Ort
Regensburg
Veranstalter
Anton Powell, Internationales Sparta-Seminar; Georg Rechenauer, Lehrstuhl für Griechische Philologie, Universität Regensburg; Vassiliki Pothou, Institut für Griechische Philologie, Universität Regensburg
Datum
24.09.2009 - 26.09.2009
Von
Vassiliki Pothou, Institut für Klassische Altertumskunde, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Das diesjährige Internationale Sparta-Seminar[1] nahm vor allem die langfristige Zukunft der Sparta-Forschung in den Blick. Alle Forscher in diesem Bereich sind sich der bedeutenden Beiträge von deutschen Wissenschaftlern der älteren Generation bewusst. Während der letzten 60 Jahre hat die deutsche Sparta-Forschung zwar durchaus eine Fortsetzung gefunden, jedoch eher in einem reduzierten Umfang. Die Gründe mögen vor dem Hintergrund einer nationalsozialistischen Instrumentalisierung des Sparta-Themas verständlich sein, sie sind jedoch immer weniger relevant heutzutage. Die Organisatoren des Sparta-Seminars haben, mit der Unterstützung der Universität Regensburg, die Initiative zu einer aktuellen Konferenz mit breitem Themenspektrum ergriffen: Die Geschichte und die Rezeptionsgeschichte des antiken Sparta.

Der Vortrag von GEORG RECHENAUER (Regensburg) war auf Konzeptionen von Körperlichkeit und auf das Verhältnis zwischen menschlichem Körper und politischer sowie gesellschaftlicher Macht im antiken Sparta fokussiert. In den Elegien von Tyrtaios erscheint der Körper als physischer Agent der militärischen Macht. Der tiefste Grund dieser Verbindung, so Rechenauer, sei der Versuch des Überlebens der Polis durch das private Leben der Individuen. Nur wenn der Körper als Mittel der politischen Macht funktioniere, erreiche er seine wahre Tugend. Dieses sei eine Neudefinition gewöhnlicher Körperkonzepte gewesen. Deshalb habe Sparta aus ideologischen Gründen jeder Modernisierung und Humanisierung der militärischen Technik abgesagt. Die Frauen von Sparta seien mächtiger und zugleich freier als die Frauen der übrigen griechischen Welt gewesen. Wie in dem Partheneion Fragment von Alkman zu erkennen sei, habe das idealisierte Bild der Frau in Sparta eine männliche Körperlichkeit fern von jeder Passivität und Unterwürfigkeit gehabt.

FABIAN SCHULZ (Berlin-Paris) untersuchte “die politische Rolle der Gerousia am Beispiel der Regierungszeit des Kleomenes”. Der erste Teil seines Vortrags thematisierte die politischen Einflüsse der Gerousia im Allgemeinen. Der zweite Teil widmete sich der Frage, welche politischen Entscheidungen die Gerousia während der Zeit des Kleomenes getroffen habe. Abschließend wurde das Verhältnis der Gerousia zu Kleomenes und zu den Königen behandelt. Die Mitglieder der Gerousia funktionierten nach Schulz als Wächter und Beschützer der Gesetze. Die Mehrheit der Gerousia habe offensichtlich Kleomenes gesetzlich und gerichtlich unterstützt. Für mehr als 15 Jahre habe die Gerousia Kleomenes geschützt, seine Aussenpolitik gefördert und seinen Feind Demaratos zerstört. Der Bruch nach seinem Tod verweise darauf, dass die Gerousia ihm zu Diensten stand und nicht umgekehrt. Eine ähnliche Konstellation habe sich bei Agesilaos wiederholt. Dank der politischen Macht der Gerousia seien diese beiden Könige die einflussreichsten Herrscher in der Geschichte Spartas gewesen.

