Living History in Freilichtmuseen. Neue Wege der Geschichtsvermittlung

Ort
Ehestorf
Veranstalter
Freilichtmuseum am Kiekeberg, Rosengarten-Ehestorf
Datum
01.05.2008 - 03.05.2008
Von
Carolyn Oesterle, DFG-Forschergruppe 875 „Historische Lebenswelten in populären Wissenskulturen der Gegenwart“, Universität Freiburg

Living History gilt in Nordamerika sowie in einigen Ländern Europas schon seit Jahrzehnten als beliebte Form der Vermittlung und Aneignung von Geschichte. Verhältnismäßig „neu“ sind diese Wege der Geschichtsvermittlung allenfalls in Deutschland, wo das Phänomen der personalen Geschichtsvermittlung – das mit so unterschiedlichen Begriffen belegt wird wie „Gelebte Geschichte“, „Lebendige Geschichte“ und „Geschichte leben“ (als Übersetzungen des Englischen Terminus), „Gespielte Geschichte“ (Michael Faber), „Historisches Spiel“ (Markus Walz) und „Geschichtstheater“ bzw. im engeren Sinne „Museumstheater“ (Wolfgang Hochbruck) – unter Museumstheoretikern wie auch -praktikern nach wie vor umstritten ist.
Dennoch lässt sich auch hierzulande beobachten, dass in Museen unterschiedlichster Fachrichtungen – insbesondere in Freilichtmuseen – Living History als mögliche Form der Vermittlung wenn auch zögerlich angewandt oder zumindest diskutiert wird: Nachdem bereits im Oktober vergangenen Jahres in Cloppenburg eine Veranstaltung zum Thema stattgefunden hatte, stieß die vom 1. bis 3. Mai 2008 durchgeführte Museumspädagogiktagung im Freilichtmuseum am Kiekeberg unter Museumsfunktionären wie auch Akteuren und Theoretikern auf große Resonanz.
Auf der Cloppenburger Tagung war zuvor intensiv erörtert worden, ob und in welchem Rahmen Living History als Methode der Geschichtsvermittlung in Museen zum Einsatz kommen könnte.[1] Trotz unterschiedlicher Auffassungen der Tagungsteilnehmer hatte sich immerhin eine Reihe grundlegender Übereinstimmungen bezüglich der Professionalisierung von Living History sowie der Qualitätskontrolle unter Selbstbestimmungskonditionen gezeigt.
Ziel der Kiekeberger Konferenz war es nun, umsetzbare Konzepte, Qualitätssicherung und die praktische Einbindung in die laufende Museumsarbeit in den Vordergrund der Diskussion zu stellen.

In einem einleitenden Beitrag zur gegenwärtigen Situation der erlebnisorientierten Vermittlung von historischen Vorgängen in Deutschland zeichnete NILS KAGEL von der Stiftung Freilichtmuseum am Kiekeberg zunächst den Entwicklungsgang der Living History im Museum von ihren Anfängen in Skansen (Schweden) über ihre Erscheinungsformen insbesondere in Skandinavien, den Niederlanden, England und den USA bis hin zur gegenwärtigen Situation in Deutschland nach. Anders als in diesen Ländern sei in Deutschland seit den Umbrüchen in der Freizeitkultur und der Erneuerung reformpädagogischer Bewegungen der letzten drei Jahrzehnte zwar durchaus eine „Belebung“ von Museen zu verzeichnen, doch habe man den Anschluss an die Entwicklung eines – aus Museumsperspektive „hochwertigen“ – Living History Programms verpasst. Die Belebung von Geschichte bleibe dort, wo sie überhaupt zur Verwendung komme, häufig Gruppen überlassen, die eher Hobbyisten als Living Historians versammeln. Weil aber das Bedürfnis nach erlebnisorientierter Vermittlung, die auch den Menschen in der Geschichte zeigt, wachse, müssten auch die Museen mit Kooperationen mit externen Darstellergruppen und engagierten Laien bis hin zur Entwicklung eigener Living History Programme reagieren. Allerdings nicht zu jedem Preis: Mit steigender Freizeitmarktkonkurrenz müssten sich Museen gerade „verstärkt als seriöses Kulturangebot positionieren“ und sich von nichtmusealen Freizeitparks abgrenzen. Damit befürwortete Kagel zwar den Einsatz von Living History in Museen, betonte aber zugleich die Forderung nach einer Professionalisierung von Living History-Gruppen sowie einer engen organisatorischen und wissenschaftlichen Betreuung seitens des Museums, um Qualität zu gewährleisten.

