Theorien des Populären

Ort
Paderborn
Veranstalter
Christoph Jacke, Fakultät für Kulturwissenschaften, Universität Paderborn; Nicolas Pethes, Germanistisches Institut, Ruhr-Universität Bochum; Jens Ruchatz, Institut für Theater- und Medienwissenschaft, Universität Erlangen-Nürnberg; Martin Zierold, Gießener Graduiertenzentrum Kulturwissenschaften, Universität Gießen
Datum
08.01.2010 - 09.01.2010
Von
Caroline Rothauge / Martin Lüthe, International Graduate Centre for the Study of Culture (GCSC), Universität Gießen

„Popkultur ist längst nicht mehr Sprachrohr und Spiegel des politischen und gesellschaftlichen Umbruchs, wie noch vor 20, 30 Jahren“[1] zitiert das SZ Magazin den Künstler und Designer Peter Saville als einen von acht Kommentaren zum Thema Pop am Ende des Jahres 2009. Jedoch, so zeigte es der Workshop „Theorien des Populären“ der AG Populärkultur und Medien der Gesellschaft für Medienwissenschaft (GfM), der vom 8. bis 9. Januar 2010 an der Universität Paderborn an der Fakultät für Kulturwissenschaften stattfand, dass die akademische und theoretische Auseinandersetzung mit der Popkultur in Deutschland erneut Fahrt aufgenommen hat.

Wie CHRISTOPH JACKE (Paderborn), Universitätsprofessor für Popmusik und Gastgeber des Workshops, konstatierte, gibt es unglaublich viele Ansätze, das Phänomen des Populären als theoretischen Gegenstand ernst zu nehmen, hierzu jedoch kaum übergreifende Überlegungen. Den Herausforderungen einer Theoretisierung des Populären zu begegnen, war demnach der Grund für das Zusammenkommen in Paderborn. Als zielführend erwiesen sich die Fragen, ob eine genuine Pop-Theorie überhaupt vonnöten ist und ob man sich bei deren Ausformulierung bei anderen Disziplinen bedienen kann und darf.

Weder in der traditionellen Geisteswissenschaft mit ihrer kulturkritischen Perspektive noch in der deutschen Rezeption der Cultural Studies der Birminghamer Schule mit ihrer sozialkritischen Perspektive finden zeitgenössische Populärkulturforscher eine umfassende oder die Komplexität des Gegenstands erklärende Theorie. Erst in jüngerer Zeit mehren sich Versuche, das Populäre ohne wertungsästhetische oder gegenkulturelle Vereinnahmungen theoretisch in den Blick zu nehmen. Auch in Paderborn wurde danach gestrebt, die Heterogenität des Feldes normativ nicht zu beschneiden und populäre Phänomene nicht von vornherein auf übergreifende Eigenschaften festzulegen. Vielmehr ging es darum, die Unterscheidungen zu analysieren, anhand derer Phänomene als populär kodiert werden.

Ob bestimmte Medien oder Mediengruppen eher affin zum Populären sind als andere, damit beschäftigte sich DIEDRICH DIEDERICHSEN (Wien) in seiner keynote lecture „Unpopuläre Popmusik“. Ihm zufolge sei der heutige Popkulturkomplex aus der Popmusik entstanden. Letztere habe einen neuen Rezipiententypus generiert, da die Popmusik von allen Beteiligten wieder aktiv zusammengesetzt werden müsse. Einzelne Bestandteile erklärten Popmusik laut Diederichsen nicht, vielmehr erschließe Popmusik sich nur über die Zusammensetzung, während einem in anderen Formaten – wie dem Kino, dem Fernsehen, den neuen Medien – alles auf einmal zugetragen werde. Diese Praxis des hybriden Zeichengebrauchs in der Popmusik sah Diederichsen deshalb als Differenzkriterium zum Populären. Inzwischen hätten andere popkulturelle Formate jedoch Kennzeichen der Popmusik übernommen.