NANCY BOUIDGHAGHEN (Paris) beschäftigte sich mit dem Feldzug, der bei den Thermopylen ein Ende fand, wie es Herodot beschreibt. Bouidghaghen interessierte sich besonders für die Periode, die zwischen dem Rückzug der spartanischen Expedition von Tempe und dem Tod von Leonidas und seinen Männern lag. Auch Sparta beteiligte sich an einem Krieg, der über den Peloponnes hinausging. Dies sei ein von Sparta weit entfernter Krieg gewesen, der nicht der spartanischen Kriegsdefinition entsprochen habe. Die Thessalienexpedition zeige, dass Sparta Schwierigkeiten gehabt habe, sich an Neuerungen anzupassen und eine Strategie für diesen Krieg zu entwerfen. In logistischer Hinsicht sei dies ein Auswärtskrieg gewesen, der aber durch Motive eines Inlandskrieges begründet werde. Die Analyse der früheren Kriegsstrategien der Spartaner und ihrer Konsequenzen zeige, dass “gewinnen oder sterben” in Sparta bis dahin noch kein Gesetz gewesen sei. Es handle sich also um eine Wandlung in der Geschichte der spartanischen Strategieplanung, ein außergewöhnlicher Moment, der sich auch in der Opferbereitschaft Leonidas‘ und seinen Männern widerspiegele. Die Entscheidung von Leonidas, in den Thermopylen zu bleiben, sei eher eine persönliche Wahl und ein Beweis dafür, dass sie diesen Krieg und seine Bedeutung hätten besser einschätzen können als ihre Mitbürger.

NICOLAS RICHER (Lyon) präsentierte namenskundliche und ikonographische Überlegungen zum Gebrauch von Tierbildern in Lakonien. Im Allgemeinen seien es dieselben Tiere, die als Vorbilder für Personennamen dienten, und die auf der lakonischen Keramik des 6. Jahrhunderts gezeigt wurden. Jene Tiere, die von den Spartanern zur Namensgebung für würdig erachtet wurden, seien von begrenzter Zahl gewesen. Diese Wahl habe die Herdentiere der Viehzucht von vornherein ausgeschlossen. Die Wertschätzung der übrigen Tiere sei von ihrer Tapferkeit abhängig gewesen. Der Wert der Namensforschung werde begrenzt durch den Umstand, dass die überlieferten Namen der Lakonier wahrscheinlich überwiegend zur Elite gehörten. Das Vokabular der Tiernamen, so das Resümee, sei bemerkenswert und zeige die Art und Weise, wie die Lakonier Tiere und Menschen im selben Universum integrierten.

PHILIP DAVIES (Nottingham) befasste sich mit der Frage nach der literarischen Bedeutung der Verschwörung des Kinadon nach Xenophons Schilderung. Die beste Erklärung der erzählerischen Bedeutung sei, dass sie die Debatte über die Eurypontische Königsherrschaft, die ihr vorangeht, fortführe. Die beiden Abschnitte seien durch ein Opfer des Agesilaos verbunden, welches vor einer drohenden Verschwörung warnt. Die Verschwörung des Kinadon wird daraufhin entdeckt und niedergeschlagen. Diese Deutung richtete sich gegen die Interpretation in der jüngeren Forschung, welche die Auseinandersetzung über die Königsherrschaft als für Agesilaos ungünstig gesehen habe. Davies stimmte auch nicht mit Versuchen überein, die Verschwörung des Kinadon in Bezug auf Lysander zu deuten. Die Erzählweise von Xenophon lege ein Interesse an Kinadon selbst nahe. Xenophon verwandle dieses Ereignis in eine spannende Erzählung. Sein Wissen über Sparta garantiere die Relevanz der Informationen zum Spartanischen Leben. Über Xenophons Quelle vermutet Davies, dass die Figur des Kinadon, wenn sie nicht von Xenophon erfunden wurde, als Schreckgespenst mit den reichen Adelsfamilien verbunden werden sollte, mit denen der Historiker selbst wahrscheinlich in Kontakt stand.

