Hannah Arendt und die Frankfurter Schule

Ort
Frankfurt am Main
Veranstalter
Liliane Weissberg, Fritz Bauer Institut Frankfurt am Main
Datum
11.01.2010 - 11.01.2010
Von
Elisabeth Gallas, Simon-Dubnow-Institut für jüdische Geschichte und Kultur e.V., Leipzig

Das Verhältnis zwischen Hannah Arendt und den Mitgliedern der Frankfurter Schule war zeitlebens von Animosität und Missverständnissen geprägt, obwohl die (zeitweise) räumliche und thematische Nähe sowie das gemeinsame intellektuelle Umfeld anderes hätten vermuten lassen. Dementsprechend widerstreitend sind auch die gegenwärtigen Positionen zu diesem Verhältnis. Als die am Fritz Bauer Institut als Gastprofessorin tätige Liliane Weissberg gemeinsam mit dem Frankfurter Jüdischen Museum vor einigen Monaten zu der Tagung über „Hannah Arendt und die Frankfurter Schule“ lud, hätten die Reaktionen deshalb widersprüchlicher nicht sein können. So berichtete LILIANE WEISSBERG (Philadelphia) in ihrem Einführungsbeitrag von ganz unterschiedlichen Einschätzungen: Sie reichten von denjenigen, die die Beziehung zwischen Arendt und den „Frankfurtern“ als nicht nennenswert betrachteten, da sie von gegenseitiger Ablehnung bestimmt gewesen sei, bis zu denjenigen, die in der Autorin der "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" wiederum ganz selbstverständlich „die Politologin der Frankfurter Schule“ erkannten. Insofern bot die als abschließender Höhepunkt der vom Jüdischen Museum kuratierten Ausstellung zur Frankfurter Schule durchgeführte Tagung ein hohes Maß an Diskussionspotential. Ging es doch, wie Weissberg so treffend formulierte, um die kaum hinreichend zu beantwortende Frage, ob Hannah Arendt in die Frankfurter Schule „eingeschult“ werden könne oder eben nicht.

Der Frage sollte in drei verschiedenen Panels aus unterschiedlichen Perspektiven nachgegangen werden. Im ersten Panel ging es um Vergleich und Abgrenzung von Denkfiguren, Begriffen und theoretischen Prämissen Hannah Arendts und Theodor W. Adornos mit einem besonderen Fokus auf die Nachkriegszeit. Im zweiten Panel wurde die Bezugnahme auf Person und Werk Walter Benjamins diskutiert, der für Adorno wie Arendt eine tragende Rolle in der eigenen intellektuellen Entwicklung gespielt hat und im dritten Panel abschließend die Konzeption und Rolle des Jüdischen in der geistigen Auseinandersetzung wie den biographischen Konstellationen der Protagonisten beleuchtet.

HAUKE BRUNKORST (Flensburg) konzentrierte sich in seinem Vortrag auf Hannah Arendts Entwürfe des Machtbegriffes und zeigte dabei, wie Arendt in verschiedenen historischen Gegebenheiten sich wandelnde Ausdifferenzierungen von Macht zu analysieren vermochte, die sich seiner Meinung nach konzeptionell zwischen den Koordinaten repressiver versus konstitutiver und akteursbezogener versus systemabhängiger Ausformung bewegt habe. Sei es Arendt in den "Elementen und Ursprüngen totaler Herrschaft" (1951) um die Darstellung von Formen totalitärer, also repressiver, systemabhängiger Machtausübung gegangen, zeugten zum Beispiel ihre Überlegungen in "Vita Activa" von einem Konzept kommunikativer, eben konstitutiver, akteursbezogener Macht. Die beiden anschließenden Beiträge von INGEBORG NORDMANN (Frankfurt am Main) und EVA-MARIA ZIEGE (Seattle) widmeten sich stärker dem Vergleich der politischen Theorie und Begrifflichkeit von Arendt und Adorno. Beide bewegten sich im Kontext der Nachkriegsgeschichte und nahmen die Auseinandersetzung mit Antisemitismus und Nationalsozialismus als Ausgangspunkt für die Analyse der Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Nordmann deutete dabei auf eine Spannung, die sich dadurch ergebe, dass beide Autoren zwar darin übereingestimmt hätten, den „Traditionsbruch“ (Arendt) als eine alle Maßstäbe des Denkens „auseinanderreißende“ Erfahrung zu erkennen, sie aber eine gänzlich unterschiedliche Ausdeutung der daraufhin zu formulierenden politischen Konsequenzen und Darstellungsmöglichkeiten vorngenommen hätten. Habe Adorno in der totalen Herrschaft den Umschlag einer ganzen Gesellschaft in den Extremismus erkannt, der keinerlei Möglichkeit des Widerstandes jenseits der Utopie zulasse, sei es Arendt möglich gewesen, durch ihre Vorstellung von Natalität und Erneuerung als historischer Kontinuität an der Idee der Freiheit im politischen Handeln festzuhalten. Ziege kontextualisierte diese Ausführungen durch die Einbettung von Arendts und Adornos Thesen in die amerikanischen Forschungs- und Organisationszusammenhänge der 1940er-Jahre. Sie konnte zeigen, wie nah sich die exilierten jüdischen Theoretiker durch die institutionelle Anbindung an das American Jewish Committee, das Jewish Labour Committee und die Conference on Jewish Relations waren, in deren Zusammenhang zum Beispiel mehrere Sammelbände zum Antisemitismus erschienen, in denen Arendt, Adorno und Horkheimer vertreten waren. Trotzdem betonte Ziege, dass sich jenseits aller konstatierten Nähe kein Konsens zwischen Arendts diachron, historisch-funktionalistischem und Adornos marxistisch-psychoanalytischem Ansatz herbeiführen lasse.

