Nachdenken über das Ganze. Universalgeschichte am Wissenschaftsstandort Berlin

Ort
Berlin
Veranstalter
Wolfgang Hardtwig, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin
Datum
22.05.2008 - 24.05.2008
Von
Tim B. Müller, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

„Kein Maulwurf, sondern Adler sein.“ Nicht jeder Universalhistoriker wird diesem Programm beipflichten. Aber Kurt Breysig hat damit die unauflösbare Spannung kenntlich gemacht, der sich jeder Verfasser von Universal-, Welt- oder Globalgeschichte gegenübersieht. Zu diesem pointierten Ergebnis kam eine Tagung, die WOLFGANG HARDTWIG am Institut für Geschichtswissenschaften der Berliner Humboldt-Universität veranstaltet hatte. Droysens 200. Geburtstag wurde dabei als Anregung verstanden zum „Nachdenken über das Ganze“. Das Ganze wurde vertreten durch die Geschichte des Schreibens von „Universalgeschichte am Wissenschaftsstandort Berlin“. Wobei von Anfang niemand unanfechtbar zu bestimmten gewusst hätte, wo genau die begrifflichen Trennlinien von Universal-, Welt- oder Globalgeschichte verlaufen.

Dass zwischen der alten Universalgeschichte, wie sie von einzelnen mehr oder minder genialischen, mehr oder minder gelehrten Autoren geschrieben wurde, und den kollektiven Forschungsunternehmen der aktuellen „global history“ eine gewaltige Lücke klafft, daran hegte niemand Zweifel. In seinem Schlusskommentar griff MATTHIAS MIDDELL als Repräsentant einer modernen Globalgeschichte eine Bemerkung Jürgen Osterhammels auf, wonach das zarte Pflänzchen der „global history“ in Deutschland in keiner Tradition verwurzelt, sondern ein reiner Import aus Nordamerika sei. Middell gelangte zu einer abweichenden Einschätzung. Man muss nicht erst auf die deutschen Studienjahre so manchen Gründervaters der amerikanischen Weltgeschichte verweisen oder an die Historikeremigration in den Nazijahren erinnern, um Verbindungslinien zu erahnen. Middell zitierte zwar zustimmend den Leipziger Kultur- und Universalhistoriker Karl Lamprecht, der die „gletscherhafte Gelassenheit“ der Berliner Historiker angesichts neuer Herausforderungen verspottete. Doch mit Lamprecht und dem erwähnten Kurt Breysig lenkte Middell auch den Blick auf eine andere historiographische Achse in Deutschland: ein mit den traditionellen Berliner Historikern konkurrierendes Netzwerk, das Universalgeschichte nicht parallel zur Nationalgeschichte konstruieren, sondern neue Kategorien entwickeln wollte. Hier erkannte Middell Kontinuitäten zur „global history“. Dass Breysigs Plan für ein „Seminar für Vergleichende und Kulturgeschichte“ an der Berliner Universität abgewehrt wurde, hielt Middell für eine verpasste Chance unter vielen, eine globale Perspektive in deutschen historischen Instituten zu verankern, wie sie an englischen und amerikanischen Universitäten üblich wurde. Allerdings wird man bei aller Begeisterung für die heutige Blüte einer wahrhaft kosmopolitischen Forschung und Lehre an den History Departments amerikanischer Spitzenuniversitäten die eine oder andere skeptische Fußnote zu dieser Erfolgsgeschichte anzubringen haben. Wer SOAS (die 1916 gegründete und viel gepriesene Londoner School of Oriental and African Studies) sagt, muss auch deren deutsche Vorbilder diskutieren, etwa das Berliner Seminar für Orientalische Sprachen, ihre wissenschaftlichen Verdienste wie politischen Irrwege. Methodischer Nationalismus, Eurozentrismus und Imperialismus haben die längste Zeit auch die globalere angelsächsische Perspektive fundiert. Und der Aufstieg der „area studies“ verdankt sich materiell wie intellektuell auch den strategischen Notwendigkeiten des Kalten Krieges.