Dass Lehnübersetzungen des englischen Begriffs der Living History mit „Gelebte Geschichte“, „Lebendige Geschichte“ oder „Geschichte leben“ problematisch sind, machte WOLFGANG HOCHBRUCK in seinem Vortrag zur Begriffsbestimmung und Typologie des Phänomens deutlich. Insofern „die totale Lebensweltlichkeit und die Erfahrungen auch der bestrecherchierten historischen Person […] letztlich nicht wiederholbar, ihre Abbildung nur als inhaltlich, zeitlich und räumlich begrenzte Aufführung möglich“ [2] sei, favorisierte er den Begriff ‚Theater’, wobei zwischen ‚Geschichtstheater’ und ‚Museumstheater’ als zwei überlappenden Phänomenen zu differenzieren sei: Während ‚Geschichtstheater’ als übergreifender Terminus für dramatisierte Repräsentationen einer bereits durch den Prozess historiographischer Sinnstiftung hindurchgegangenen Geschichte fungiere, könne man unter ‚Museumstheater’ jene Erscheinungsformen des Geschichtstheaters fassen, die im Museum zum Einsatz kommen und damit institutionell abgesichert sind. Gleichzeitig umfasse der Begriff allerdings zwangsläufig alle Formen von z.B. Führungen und Interaktionen, mit denen das Museumstheater über das Geschichtstheater hinausreicht. In der Identifizierung von Übergängen und Schnittflächen wurde deutlich, dass definitiv nicht alle Formen des Geschichtstheaters für die museale Vermittlungsarbeit geeignet sind, was den häufig von Museumsseite geäußerten Bedenken einer karnevalesken Disneyfizierung historischer Inhalte entgegenwirken dürfte. Hochbruck votierte für den Einsatz von Museumstheater mit einem museumseigenen Ensemble oder der Integration qualitätsevaluierter Gruppen – wohlgemerkt nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung zum konventionellen musealen Lernangebot.
In der dem Beitrag folgenden Diskussion wurde insbesondere der „Theaterbegriff“ kontrovers diskutiert. Doch wie Hochbruck klarstellte sind theatrale Momente durch die ironische Distanz zum historischen Gegenstand ohnehin immer schon vorhanden und dramaturgisch-theatrale Kompetenz – zusätzlich zu den meist eingeforderten Ansprüchen an authentische Ausstattung und historisches Wissen sowie didaktische Konzeption – ein ernstzunehmendes Qualitätskriterium.

Die rege Diskussion um den Begriff und die Methoden der Living History nahm FRANK ANDRASCHKO zum Anlass, vor seinem eigentlichen Vortrag zunächst die Entwicklung personaler Geschichtsvermittlung aus seiner Sicht zu kommentieren. So äußerte er beispielsweise Überraschung darüber, dass sich die museale und wissenschaftliche Beschäftigung mit diesem Thema, das sich bereits seit den 1980-er Jahren abzeichnet, erst jetzt zu vollziehen scheint. Immerhin sei personale Geschichtsdarstellung auch in Deutschland ein gesellschaftliches Phänomen, das vom Publikum erwartet würde, ein Trend, der sich zusehends verstärke und kommerzialisiere.
Aus Sicht archäologischer Freilichtmuseen könne durch ein „sensualistisches Aufs-Ganze-Gehen“ ein durch Living History inszenierter Geschichtserlebnisraum durchaus als Lernort und ergänzender Zugang zur Geschichte fungieren. Allerdings gelte es zu berücksichtigen, wie etwa unspektakuläre und/oder umstrittene und ethisch schwierige geschichtliche Vorgänge vermittelt oder auf die Kontingenz des Gesehenen/Erfahrenen hingewiesen werden könnte. Wesentlich für Live-Interpretationen sei darüber hinaus die Ausarbeitung eines fundierten Skriptes durch Fachwissenschaftler, Drehbuchautoren und Theaterdramaturgen sowie dessen Realisierung durch ausgebildete Schauspieler, denn schließlich müssten Museen eine hochprofessionelle museale Vermittlungs- und Dienstleistung bieten.

