Haus im Kontext? Kommunikation und Lebenswelt

Ort
Beuggen
Veranstalter
Joachim Eibach, Universität Bern; Inken Schmidt-Voges, Universität Osnabrück
Datum
28.10.2009 - 30.10.2009
Von
Anna Faoro / Arno Haldemann, Historisches Institut, Universität Bern

Auf der zweiten Jahrestagung des auf Initiative von JOACHIM EIBACH (Bern) und INKEN SCHMIDT-VOGES (Osnabrück) anlässlich des Historikertags 2008 in Dresden konstituierten Arbeitskreises „Haus im Kontext – Kommunikation und Lebenswelt“ stand die Betrachtung der Sozialformation Haus im Zentrum der Diskussion. Nachdem lange die Kritik an Otto Brunners Konzept des frühneuzeitlichen ganzen Hauses und dessen Dekonstruktion im Fokus der Forschung gestanden hatten, sollen nun neue theoretisch-methodische Impulse für die weitere Erforschung der sozialen, ökonomischen und politischen Einheit „Haus“ fruchtbar gemacht werden. Denn in der kritischen Auseinandersetzung mit dem Brunnerschen Konzept ließ sich zwar die Diskrepanz zwischen normativer Setzung und soziokultureller Praxis häuslicher Lebenswelten aufzeigen – ein alternatives Modell der neuzeitlichen Wohn- und Arbeitsgemeinschaften wurde bisher aber nicht entworfen. Ziel der Tagung war daher, das Haus als soziale Ordnungseinheit in den Kontext von Nachbarschaft, Gemeinde und Obrigkeit einzubetten und kommunikationstheoretische sowie akteursbezogene Ansätze zu diskutieren.

INKEN SCHMIDT-VOGES betonte in einer einleitenden Darstellung die duale Stellung der Institution des Hauses im frühneuzeitlichen Kontext an der Schnittstelle von sozialen und politischen Ordnungsprozessen. Das Haus habe eine zentrale „Kernressource“ gebildet, auf die seine Bewohner, Eheleute, Kinder, Gesinde, die Nachbarschaft und in besonderem Maße die Obrigkeit zugegriffen hätten. Die Bedeutung des Hauses gegenüber den eng ihm verknüpften sozialen Netzwerken von Familie, Verwandtschaft, Nachbarschaft und Freundschaft liegt in der Tatsache begründet, dass nur das Haus über eine politiktheoretisch fundierte Herrschaftstheorie verfügte. Gerade in der Diskrepanz zwischen der theoretischen Begrenztheit des aristotelischen Oikos-Modells, die das Sprechen über häusliche Ordnung in obrigkeitlichen Kontexten strukturierte, und der Komplexität der sozialen Beziehungen liegen die Unschärfen und Spielräume frühneuzeitlicher Gesellschaften. An diese Gedanken anknüpfend, entwarf JOACHIM EIBACH ein neues Konzept der Sozialformation Haus: In Abgrenzung zum Modell des ganzen Hauses skizzierte er das offene Haus, das sich durch die Differenzierung zwischen offen zugänglichen und verborgenen Sphären im und ums Haus auszeichnet. Dabei wird das Haus zum verhandelbaren Raum, der, so Eibach, verschiedene kommunikative Praktiken und Regeln der soziokulturellen Lebenswelt und der normativen Ebene inkorporiert und dessen historisch veränderliche Ambivalenz zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre fassbar wird.

Im Verlauf der Tagung wurde die Vielseitigkeit des Forschungsgegenstands Haus deutlich, zum einen durch die interdisziplinäre Zusammensetzung des Arbeitskreises, zum anderen durch die variierenden historischen Perspektiven, aus welchen die häusliche Einheit untersucht wurde. Im Gegensatz zum auf der Grundlage der Ökonomik erstellten Modell Otto Brunners wurden Haus und Umwelt in den präsentierten Forschungsprojekten kontextualisiert und zueinander in Beziehung gesetzt. Einen ersten Ansatz dazu bot ULRIKE KRUSE (Göttingen) in ihrer Untersuchung der dialektischen Verbindung von Haus und Natur. In einem Vergleich frühneuzeitlicher Hausväterliteratur zeigte sie auf, dass sich Bereiche der Lebens- und Arbeitswelt in Sphären des Künstlichen und des Natürlichen einteilen lassen, die außerdem grob auch die Arbeitsbereiche der Geschlechter ordneten. Kruses Analyse zufolge wurde die Natur als wild und die häusliche Ordnung bedrohend wahrgenommen; so fanden natürliche Produkte (Ernten des Ackerbaus, Früchte des Gartens) erst nach ihre Verarbeitung Eingang in die künstliche, „denaturalisierte“ Sphäre des Hauses. Der Vortrag mündete in der These, dass im aufgezeigten Spannungsfeld von natürlicher und künstlicher Sphäre den Hausgärten eine Scharnierfunktion zukam: der Garten als Verbindung von Haus und Acker, als Pufferzone zwischen künstlicher und natürlicher Sphäre.

