Der Eigensinn der Dinge

Ort
Berlin
Veranstalter
Wolfgang Ruppert, Arbeitsstelle für kulturgeschichtliche Studien der Universität der Künste Berlin; in Verbindung mit Thomas Macho, Institut für Kulturwissenschaften der Humboldt Universität zu Berlin
Datum
08.05.2009 - 09.05.2009
Von
Steffi Johnen, Berlin

Am 8. und 9. Mai 2009 fand an der Universität der Künste die Arbeitstagung „Der Eigensinn der Dinge“ statt. Veranstaltet wurde die Tagung von Wolfgang Ruppert, Arbeitsstelle für kulturgeschichtliche Studien der Universität der Künste Berlin, in Verbindung mit Thomas Macho, Institut für Kulturwissenschaften der Humboldt Universität zu Berlin. Damit wurde eine erste Tagung mit dem Titel „Dinge – Kultur – Geschichte“ vom November 2007 fortgeführt.

Eröffnet wurde die Tagung mit einer Positionsbestimmung von WOLFGANG RUPPERT (Universität der Künste, Berlin), der die Beziehung der Menschen zu ihren Dingen in das Zentrum seines Erkenntnisinteresses stellte. Nach einführenden Bemerkungen zu den Dingen als einem gegenwärtig zu einer Mode in den Kulturwissenschaften avancierten Forschungsfeld, plädierte Ruppert für seinen Forschungsansatz einer empirischen Kulturgeschichte und der darin eingelagerten Objektgeschichte. In einer Synthese mit Gesellschafts- und Kulturgeschichte schaffe dieser Ansatz der empirischen Erarbeitung der Artefakte und ihres Kontextes einen Zugang zur Entstehung und polyvalenten Bedeutung der Dinge. Für seinen Ansatz beschrieb er den unauflöslichen Zusammenhang von immaterieller und materieller Kultur als zentral: Objekte stehen als materielle Artefakte menschlicher Arbeit in zweifacher Weise mit den sozialen und kulturellen Räumen in Korrespondenz, in denen sie hervorgebracht und genutzt werden.[1] Sie sind einerseits als Träger kultureller Bedeutungen in die immaterielle Semantik der Kultur und deren Historizität eingewoben und erlauben andererseits einen Zugriff auf zivilisationsgeschichtliche Entwicklungstendenzen, deren materielle Objektivation sie sind. Ein weiteres Erkenntnispotential seines Konzeptes der Objektgeschichte sah Ruppert in der Analyse der Abfolgen von komplexen Entwurfs- und Herstellungsprozessen sowie den Aneignungs- und Nutzungsformen. Damit durchdringen sich in der Objektgeschichte kultur-, gesellschafts-, technik-, konsum- und designgeschichtliche Dimensionen der Dinge.[2] Insbesondere in der industriellen Massenkultur sind die Teilaspekte der Gebrauchswertgestaltung, die Ästhetik/ das Design der Objekte und ihre Aufladung mit bedeutungstragender Bildlichkeit durch die Werbung als Waren innerhalb der Geschichte der Konsumkultur, zu untersuchen.

THOMAS MACHO (Humboldt Universität zu Berlin) setzte seinen Schwerpunkt etwas anders, als angekündigt. Er ging der Frage nach, was die Dinge ohne uns tun, und entwickelte einen kulturtheoretischen Blick auf die „Souveränität“ von Tieren und Dingen. Einführend begründete er dies als den Versuch einer Weiterführung von Bruno Latours posthumanistischer Kritik der politischen Ökonomie.[3] Latours „Politiktreiben“ aller menschlichen und nichtmenschlichen Dinge deutete Macho als eine Umkehrung der Definition Carl Schmidts von Souveränität („Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet“) in ein „souverän sind die Ausnahmen, die zum Normalzustand eines Kollektivs opponieren“. Somit interpretierte Macho Souveränität als „Störung“, als eine Handlungsmacht, etwa als Widerstand oder als Flucht, die den „Akteuren“ zu eigen sei. Macho exemplifizierte seine Sicht an Herrschaftssymbolen: Objekten wie dem Königssiegel oder dem Schwert Excalibur sprach er einen Repräsentationscharakter des Souveräns zu und behandelte in einer weiteren Steigerung Dinge wie die ungarische Stephanskrone als Souverän selbst. Er führte dies mit Beobachtungen der Entwicklung von interaktiven Dingen fort und charakterisierte sie – im Anschluss an Latour – in der Öffnung des Subjekt – Objekt – Verhältnisses als mögliche, eigenständige Souveräne bzw. Akteure.