In ihrem Beitrag zum gegenwärtigen Umgang mit Living History im schwedischen Freilichtmuseum Skansen stellte ANNIKA JOHANSSON unter den einzelnen Vermittlungsstrategien wie Third-person-Interpretation, Handwerksvorführungen, interaktiven hands-on-Erfahrungen, Zeitreisen-Rollenspielen und sogenannten animal talk-abouts die Kommunikation mit den Besuchern in den Vordergrund. Kritisch werden in Skansen Formen der First-Person-Interpretation beurteilt: Erfahrungen mit First-person Interpretation hätten gelehrt, dass das Rollenspiel immer klar markiert bzw. durch einen Guide oder ein aus der Rolle-fallen in einen historischen Kontext eingebettet werden müsse.
Einem Credo folgend, dass die Herausforderung für kulturelle Institutionen heute darin bestehe, nicht nur Wissen weiterzugeben, sondern darüber hinaus Menschen in ein historisches Narrativ einzubinden, das sie begeistert und das sie auf ihr eigenes Leben beziehen können, werden in Skansen neuerdings innovative Workshops angeboten, in denen zu ausgewählten Themenkomplexen improvisierte Dramen entwickelt werden, unterstützt durch Bild- und Klanginstallationen. Die Zusammenarbeit des Freilichtmuseums mit lokalen Handwerksvereinigungen sowie Skansens Amateur-Theatergesellschaft zeigt, dass auf die Ausbildung der historischen Interpreten sowohl bezüglich des theoretischen und praktischen Wissens wie auch der dramaturgischen Umsetzung großer Wert gelegt wird.

Seit etwa acht Jahren wird das museale Angebot im Rheinischen Freilichtmuseum Kommern nach dem Vorbild verschiedener Museen in den USA, in England, Dänemark und den Niederlanden durch personale Geschichtsinterpretation ergänzt. Für diese Art der Geschichtsvermittlung favorisiert MICHAEL FABER den Begriff der „gespielten Geschichte“, um den Unterschied zwischen dem subjektiven „Nachspielen“ von Geschichte und der geschichtlichen Realität in ihrem komplexen historischen Horizont zu verdeutlichen. Im Programm des Freilichtmuseums finden sich personale Vermittlungstechniken sowohl in erster als auch dritter Person, die durch Mediatoren ergänzt werden; hierbei werden Laien eingesetzt, die sich ihr Wissen anhand der zur Verfügung gestellten historischen Quellen weitgehend selbst aneignen und ihre Rollen in fiktiven story lines in methodischer und inhaltlicher Abstimmung mit dem Museum weiter ausarbeiten. Die enge Zusammenarbeit mit Laiendarstellern und ein konsequentes Controlling durch die Museumsleitung scheint zu zeigen, dass man in Kommern Bedenken historischer Beliebigkeit offensiv entgegentritt; allerdings bewegt sich das Freilichtmuseum – nicht zuletzt durch den Einbezug von Mythologie und Brauchgeschichte – eng an der Grenze zu den Angeboten nichtmusealer Veranstaltungsorte, wie etwa Themenparks.

