzutreffen gewesen sei.

Das sechste Panel widmete sich der politischen und rechtlichen Transformation Bulgariens. KLAUS SCHRAMEYER (Bonn) zeichnete ein ausgesprochen negatives und wenig differenziertes Bild einer „unendlichen Geschichte“ dieser Transformation, die noch längst nicht an ihr Ende gelangt sei. Das Land habe 2007 die sogenannten „Kopenhagener Kriterien“ für den Beitritt zur Europäischen Union zwar formal, nicht jedoch materiell erfüllt und hätte daher auch noch nicht EU-Mitglied werden dürfen. Nach dem nun erfolgten Beitritt seien jedoch die Einwirkungsmöglichkeiten der EU-Kommission begrenzt, so dass ein Abschluss der Transformation nicht abzusehen sei. In Bulgarien mangele es bis heute an einem Rechtsstaat, statt dessen dominierten Korruption, organisierte Kriminalität, eine ineffiziente Verwaltung, eine defizitäre Gesetzgebung und die Nichtachtung der
Minderheitenrechte. Im Besonderen kritisierte Schrameyer den bis heute ausgebliebenen Elitenwechsel (der seiner Auffassung nach sogar ein Beitrittskriterium hätte sein sollen), die im Wesentlichen ausgebliebene Vergangenheitsaufarbeitung, eine mangelnde Änderung der „Mentalität“ und die infolge dessen weitgehend fehlende Zivilgesellschaft. Seine fatalistische Schlussfolgerung: Bulgarien bedürfe für den Abbau der großen Transformationsdefizite weiterhin der Kritik und Hilfe von außen, doch hierfür seien die nach dem Beitritt noch verbliebenen Möglichkeiten der EU-Kommission wahrscheinlich nicht ausreichend.

Auch SONJA SCHÜLER (München) betonte in ihrem deutlich fundierteren Vortrag über die zivilgesellschaftlichen Entwicklungen nach 1989 eine Reihe von schwer wiegenden Problemen. Bis heute sei der größte Teil zivilgesellschaftlichen Engagements in Bulgarien von externen Geldgebern abhängig. Es gebe zwar viele erfolgreiche Projekte, doch das fortwährende Fehlen einer breiten Mitglieder- bzw. Unterstützerbasis infolge von Erwerbslosigkeit, sinkendem Lebensstandard und Legitimitätsproblemen politischer und
gesellschaftlicher Institutionen, häufig unzureichende Hintergrundkenntnisse und fehlende Zielorientierung externer Förderer, chronische Ressourcenknappheit und -konkurrenz auf Seiten der bulgarischen Akteure und dort zahlreich anzutreffende Fälle der Selbstbereicherung beeinträchtigten die eigenständige Handlungsfähigkeit des Großteils gesellschaftlicher Organisationen erheblich. Ein Großteil der bulgarischen Nichtregierungsorganisationen sei daher „gesellschaftlich isoliert“ und werde folglich ausschließlich von außen am Leben gehalten (womit sich aus politikwissenschaftlicher Sicht allerdings die Frage anschließen müsste, inwieweit diese Organisationen überhaupt in den Bereich „Zivilgesellschaft“ eingeordnet werden können). Genuin im Land selbst initiierte Aktivitäten verortete Schüler insbesondere im Umweltschutzbereich.

CHRISTIAN VOJTSCHIZKI (Berlin) eröffnete das siebente Panel „Sprache im Umbruch“ mit einem Beitrag über bulgarische Chatrooms und sprachliche Innovation. Nach einer kurzen Einführung in die im Vergleich zu Deutschland recht schnelle Entwicklung des Internets in Bulgarien (insbesondere der Breitband-Anschlüsse) zeichnete Vojtschizki die gegenwärtig in vielen Chatrooms und Diskussionsforen stattfindende leidenschaftliche Auseinandersetzung um die „richtige“ Verschriftlichung des Bulgarischen nach – umstritten sei seit der mittlerweile problemlos möglichen Benutzung kyrillischer Schriftsätze, ob weiterhin die in den 1990er-Jahren entstandenen lateinischen Umschriften gebraucht werden sollten. Sprachpuristen bezeichneten diese abwertend als „Majmunica“ (wörtlich etwa: Klammeraffenschrift). In dieser online geführten Auseinandersetzung zeigten sich deutlich politische Positionen der Teilnehmer, etwa wenn beispielsweise auf Websites, die dem rechten bzw. rechtsradikalen Spektrum zuzuordnen sind, besonders stark gegen die lateinischen Umschriften polemisiert werde.

