Gutsherrschaft und Agrarwirtschaft in Mitteleuropa im 19. Jahrhundert

Ort
Jaroszów (Schlesien)
Veranstalter
Arbeitkreis für preußische Geschichte
Datum
22.09.2008 - 26.09.2008
Von
Daniel Menning, Abteilung für Neuere Geschichte, Universität Tübingen

Die diesjährige Tagung des Arbeitkreises für preußische Geschichte vom 22. bis 26. September in Morowa/Muhrau (Schlesien) schloss an jene des vorigen Jahres an, die sich vor allem mit Gutsherrschaft und Agrarwirtschaft in Preußen beschäftigte hatte, und weitete die Perspektive.

Preußen hat Konjunktur. Innerhalb kürzerer Zeit sind mit den Arbeiten Wolfgang Neugebauers, Christopher Clarks und Monika Wienforts[1] drei, wenn auch in ihrer Länge sehr unterschiedliche, Synthesen der Preußenforschung der letzten Jahre erschienen. Dabei lassen sich, wie BERND SÖSEMANN (Berlin) in seinem Eröffnungsvortrag der Tagung feststellt, drei grundsätzliche Veränderungen der Erforschung der preußischen Geschichte seit den 1970er-Jahren erkennen. Neben einer Erhöhung der Geschwindigkeit habe es eine thematische Verschiebung der Erforschung hin zum 19. Jahrhundert und der Endphase des preußischen Staates 1947 gegeben. Die dritte Veränderung sei, so Sösemann, auf der Ebene der Fragestellungen zu finden – weg von Vereinfachungen und Vereinheitlichungen zu stärkerer Differenzierung und Beschreibung des ambivalenten Charakters der preußischen Geschichte. Als Ergebnis dieser noch nicht abgeschlossenen Forschungen dürfte Preußen in der Zukunft in Vielem moderner und exzeptioneller, aber nicht westlicher aussehen.

Der thematisch einleitende Beitrag von EWALD FRIE (Trier) warf die Leitfrage der Tagung auf: „Wo liegt Preußen?“ Diese Frage sei geographisch leicht zu beantworten: Mit den Gebietserweiterungen am Anfang des 19. Jahrhunderts wachse Preußen nach Deutschland hinein. Allerdings bedingte der je regionale Standort die Wahrnehmung der Zeitgenossen. Zudem habe die politische Wende 1989/90 mit Zentral- und Ostmitteleuropa längere Zeit aus dem Bewusstsein verdrängte geographische Räume wiederauferstehen lassen, die als Beobachtungshorizonte der Menschen des 19. Jahrhunderts noch von größerer Bedeutung waren, im Zusammenhang mit der Nationalisierung aber zunehmend verdeckt wurden. Es gelte also der Frage nachzugehen, inwiefern die östlichen Provinzen Preußens stärker durch strukturelle Bedingungen mit nicht-preußischen und nicht nach 1871 dem Deutschen Reich angehörenden Nachbarregionen verbunden waren, als mit den zentralen und westlichen Provinzen Preußens.

Hierfür sollten die Beiträge zu unterschiedlichen Regionen einen Vergleich der Ausgangslagen und Entwicklungen an Fallbeispielen aufzeigen und sich dadurch einem innerregionalen Vergleich öffnen.

CARSTEN HOLSTE (Halle) stellte in seinem Referat eine polnischsprachige publizistische Auseinandersetzung aus den 1850er-Jahren vor, die beispielhaft zeige, wie der polnische Adel in der Provinz Posen um den Erhalt seiner Elitestellung fürchten musste bzw. wie die öffentliche Auseinandersetzung um ihren Erhalt verlief. Dabei handelte es sich vor der Hand um eine ökonomische Debatte, in der die Ursachen der Güterverluste des polnischen Adels seit dem späten 18. Jahrhundert an Deutsche thematisiert wurden. Hier verbanden sich in der öffentlichen Diskussion soziale Prozesse (Grundbesitzverluste des polnischen Adels) und daran geknüpfte nationale Interpretationen (Polen als schlechte und faule Landwirte). Hieran knüpfte die innerpolnische Debatte an, die nämlich hinter der ökonomischen Fassade eigentlich eine politische war. Es ging um die Stellung des polnischen Adels in der Gesellschaft und Strategien zur Bewahrung des Elitestatus. Im Zusammenhang mit dieser Diskussion wurden polnischerseits Selbstbilder konstruiert und widergespiegelt. Am Ende hatte die Debatte daher auch kaum Auswirkungen auf die Besitzstruktur in Posen, sie trug aber zur Selbstwahrnehmung des polnischen Adels als erfolgreicher Gutsbesitzerklasse bei. Er konnte sich in dieser Stellung wieder als Elite sehen und durch Einnahme einer Mentorenstellung gegenüber den polnischen Bauern die eigene Führungsrolle längerfristig sichern.