Anders als in Kommern hält man im Freilichtmuseums am Ballenberg in der Schweiz nichts vom Konzept der Living History, so EDWIN HUWYLER. Wohl aber von theatralen Freilichtinszenierungen, die klar als „Theater“ erkennbar seien und die problematischen Punkte von Living History – nämlich die Illusion einer vermeintlich wahrheitsgetreuen Darstellung der Vergangenheit – brächen. Landschaftstheater (gearbeitet wird mit einer Mischung von Profis und Laien) wird hier als Alternative zur Living History, als Ergänzung zu Objektschau und Handwerksvorführungen sowie als wirkmächtiges PR-Instrument eingesetzt.

Im Freilichtmuseum am Kiekeberg wird seit 2004 mit dem Projekt „Gelebte Geschichte“ ein eigenes Living History-Programm etabliert. Wie HEIKE DUISBERG, Leiterin des Living History Programms und Organisatorin der Tagung darlegte, veranschaulichen und interpretieren ehrenamtliche Laiendarsteller an ausgewählten Terminen die Alltagstätigkeiten der Heidehofbewohner, wie sie den Quellen nach gewesen sein könnten.
Aufgrund der kontinuierlichen Betreuung der Ehrenamtlichen durch das Museumsteam sowie der Zusammenarbeit mit auswärtigen Living History- und Reenactment-Gruppen demonstriert das Museum, wie Living History als erfolgreiches Instrument der direkten Vermittlung, als „Türöffner in die Vergangenheit“ eingesetzt werden kann – sofern die Qualität externer Living History und Reenactment-Gruppen im Vorfeld eingehend geprüft wird.

Im Fränkischen Freilandmuseum in Bad Windsheim haben die Museumsverantwortlichen seit nunmehr elf Jahren gute Erfahrungen mit einem Format der Living History gemacht, so UTE RAUSCHENBACH. Nachdem Mitte der 1990er Jahre eine Living History-Gruppe an das Museum mit der Bitte herangetreten war, für einige Tage die mittelalterlichen Gebäude des Museums bewohnen und dort ihre zeitgenössischen handwerklichen Tätigkeiten durchführen zu dürfen, sind aus diesem Experiment heraus die heute fest etablierten jährlichen „Mittelaltertage“ entstanden. Die Geschichtsaneignungs- und Vermittlungspraktiken der Akteure oszillieren zwischen an der experimentellen Archäologie angelehntem Austesten und Erweitern eigener historischer Kenntnisse und dem Präsentieren historischer Fertigkeiten an den für Besucher offenen Tagen.

Einen anderen Ansatz als viele der auf der Tagung repräsentierten Freilichtmuseen verfolgt das Bremer Geschichtenhaus. In einem brillant vorgetragenen Referat, das erahnen ließ, wie sich theatrale Leistung auf die Vermittlung von Inhalten auswirken kann, berichtete SARA FRUCHTMANN über ihre Arbeit mit Langzeitarbeitlosen. Die in Kooperation mit dem Institut für Geschichte an der Universität Bremen aufbereitete Stadtgeschichte wird hier durch Spiel in kurzen Szenen und/oder in Interaktion mit dem Publikum über mehrere Stationen angeeignet, die physische Nähe soll über die historische Distanz hinweg das „Gesehene und Gehörte“ fühlbar machen. Als wesentliches Kriterium für die Qualität der Darstellung nannte Fruchtmann die tatsächliche „Verkörperung“ der repräsentierten historischen Figuren, die durch entsprechende Körpertechniken erarbeitet werde – andernfalls seien die Darstellungen nicht glaubwürdig; zugleich müssten die Laiendarsteller aber auch lernen, zu improvisieren und bei Bedarf aus ihrer Rolle auszusteigen. Das Ausstellungsprojekt gründet sein zweifaches Ziel – die Ausbildung von Schlüsselqualifikationen für Langzeitarbeitslose sowie die lebendige Vermittlung von Stadtgeschichte – auf Authentizität in und durch theatrale Formen und rückt hierdurch sein Konzept von Living History in die Nähe des von Wolfgang Hochbruck favorisierten „Theaterbegriffs“.