Der Literaturwissenschaftler SIMON ZEISBERG (Berlin) richtete den Fokus in seinem Referat auf die literarische Darstellung der Ökonomik des Hauses. Anhand Rudolph von Bellinckhausens Oeconomus-Drama (1610) rückte er das Haus als Knotenpunkt der Sozial-, Geschlechter- und Wirtschaftsordnung ins Zentrum und zeigte auf, wie wirtschaftliche Störungen des innerhäuslichen Bereichs durch äußere Einflüsse literarisch thematisiert und verarbeitet wurden. In Anlehnung an das vorgestellte Beispiel widersprach Zeisberg vor allem dem von Brunner entworfenen Bild des allmächtig anmutenden Hausvaters. Er zeigte am Beispiel des Dramas auf, wie entgegen der Hausväterliteratur gerade Frau und Kindern in der Kontrolle und Korrektur des Hausvaters eine zentrale Rolle im Haus zugewiesen wurde.

Eine Darstellung vormodernen Zusammenlebens, die den Fokus im Kontext des Hauses stark auf die Nachbarschaft richtete, präsentierte ERIC PILTZ (Dresden). Er vertrat in seiner Untersuchung der Städte Coesfeld und Andernach im 17. Jahrhundert die These, dass das Haus stark in seinen nachbarschaftlichen Beziehungen wahrgenommen werden müsse und kontrastierte damit die von Otto Brunner geprägte Vorstellung des autarken Einzelhaushalts. Statt als geschlossene Einheit solle das Haus in der Vormoderne als Teil einer korporativen Nachbarschaft, die sich über soziale Bindungen institutionalisierte und ordnend auf das Haus einwirkte, angesehen werden.

PHILIP HAHN (Frankfurt am Main) verfolgte in seinem Beitrag eine Kontextualisierung des Hauses in den nachbarschaftlichen Beziehungen anhand normativer Quellen. In einer Analyse deutscher Hausväterliteratur des 16. und 18. Jahrhunderts kam er allerdings zu dem Schluss, dass darin die Eigeninteressen der häuslichen Wirtschaft dominierten. Hinter diesen Eigeninteressen traten christliche Werte wie die Nächstenliebe in nachbarschaftlichen Beziehungen zurück. Damit wandte sich Hahn gegen jüngere Forschungsansätze, welche die christlich-lutherische Prägung der Hausväterliteratur betonen, und bestätigte Brunners Darstellung des autarken, alleinstehenden Hauses im Hinblick auf die Hausväterliteratur.

Der Bedeutung des Hauses als Eigentum in nachbarschaftlichen und obrigkeitlichen Beziehungen ging ALICE VELKOVÀ (Prag) in ihren Ausführungen nach. Am Beispiel eines Konflikts zwischen Untertanen und Obrigkeit in der westböhmischen Ortschaft Stary Plzenec (Alt Pilsen) Ende des 17. Jahrhunderts machte sie die öffentliche Dimension des Hausbesitzes deutlich: Grundbesitz sei häufig mit einer über lange Zeiträume andauernden Sesshaftigkeit einer Familie einhergegangen. Alteingesessenheit habe zum einen die Position in der Dorfgemeinschaft gefestigt, zum anderen durch Eheallianzen zu Verwandtschaftsnetzen und stabilen nachbarschaftlichen Beziehungen geführt. Im untersuchten Konflikt stieß die Obrigkeit auf den Widerstand einer Dorfgemeinschaft, der jedoch durch die Enteignung der anführenden Bauern gebrochen werden konnte. In der kontroversen Diskussion betonte HEINRICH RICHARD SCHMIDT (Bern) die Relevanz der intakten gemeindlichen Verfassung im Kontrast zur ostelbischen Gutsherrschaft. JON MATHIEU (Luzern) verwies dagegen auf den wichtigen ökonomischen Unterschied zwischen groß- und kleinbäuerlichen Hauslandschaften in Europa.