Die Auseinandersetzung mit Walter Benjamin führten ANNIKA THIEM (Villanova) und BURKHARDT LINDNER (Frankfurt am Main) von sehr unterschiedlichen Perspektiven aus vor. So konnten sie die Weite des Spektrums der Berührung, Einflussnahme und Verlängerung von Benjamins Ideen in Arendts und Adornos Denkbewegungen aufzeigen. Betonte Thiem das Potential einer Auseinandersetzung mit Arendt und Benjamin auf der Folie ihrer Marxrezeption und Marx’scher Kategorien für die Justierung gegenwärtiger politischer Praxis, beschäftigte sich Lindner mit dem Verhältnis von Benjamin und Arendt aus einer kulturhistorisch-ideengeschichtlichen Perspektive. Thiem zeigte, dass insbesondere die Vernachlässigung ökonomischer und materieller Fragestellungen in Arendts politischer Theorie eine große Differenz zur Frankfurter Schule ausgemacht und darüber hinaus verhindert habe, dass Arendt die soziale/ökonomische Ordnung als Teil der politischen begreifen konnte. Benjamin hingegen habe der ökonomischen Sphäre in seiner kulturkritischen Analyse, insbesondere über den Begriff des Warenfetischs, zentrale Bedeutung eingeräumt und damit auch für seine Wahrnehmung gesellschaftlicher Realität und seinen Begriff von politischer Partizipation genutzt. „Mit und gegen Marx“ könne man so die Theorien des Politischen von Arendt und Benjamin dahingehend zusammenführen und fruchtbar machen, indem die Kategorien der Freiheit, der Partizipation, der Praxis und der Politisierung als Ausgangspunkte für heutige Fragen nach dem Verhältnis von Politik und Gesellschaft aufgegriffen würden. Lindner wandte sich zum einen einzelnen Denkfiguren Benjamins zu, um deren Fortwirken bei Arendt und Adorno zu beschreiben. Hier ging es um den Begriff der Geschichte und die Auffassung von Politik genauso wie um die Bedeutung des Marxismus. Er suchte aber gleichzeitig auch den Kontext auszuleuchten, in dem diese wirkungsgeschichtlichen Fragen gestellt wurden - den Streit zwischen Arendt und Adorno nämlich, der über die Herausgabe der Benjamin-Werke entbrannte und deren Verhältnis nachhaltig prägte.