Um zu zeigen, auf welche Weise Living History als Methode in Museen eingesetzt werden kann, kamen auf der Kiekeberger Tagung nicht nur Museumsfunktionäre und -pädagogen zu Wort, sondern auch Vertreter deutscher Living History-Agenturen.
So berichteten ULLRICH BRANDT-SCHWARZ, MARTIN KLÖFFLER und KRISTIAN KÖRVER (Facing the Past) von ihren Erfahrungen aus sechs Jahren Darstellungspraxis mit nahezu hundert Veranstaltungsauftritten. Bei ihren Engagements zur Belebung von Freilichtmuseen werden in der Regel unterschiedliche Darstellungsmethoden von der Demonstration oder „lebenden Vitrine“ über szenische Darstellungen in historischer Ausstattung bis hin zu interaktiven Formaten kombiniert. Hierfür werde allerdings der Begriff der ‚Historischen Interpretation’ der ‚Living History’ vorgezogen, weil er den Interpretationscharakter und damit die Kontingenz des Gezeigten offen lege. Überaus wichtig sei bei gespielten Szenen die Notwendigkeit der Kontextualisierung durch eine entsprechende Moderation sowie die Qualität der Darstellung – wobei leider offen blieb, wie diese „Qualität“ denn genau aussehe und wie sie zu messen sei.

Eben diese Qualität von Living History sollte im abschließenden Beitrag von ANGHARAD BEYER und ANDREAS STURM (Rete Amicorum) erörtert werden: Der „Weg zu guter Living History“ beginne mit einer gründlich recherchierten und zusammengestellten Ausstattung, weshalb der Kosten- und Zeitaufwand für Recherche und originale Materialien bei professionellen Agenturen beträchtlich sei und sie daher oft nicht mit den „Billig-Angeboten“ von Laiengruppen konkurrieren könnten. Hierbei müssten die Museen allerdings bedenken, dass personale Geschichtsdarstellung nicht nur mehr Besucherzahlen auf einem konkurrenten Freizeitmarkt generieren soll, sondern dass sich Living History mit ihrer Vermittlungsarbeit am Bildungsauftrag der Museen beteilige und daher deren Qualität sorgsam geprüft werden müsse. Ein Qualitätsbegriff, der sich vorrangig an der Qualität der Ausstattung bemisst, ist allerdings höchst problematisch und unzureichend, und so blieb einmal mehr offen, welche Kriterien für eine qualitativ hochwertige und für Museen annehmbare Living History gelten müssten.

Bei der abschließenden Diskussion wurde deutlich, dass die Frage, ob Living History in Museen überhaupt eingesetzt werden sollte, auch weiterhin nicht für alle Institutionen geklärt ist. Dennoch ließen sich im Vergleich zur Tagung in Cloppenburg mit dem so genannten „Museumstheater“ gangbare Wege aufzeigen – bei der Belebung von Museen müssten konsequent wissenschaftliche Qualitätsstandards beachtet werden, und nicht alles, was machbar und beispielsweise in Themenparks angeboten werde, gehöre in das Museum. Wie Annika Johansson betonte, bestehe die Herausforderung für Freilichtmuseen darin, neue Erfahrungen zu ermöglichen und dabei historisch glaubwürdig zu bleiben.
Leider wurde die Chance, den Austausch zwischen Museumsfunktionären, Wissenschaftlern und Praktikern der Szene voranzutreiben, nicht ausreichend genutzt. Insbesondere die Diskussion zur Qualitätssicherung hätte weitreichender geführt werden müssen, wie auch Frank Andraschko anmerkte: „Was fehlt und sicher schwer zu definieren, aber dennoch anzugehen ist, sind exakte Qualitätsmerkmale, mit denen etwa Reenactmentgruppen und living history-Darsteller ihre Arbeit bewerten und verbessern“ [3] und nach denen auch Museen sich ein Bild über die Qualität dieser Gruppen machen könnten. In den Referaten wie auch einzelnen Diskussionsbeiträgen zeigte sich allerdings Übereinstimmung darüber, dass die Bestimmung der Qualität von Living History neben einer authentischen Ausstattung und historischem Hintergrundwissen unbedingt auch das zugrunde liegende didaktische Konzept sowie die dramaturgisch-theatrale Leistung zu berücksichtigen habe.
Somit steht die detaillierte Entwicklung und Vermittlung dieser Qualitätsmerkmale sowie entsprechender Controllingmaßnahmen im Rahmen einer solchen Tagung noch aus bzw. wurde mit der von Wolfgang Hochbruck vorangetriebenen Diskussion zur Standardisierung bzw. Zertifizierung von Living History nach dem Vorbild ähnlicher Zertifizierungen in anglo-amerikanischen Ländern bereits an anderer Stelle begonnen.[4]
Alle Konferenzbeiträge sind bereits in einem Tagungsband erschienen.[5]