Unter dem Titel „Herrschaftskompromisse. Die Reorganisation lokaler Macht durch die kurländische Agrarreform 1817/33“ trug MATHIAS MESENHÖLLER (Leipzig) die anders geartete Situation in einem der westlichsten Teile des Russischen Reiches vor. Anhand der Bauer-Verordnung von 1819 zeigte er, wie es zu einem tiefgreifenden Verständniswandel bei allen Beteiligten durch die in der Verordnung verfügte Bauernbefreiung und Etablierung eines liberalen Rechtsverständnisses kam. Dies kam besonders in der zentralen Stellung der Gemeinden und deren Gerichtsbarkeit zum Ausdruck. Dabei lässt sich erkennen, dass die Bauern die neu geschaffenen Möglichkeiten nutzten und nach Emanzipation strebten, auch wenn ihnen nicht alle Einzelheiten der neuen Regelungen bewusst waren. Die Emanzipation führte jedoch nicht zu einem neuen Ständeantagonismus Adel-Bauern, sondern zu einem Komplexitätsgewinn lokaler Strukturen. Neben den Gutsherren konnte sich eine bäuerliche (graue) Aristokratie etablieren, mit der sich der Adel arrangierte. Verlierer waren hingegen die Landlosen, die seit den 1830er-Jahren zunehmender Pauperisierung ausgesetzt waren. Für den Adel zeigt sich somit ein Wandel von lokalen Herrschaftsgebräuchen zum agrarischen Elitenkompromiss.

KAI STRUVE trug hingegen am Beispiel von Gutsbesitzern und Bauern in Galizien am Ende des 19. Jahrhunderts vor, dass hier eine dauerhafte Sicherung der Vormachtstellung für den Adel nur durch die Anlehnung an den österreichisch-ungarischen Staat möglich war, diese Vorherrschaft aber vor allem in der Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg immer stärker erodierte. Verkompliziert wurde die Lage in Galizien zusätzlich durch die zunehmend hervorgehobene nationale Mischlage aus ukrainisch-ruthenischen sowie polnischen Bauern, polnischem Adel und Wiener Zentrale. Die Stellung des Adels erodierte trotz seiner zunehmenden Anlehnung an den österreichisch-ungarischen Staat, während die bäuerlichen Schichten sich emanzipierten, was an der fortschreitenden Parlamentarisierung offensichtlich wird. Dabei gelang es dem Adel in Galizien nicht, seine politische Führungsstellung durch Kooperation mit der bäuerlichen Bevölkerung, beispielsweise in Landwirtschaftsverbänden, zu restabilisieren.

Der Beitrag von DANIEL MENNING (Trier) brachte demgegenüber eine andere Perspektive in die Diskussion ein. Hier wurde nach dem spezifisch adligen Verhältnis zum Land(besitz) im preußischen Ostelbien gefragt. Diese Frage erscheine zwar angesichts der Forschungslage zum adligen Wertehimmel ausreichend geklärt, genaueres Hinsehen zeige jedoch, dass die in der Forschung herausgearbeitete enge emotionale Bindung ans Land und dessen ideologische Überhöhungen kein langfristiges Phänomen sei. Stattdessen sei im 19. Jahrhundert eher ein realer und ideologischer Bedeutungsverlust des Grundbesitzes für adlige Selbstbeschreibung zu attestieren. Die in der bisherigen Forschung herausgearbeitete adlige Selbststilisierung habe sich erst im Zuge der Agrarromantik seit den 1890er-Jahren herausgebildet. Die Agrarromantik war allerdings keine spezifisch adlige Weltanschauung, wenn auch der Adel eigene Besonderheiten pflegte. Vielmehr war sie auch in den Teilen des Bürgertums populär, die sich als Verlierer der Moderne sahen. Dies bedeutet, dass der Adel hier Brücken zu anderen Modernisierungsverlierern schlagen konnte. Es werfe aber gleichzeitig auch die Frage auf, wie adlig der Adel am Anfang des 20. Jahrhunderts überhaupt noch war.