In seinem Eröffnungsbeitrag spannte Hardtwig einen universalhistoriographisch weiteren Bogen. Sein Programm sah vor, die Frage nach dem Ganzen, die sich in der Universalgeschichte ausdrückt, mit der Frage nach den Institutionen der Wissensproduktion zu verknüpfen, und hatte darum einen Schwerpunkt auf den Wissenschaftsstandort Berlin gelegt. Die knappe zeitliche Skizze setzte ein bei den „partiellen Universalgeschichten“ (Osterhammel) des 18. Jahrhunderts, die sich in philosophisch-aufklärerischer Absicht außereuropäischen Räumen zugewandt hatten, bis sie im 19. Jahrhundert von einer Universalgeschichte abgelöst wurden, die nur noch von der Europäisierung der Welt handelte. Universalgeschichte wurde zur „Weltgeschichte Europas“. Politisch war sie zunehmend von imperialistischen Ambitionen durchdrungen, während im Einzelfall ein Gespür für die gesellschaftliche Bedeutung des Kapitalismus den Blick für globale Zusammenhänge schärfen konnte. Diese Universalgeschichte geriet mit dem Ende des Fortschrittsglaubens, mit dem Zweifel an historistischen Selbstverständlichkeiten ins Wanken. Der Eurozentrismusvorwurf versetzte ihr nachträglich den politischen Todesstoß. Aber auch für die neue Globalgeschichte bleibt die Synthese von Empirie und Universalperspektive ein Problem. Darum sollte die Tagung auch erkunden, ob sich methodisch von den vergessenen Alten und ihrem Scheitern methodisch etwas lernen lässt, was auch der neuen Geschichtsschreibung nützt.

Den historischen Reigen eröffnete KLAUS RIES. Er nahm eine Neubewertung einer Figur vor, die am Umbruch von der alten, universalen Aufklärungshistoriographie zur neuen, national verengten Weltbeschreibung steht, nämlich Johann Gottlieb Fichte. Oder eben nicht diesen Umbruch verkörpert – Ries setzte seinen Fichte gegen vorherrschende Deutungen, die kosmopolitische Elemente im frühen Fichte zulassen, aber im Berliner Redner an die deutsche Nation spätestens ab 1806 den Primat der nationalstaatlichen Sendung bei Fichte erkennen. Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb vom Weltbürger Fichte nur noch der Vorbote des deutschen Expansionsdrangs übrig. Ries beharrte hingegen darauf, dass die deutsche Nation auch beim späten Fichte einer kosmopolitischen Funktion diene, als „Wiedergebärerin und Wiederherstellerin der Welt“. Bei der allgemeinen Erziehung der Menschheit sollte das deutsche Volk wegen seiner Erfahrung vielfältiger Loyalitäten (Staat und Nation, Kaiser und föderative Republik) vorbildlich vorangehen. Fortwirkung auf die deutsche Universalgeschichte fand dann aber eher der spekulativ-idealistische Nationalismus als der latente Kosmopolitismus, den Ries beschwor.

Den anderen großen Berliner Weltdeuter des frühen 19. Jahrhunderts nahm sich HEINZ DIETER KITTSTEINER in seinem Vortrag zu „Hegels Eurozentrismus in globaler Perspektive“ vor. Hatte ein Jahrhundert zuvor noch Leibniz seiner Bewunderung Chinas Ausdruck verliehen, so blieben in Hegels universaler Perspektive nur noch geringschätzige Bemerkungen für die chinesische Philosophie. China diente Kittsteiner als Leitmotiv seiner Auseinandersetzung mit dem Universalhistoriker Hegel. Seinen Rang als Historiker begründete der Philosoph mit dem Argument, die Historiker gingen nicht voraussetzungslos an ihren Gegenstand, sondern legten immer ihre Kategorien an. Sie taten also nichts anderes als er selbst, wie Hegel meinte, nur war er eben, vom Konkreten unbeschwert, fürs Ganze zuständig. Der Geschichtsverlauf bei Hegel bestand in der Abfolge von vier Weltreichen, des orientalischen, griechischen, römischen und germanischen. Die Entwicklung vollzog sich in einer Bewegung von Osten nach Westen vom Despotismus über Aristokratie und Demokratie bis zur preußischen Monarchie. Hegels Eurozentrismus war ein Borussozentrismus. Asien war der Anfang der Weltgeschichte, Europa stand am Ende.