ANTON POWELL (Swansea) referierte über die Prophezeiung und die Unsicherheit der spartanischen Könige. Die Könige von Sparta galten teilweise als von göttlicher Abstammung. Die Beispiele des Leonidas, des Archidamos, des Agesilaos, die mehrere Jahren regierten, verstärkten die göttliche Seite ihres Königtums. Tatsächlich, so stellte Powell fest, wurden sieben von elf Königen zwischen 500 und 395 vor Christus, das bedeutet fast zwei Drittel von ihnen, exiliert oder ermordet. Die moderne Forschung habe die religiösen Vorzüge der Könige betont: sie waren Priester von Zeus und Wächter der Orakel von Delphi. Dies sei ein wirksamer Schutz der spartanischen Könige gewesen. Nach Herodot, Thukydides und Xenophon hat die Opposition der Könige die Weissagungen als Argument benutzt. Bis heute habe die Mehrheit der Forscher die Neigung die Rolle der Prophezeiung bei antiken Quellen einzuschränken. Bei Thukydides ist die Rolle der Prophezeiung erstaunlicherweise wichtig, besonders in Bezug auf die inneren politischen Kämpfe, die besonders bedrohlich für die spartanischen Könige waren. Powell vermutet, dass der religiöse Bereich entscheidend für das Schicksal eines spartanischen Königs gewesen sei.

MARTIN DREHER (Magdeburg) stellte eine opinio communis der spartanischen Welt in Frage: die Stabilität. Unter den Perioikoi, den Heloten und den Spartanern seien allein die Spartaner die wichtigste Gefahr für die Stabilität ihrer Welt gewesen. Die Perioikoi hätten sehr geringe Neigung zu Revolutionen gezeigt. Unter den Heloten kämpften nur die messenischen Heloten für ihre kollektive Freiheit gegen die Spartaner. Während des 4. Jahrhunderts haben wir Informationen über erfolglose Verschwörungen gegen den Status quo von Sparta. Es scheine, dass alle drei Gruppen nicht die Regeln der Macht ändern wollten oder fast keine Gelegenheit hatten solches zu tun. Die Herrschaft einer relativ kleinen spartanischen Elite über ein relativ großes Territorium habe zur Wirkung gehabt, dass die Spartaner unter sich selbst kaum ernsthafte Kämpfe ausfochten und so weder den Heloten noch den Perioikoi die geringste Möglichkeit gaben, die spartanische Politeia umzustürzen.

STEPHEN HODKINSON (Nottingham) argumentierte, dass Sparta im Vergleich zu Gortyn und Athen keine außergewöhnliche Verschmelzung von Staat und Gesellschaft dargestellt habe, in der der Staat das Verhalten seiner Bürger kontrolliert habe. Nach Hodkinson sei die staatliche Einmischung in das Privateigentum begrenzt und oft unwirksam gewesen. Ein ähnliches Bild ergebe sich im Bereich des Erbschafts- und Erbfolgerechts und der Aufteilung und Veräußerung von Privatbesitz. Ähnliches gelte für die Gesetze zur Verheiratung von Erbtöchtern, weil spartanische Familien Hochzeiten und Erbschaftsangelegenheiten ohne Eingriffe von Seiten des Staates regeln konnten. Die Kontrolle sei im Bereich der Produktion und des Handels gleichfalls unvollständig gewesen. Die spartanische Polis kannte keine rechtliche Trennung von sozial-bürgerlich-politischer Betätigung und Wirtschaftstätigkeit. Die neueste Forschung bezweifle, dass die öffentlichen Einrichtungen (Erziehung, gemeinsame Mahlzeiten, Heer) das tägliche Leben des Einzelnen dominierten. Es sei falsch, wenn man Sparta als totalitären Staat ansehe, weil es so gut wie keine der grundlegenden Merkmale moderner totalitärer Gesellschaften habe. Die spartanische Polis stelle folglich keinen Sonderfall einer Stadt dar, in der Staat und Gesellschaft eine Fusion eingegangen seien.