In ihrem Vortrag „Die Kluft zwischen Präskriptivismus und Analytismus im Bulgarischen“ thematisierte IRENA VASSILEVA (Sofia) das Problem des Konservativismus der offiziellen Sprachpolitik. So werde etwa der bestimmte Artikel „-ăt“ statt „-a“ bei männlichen Substantiven in Subjektposition zwar weiterhin vom Sprachstandard vorgeschrieben. Doch in der gesprochenen Sprache finde er überhaupt keine Anwendung und auch in der Schriftsprache werde er zunehmend (fehlerhaft) durch „-a“ ersetzt. In diesem und in anderen Beispielen werde die Kluft zwischen gesprochener und geschriebener Sprache immer tiefer und eine natürliche Weiterentwicklung des Bulgarischen verhindert. Als Belege dienten Vassileva Textstücke aus der Pressesprache sowie unter Studierenden durchgeführte Übersetzungsexperimente. Vassilevas Ausführungen trafen jedoch aufgrund unklarer Verwendungen linguistischer Termini und zahlreicher methodischer Probleme ihrer Untersuchungen auf deutlichen Widerspruch unter den Tagungsteilnehmern und konnten insgesamt nicht überzeugen.

Das achte und letzte Panel „Bulgaristische Rück- und Ausblicke“ begann mit einem Vortrag von RUMJANA KONEVA (Freiburg) über die Idee einer Balkangemeinschaft im 19. und 20. Jahrhundert und die bulgarische Haltung zu solchen Überlegungen. Neben der Präsentation dieser Gegenentwürfe zu den zahlreichen gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen den Völkern Südosteuropas ging Koneva auf die produktive Rolle ein, die die Vorstellungen einer Balkangemeinschaft heute spielen könnten. So könne man den Prozess der europäischen Integration sämtlicher südosteuropäischen Staaten als neue Möglichkeit zur Realisierung einer Balkangemeinschaft interpretieren.

CORINNA LESCHBER (Berlin) schließlich stellte jüngste Ergebnisse interdisziplinärer Forschung zur Ur- und Frühgeschichte Bulgariens aus den Bereichen Archäologie, Humangenetik und Sprachwissenschaft vor. Dabei zeichnete sie ein differenziertes Bild eines acht Jahrtausende alten „Zivilisationsmodells“ in Südosteuropa und präsentierte eine Reihe von Spuren sehr früher Schriftsysteme aus dieser Zeit. Im Lichte dieser neuen Erkenntnisse über die Indoeuropäisierung und die Ethnogenese der Völker im Balkanraum ließe sich Leschber zufolge eine Reihe von Traditionen, die bisher für spezifisch „balkanisch“ gehalten wurden, plötzlich mit alteuropäischen Traditionen in Zusammenhang bringen, so dass die Bedeutung des Kulturraumes Südosteuropa im europäischen Kontext neu bewertet werden müsse.

Die Tagung bot insgesamt einen breiten und erhellenden Einblick in den aktuellen Stand der bulgaristischen Forschung und Lehre der verschiedensten Wissenschaftsdisziplinen. In der abschließenden Diskussion wurde von mehreren Teilnehmern nochmals deutlich gemacht, dass für eine positive Zukunft der universitären Bulgaristik in Deutschland vor allem erfolgreiche politische Lobbyarbeit, aber neben überzeugenden wissenschaftlichen Ergebnissen auch fundierte Beiträge in der Ausbildung der Studierenden in verschiedensten Studienprogrammen notwendig seien. So plädierte etwa Uwe Büttner nicht nur für einen Appell an Universitätsleitungen und deutsche wie bulgarische Politiker für den Erhalt der Bulgaristik an deutschen Hochschulen, sondern auch dafür, in der Entwicklung regionalwissenschaftlicher Studiengänge einen Katalog an gemeinsamen Zielen zu entwickeln, die die Bulgaristik innerhalb wie außerhalb des akademischen Bereichs verwirklichen möchte.