Dahinter verbarg sich für Kittsteiner die Entwicklungslinie vom Weltgeist zum Weltmarkt. Das verdeutlichte er an Hegels Eurozentrismus. Erstens wurde die alte Sinophilie durch Sinophobie ersetzt, als die universale Stabilität von einem neuen Ideal abgelöst wurde: In der vom Kapitalismus eingeleiteten Beschleunigung begann Europa seine Besonderheit zu erkennen. Hegel stand am Anfang eines Prozesses, in dem sich der Westen gegenüber anderen Weltteilen als normativ definierte. Zweitens war Hegels geschichtsphilosophisches Modell, mit all seinen Auswirkungen auf den Historismus, im Kern ein durch und durch eurozentrisches philosophiegeschichtliches Modell. Drittens reflektierte der von Preußens Sendung geblendete Hegel nicht die zirkulären Implikationen seiner linearen Theorie. Zu Nordamerika fiel Hegel nichts ein. An diesem Punkt wurde Kittsteiner selbst zum Universalhistoriker der Gegenwart mit der These: Was im Westen erfunden wurde, wandert zurück in den Osten und kann erst dort seine ganze katastrophale Effizienz entfalten. Hegels Geschichtsmodell wird zyklisch kurzgeschlossen, der Kapitalismus kehrt heim nach Asien, wo er sich aus seinen idealistischen, demokratischen Beschränkungen befreit. Mit Marx gegen Marx betreibt Kittsteiner seine Variante einer resubstantialisierten Geschichtsphilosophie. Statt zu resignieren, erhebt er zum historischen Programm: „Die Beschreibung dessen, was ist, ist die letzte Widerstandsform.“

Man konnte dem Tagungsprogramm eine gelungene Dramaturgie nicht absprechen. Denn einen geschichtsphilosophischen Gegenentwurf zu Kittsteiner legte der Abendvortrag von JÖRN RÜSEN vor. „Menschheit neu denken – Idee zu einer allgemeinen Geschichte in interkultureller Absicht“, um nicht weniger ging es Rüsen. Eine Gesellschaft, die trotz aller Kontingenzen, Partikularismen und multiplen Identitäten ihren Zusammenhang nicht verlieren will, bedürfe einer neuen historischen Meistererzählung. Um diesen Akt der historischen Sinnstiftung wiederum nicht zu einem weiteren Exklusionsprojekt ausarten zu lassen, brauche es die interkulturelle Absicht. Rüsens humane Vision offenbarte die Hoffnung eines „Gutmenschen“, die Kittsteiner zuvor partout nicht teilen wollte.

Historisch nahe bei Hegel stand der Universalhistoriker, der von der universalen Geschichtsphilosophie wieder zurück zum nüchternen Studium der Universalgeschichte führte. ULRICH MUHLACK beschrieb die Entwicklung Rankes als Universalhistoriker, in der räumlichen wie der zeitlichen Dimension des Begriffs. Rankes Konzept der Weltgeschichte versuchte, die Verbindung von Geschichte und Philosophie zu behaupten, in Absetzung gegenüber dem in Berlin übermächtigen Hegel ebenso wie in geistiger Nähe zu diesem. Rankes universalhistorische Triebkraft war der Kulturfortschritt, das Telos der Geschichte war das europäische Staatensystem der Neuzeit. Unter Berufung auf die jüngsten Ergebnisse der Ranke-Forschung vertrieb Muhlack die metaphysische Spekulation und den Verweis aufs protestantische Pfarrhaus aus dem üblichen Ranke-Bild: Rankes Gottesbegriff habe dem Hegels entsprochen. Wenn Ranke nach den Spuren Gottes in der Geschichte suchte, dann habe das vor allem der Legitimierung der modernen Geschichtswissenschaft gedient, als ein Plädoyer für radikal empirische Quellenforschung, um dem verborgenen Gott wenigstens indirekt auf die Schliche zu kommen. Aber auch Ranke sah in der philosophischen Fundierung der Weltgeschichte Abhilfe gegen die Sackgasse des Empirismus. Dabei sei es ihm jedoch, so Muhlack, bereits um das konkrete historiographische Problem gegangen, wie man im Zeitalter explodierender Wissensbestände noch Universalgeschichte schreiben könne. Der alten Dichotomie „Aufklärung“ gegen „Historismus“ verweigerte sich Muhlack. Ranke habe seine Vorgänger genau gekannt, geschätzt und genutzt, zugleich aber eigene Antworten auf die neuen historiographischen Herausforderungen seiner Gegenwart gefunden.