THOMAS BLANK (Tübingen) hat sich mit den Veränderungen und den kontradiktorischen Neigungen in der Rede „ Archidamos“ des Isokrates beschäftigt. Diese Rede gelte als die am meisten pro-spartanische Rede des Isokrates. Im Anschluss an eine Analyse der Ansprüche des erfundenen Redners Archidamos und der technischen Mittel seiner Argumentation bietet Blank eine neue Interpretation. Der Verlauf der Handlungen, die Archidamos vorschlägt, vermittele den Eindruck, dass er politisch ähnlich wie sein Vater Agesilaos II denke. Gleichzeitig erscheine er als eine Gegenfigur seines Großvaters Archidamos II, wie er bei Thukydides präsentiert wird. Nach Isokrates führe ein Konflikt zwischen Vernunft und Volksmeinung unvermeidlich zu einem Mangel an Überzeugungskraft. Archidamos’ Argumentation scheint die Macht der zuhörenden Volksmenge systematisch zu ignorieren. Er erklärt seine Handlungsweise als angemessen für diejenigen, die in Not sind, und die einen politischen Umsturz suchen. Diese Rede könne als ein warnender ‚Spiegel‘ für die Athener funktionieren. Indem Isokrates die Außenpolitik der spartanischen und athenischen Aristokraten als gegen traditionelle spartanische Werte verstoßend kritisiere, erweise sich die Rede des Archidamos als in voller Übereinstimmung mit Isokrates’ Ideen in seinen anderen Werken.

YVES LAFOND (Poitiers) untersucht “Das Bild Spartas zur Kaiserzeit” aus kulturhistorischem Blickwinkel. Ihm geht es um die Analyse von Modalitäten, nach denen sich Repräsentationssysteme und symbolische Konstrukte in städtischen Praktiken verwirklichten. Quellen sind Ehreninschriften, die als offizielle Ansprachen der Stadt dokumentarische Spuren der Selbstdarstellung der Städte bildeten und als geistige Vorstellungen der Honoratioren der Stadt den Prozess einer Identitätsfindung beeinflussen wollten. Lafond fragt, ob die örtlichen Eliten im politischen, sozialen und religiösen Leben nicht selbst “die Stadt” waren und ob die Gesellschaft wirklich an den von Eliten organisierten Praktiken beteiligt gewesen sei. Über mythische Stammbäume wurden aristokratische Verbindungen zwischen einigen Familien der spartanischen Gesellschaft gezogen. Dank deren Anerkennung seien die Eliten tragender Teil einer “städtischen Ethik” geworden. Der religiöse Bereich habe somit als ein Ankerplatz städtischer Identität gedient.

VASSILIKI POTHOU (Athen-Regensburg) sprach über “Sparta, Qumran und Alexandria”. Weder die Essener noch die Therapeuten seien gegenüber fremden Einflüssen völlig abgeschottet gewesen. Die essenische Bewegung habe das dorische Vorbild für die liturgische Ordnung ihres Lebens instrumentalisiert. Ansonsten sei aber die essenische Gemeinschaft ohne echte Analogie zum spartanischen Kosmos geblieben. Die Interpretatio dorica stehe bei den Therapeuten auf einer höheren Stufe, das heißt, sie beziehe sich mehr auf das kulturelle Niveau und weniger auf die gesellschaftliche Organisation. Die Therapeuten hatten mehr die Intellektualität ihrer Sekte als die Organisation ihres Lebens “spartanisiert”. Insofern als die Spartaner ihren Militarismus durch die chorische Lyrik, den Feminismus, die Anti-Redekultur und den Begriff der Kalokagathie intellektualisiert haben, sollten die Therapeuten ihnen auf gleichen kulturellem Weg folgen. Das antike Sparta, so die These, habe seinen Samen auf dem Feld der Essener gestreut, es sammelte aber die intellektuelle Ernte auf dem Feld der Therapeuten.