Aus einer kunsthistorischen Perspektive näherte sich ISABELLA WOLDT (Hamburg) der Frage nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden in der Großregion Ostmitteleuropa. Architektur war ein Ausdruck von Mentalität, Überzeugung und gesellschaftlicher Stellung. Besonders war für das 19. Jahrhundert, dass Baustile frei wählbar wurden und sich eine klare Zuordnung von Stil und Funktion des Gebäudes auflöste. In diesem Zusammenhang wurde die Neogotik, besonders im englischen Castle style, auch auf dem europäischen Festland populär. In ihr spiegelten sich der Gesellschaftswandel, das adlige Identifikationsbemühen und das Bedürfnis nach historischer Selbstlegitimation sowie das Abrücken von der absolutistischen Zentrumsarchitektur. Neben den bekannten Bauwerken, die Friedrich Wilhelm IV. in neogotischem Stil errichten ließ, baute auch der Adel seine Gutshäuser bzw. Schlösser in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in diesem Stil. Während für den preußischen Adel eine Nachahmung des Königs wahrscheinlich ist, erweist sich auf den ersten Blick als erstaunlich, dass auch der sich zunehmend national identifizierende polnische Adel die Neogotik aufgriff. Auf den zweiten Blick werde aber ersichtlich, dass er seine Schlösser in spezifischer Weise als Denkmäler national-polnischer Erinnerung bauen ließ und damit um die Manifestierung historischen Herkommens und zukünftiger Ansprüche bemüht gewesen sei. Dies bedeute, dass trotz unterschiedlicher Voraussetzungen für den preußischen und polnischen Adel derselbe moderne Baustil aus England rezipiert und ikonographisch an die eigenen Bedürfnisse angepasst werden konnte.

In einer langfristigen Perspektive von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis nach dem Ersten Weltkrieg wurde von TERESA KULAK (Wrocław) die Entwicklung der Herrschaft Wartenberg vorgestellt, die sich in dieser Zeit im Besitz der Biron von Kurland befand. Diese hatten im 18. und 19. Jahrhundert ihren Grundbesitz in Kurland schrittweise abgestoßen und dafür die im 18. Jahrhundert erworbene Herrschaft Wartenberg kontinuierlich erweitert. Dabei zeichneten sie sich durch umsichtige Organisation und regelmäßige Modernisierung aus. Sie seien stets bemüht gewesen, den Bewohnern ihres Landes gute Lebensbedingungen zu bieten und unterhielten gute Beziehungen zur polnischsprachigen Bevölkerung. Familienintern waren sie um den Erhalt der Standesherrschaft Wartenberg im Besitz ‚eines’ Familienmitgliedes bemüht. Es handelte sich also, so Kulak, um das Beispiel einer Hochadelsfamilie, die sich im 19. Jahrhundert zunehmend in die Grenzen eines Staates einpasste.

ROMUALD M. ŁUCZYNSKI (Wrocław) stellte zuletzt noch die gesellige Kultur vor allem des Hochadels in Schlesien am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts in einem weiten Panorama vor. Anhand von Zeitungsberichten der regionalen Presse lassen sich die vielfachen Ereignisse in ihrer Ausgestaltung nachvollziehen, wobei besonders solche Beachtung fanden, an denen auch die kaiserliche Familie bzw. der Kaiser persönlich teilnahmen. Diese Veranstaltungen wiesen aber oftmals auch ein hohes Maß internationaler Teilnehmer auf. Es zeigte sich, dass Musik, Jagd, und hier besonders die Großwildjagd, gesellige Treffen und Bergtouristik für die hochadlige Gesellschaft viele Zentren in Schlesien hatten. Dabei blieb man zumeist unter seinesgleichen, während die Unterhaltungsarten den Moden der Gesamtgesellschaft ähnlich, wenn auch stets exklusiver waren. Es entwickelte sich eine hochadlige Parallelgesellschaft , die man vielleicht als „Frühform des internationalen Jetset“ (Thomas Stamm-Kuhlmann) bezeichnen könnte.