Aus volkskundlich-baugeschichtlicher Warte näherte sich FANNY RÖDENBECK (Jena) dem Thema der Tagung. Sie skizzierte die Nutzung und Bewohnerschaft der Häuser am Jenaer Markt vom 16. bis ans Ende des 19. Jahrhunderts. In ihrem Vortrag betonte sie vor allem die durch sozioökonomische Entwicklungen verursachten Veränderungen in Bezug auf die Anwohnerschaft rund um den Marktplatz. Das Wohnareal Marktplatz in Jena kann als Spiegel sozioökonomischer Verhältnisse gesehen werden. Aus dieser Perspektive wird das Haus zum Träger von gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Informationen.

SUSAN BAUMERT (Jena) stellte den Erfahrungsraum ins Blickfeld ihres Referats. Sie näherte sich über private Feste in Weimar-Jena um 1800 dem sozialen Raum des Hauses. Anhand der bürgerlichen Festlichkeiten strich sie heraus, wie sich die Wahrnehmung und Sinnzuschreibung des Raumes aufgrund von alltagspraktischen und gesellschaftlichen Veränderungen um 1800 wandelte. Dabei konstatierte sie eine zunehmende Intimisierung der Feste, welche sich obrigkeitlicher und kirchlicher Zugänglichkeiten erwehrte und entledigte. Die bürgerliche Festkultur würde somit, so Baumert, zu einem Indikator für die Trennung von privaten und öffentlichen Räumen um 1800.

Aus literaturwissenschaftlicher Perspektive näherte sich MONIKA NEUHOFER (Salzburg) dem Topos Haus als literarische Figur der Verschmelzung von räumlichen und zeitlichen Komponenten. Anhand einer literarischen Sittenstudie Honoré de Balzacs wurde hier die ambivalente Verwendung des bürgerlichen Hauses als Symbol der Privatsphäre wie auch als Ausdruck von Öffentlichkeit aufgezeigt. Eine ähnliche Spannung wurde in der Präsentation von KONSTANTINOS RAPTIS (Athen) deutlich, der anhand des Fallbeispiels der habsburgischen Adelsfamilie Harrach das Haus – hier mehrdeutig als Bezeichnung des Wohnsitzes wie auch des Adelsgeschlechts – einerseits als privates Refugium der Familie, andererseits als Bühne von ständischer Repräsentation und Geselligkeit beschrieb. Raptis betonte außerdem die identitätsstiftende Bedeutung, welche dem adligen Haus gerade in der Abgrenzung gegenüber dem aufstrebenden Bürgertum noch um 1900 zukam.

Unter dem Titel „Das gemeinsame Haus“ erweiterte das Referat FALK BRETSCHNEIDERs (Paris) die Bedeutungsdimension des Hauses. Die Untersuchung des frühmodernen Zuchthauses am Beispiel Kursachsens führte den Autor zur These vom Haus als Spiegelbild gesellschaftlicher Hierarchien, wo sich nicht nur durch Gewalt, sondern auch durch gegenseitige Übereinkunft Ordnung konstituierte. Mit dieser Perspektive auf eine eigentümliche Form der Behausung legte Bretschneider die Akzentuierung des zusammengesetzten Begriffs Zuchthaus mehr auf die gemeinschaftliche Dimension des „Hauses“ als auf die ordnende Funktion der „Zucht“. Seiner Untersuchung zufolge herrschte der Anstaltsvorsteher als eine Art Hausvater. Damit wurde der Brunnerschen Darstellung des alleinherrschenden pater familias die Figur des in soziale Beziehungen verflochtenen Vorstehers des Hauses entgegengestellt.