In SABINE EGGMANNs (Basel) Vortrag wurde das Populäre zum Explanandum statt zum Explanans; das Populäre also zu dem, was erklärt werden soll, statt das Element zu sein, mit dem erklärt wird. Mit ihrem diskursanalytischen Zugriff fokussierte sie die Funktionalität des Populären für die Herstellung gesellschaftlicher Ordnung, das heißt wie, wer, wann und wo mit einer Äußerung manifest werden kann. Im Anschluss an Michel Foucault sei das Wesentliche für moderne Gesellschaften ihre Selbstbezogenheit und das damit einhergehende soziale und kulturelle Projekt der ständigen Selbstdeutung. Den Erkenntniswert der vorgestellten Theoretisierung stellt dabei die Verschiebung der Forschungsposition vom distanzierten „Außen“ der (Ideologie-) Kritik ins reflektierbare „Innen“ des gesellschaftlichen Diskurses dar.

SASCHA TRÜLTZSCH (Salzburg) und THOMAS WILKE (Halle-Wittenberg) beschäftigten sich unter Rückgriff auf Konrad Lorenz’ Instinkttheorie mit der Frage nach einem möglichen Popularitätskriterium, nämlich ihrem Schwellenwert. Außerdem entwickelten Trülitzsch und Wilke eine Differenzierung zwischen Akteurs- und Prozessebene einerseits und dem Prozess der Popularisierung und dem Resultat der Popularität andererseits, die aber jeweils zusammen und wechselseitig gedacht werden müssten. Struktur- und Handlungsebene miteinander zu verknüpfen, war ebenfalls das Ziel des von MARTIN SEELIGER (Bochum) entwickelten Mehrebenenmodells. Seeligers Beitrag zum Verständnis der Funktionslogik der Popkultur bestand in der Entwicklung und Fokussierung der Mesoebene, die als vermittelnde Instanz zwischen Mikro- und Makroebene fungiert.

JOCHEN BONZ (Bremen) betonte gleich zu Beginn seines Vortrages, der das Populäre bewusst skizzenhaft umkreiste, dass er im Unterschied zu Diederichsen Populärmusik als Beispiel und nicht etwa als Gegensatz für Populärkultur sieht. Anstatt in seinen neun Überlegungen zu einem Forschungsansatz von einer Großtheorie auszugehen, zeigte er Motive und Formen des Populären anhand von popmusikalischen Beispielen. Damit bildete Bonz’ Vortrag den Übergang zu den vom Mitorganisator und Moderator JENS RUCHATZ (Nürnberg-Erlangen) formulierten Leitfragen der Abenddiskussion: ob eine genuine Poptheorie überhaupt notwendig sei und wie sich das Verhältnis vom Gegenstand des Populären zu dessen Theoretisierung gestaltet. Zum Auftakt der Debatte setzte sich MARCUS S. KLEINER (Siegen) vehement dafür ein, mit Offenheit an den Gegenstand heranzutreten und sich von ihm „irritieren zu lassen“. Er plädierte dafür, von den Phänomenen selbst auszugehen; die Theoriebildung sehe er als sekundäres oder tertiäres Problem. Im Gegensatz zu CHRISTINA BARTZ (Paderborn) betrachtete er es nicht als zielführend, eine „Welterklärungstheorie“ heranzuziehen, um Populäres zu untersuchen. Bartz stellte Kleiners hermeneutischem Zugriff ein systemtheoretisches Arbeitsprogramm zur Erforschung der Populärkultur entgegen. Abschließend befand THOMAS HECKEN (Bochum), dass Großtheorien versuchen, Populäres mit einzugliedern, um ihren holistischen Erklärungsanspruch beibehalten zu können. Für Hecken schienen vor allem metatheoretische wie wissenschaftshistorische Fragen zu Populärkulturtheorien von Interesse zu sein: Kennzeichnend für die alltägliche wissenschaftliche Praxis sei ein Grundmaß an Eklektizismus, weshalb eine eigene, große Theorie des Populären nicht angeraten bzw. gefordert sei.