OTTO KARL WERCKMEISTER (em. Prof. für Kunstgeschichte) konzentrierte sich auf die Analyse der Dingerfahrung der Zeitgenossen Walter Benjamin und André Breton. Ausgehend von der Gegenüberstellung der Personen und ihres Schaffens in den 1930er-Jahren fragte er nach deren Haltung zu den Objekten. Er beschrieb den Walter Benjamin der Pariser Zeit als introvertierten, nach innen gewandten deutschen Gelehrten im Exil, dem er Breton als einen konsequenten politischen Akteur, Dichter und bildenden Künstler gleichermaßen, gegenüber stellte. Dessen Umgang mit den Dingen charakterisierte Werckmeister als kreative Selbstentfaltung. Er beschrieb Bretons surrealistische Umdeutung von „kunstlosen Objekten“, etwa als „Projektion subjektiven Verständnisses bzw. der Erinnerung in Objekten“ und deutete dies als „emotionale, existentielle Aneignung der Objekte durch das künstlerische Bewusstsein“ eines Künstlerindividuums. Diese subjektive Bezugnahme zu seinen Objekten verschaffe Breton Befreiung. Diesem Bild stellte Werckmeister Walter Benjamins Abwehr subjektiver Dingerfahrungen innerhalb seiner sammelnden Arbeit am ‚Passagen-Werk’ gegenüber. Benjamins Dingfixierung charakterisiere einen Mangel von Selbstentfaltung bzw. Subjektivität und folglich die Abstinenz gegenüber den Objekten wie dem Politischen. Walter Benjamin habe sich deshalb auf der transzendierenden Suche nach „Erkenntnis“ verloren. So erkläre sich, dass das Passagenwerk lediglich Programm geblieben sei.

ELFIE MIKLAUTZ (Wirtschaftsuniversität Wien) beschäftigte sich mit dem Warencharakter von Dingen, der in der Gesellschaft zwar eine dominante Form darstelle, jedoch nur für einen begrenzten Abschnitt im Verlauf der Objektgeschichte. Ihr ging es um eine Erkundung dessen, was den „Eros“ der Waren, die Anziehung der Dinge für die Menschen, ausmache. Miklautz unternahm hierzu eine Relektüre von Karl Marx Aussagen zum Warenfetischismus[4] und von Georg Simmels Überlegungen zur Faszination des Geldes.[5] Dass Marx der Ware einen Akteursstatus und den Dingen eine eigene Existenz, einen Zauber („Eigensinn“) zusprach, greift nach Auffassung von Miklautz als Begründung des Warenfetischismus zu kurz. Marx Erklärungsversuch charakterisiere eine „uneingelöste Metaphorik“, die den komplexen Dingen bzw. dem Zusammenhang von Fetisch und Mythos der Waren nicht gerecht würde. Miklautz stellte dem entgegen, dass es bei dem Eros der Ware („umgeben von mystischem Nebel“) um ein Spiel von „An- und Abwesenheit“, ja um „Koketterie“ gehe. Somit sei nicht – wie in der Marx’schen Herleitung – allein die Produktion (der „Arbeitsprozess“) von Bedeutung, sondern ebenso die Konsumption als subjektive Wertbestimmung zu sehen. Vor diesem Hintergrund arbeitete sie die Leistung Georg Simmels heraus, der in seiner Kulturanalyse des Geldes die von Marx vernachlässigten Seiten der Konsumption einbezogen hatte, indem er sich mit den überindividuellen Bezügen zwischen Begehren und Genuss beschäftigte. Über ihren Warenwert hinausgehend würden die Dinge bei Georg Simmel als materielle Kulturgüter erfahrbar. Ebenso wie Marx käme er zu dem Schluss, dass das Geld, als „funktionales Äquivalent“ in der Moderne, die Funktion erfülle, die ehemals von der Religion besetzt wurde („Kapitalismus als Religion“).

GUDRUN M. KÖNIG (Technische Universität Dortmund) sprach in einer kulturwissenschaftlichen Annäherung über „die Weiblichkeit der Dinge“. Einführend skizzierte sie einen Zusammenhang zwischen materieller Kultur und geschlechtlicher Codierung und betonte deshalb den immateriellen Gehalt der Dinge. Zugleich verwies sie auf ein akademisches Defizit, der Spaltung in materielle Kultur einerseits und Geschlechterforschung andererseits, das dem transdisziplinären Forschungsinteresse des Feldes entgegenstehe. Mit dieser Kritik am Status Quo plädierte sie für einen kulturwissenschaftlich-empirischen Ansatz, der beide Disziplinen verbinde und der komplexen, „kulturellen Dingbedeutsamkeit“ gerecht würde. Dies ausführend, sprach sie sich dafür aus, die Weiblichkeit oder die Männlichkeit der Dinge immer in Relation zum Äquivalent zu erörtern. Männliche Attribute und Kleidungen erlebten an Frauen eine Weiblichmachung, die König am Beispiel der Krawatte als zwischen „Subversion“ (Umsturz) und „Konversion“ (Umwandlung) beschrieb. Sie bezeichnete Formen, Material und Farben als Zonen der Abgrenzung zwischen den Geschlechtern. Schließlich versammelte Gudrun König in einem Überblick die vielfältigen Facetten der Codierung von Objekten als „weiblich“ anhand von Beispielen der Mode- und Produktindustrie.