FRITZ-GREGOR HERRMANN (Swansea) fragte danach, in welchem Maße spartanisches Gedankengut im Denken des Kritias, Anführer der ‚Dreißig Tyrannen‘, nachzuweisen sei. Herrmann führte aus, dass es bei allen Vorbehalten berechtigt scheint, gegen Angriffe in der jüngeren Forschung, sowohl sophrosyne als spartanische Tugend zu sehen, als auch Kritias eine eigene, sich auf Sparta bewußt beziehende Auffassung des Begriffs der sophrosyne zuzuschreiben. Seine Argumentation stützt sich dabei vor allem auf den Sprachgebrauch und das Wiederkehren bestimmter Motive, die zwar für sich allein nicht unbedingt aussagekräftig seien, in ihrem Zusammenspiel aber ein einheitliches Bild entstehen ließen: Kritias konnte mit gutem Grund sophrosyne als ta eautou prattein interpretieren und dies als eine spartanische Tugend ansprechen.

Thema des Beitrags von ANDREAS LUTHER (Kiel) war die Stellungnahme von Kritias, des Gegners der Demokratie in Athen und großen Bewunderers spartanischen Lebens und Autors zweier Werke über die Anfänge des spartanischen Staates. Kritias habe eine frühe Periode von Unordnung in Sparta angenommen und zur Gruppe jener Autoren gehört, die an eine schrittweise erfolgende Verbesserung der spartanischen Verfassung glaubten. Nach Luther sei Kritias der Erste gewesen, der behauptete, dass der Weise Chilon eine entscheidende Rolle bei der Einrichtung der guten Verfassung in Sparta gespielt habe.

HELEN ROCHE (Cambridge) sprach über die Bedeutung Spartas für das pädagogische Milieu des Königlich-Preußischen Kadettenkorps im 19. und frühen 20. Jahrhundert (1819-1918). In allen Genres der Kadettenanstaltsliteratur seien Belege zu finden, die darauf hinweisen, dass Kadetten, ihre Erzieher und zeitgenössische Kommentatoren des Systems sämtlich der Idee anhingen, die Schulen als preußisches “Sparta reditiva” oder “Neu-Sparta” anzusehen. Roche möchte diese Ähnlichkeiten nicht lediglich aufgrund ihres Vergleichswertes anführen, sondern sie als Hintergrund für die hohe Wertschätzung des spartanischen Topos in der Kadettenschulenliteratur untersuchen. Es gebe genügend Analogien zwischen Beschreibungen des Lebens an den Kadettenschulen und jenen der spartanischen Erziehung, um zu dem Schluss zu kommen, dass dieser Topos möglicherweise auf antiken Quellen basiert war.

Der Beitrag von STEFAN REBENICH (Bern) “Alter Wein in neuen Schläuchen? Das Spartabild in der deutschen Geschichtsschreibung nach 1945” handelte vom Spartabild in der deutschen Geschichtsschreibung nach 1945. Rebenich stellte dabei seine frühere Feststellung, die Sparta-Forschung sei in der deutschen Geschichtsschreibung nach dem Zweiten Weltkrieg nicht verbreitet gewesen, in Frage. Helmut Berve, der wichtigste Althistoriker im ‚Dritten Reich‘, schilderte Sparta mit der elitären Mentalität, der Idealisierung der militärischen Pflicht, dem Begehren nach einem starken Führer und der Verherrlichung des Volkes als das ideale Modell für die NS-Regierung. Rebenich referierte über die Arbeiten von Ernst Klett, Helmut Berve, Konrad Wickert, Gerhard Zeilhofer, Franz Kiechle, Detlef Lotze, Hermann Bengtson und Alfred Heuß. Diese Arbeiten betreffen teilweise den Rassismus, den Totalitarismus und den Chauvinismus von Sparta. Sparta blieb ein Thema für Spezialisten. In Erlangen sei seit 1950 eine neue Generation von Historikern entstanden, die sich mit Quellenkritik statt mit Ideologie beschäftigten. Die Habilitation von Franz Kiechle über Sparta und Lakonien behauptete, dass die Verwandlung der spartanischen Welt das Ergebnis innerer Spannungen gewesen sei. Seine innovative Arbeit sei das fehlende Glied zwischen der traditionellen Volksgeschichte und der modernen Sozialgeschichte in der deutschen Geschichtsschreibung über Sparta: diese Mischung des Alten mit dem Neuen liefere den besten ‚Wein‘. Gleichwohl böten die meisten Bücher über griechische Geschichte eine eher altmodische Darstellung von Sparta, mit einer Ausnahme: die „Griechische Geschichte” von Alfred Heuß.