Konferenzübersicht:

Nils Kagel (Stiftung Freilichtmuseum am Kiekeberg): Geschichte leben und erleben. Von der Interpretation historischer Alltagskultur in deutschen Freilichtmuseen

Wolfgang Hochbruck (Universität Freiburg): Living History, Geschichtstheater und Museumstheater. Übergänge und Spannungsfelder

Frank Andraschko (AGIL, Lüneburg): Wikinger, Römer und Co. Living History in archäologischen Freilichtmuseen und ihrem weiteren Umfeld

Annika Johannson (Skansen, Stockholm): Living Encounters with history for the future

Ullrich Brandt-Schwarz, Martin Klöffler und Kristian Körver (Facing the Past, Herxheim): Gelebte Geschichte – Historische Interpretationen. Ein Erfahrungsbericht

Michael Faber (Rheinisches Freilichtmuseum Kommern): Nur ein Spiel mit der Geschichte … Personale Geschichtsinterpretation im Rheinischen Freilichtmuseum Kommern

Edwin Huwyler (Freilichtmuseum am Ballenberg, Schweiz): Living History – Lebendige Geschichte oder ein „Theater“?

Heike Duisberg (Stiftung Freilichtmuseum am Kiekeberg): Ein Türöffner in die Vergangenheit. „Gelebte Geschichte 1804“ im Freilichtmuseum am Kiekeberg

Ute Rauschenbach (Fränkisches Freilandmuseum Bad Windsheim): Mittelaltertage im Fränkischen Freilandmuseum Bad Windsheim. Eine Woche ohne Armbanduhr und Streichholz

Sara Fruchtmann (Bremen): Bremer Geschichtenhaus – Museumstheater und Hartz IV

Angharad Beyer und Andreas Sturm (Rete Amicorum, Aachen): Die Qualität von Living History in Deutschland – Eine kritische Selbstbestimmung

Anmerkungen:
[1] Tagungsbericht unter <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=1791&sort=datum&order=down&search=Cloppenburg=Cloppenburg> (10.06.2008).
[2] Hochbruck, Wolfgang, Living History, Geschichtstheater und Museumstheater. Übergänge und Spannungsfelder, in: Duisberg, Heike (Hrsg.), Living History in Freilichtmuseen. Neue Wege der Geschichtsvermittlung, Ehestorf 2008, S. 23-35, hier S. 28.
[3] Andraschko, Frank, Wikinger, Römer und Co. Living History in archäologischen Freilichtmuseen und ihrem weiteren Umfeld, in: Duisberg, Heike (Hrsg.), Living History in Freilichtmuseen. Neue Wege der Geschichtsvermittlung, Ehestorf 2008, S. 37-54, hier S. 49.
[4] Im Online Magazin chronico: <http://chronico.de/erleben/wissenschaft/0000475/> (10.06.2008).
[5] Heike Duisberg (Hrsg.): Living History in Freilichtmuseen. Neue Wege der Geschichtsvermittlung. Schriften des Freilichtmuseums am Kiekeberg Bd. 59. Ehestorf 2008.

Zitation
Tagungsbericht: Living History in Freilichtmuseen. Neue Wege der Geschichtsvermittlung, 01.05.2008 – 03.05.2008 Ehestorf, in: H-Soz-Kult, 08.07.2008, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2171>.