Ebenfalls konkreten historiographischen Fragen wandte sich CHRISTINE TAUBER zu, die an den Kunsthistoriker Franz Kugler erinnerte. Stärker als andere Beiträge hob sie die Bedeutung des Wissenschaftsstandorts Berlin, von Kunst und Museen für Kuglers universalkunstgeschichtliches Unternehmen hervor. Auch Kugler ging es darum, Ordnung im Chaos der Dinge zu schaffen. Seine kategorienreichen kunstgeschichtlichen Kompendien steigerten die Ordnungsleistung des Historikers bis zum totalen Strukturalismus, der in einer Kunstgeschichte ohne Künstler gipfelte. Doch auch seine Kunstgeschichte entzog sich nicht dem politischen Imperativ nationaler Einheitsbildung. Das Motiv der Chaosbewältigung trieb auch den Geographen Carl Ritter an, dem sich IRIS SCHRÖDER widmete. Ritter feierte die Konstruktionsleistung der Wissenschaft. Seine Universalgeographie fand in Berlin, wo Alexander von Humboldt die Geographie als moderne Disziplin gegründet hatte, ihren passenden Wirkungsort. Ritters Ziel war, die Dimension des Raums in der Geschichtsschreibung zu verankern, Raum als historische Kategorie zu begreifen. Sein universalgeographisches Projekt blieb allerdings nach 25.000 Druckseiten stecken, ohne über Afrika und Asien hinausgekommen zu sein.

Dem eigentlichen Tagungsanlass Droysen wandte sich dessen Biograph WILFRIED NIPPEL zu. Wie in der kürzlich erschienenen Biographie formulierte Nippel auch hier seinen Zweifel an Droysens universalhistorischer „Erfindung“ des Hellenismus. Aus der Kombination von Hegelschen Vorstellungen und traditionellen Perspektiven schuf Droysen mit dem Hellenismus einen einheitlichen Begriff für die antike Kultursynthese seit Alexander dem Großen. Die meisten seiner angeblichen Verehrer wie Wilamowitz-Moellendorff lasen ihn aber nicht einmal genau genug, um zu erkennen, dass Droysens Hellenismus über Augustus hinaus bis weit in die Kaiserzeit hineinreichte. Erst die völkerverbindende Ausbreitung der christlichen Kirche vollendete bei Droysen den Hellenismus. Spannender als die These erscheine heute Droysens Technik. Wie Nippel bemerkte, wurden positivistische Stoffmassen von hochfliegenden Interpretationen umrahmt, ohne dass irgendeine Verbindung zwischen beiden hergestellt würde. Theoriebildung ging ihm immer vor Quellenkritik. Nippel interpretierte Droysens Rückzug aus der Alten Geschichte auch als Reaktion auf die scharfe Fachkritik an den Unklarheiten des Hellenismusbegriffs wie am autoritären Umgang mit den Quellen. Die Hellenismusbände hielten ihrem Ruf nicht stand, so Nippel, der universalhistorische Anspruch sei nie eingelöst worden. Er sei auch gar nicht einzulösen – Nippel sprach von der strukturellen Überforderung des einzelnen Historikers durch die Universalgeschichte unter den Bedingungen der modernen Geschichtsschreibung. Nippel nannte Droysen darum „einen der größten Vorwort- und Ankündigungshistoriker“, den Verfasser eines gewaltigen ungeschriebenen Werks, „Professor Droysens gesammeltes Schweigen“. Nicht einmal als weiterführende Fragestellung wollte Nippel Droysens großes Programm aus dem positivistischen Schutt gerettet wissen: Es sei nicht allzu originell gewesen, das Christentum auf jüdische und heidnische Wurzeln zurückzuführen.

Von einem weiteren Groß-Universalhistoriker blieb zumindest als Universalhistoriker nach dem Vortrag von CHRISTOPH MARKSCHIES nicht viel übrig. Die „Hypothesenschmiede“ Harnack zog zwar im Wintersemester 1899/1900 mehr als 700 Studenten in den Hörsaal, um seinem „Wesen des Christentums“ zu folgen. Wie bei Droysen habe die Unschärfe der Durchführung aber im Kontrast zu den pointierten Thesen gestanden. Die Kernthese, die Markschies bei Harnack fand, hatte etwas Tautologisches: Das Christentum passte am besten zum Weltstaat Rom, weil es eine globalisierte Religion für ein globalisiertes Zeitalter war. Universalgeschichte bezeichnete Harnack als „Hilfswissenschaft“ der Kirchengeschichte bei dem Versuch, das Wesen des Christentums zu bestimmen. Die betont streng historische Untersuchung des Gegenstandes kippte immer wieder um ins Überhistorische. Am Ende diente Harnacks synthetisierender Zugriff auf das historische Material vor allem der Glaubensgewissheit des Individuums, einem „inneren Erlebnis“. Wie er 1917 in einem Vortrag markant anmerkte, betrieb er Geschichte, „um in die Geschichte einzugreifen“. Den Tugenden und Tücken eines weiteren Universalhistorikers dieser Zeit mit althistorischem, besonders altorientalistischen Schwerpunkt, Eduard Meyer, stellte sich schließlich der Beitrag von JOSEF WIESENHÖFER.

