Kolloquium zur Militärgeschichte für Nachwuchswissenschaftler/-innen

Ort
Mainz
Veranstalter
Wissenschaftlicher Beirat zur Verleihung des Werner-Hahlweg-Preises; Deutsches Komitee für die Geschichte des Zweiten Weltkrieges; Arbeitskreis Militärgeschichte; Arbeitskreis Militär und Gesellschaft in der Frühen Neuzeit
Datum
17.05.2010 - 19.05.2010
Von
Takuma Melber, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Um sich über ihre militärhistorisch ausgerichteten Arbeiten mit ausgewiesenen Experten der Militärgeschichte auszutauschen, tagten vom 17. bis 19. Mai 2010 junge HistorikerInnen im Senatssaal der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Im Rahmen des Nachwuchskolloquiums, veranstaltet vom Deutschen Komitee für die Geschichte des Zweiten Weltkrieges, dem Arbeitskreis Militärgeschichte, dem Arbeitskreis Militär und Gesellschaft in der Frühen Neuzeit und vom Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung, wurde ein breites Themenspektrum der Militärgeschichte abgedeckt, was die zeitliche und örtliche Fokussierung, militär- und kulturhistorische Ansätze sowie interdisziplinäre Herangehensweisen anbelangt.

Der Blick der Diskutanten richtete sich im von RAINER F. SCHMIDT (Würzburg) moderierten Panel „Biographische Perspektiven“ auf militärhistorisch relevante Akteure. CARMEN WINKEL (Potsdam) präsentierte hier einen überaus innovativen Ansatz der Netzwerkanalyse: Sie untersucht das preußische Offizierskorps im 18. Jahrhundert unter besonderer Berücksichtigung sozialer Beziehungen (Verwandtschaft, Freundschaft, Patronage, Landsmannschaft) der Akteure. Anhand von Fallbeispielen verdeutlichte Winkel, dass als Auswahlkriterien zum Eintritt in den Offiziersstand nicht etwa Leistung oder Eignung, sondern verwandtschaftliche und familiäre sowie wirtschaftliche Interessen preußischer Adeliger die entscheidende Rolle spielten. Bildungen regelrechter preußischer Militärdynastien waren die Folge. Winkel räumte ein, dass die Zugehörigkeit zum Adel ein wesentliches Kriterium der Vorauswahl der Offiziere darstellte. Allerdings wies die Referentin darauf hin, dass die Standesunterschiede bei Weitem nicht so fest verankert waren, wie von der traditionellen Forschung bislang angenommen. Man darf auf die Endergebnisse der sich besonders auf Briefmaterial stützenden Studie gespannt sein, existieren für die Militärgeschichte zwar Gruppenbiografien, jedoch kaum Netzwerkbetrachtungen, die neue Einblicke in das System Militär gewähren, wie PETER LIEB (Sandhurst) im Kommentar betonte.

Christian Senne (Hamburg) und Niels Weise (Würzburg) zeigten anhand ihrer Beiträge, dass auch die klassische Einzelbiographie neue, den militärhistorischen Diskurs anregende Erkenntnisse zu Tage fördert. Anhand der Karriere Curt Ernst von Morgens, der als Forschungsreisender in Kamerun, als Militärattaché in Konstantinopel und als Infanteriegeneral tätig war, verwies auch CHRISTIAN SENNE auf die Bedeutung von Netzwerken innerhalb der preußisch-deutschen Armee: Die militärische Laufbahn und der schnelle Aufstieg von Morgens waren wesentlich durch die Vernetzung des Generals im militärischen System sowie die Protektion seines Vorgesetzten Eduard von Liebert bestimmt. Einem Netzwerk imperial denkender Offiziere im preußischen Heer gelang es durch Stellenbesetzungen im eigenen Sinne die imperiale Politik des nach Weltmacht strebenden Deutschen Kaiserreichs mitzugestalten, wenngleich es im Offizierskorps der Schutztruppen keinen esprit de corps gegeben hat. Ferner setzte Senne mit Blick auf die historische Forschungsfrage nach dem Zusammenhang zwischen der Etablierung von Kolonialgebieten im Zuge des Imperialismus und dem Emporkommen totalitärer Regime einen Gegenstandpunkt zur These Hannah Arendts[1]: War und blieb von Morgen auch nach der Auflösung des Kaiserreichs ein bekennender Monarchist sowie Revisionist und zeigte er eine gewisse Affinität zu einer autoritären Herrschaftsform auf, war er der nationalsozialistischen Bewegung nicht zugeneigt.

