HT 2008: Brauchen wir eine neue deutsche Meistererzählung? Perspektiven aus der Frühen Neuzeit

Ort
Dresden
Veranstalter
Johannes Burkhardt, Universität Augsburg; Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD)
Datum
30.09.2008 - 03.10.2008
Von
Anuschka Tischer, Philipps-Universität Marburg

Mit der Sektion griff Johannes Burkhardt (Universität Augsburg) ein Grundproblem der aktuellen Frühneuzeit-Historiographie auf: Die Erforschung dieser Epoche ist, wie sich erst vor einem Jahr auf dem Frühneuzeittag in Greifswald gezeigt hat, [1] ebenso produktiv wie methodisch und thematisch innovativ, doch die breite Öffentlichkeit, einschließlich der Presse, nimmt die Frühe Neuzeit nur aus einem Jahrzehnte alten Forschungsstand wahr. Die Gründe dafür sind vielfältig: Die Frühe Neuzeit steht – selbst auf Historikertagen – oft eher am Rande der historischen Wahrnehmung. Die Frühneuzeitforschung hat aber auch ihrerseits bisher keine schlüssigen Wege gefunden, neue Methoden zu lehren und die diversen Innovationen der Öffentlichkeit zu vermitteln. Für die deutsche Geschichte stellte Burkhardt mit fünf anderen Referentinnen und Referenten deshalb aus der Perspektive der Frühen Neuzeit die Frage nach der „neuen deutschen Meistererzählung“, einer modernen Synthese der deutschen Geschichte, die diese in einen (neuen) Deutungszusammenhang stellt. Als Problem stand dabei von Anfang an im Raum, dass eine solche Meistererzählung eine Konstruktion von Geschichte ist und damit im Widerspruch steht zum dekonstruierenden Ansatz der Forschung. Geht man allerdings davon aus, dass es ein offensichtliches Bedürfnis nach einem zusammenhängenden Blick auf die Geschichte gibt, lautet die inakzeptable Alternative zu einer neuen Synthese der deutschen Geschichte, die für die Frühe Neuzeit „grotesk gewordenen Meistererzählungen“ (Burkhardt) weiter wirken zu lassen, die vielfach noch aus der nationalstaatlichen Perspektive des 19. Jahrhunderts konstruiert sind.

GEORG SCHMIDT (Friedrich-Schiller-Universität Jena) wies darauf hin, dass erst aus dieser Perspektive das Reich in der Frühen Neuzeit als zersplittert erscheint. Aus der frühneuzeitlichen Perspektive war das System der ungleichen Staatswesen, die vom Reich zusammengehalten wurden, ein wirksamer Schutz gegen Despotie und eine multiple Einheit. Das Fehlen des einheitlichen politischen Akteurs sei nicht gleichbedeutend mit Fremdbestimmung, seien doch die verschiedenen Akteure des Reiches in Europa präsent gewesen. Aus der frühneuzeitlichen Perspektive erscheine der deutsche Weg mithin als einer von vielen gangbaren Wegen. Schmidt erteilte dem Nationalstaat als weiterhin aktiver Kraft keine Absage, machte aber deutlich, dass der „komplementäre Reichsstaat“ der Frühen Neuzeit zahlreiche Ansätze für aktuelle Problemlagen bietet, und hinterfragte die Dominanz der Zeitgeschichte innerhalb der deutschen Geschichte.

Konkret dem Verhältnis des Ganzen und seiner Teile widmeten sich die Vorträge von DIETMAR SCHIERSNER (Phädagogische Hochschule Weingarten), GABRIELE HAUG-MORITZ (Karl-Franzens-Universität Graz) und REGINA DAUSER (Universität Augsburg). Auch Schiersner betonte die Vielfältigkeit der Frühen Neuzeit und machte deutlich, dass in der Reichsgeschichte ein Verständnis des Ganzen nur über seine Teile möglich sei. Regionalgeschichte bedeute weder eine Atomisierung noch einen überflüssigen zusätzlichen Blick auf einen Teil des Ganzen. Das Ganze werde vielmehr erst sichtbar im Zusammenwirken seiner Teile, in ihrer Vernetzung und spezifischen Kommunikation, insbesondere in Räumen ohne geschlossene Herrschaft. Was aus staatlicher Perspektive anachronistisch als nicht-staatlich abqualifiziert worden sei, müsse begriffen werden als alternative Funktionsweise zum Staat. Gerade dieser Blick, von der Region kommend statt vom Ganzen her, erlaube den Anschluss an die europäische Geschichte. Haug-Moritz erläuterte die Rolle der konfessionellen Ordnung in der Herausbildung des spezifisch deutschen Föderalismus, der sich in der zeitgenössischen Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung des Reiches und seiner Nachfolgestaaten von anderen föderalen Modellen unterschied. Gerade aus der konfessionellen Spaltung resultierte im Reich die Entstehung einer politischen Körperschaft, des Corpus Evangelicorum. Auch wenn es keine kontinuierliche Linie vom Corpus Evangelicorum zum deutschen Föderalismus gebe, so komme dieser konfessionell-politischen Körperschaft doch eine wichtige Rolle bei dessen Ausprägung zu. Dausner stellte den Zäsur-Charakter des Jahres 1740 als den vermeintlichen Beginn eines Herauswachsens des habsburgischen Staates aus dem Reich in Frage, indem sie deutlich machte, dass Maria Theresia und mit ihr die Kaiser Franz Stefan und Josef II. am Reich interessiert blieben. Reichspolitik und die Politik der österreichisch-habsburgischen Territorien seien weiterhin verklammert gewesen, und insbesondere auf der internationalen Ebene hätten die Habsburger sich politisch des Prestiges von Reich und Kaisertum bedient. Von einem Ende kaiserlicher Reichspolitik in der Ära Maria Theresias könne mithin nicht gesprochen werden.