Frischer und zugleich erschreckender erschien da der Nationalökonom Werner Sombart, den FRIEDRICH LENGER als großen Außenseiter an der Berliner Universität porträtierte. Wie die anderen Universalhistoriker auch, „eurozentrisch“ allesamt, wollte er das Besondere am Eigenen verstehen, nur machte Sombart sein Programm explizit, die Einzigartigkeit Europas zu erklären, die er im modernen Kapitalismus erblickte. Die universalhistorische Dimension seiner Arbeit bestand in der Untersuchung des europäischen Wirtschaftssystems in seinen weltweiten Verflechtungen. Der Nachweis der theoretischen Notwendigkeit und Überlegenheit des Kapitalismus hatte es allerdings in sich: Schonungsloser als die meisten heutigen Kapitalismuskritiker beschrieb sein „Moderner Kapitalismus“ die Ausplünderung und Zerstörung der kolonialen Welt als notwendige Voraussetzung der Kapitalakkumulation, die den Kapitalismus erst in Gang setzte. Zugleich wies er darauf hin, dass die ausgebeuteten Kolonien auf neue Weise als Absatz- und Investitionsmärkte und Industriestandorte ausgenutzt würden. In den Kriegsschriften trat dann stärker die antienglische Tendenz hervor, die bereits in Sombarts Hauptwerk angelegt war. 1927 plädierte er schließlich, im Einklang mit der Kriegspublizistik, auch im wissenschaftlichen Werk für den autarken Heldenstaat und die Reagrarisierung Europas. Von Quellenforschung hielt er wenig, Bibliotheken suchte Sombart nicht auf, er hatte alle Bücher zu Hause. In seinem widersprüchlichen universalhistorischen Entwurf trafen sich gröbste Fehlurteile und analytischer Scharfsinn, politische Blindheit und kritischer Blick. Beim Publikum kam diese Mischung an. Wie Lenger erläuterte, habe gerade der große verlegerische Erfolg Sombart davon abgehalten, seine Konzeptionen zu überdenken und ein wirklich neues Buch zu schreiben.

Einen Vollblut-Universalhistoriker hatte die Berliner Universität immerhin zu bieten. Doch HARTMUT BÖHME wollte seine Beschäftigung mit dem eingangs erwähnten Kurt Breysig nicht als Rehabilitation verstanden wissen. Nur in seinem Scheitern sei der Methodensynkretismus Breysigs lehrreich, der von der Urgeschichte bis zur Zeitgeschichte unter besonderer Berücksichtigung der Naturgeschichte alles in Bücher packte wie seine „Kulturgeschichte der Neuzeit“ oder seine „Geschichte der Menschheit“, die von den Berliner Kollegen der Ranke-Schule mit eisigem Schweigen übergangen wurden. Trotz politischer Rückendeckung konnte Breysig seine Seminarpläne nicht verwirklichen. Dafür hielt er eine Grabrede auf Nietzsche. Erst 1923 wurde Breysig dann auf einen ganz auf ihn zugeschnittenen Lehrstuhl berufen. Hinterlassen habe Breysig eine gewaltige Ruine von einem Werk und ein monumentales Programm, so Böhme. Statt sich auf Essayistik zu beschränken, die von seinem Hang zur Lebensphilosophie durchzogen war, stieg er in die Detailforschung ein, aus der er nicht mehr herausfand. „Meine systematische Neigung will Vollständigkeit“, war ein anderer seiner Sätze, und so nahm er sich vor, „alle Völker des Erdballs“ für seine Geschichte heranzuziehen. Seine dilettantische „universalhistorische Bastelei“, für die er sich 200 Lebensjahre wünschte, kam dabei zu erstaunlichen Ergebnissen: Die Herablassung gegenüber den Afrikanern verwundert historisch kaum, doch überraschend war, dass die Irokesen eingehender behandelt wurden als die griechische Antike. Böhme charakterisierte zwar Breysigs Spiralenmodell der Weltgeschichte als ein Netz selbstgestrickter Begriffe, in die sich Breysig in unermüdlicher Mission immer weiter versponnen habe, während die Geschichte von ferne vorbeigerauscht sei. Doch Breysig beeinflusste nachhaltig Spengler, Egon Friedell und das deutsche Feuilleton. Sonderlich, aber mutig, disziplinlos in doppelter Hinsicht, so lautete das Urteil in der Diskussion, und so muss der echte Universalhistoriker wohl auch beschaffen sein, der weder den Dilettantismusvorwurf noch das eigene Scheitern fürchten darf.