Die abschließende Diskussion, eingeleitet durch ein die Tagung zusammenfassendes Referat THOMAS STAMM-KUHLMANNs, zeigte, dass in allen behandelten Regionen die Herrschafts- und Privilegienverhältnisse im Laufe des 19. Jahrhunderts zunehmend durch nationale Vorstellungen ergänzt und an nationalen Trennlinien entlang interpretiert wurden. Dabei waren die Nationsverständnisse durchaus noch formbar. Zum Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts lässt sich dann die Macht der nationalen Massenpolitik beobachten, neben der zwar noch der internationale hochadlige „Jetset“ bestehen konnte. Doch musste dieser sich die Politik zunehmend durch den Massennationalismus diktieren lassen. Kritisch wurde jedoch angemahnt, dass die Frage der Nationalisierung so stark in den Vordergrund getreten sei und die dahinter stehenden agrarwirtschaftlichen Wandlungen dadurch in den Hintergrund gerückt seien bzw. überwölbt wurden.

Man kann somit am Ende zwei wichtige Ergebnisse der Tagung festhalten. Erstens hat sie gezeigt, dass es sehr ertragreich ist, über nationale Grenzen hinweg den Raum Ostmitteleuropa zu betrachten und die unterschiedlichen Entwicklungen innerhalb dieser Großregion im Zeitalter der Entstehung und Entwicklung der Nationalstaaten zu betrachten. Hierdurch wird der Blick geschärft für die von ähnlichen Grundbedingungen ausgehenden, aber ganz unterschiedlich verlaufenden Agrarreformprozesse des 19. Jahrhunderts in den einzelnen Gebieten der Großregion. Und zweitens werden die spezifischen Entwicklungen des Nationalismus vor dem Hintergrund regionaler Nachbarschaft und verschiedener ethnischer Mischlagen in ihren spezifischen Entwicklungen vergleichbarer. Dass es, wie in der Abschlussdiskussion kritisch angemerkt, häufig nicht gelang, diese Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte des Nationalismus aus der Betrachtung der Veränderung von Agrarwirtschaft und Gutsherrschaft herauszuhalten, dürfte ein Hinweis darauf sein, dass sich die Prozesse kaum getrennt beobachten lassen, sondern vielmehr agrarische Transformationsprozesse in Ostmitteleuropa im 19. Jahrhundert immer zur je spezifischen Ausbildung nationaler Distinktionsprozesse beitrugen bzw. sie bedingten.

Kurzübersicht:

Bernd Sösemann (Berlin): Eröffnung der Tagung

Ewald Frie (Trier): Wo liegt Preußen?

Karsten Holste (Halle/Saale): Politisierung einer agrarwirtschaftlichen Debatte. Der Besitzerwechsel von Rittergütern im Großherzogtum Posen aus Sicht polnischer Publizistik um 1850

Mathias Mesenhöller (Leipzig): Herrschaftskompromisse. Die Reorganisation lokaler Macht durch die kurländische Agrarreform 1817/33

Kai Struve (Leipzig): Das Erbe der Gutsherrschaft und der Verlust der Hegemonie. Gutsbesitzer und Bauern in Galizien am Ende des 19. Jahrhunderts

Daniel Menning (Trier): Adlige Familienverbände und Grundbesitz in Ostelbien 1860-1930

Isabella Woldt (Hamburg): Architecture parlante. Der neugotische Landsitz in Polen und Preußen zu Beginn des 19. Jahrhunderts

Teresa Kulak (Wrocław): Wirtschaftspolitik der Familie Biron von Curland in Groß Wartenberg (Syców) im 19. Jahrhundert

Romuald M. Łuczyński (Wrocław): Unterhaltung und geselliges Leben der adeligen Gutsbesitzer in den Sudetenvorbergen (Przedgórze Sudeckie) im 19. Jahrhundert

Thomas Stamm-Kuhlmann (Greifswald): Wo liegt Preußen? Ergebnisse der Tagung und Perspektiven der Forschung

Krzysztof Ruchniewicz (Wrocław): Wie viel Geschichtspolitik braucht ein Staat? Ein neues Dilemma der Polen und der Deutschen

Anmerkung:
[1] Wolfgang Neugebauer, Geschichte Preußens, Darmstadt 2004. Christopher Clark, Iron Kingdom: The Rise and Downfall of Prussia 1600-1947, London u.a. 2006. Monika Wienfort, Geschichte Preußens, München 2008.

Zitation
Tagungsbericht: Gutsherrschaft und Agrarwirtschaft in Mitteleuropa im 19. Jahrhundert, 22.09.2008 – 26.09.2008 Jaroszów (Schlesien), in: H-Soz-Kult, 15.12.2008, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2419>.