MONIKA BOLL (Frankfurt am Main) referierte im letzten Vortrag der Tagung zum Verhältnis von Hannah Arendt und Max Horkheimer und legte dabei einen besonderen Schwerpunkt auf die Rolle des Jüdischen in deren Leben und Werk. Auch sie betonte die eigentliche Übereinstimmung der Themenschwerpunkte der beiden Intellektuellen nach dem Holocaust, konnte aber gleichzeitig theoretische Prämissen aufzeigen, die sich deutlich unterschieden und sich zum Beispiel im jeweiligen Blick auf die jüdische Geschichte niederschlugen. Während Arendt Juden immer als Akteure beschrieb und insbesondere deren Streben nach Assimilation in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen stellte, habe Horkheimer vielmehr die Juden als „phantasmatisches Subjekt“ als Form der Zuschreibung durch die Außenwelt analysiert. Parallel dazu zeigte Boll, dass sich der Stellenwert des Jüdischen im eigenen Leben Horkheimers und Arendts durchaus unterschied. Arendt habe sich durch die Erfahrung des Holocaust eindeutig dazu entschieden, politisch für die Juden zu sprechen, ohne Herkunft zur Maxime allen politischen Denkens zu erheben. Horkheimer habe dazu eine - und dies wurde vor allem in der Diskussion zum Vortrag unterstrichen - gespaltene Haltung eingenommen. Einerseits habe sich im Alltag seine religiöse Praxis deutlich verstärkt, andererseits habe er den Begriff des Jüdischen und der Religion im Allgemeinen häufig auch als Substitut für seine politischen Perspektiven verwandt und in unterschiedlichen Kontexten mit unterschiedlichen politischen Funktionen verknüpft. Detlev Claussens Vortrag, der das Verhältnis von Hannah Arendt, Theodor. W. Adorno und Gershom Scholem hätte beleuchten sollen, musste leider ausfallen.

Im Gesamten betrachtet, konnte die Tagung das erwähnte Spannungsverhältnis von Nähe und Distanz zwischen Arendt und den Frankfurtern selbstverständlich nicht nach einer Seite hin auflösen, sie ermöglichte aber einen konzisen Blick auf verschiedene Aspekte des Verhältnisses und damit eine komplexere Vorstellung der Momente, die eine „Einschulung“ Arendts gemeinhin verhindern. Ein inhaltlicher Einwand gegen letztgültig formulierbare Ergebnisse wäre allerdings, dass der Fokus der Tagung auf dem Vergleich von Arendt und Adorno lag und somit die Erweiterung des Panoramas auf die anderen Mitglieder des Instituts für Sozialforschung wie Herbert Marcuse, Franz Neumann oder Friedrich Pollock sicher noch andere Differenzen wie Berührungspunkte verdeutlichen könnte. Die Gräben, die sich zwischen Arendt, Adorno und Horkheimer auftaten, hatten, wie zum Beispiel der Briefwechsel von Hannah Arendt und Gershom Scholem deutlich zeigt, weitaus weniger mit inhaltlichen Polarisierungen denn persönlichen Querelen zu tun. So könnte ein Blick auf die weniger aufgeladenen Beziehungen zu den anderen Mitgliedern sicher noch mehr dazu verraten, inwiefern Hannah Arendt, die zwar aus der Theorietradition des Liberalismus stammte, deren enge Berührungspunkte mit der des Marxismus aber auf dieser Tagung erneut sichtbar wurden, einen spezifischen Beitrag zur Ausformulierung kritischer Theorie geleistet hat.

Konferenzübersicht:

Raphael Gross (Frankfurt am Main): Begrüßung

Liliane Weissberg (Philadelphia): Einschulung – Eine Einführung

Panel I – Politische Theorie(n)

Chair: Werner Konitzer (Frankfurt am Main)

Hauke Brunkhorst (Flensburg): Arendts Begriff der Macht

Ingeborg Nordmann (Frankfurt am Main): Die Frage ist, wie man das Schwimmen im Strom vermeiden kann. Widerstand bei Arendt und Adorno

Eva-Maria Ziege (Seattle): Arendt, Adorno und die Anfänge der Antisemitismusforschung

Panel II – Im Zentrum: Walter Benjamin

Chair: Katharina Rauschenberger (Frankfurt am Main)

Annika Thiem (Villanova): Mit und gegen Marx: Politische Ansprüche der Gesellschaftskritik bei Arendt und Benjamin

Burkhardt Lindner (Frankfurt am Main): Hannah Arendt, Theodor W. Adorno und Benjamins posthume Rückkehr nach Deutschland

Panel III – Deutsch-jüdische Biographien: Konzeptionen des Judentums

Chair: Dmitrij Belkin (Frankfurt am Main)

Monika Boll (Frankfurt am Main): Hannah Arendt und Max Horkheimer, ein Vergleich beider Leben und Denken

Zitation
Tagungsbericht: Hannah Arendt und die Frankfurter Schule, 11.01.2010 – 11.01.2010 Frankfurt am Main, in: H-Soz-Kult, 06.02.2010, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2988>.