Hatte sich Breysig bereits als Meister der literarischen Selbstdarstellung erwiesen, so zeigte ALEXANDER THOMAS eine konsequente Engführung von autobiographischer Inszenierung und Weltgeschichtsschreibung bei Hans Delbrück. Berlin war der Mittelpunkt seiner Welt, wo er als Redakteur der „Preußischen Jahrbücher“ die Stimme des liberalen, bürgerlichen Imperialismus war. Delbrücks Projekt war die Etablierung der Weltgeschichte als einer raum- und zeitübergreifenden Kriegsgeschichte. Thomas legte die extrem rationalistische Konstruktion dieser Weltkriegsgeschichte dar, die eigene Anschauung und Ableitung über die schriftliche Überlieferung stellte. Damit wurde auch das innerste Prinzip von Delbrücks Unternehmen sichtbar: Delbrück betrieb Weltgeschichte als performativen Akt. Diesem lag die Universalisierung des eigenen Ichs zugrunde, die Inszenierung des totalen Geschichtsbewusstseins des Autors. Wie der Dreh- und Angelpunkt der Weltgeschichte Schlachten waren, so war der Dreh- und Angelpunkt der Darstellung Delbrücks eigene Verwicklung in den Geschichtsverlauf: Mit Herodot bestieg er einen Hügel, um die Rätsel der Schlacht von Marathon zu lösen, der deutsch-französische Krieg entschied sich nicht bei Sedan, sondern kurz zuvor bei Gravelotte, wo Delbrück mit seiner Einheit kämpfte. Allemal unterhaltsamer und vielleicht sogar lehrreicher ist diese universalhistorische Selbstinszenierung als Dietrich Schäfers weltgeschichtlicher Beitrag zur Rüstungs- und Expansionspolitik des Kaiserreiches, den PHILIPP MÜLLER analysierte. Schäfers „Weltgeschichte“ zerbrach historiographisch an ihrem Nationalismus, ihrer politischen Gegenwartsorientierung und ihrer Fokussierung aufs Deutsche Reich. Was dem Erfolg dieser militarisierten Geschichtsschreibung keinen Abbruch tat: Nicht nur an der Berliner Universität war Schäfer eine Zentralfigur. Sein Buch verkaufte sich besser als alle anderen auf der Tagung diskutierten Weltgeschichten, wie Müller ausführte.

Mit den welthistorischen Perspektiven von zwei bis heute oder heute wieder gefeierten Historikern klang die Tagung aus. Unter dem etwas rätselhaften Titel „Warum Europäer keine Universalgeschichte schreiben können“ präsentierte FRIEDRICH WILHELM GRAF mit Ernst Troeltsch einen Universalgeschichtsdenker, der zwar nicht zur Zunft gehörte, aber durch Studium und Interessen auch in der Geschichtsschreibung verwurzelt war. Er warnte Historiker davor, vom „Ganzen“ zu reden, der Autor einer wahrhaften Universalgeschichte könne aus epistemologischen Gründen nur Gott sein. Troeltsch problematisierte immer wieder die Standortgebundenheit des Historikers, auch seine universalgeschichtliche „Kultursynthese“ Europas verstand er als „Selbsterfassung der Gegenwart“ mit dem erklärten Ziel, zur Überwindung von Nationalismus und Krieg, zur Einheit Europas beizutragen. Das ging mit dem Versuch einher, wie Graf es nannte, durch die Konstruktion europäischer „Erinnerungsorte“, durch die konsequente Europäisierung des Geschichtsdiskurses die „Anarchie der Werte“ in einem neuen europäischen Wertekonsens aufzulösen. Die praktische Umsetzung eines solchen historiographischen Programms blieb jedoch stecken im politischen Entwurf, den „deutschen Sonderzug in den europäischen Zentralbahnhof“ umzudirigieren. „Vorbildlich“ ist vielmehr Troeltschs politisches Engagement für die Weimarer Republik geblieben, das ihn so sehr von den Berliner Kollegen unterschied: Der Krieg macht ihn zum Überzeugungsrepublikaner und Europäer, er mischte sich dezidiert als öffentlicher Intellektueller ein, war Abgeordneter der Deutschen Demokratischen Partei. Er war der engste intellektuelle Freund Max Webers und der erste bürgerliche Berliner Professor, der Marxismusseminare anbot – die von Walter Benjamin und Erich Auerbach, Ludwig Marcuse und Otto Hintze besucht wurden.