Hinsichtlich ihrer Themen war diese Sparta-Tagung in Regensburg sehr vielschichtig. Zwei prinzipielle Tendenzen sind festzustellen: Das antike Sparta ist eine noch immer nicht gut erforschte Welt und birgt viele Mysterien und erzeugt viele Illusionen. Dieser Teil der Tagung befragte kritisch die Identität der spartanischen Gesellschaft und stand eher im Zeichen des Streites um das Menschenbild von Sparta in Konfrontation mit der damaligen politischen Welt. Die zweite Tendenz war die verschiedenartige Rezeption Spartas durch spätere Generationen und die Verarbeitung des Traumas der deutschen Vergangenheit.

Konferenzübersicht:

Anton Powell (Swansea): “Divination and the insecurity of Spartan kings”.

Georg Rechenauer (Regensburg): “Körper und Macht. Zur Bedeutung der Körperlichkeit im antiken Sparta”.

Stephen Hodkinson (Nottingham): “Was Sparta an exceptional Polis?”

Nicolas Richer (Lyon): “Le bestiaire lacédémonien”.

Stefan Rebenich (Bern): “Alter Wein in neuen Schläuchen? Das Spartabild in der
deutschen Geschichtsschreibung nach 1945”.

Yves Lafond (Poitiers): “L’ image de Sparte à l’époque imperiale romaine (Ier-IIIe siècles p. C.)”.

Fritz-Gregor Herrmann (Swansea): “Kritias of Athens: Spartan influences”.

Martin Dreher (Magdeburg): “Der Kosmos Sparta: ein Vorbild an Stabilität?”

Andreas Luther (Kiel): “Kritias und das Lob Spartas”.

Fabian Schulz (Berlin-Paris): “Die politische Rolle der Gerousia”.

Helen Roche (Cambridge): “ “Spartanerjünglinge”: Sparta in the Prussian cadet schools (1817-1918)”.

Thomas Blank (Tübingen): “Archidamos Rhêtor - Spartas Bruch mit der Tradition in
Isokrates’ Archidamos”.

Nancy Bouidghaghen (Paris): “Hérodote et la stratégie spartiate”.

Philip Davies (Nottingham): “A Distorted Lens: Xenophon as a source for the Cinadon
Conspiracy”.

Vassiliki Pothou (Athen-Regensburg): “Sparta, Qumran und Alexandria: so nah, so fern?”

Anmerkung:
[1] Das “Internationale Sparta-Seminar” existiert seit 1987 und trifft sich seither regelmäßig. Es hat bisher wissenschaftliche Konferenzen in Frankreich, Großbritannien und Irland gehalten. Die Begründer und Organisatoren des Seminars sind Anton Powell und Stephen Hodkinson. Deutsche Autoren haben bereits mehrfach Artikel in den bislang neun Bänden, die das Seminar publizierte, veröffentlicht: Stefan Rebenich, Stefan Link und Karl-Wilhelm Welwei gehören beispielsweise zu diesen Autoren. Die jüngste Konferenz in Regensburg machte es möglich, dass erstmals deutsche Kollegen mehrheitlich beteiligt waren.

Zitation
Tagungsbericht: Das antike Sparta, 24.09.2009 – 26.09.2009 Regensburg, in: H-Soz-Kult, 13.03.2010, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3016>.