STEFAN WÜNSCH (Berlin) argumentierte in seinem Vortrag diskursanalytisch. Am mikrohistorischen Beispiel der Berliner Prostituierten Hedwig Steinfurt Mitte der 1920er-Jahre zeigte der Referent, wie der Diskurs über Häuslichkeit gleichzeitig Gegenhäuslichkeit konstituiert und Devianz als solche markiert. Der Prostitution, so Wünsch, wurde im Mangel an Häuslichkeit ein devianter Charakter zugeschrieben.

Die Tagung zeigte in ihrem fächerübergreifenden Ansatz die Mannigfaltigkeit der Perspektiven auf, welche die Sozialformation Haus für zukünftige Forschung bietet. Aus geschichtswissenschaftlicher Sicht ließ sich ein Trend erkennen, das Haus in seiner soziokulturellen Praxis von Alltagsleben und Herrschaftsvermittlung zu erfassen und weniger den Modellcharakter des ganzen Hauses zu betonen. Gleichwohl wurde deutlich, dass das Modell des Hauses stets menschliche Sehnsüchte nach Ganzheitlichkeit transportiert(e), womit sich die Schwierigkeit, sich von der brunnerschen Schablone des ganzen Hauses zu trennen, teilweise erklären lässt. Die neuen Forschungsansätze und die fruchtbaren Diskussionen will der Arbeitskreis mit einer weiteren Tagung fortsetzen. Die nächste Tagung soll 2010 unter dem Titel „Haus – Familie – Ordnung“ stattfinden. Mit dem Begriff der Familie wird eine stärkere Öffnung und Erweiterung des Arbeitskreises hin zur historischen Familienforschung nach 1800 angestrebt, welche durch die frühneuzeitliche Prägung des Konzepts des Hauses bisher zu wenig angesprochen wurde. Außerdem sollen die Interdisziplinarität und internationale Ausrichtung des Arbeitskreises intensiviert werden.

Konferenzübersicht:

Begrüßung und Einführung
JOACHIM EIBACH (Bern) / INKEN SCHMIDT-VOGES (Osnabrück)

Sektion I: Hausliteratur und Ökonomik

ULRIKE KRUSE (Göttingen): Häusliche Praxis und Natur-Wahrnehmung. Naturdiskurse in der Ökonomik des 17. und 18. Jahrhunderts

SIMON ZEISBERG (Berlin): Theater ums Haus. Zu Rudolf von Bellinckhausens Oeconomus-Drama (1610)

Sektion II: Haus und Nachbarschaft vom 17.-19. Jahrhundert

PHILIP HAHN (Frankfurt am Main): Geliebter Nächster oder böser Nachbar? Die Bewertung der Außenwelt in der „Hausväterliteratur“

ERIC PILTZ (Dresden): Das Haus in der Nachbarschaft – Nachbarn im Haus. Überlegungen zum Verhältnis von Nachbarschaftlichkeit und Privatheit

ALICE VELKOVÀ (Prag): Das Haus – das Zentrum der dörflichen Gesellschaft. Stary Plzenec / Alt Pilsen in Westböhmen im 18. Jahrhundert

FANNY RÖDENBECK (Jena): Leben und Arbeiten am Jenaer Markt 1500-1900

Sektion III: Haus und Festkultur

SUSAN BAUMERT (Jena): Private Feste im Haus um 1800

Sektion IV: Haus im 19./20. Jahrhundert. Privat und/oder öffentlich?

MONIKA NEUHOFER (Salzburg): Der Raum Haus in der Literatur (19. Jahrhundert)

KONSTANTINOS RAPTIS (Athen): Zwischen Privatheit und Öffentlichkeit. Historische Perspektiven des adeligen Hauses im Mitteleuropa um 1900

Sektion V: Haus und Devianz

FALK BRETSCHNEIDER (Paris): Das „gemeinsame Haus“. Überlegungen zur gesellschaftlichen Einbettung und inneren Organisation des frühmodernen Zuchthauses am Beispiel Kursachsen

STEFAN WÜNSCH ( Berlin): Häuslichkeit als Kategorie von Devianz. Die Prostituierte Hedwig Steinfurt

Abschluss: Zusammenführende Diskussion und weitere Planung der Arbeitsschwerpunkte

Zitation
Tagungsbericht: Haus im Kontext? Kommunikation und Lebenswelt, 28.10.2009 – 30.10.2009 Beuggen, in: H-Soz-Kult, 19.12.2009, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2908>.