Mit Otto Hintze fand eine Berliner Tradition der Universalgeschichte ihren Abschluss, die dann in brauner Infamie ertränkt wurde. OTTO GERHARD OEXLE skizzierte Hintzes bewegende Geschichte. Wie Marc Bloch wurde Hintze durch den Ersten Weltkrieg klar, dass man eine völlig neue Form der Geschichtsschreibung brauchte. Sein Blick nach vorn wurde jedoch von den Kollegen an der Berliner Universität nicht geteilt. So wenig wie sein Privatleben geschätzt wurde: Hintze hatte mit Hedwig Guggenheimer eine Linke, Jüdin und obendrein „mannvergessene“ großartige Historikerin geheiratet, wie abschätzig von Hintzes eigenen Kollegen als Gutachtern festgehalten wurde. Als ihr 1933 die Lehrbefugnis entzogen wurde und Friedrich Meinecke sich beeilte, Hedwig Hintze mitzuteilen, dass darum auch ihre Mitarbeit für die „Historische Zeitschrift“ nicht länger erwünscht sei, trat Otto Hintze nicht nur als Mitherausgeber der HZ zurück, sondern kündigte auch Meinecke die Freundschaft auf, mit der resignierten Frage, ob nun auch noch 1789 abgeschafft werden solle. Dieses außergewöhnliche Historikerpaar blieb einander durch Briefe bis zum Ende eng verbunden: Hintze war zu gebrechlich, um das Land mit seiner Frau zu verlassen, und starb 1940 in Berlin. Hedwig ging 1939 endgültig ins Exil und starb durch Suizid 1942 in Utrecht.

Schon 1931 hatte Hintze in der HZ gewissermaßen den Austritt aus der nationalistisch verengten Welt seiner Kollegen erklärt, mit einem Beitrag, den Oexle einer Reihe von fragmentarische Texten mit universaler Perspektive zurechnete, in denen Hintze im Nachdenken über das Eigene auch über das Andere nachzudenken versuchte. Gegen den latenten Bürgerkrieg und die Parlamentsverachtung am Ende der Weimarer Republik setzte Hintze seinen Aufsatz „Weltgeschichtliche Bedingungen der Repräsentativverfassung“. Die durch Verfassungen gesicherte Freiheit Europas führte Hintze historisch gerade nicht auf die sklavenhaltende Antike zurück, sondern auf die Vertragsverhältnisse, die sich durch Feudalismus und Christentum ausbildeten, im zivilisierten Wettbewerb der monarchischen Mächte weiterentwickelten und in der republikanischen Staatsform resultierten. Im Gegensatz zu dieser vertraglichen Freiheitstradition stand, wie Hintze bemerkte, die äußerste Zuspitzung polarer Spannungen in der Gegenwart, also die „absolute Feindschaft“ im Sinne Carl Schmitts im Weltbürgerkrieg. Hintze blieb nicht nur damals wirkungslos, sondern auch nach 1945. Der Neo-Rankeanismus der ehemaligen Nazis hatte keine Verwendung für Hintzes zunehmend kosmopolitischen Blick. Wiederentdeckt hat ihn erst Jürgen Kocka in den siebziger Jahren. Und es war ein Emigrant, ein anderer großer Historiker mit kosmopolitischem Horizont, der selbst einen Bruch mit Meinecke hinter sich hatte, Felix Gilbert, der 1975 Hintze „einen der bedeutendsten, wenn nicht den bedeutendsten deutschen Historiker im Kaiserreich und der Weimarer Republik“ nannte. Ein Eurozentriker zwar, aber einer, der um die Beschränktheit seines Blicks und die Bedeutung und das Recht des Anderen wusste, einer, der sich an einer „Geschichtswissenschaft jenseits des Nationalstaats“ (Osterhammel) versuchte.