Mit einer solchen offensiven Neupositionierung erscheint es tatsächlich denkbar, dass die derzeit im Zuge der aktuellen Hochschulreformen zusätzlich gefährdete Bulgaristik wieder eine deutlich stärkere Außenwirkung erzielt, und die auf der Tagung präsentierte „Leistungsschau“ nicht bloße „Nabelschau“ bleibt. In diesem Sinne ist es sehr zu begrüßen, dass die Ergebnisse der Tagung zeitnah in einem Sammelband veröffentlicht werden sollen.

Kurzübersicht:

Panel I: EU-Bulgarien 2007
Klaus Roth (München): Bulgarien als Teil des kulturellen Raums der Europäischen Union?
Raymond Detrez (Gent): Bulgarien im balkanischen und europäischen Kontext

Panel II: Literatur und Gender
Wolf-Heinrich Schmidt (Berlin): Staatssicherheit und Literatur im bulgarischen Sozialismus
Ana Luleva (Sofia): Zum Stand der Geschlechterforschung in Bulgarien

Panel III: Bulgarien in der europäischen Hochschullandschaft
Markus Wien (Blagoevgrad): Private und amerikanische Hochschulen in Bulgarien
Marko Todorov (Russe): Hochschulpolitik und Bologna-Prozess in Bulgarien

Panel IV: Hochschuldidaktik und Bulgaristik
Sabina Wien (Blagoevgrad): Bulgarisch als Fremdsprache
Uwe Büttner (Leipzig): Präsentation des neuen multimedialen Bulgarisch-Lehrbuches
Podiumsdiskussion mit den Bulgarisch-Lektoren Uwe Büttner (Leipzig), Gergana Börger (Jena), Rumjana Koneva (Freiburg) und Anelia Stefanova (Berlin): Bulgaristik im 21. Jahrhundert

Panel V: Bulgarien interkulturell
Rumjana Prešlenova (Sofia): Dinge, die verbinden. Überlegungen über die deutsch-bulgarischen Beziehungen seit dem 19. Jahrhundert
Sigrun Comati (Rüsselsheim): Bulgarien nach der Wende bis zum EU-Beitritt: Beobachtungen zum Sprachgebrauch aus den Bereichen Wirtschaft, Medien und Musikkultur

Panel VI: Bulgarien in der Transition
Klaus Schrameyer (Bonn): Bulgariens Transformation – eine unendliche Geschichte
Sonja Schüler (München): Zivilgesellschaftliche Entwicklungen in Bulgarien nach 1989

Panel VII: Sprache im Umbruch
Christian Vojtschizki (Berlin): Bulgarische Chatrooms und sprachliche Innovation
Irena Vassileva (Sofia): Die Kluft zwischen Präskriptivismus und Analytismus im Bulgarischen

Panel VIII: Bulgaristische Rück- und Ausblicke
Rumjana Koneva (Freiburg): Bulgarien und die Idee einer Balkangemeinschaft – Vorstellungen, Erfolge und Misserfolge im 19. und 20. Jahrhundert
Corinna Leschber (Berlin): Neue Ergebnisse interdisziplinärer kulturwissenschaftlicher Forschung: Bulgarien

Rahmenprogramm:

Dichterlesung mit Georgi Gospodinov (Sofia): Natürlicher Roman (15. Mai 2008)
Eröffnung der Ausstellung von Antonia Duende (Berlin): Glagolitische Spuren – ein Bilderzyklus; einleitender Vortrag von Nadežda Dragova (Sofia): Das rätselhafte Alphabet Glagolica (17. Mai 2008)

Zitation
Tagungsbericht: „EU-Bulgaristik“: Perspektiven und Potenziale, 16.05.2008 – 17.05.2008 Berlin, in: H-Soz-Kult, 04.06.2008, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2123>.
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Veröffentlicht am
04.06.2008
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