Mit Stanley Cavell näherte sich HERBERT SCHWAAB (Regensburg) am Folgetag einer Philosophie des Populären, exemplifiziert am US-amerikanischen Unterhaltungsfilm der 1930er-Jahre. Im Sinne des Transzendentalismus plädierte Schwaab dafür, dem Gegenstand mit den eigenen Erfahrungen und der Faszination zu begegnen. Im Zentrum des Beitrags von MATHIAS MERTENS (Hildesheim) stand die Figur der Wiederholung als sinnstiftendes Element der Populärkultur. Seine Analyse von stets wiederkehrenden Topoi stellte seinerseits eine Aufwertung des Gegenstandes dar. Er trat dafür ein, dass die Popkultur als Kulturwissenschaft betrieben werden solle, was nicht zuletzt produktive Anknüpfungspunkte zur kulturwissenschaftlichen Gedächtnisforschung aufwies. Mit dem Musikjournalismus als Mitgestalter des Kanons der Populärkultur beschäftigte sich BENJAMIN SCHÄFER (Paderborn) in seinem Vortrag, also mit den Werturteilen und Bewertungskriterien, die musikjournalistischen Texten zugrunde liegen. Für seine Überlegungen synthetisierte Schäfer Theorien der britischen Cultural Studies, Modelle aus der Journalistik und den Medienkulturwissenschaften. Die hierbei gewonnenen Erkenntnisse könnten laut Schäfer induktiv genutzt werden, um eine Theorie des Populären zu formulieren.

Im Abschlussplenum betonte Mitorganisator MARTIN ZIEROLD (Gießen), dass es beim Workshop – siehe Titel – um Theorien des Populären und eher um die allgemeine Frage ging, was der Ertrag von Theorien überhaupt ist, als darum, eine große Theorie zu bauen. Für viele erschien diese Frage jedoch gar nicht so interessant, sondern vielmehr die induktive Beschäftigung mit dem Gegenstand des Populären. Entsprechend wird sich der nächste von der AG Populärkultur und Medien organisierte Workshop mit dem Dazwischen von Theorie und Gegenstand, nämlich den Methoden und ihren Begründungen, befassen. Die sehr produktiven, inhaltlich vielfältigen eineinhalb Tage in Paderborn haben jedenfalls eines gezeigt: Die Popkultur ist alles andere als tot, sondern eine ernsthafte wissenschaftlich-theoretische Auseinandersetzung wert.

Konferenzübersicht:

Diedrich Diederichsen (Wien): Unpopuläre Popmusik.

Sabine Eggmann (Basel): Das ‚Populäre’ aus diskursanalytischer Sicht – Möglichkeiten der Theoretisierung.

Sascha Trültzsch (Salzburg) und Thomas Wilke (Halle-Wittenberg): Zum Schwellenwert des Populären. Bausteine zu einer Theorie des Populären.

Martin Seeliger (Bochum): Struktur – Handlung – Kultur. Vorschlag für eine funktionsdynamische Perspektive auf (pop-) kulturelle Formen.

Jochen Bonz (Bremen): Populäres – Skizze eines Forschungsansatzes. Eine Verkettung von Überlegungen in 9 Schritten.

Abenddiskussion: Theorien des Pop(ulären). Ziele für Popforschungen

Christina Bartz (Paderborn)

Thomas Hecken (Bochum)

Marcus S. Kleiner (Siegen)

Herbert Schwaab (Regensburg): Stanley Cavell und eine Philosophie des Populären.

Mathias Mertens (Hildesheim): Populärkultur der Wiederholung.

Benjamin Schäfer (Paderborn): Popmusikforschung: Analysemöglichkeiten und -probleme von Musikjournalismus als kanonbildende Instanz in der Populärkultur.

Abschlussplenum/Arbeitssitzung AG

Anmerkung:
[1] Süddeutsche Zeitung Magazin. Heft 53 (2009), <http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/32011> (20.01.2010).

Zitation
Tagungsbericht: Theorien des Populären, 08.01.2010 – 09.01.2010 Paderborn, in: H-Soz-Kult, 18.02.2010, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3001>.