Aus der Außenperspektive der Vereinigten Staaten wies dann JÜRGEN OVERHOFF (Universität Potsdam) darauf hin, dass das Reich zeitgenössisch positive Wertschätzung erfuhr und zusammen mit anderen europäischen Konföderationen als politisches Modell bei der neuen Staatsgründung analysiert wurde. Benjamin Franklin verstand das Reich als Staat, dessen Glieder Staaten waren, dass aber anders als andere föderale Systeme im Kaiser ein Oberhaupt habe. Nach der Gründung der Vereinigten Staaten wurde die starke Stellung des amerikanischen Präsidenten mit der des Kaisers verglichen. Overhoff resümierte, man könne die Vereinigten Staaten aus der zeitgenössischen Entwicklung gleichsam als Fortsetzung des Reiches mit demokratischen Mitteln verstehen.

Burkhardt bekräftigte abschließend die frühneuzeitliche Wahrnehmung des Reiches als funktionierendem Staat: Samuel von Pufendorfs immer wieder zitierte Abqualifizierung des Reiches als „Monster“ müsse zeitgenössisch als Außenseiter-Meinung begriffen werden. In einem ironischen Blick auf die Bundesrepublik – einem Staat, dessen Polizei Ländersache ist und dessen Verfassungsgericht keine Exekutive besitzt – machte Burkhardt deutlich, dass die Wahrnehmung einer Staatsverfassung auch eine Frage der Perspektive ist. Aus einer zentralstaatlichen Perspektive könnten föderale Systeme wie das Reich oder eben die Bundesrepublik als scheinbar missglückt interpretiert werden, weil das andere Funktionieren als Nicht-Funktionieren erscheine. Den Föderalismus schlug Burkhardt dann abschließend als den „roten Faden“ einer neuen deutschen Meistererzählung vor.

In der Diskussion zeigte sich immer wieder das problematische Spannungsfeld zwischen einerseits einer notwendigen Konkretisierung und Synthese der Geschichte für das breitere gesellschaftliche Verständnis und andererseits der Gefahr der Vereinfachung eines komplexen Systems. Dabei bekräftigte Schmidt, dass Geschichtsschreibung eben immer auch als Konstruktion aus einer bestimmten – hier der deutschen – Perspektive zu verstehen sei, die aber offen und anschlussfähig sein müsse für andere Entwürfe. Zweifel kamen aus dem Auditorium an der Tragfähigkeit des Föderalismus als rotem Faden der deutschen Geschichte, da dieser nicht durchweg das Handeln der politischen Akteure bestimmt habe. Uneinigkeit herrschte vor allem darüber, wie sehr die Tradition des Föderalismus eben doch von Brüchen gekennzeichnet sei. Burkhardts These, die föderale Entwicklung Deutschlands weise eine deutliche Linie auf, die den nationalsozialistischen Zentralstaat als Ausnahme in der Entwicklung erscheinen lasse, stieß auf entschiedenen Widerspruch. Angesichts der deutschen Geschichte zwischen 1933 und 1945 blieb damit die Frage offen, ob und wie eine neue deutsche Meistererzählung überhaupt konstruierbar und konsensfähig durchsetzbar ist. Die Sektion implizierte die Aufforderung, sich an einer solchen Meistererzählung zu versuchen, deren tatsächliche Schlüssigkeit erst dann überprüft werden kann.

Sektionsübersicht:

Georg Schmidt (Jena): Das ungleiche Nebeneinander und die Einheit des historischen Erzählens

Dietmar Schiersner (Weingarten): Mesogeschichte. Modellerzählung zwischen Region und Reich

Gabriele Haug-Moritz (Graz): Vom Corpus Evangelicorum zum deutschen Föderalismus

Regina Dauser (Augsburg): In Europa ankommen: Das Theresianische Österreich, das ausgeliehene Kaisertum und die Signaturen der Macht

Jürgen Overhoff (Potsdam): Die Vereinigten Staaten – Gegenentwurf oder Fortsetzung des föderalen Reiches mit anderen Mitteln

Johannes Burkhardt (Augsburg): Nicht nur Ungleichheiten. Das Reich deutscher Nation und die Bundesrepublik Deutschland

Anmerkung:
[1] 7. Arbeitstagung der Arbeitsgemeinschaft "Frühe Neuzeit" im Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands, 20.-22. September 2007 in Greifswald:
<http://www.uni-greifswald.de/~histor/~neuzeit/AG_FnZ_2007/AG_FnZ_Flyer.pdf> (14.10.2008).

Zitation
Tagungsbericht: HT 2008: Brauchen wir eine neue deutsche Meistererzählung? Perspektiven aus der Frühen Neuzeit, 30.09.2008 – 03.10.2008 Dresden, in: H-Soz-Kult, 24.10.2008, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2294>.