Was am Ende blieb, war die Einsicht in die praktische Unmöglichkeit, eine Universalgeschichte zu schreiben, die ihrem eigenen Anspruch gerecht wird. Die Geschichte der Universalgeschichte entpuppte sich als eine Geschichte des Ungeschriebenen, der Ankündigungen, des Scheiterns, empirische Überforderung und kulturphilosophische Höhenflüge zu versöhnen. Es waren gerade die großen Abwesenden dieser Tagung, Karl Marx und Max Weber, in deren theoriegeleiteten Konstruktionsleistungen immer wieder am ehesten noch eine bis heute gültige Menschheitsgeschichte erkannt wurde. Ob es sich mit der kollektiv arbeitenden „global history“ heute anders verhält, wird sich zeigen. Wiederholt wurde auf die Arbeitsteilung in Teams und weltweiten Forschungsverbünden hingewiesen, die erst die globalen Vernetzungen und Austauschprozesse empirisch nachvollziehen kann. Die bahnbrechenden Ergebnisse und erfrischenden Perspektiven der neuen Globalgeschichte haben zweifellos unseren Blick erweitert und verändert. Dass sie das alte Problem gelöst hätten, wie man eine Universalgeschichte aus einem Guss schreibt, lässt sich nicht behaupten. Aber vielleicht war dieses Problem einfach ein Missverständnis. Denn gegen den Strich gelesen, war ein Ergebnis dieser umfangreichen Tagung auch, dass Universalgeschichte im traditionellen Sinne kein Unternehmen der Geschichtsschreibung, sondern der Kulturphilosophie war. Dann täte die „global history“ auch gut daran, sich weiterhin auf präzise Fragestellungen und Ausschnitte zu beschränken und allzu universale Gesamtsynthesen zu verweigern.

Konferenzübersicht:

Donnerstag, 22.05.2008

Begrüßungen
Einleitung: Wolfgang Hardtwig

Block I
Johann Gottlieb Fichte zwischen Universalismus und Nationalismus (Klaus Ries)
Hegels Eurozentrismus in globaler Perspektive (Heinz Dieter Kittsteiner)
Diskussionsleitung: Rüdiger vom Bruch

Block II
Das Problem der Weltgeschichte bei Leopold Ranke (Ulrich Muhlack)
„Das Ganze der Kunstgeschichte“. Franz Kuglers universalhistorische Handbücher (Christine Tauber)
Carl Ritters Berliner Studien zur Universalgeographie und zur Geschichte (Iris Schröder)
Diskussionsleitung: Johannes Helmrath

Abendvortrag
Menschheit neu denken – Idee zu einer allgemeinen Geschichte in interkultureller Absicht (Jörn Rüsen)

Freitag, 23.05.2008

Block I
Droysens „Hellenismus“ – eine uneingelöste Ankündigung (Wilfried Nippel)
Adolf von Harnack. „Das Wesen des Christentums“ (1900) (Christoph Markschies)
Eduard Meyers „Geschichte des Altertums“ und die Universalhistorie? (Josef Wiesenhöfer)
Diskussionsleitung: Gangolf Hübinger

Block II
Zur universalgeschichtlichen Dimension von Sombarts „Modernem Kapitalismus“ (Friedrich Lenger)
Universalistische Entgrenzungen und versatile Analogien in der Menschheitsgeschichte von Kurt Breysig (Hartmut Böhme)
Diskussionsleitung: Hartmut Kaelble

Block III
Autobiographie und Geschichtsschreibung. Hans Delbrück in seiner Weltgeschichte (Alexander Thomas)
Geschichte für die Gegenwart. Dietrich Schäfers Weltgeschichte der Neuzeit (Philipp Müller)
Diskussionsleitung: Gabriele Metzler

Samstag, 24.05.2008

Block I
Warum Europäer keine Universalgeschichte schreiben können. Ernst Troeltschs „Der Historismus und seine Probleme“. (Friedrich Wilhelm Graf)
Otto Hintze. „Weltgeschichtliche Bedingungen der Repräsentativverfassung“ (Otto Gerhard Oexle)
Diskussionsleitung: Michael Borgolte

Kommentar: Matthias Middell
Schlussdiskussion

Zitation
Tagungsbericht: Nachdenken über das Ganze. Universalgeschichte am Wissenschaftsstandort Berlin, 22.05.2008 – 24.05.2008 Berlin, in: H-Soz-Kult, 14.06.2008, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2147>.