WOLFGANG RUPPERT beschäftigte sich in seinen Anmerkungen zur „Männlichkeit der Dinge“ mit der Beziehung dieser Begriffe. Als Grundlage seines Denkansatzes stellte er fest, dass es sich immer um Einschreibungen der Menschen in die Dinge und um kulturelle Zuschreibungen an die Objekte handele, die in der kollektiven Wahrnehmung eine männliche Anmutung annehmen. Entsprechend werde „Männlichkeit“ im Lebensvollzug kulturell hervorgebracht und schließlich von Dingen repräsentiert. Diese Sicht exemplifizierte er mit Erkundungen im empirischen Feld. Ruppert konzentrierte sich dabei auf Dinge, die im ausgehenden 19. Jahrhundert in der Folge der Beschleunigung der Bewegung erfunden und bis in unsere Gegenwart weiterentwickelt wurden: das Motorrad, das Fahrrad und das Auto. An der Harley Davidson beschrieb Ruppert in Geräuschen und Formgebung ein Potential von Handlungsoptionen, die aufgrund der Spezifik dieses Dings als klassisch männliche Attribute ausagiert werden können, weil sie als symbolisches Potential in die materielle Struktur eingeformt worden waren. Im Gegensatz dazu zeigte er am Beispiel des Umgangs mit einem Rennrad den Widerspruch zwischen einer männlich codierten Konstruktion im Objekt (Herrenrad) und einer handlungsbezogenen Brechung der Geschlechterrollen durch eine Frau. Ein Animationsfilm zu einem Sportwagen erwies sich voller Aufladungen mit demonstrativer „Männlichkeit“. Hierbei waren Eigenschaften über Konstruktion und Design in das Ding eingeschrieben worden, die vom Habitus des Fahrers genutzt, angewendet, erlebt und seinem Verhalten verstärkt werden konnten. Alle drei Fälle konzentrierten sich auf den Umgang mit solchen Dingen, in denen Männlichkeit als ein in der Gesellschaft präsenter Habitus erfahrbar ist und in seinen Merkmalen auch kollektiv gelesen werden kann.

Die Arbeitstagung wurde vom Anspruch geprägt, aus Positionen der Kulturtheorie wie der empirischen Kulturgeschichte, der Soziologie und der Kunstgeschichte heraus einen umfassenderen methodischen Zugang zu den Dingen und ihren Akteuren zu vertiefen. Wiederholt lebte die Debatte über die Kontinuität im Verhältnis von Subjekt und Objekt oder – in der Folge der Latourrezeption – einen Bruch hierin auf. Darüber hinaus spielten die Abgrenzungen der Begriffe Ding, Objekt, Artefakt oder auch Sache immer wieder eine Rolle. Die Tagung war von einer Atmosphäre der intensiven, offenen Diskussion getragen. Wolfgang Ruppert kündigte am Schluss die dritte Tagung für Herbst 2009 an.

Konferenzübersicht:

Wolfgang Ruppert (UdK Berlin): Einführung

Thomas Macho (Humboldt-Universität zu Berlin): Die Tiere und die Dinge

Otto Karl Werckmeister (Berlin): Walter Benjamins Flucht in die Artefakte

Elfie Miklautz (Wirtschaftsuniversität Wien): Der Ware Eros

Gudrun M. König (Technische Universität Dortmund): Die Weiblichkeit der Dinge

Wolfgang Ruppert (Universität der Künste, Berlin): Anmerkungen zur Männlichkeit der Dinge

Anmerkungen:
[1] Vgl. Wolfgang Ruppert, Zur Kulturgeschichte der Alltagsdinge, in: ders. (Hrsg.): Fahrrad, Auto, Fernsehschrank. Zur Kulturgeschichte der Alltagsdinge, Frankfurt am Main, 1993, S. 14-36, insbesondere S. 17-23.
[2] Zum Ansatz der Objektgeschichte vgl. Wolfgang Ruppert, Plädoyer für den Begriff der industriellen Massenkultur, in: Hannes Siegrist / Hartmut Kaelble / Jürgen Kocka (Hrsg.): Europäische Konsumgeschichte. Zur Gesellschafts- und Kulturgeschichte des Konsums (18.-20. Jahrhundert), Frankfurt/Main; New York 1997, S. 563-582.
[3] Vgl. Bruno Latour, Das Parlament der Dinge: für eine politische Ökologie. Frankfurt am Main 2001.
[4] Vgl. Der Fetischcharakter der Ware und sein Geheimnis’, in: Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band, Hamburg 1867.
[5] Vgl. Georg Simmel, Philosophie des Geldes, Berlin 1900.

Zitation
Tagungsbericht: Der Eigensinn der Dinge, 08.05.2009 – 09.05.2009 Berlin, in: H-Soz-Kult, 11.06.2009, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2652>.