NIELS WEISE richtete den Fokus auf die Zeit der nationalsozialistischen „Schutzhaft“ Theoder Eickes im Jahr 1933, der als SS-Obergruppenführer, Mitbegründer der Waffen-SS und insbesondere als zweiter Kommandant des Konzentrationslagers Dachau und KZ-Inspekteur traurige Berühmtheit erlangte. Unter Heranziehung des in der Würzburger Psychiatrie 1933 angelegten Anamneseberichts schlug Weise die „Akte Eicke“ neu auf und stellte dabei die neu gewonnenen Erkenntnisse zum Führungsstil Heinrich Himmlers heraus: So wurde der damalige SS-Oberführer auf Anweisung Himmlers und nicht etwa auf die des pfälzischen Gauleiters Josef Bürckel in die Psychatrie eingewiesen. Himmler veranlasste auch Eickes Entlassung, um den lokalen Konflikt zwischen Bürckel und Eicke zu entschärfen, die gerade vakant gewordene Stelle der Leitung des Konzentrationslagers Dachau in der Person Eickes zu besetzen und im neuen Leiter des KZs Dachau, der seine Berufung als „letzte Bewährungschance“ verstand, das Gefühl einer gewissen Abhängigkeit sowie eine loyale Haltung hervorzurufen. Auch diese Studie ist somit im Rahmen des in diesem Panel diskutierten Netzwerkbegriffs einzuordnen.

In der von Rolf-Dieter Müller (Potsdam) geleiteten und Volker Schmidtchen (Bochum) kommentierten zweiten Sektion „Schlacht als Analyseinstrument“ stellte FREDERIC GROSS (Tübingen) die Schlacht bei Lobositz (1. Oktober 1756) vor. Dabei stellte er die Frage nach Existenz und Reichweite soldatischer Tugenden und Normen mit besonderer Fokussierung der einfachen Soldaten im Angesicht militärischer Gefahr. Gross zeigte auf, dass das militärische Tugend- und Wertesystem den Interaktionsrahmen der Akteure festlegte, wobei das Prinzip der Funktionalität die oberste Prämisse bildete. In realiter gab es dabei eine gewisse Diskrepanz zwischen eingeforderten Normen und dem tatsächlichen Verhalten der Soldaten. Normverstöße waren hier letztlich der militärischen Praxis geschuldet. Des Weiteren stellte Gross in seiner Betrachtung der Schlacht als militärischem Ausnahmezustand übergeordnete Motivationsfaktoren zur Schlachtenteilnahme, wie Glaube, Ehre, Treue und Patriotismus, in Relation zu Faktoren individueller Natur, wie Selbsterhaltungstrieb und Angst. Der Referent zeigte auf, dass die Schlacht als Schockerlebnis zum Ausbruch latenter Unzufriedenheit führen und schließlich in Desertion münden konnte. Letztlich, so Gross‘ Fazit, muss der militärische Wertekanon als selbstgeneriertes, standesethisches und nicht als ein aufoktroyiertes Wertesystem aufgefasst und die Schlachtenteilnehmer einerseits als Träger andererseits als Produzenten von Normen- und Wertesystemen verstanden werden.

Die Verbindung der Elemente einer operationsgeschichtlichen Schlachtenanalyse mit Aspekten mentalitätsgeschichtlicher Natur leistete JONATHAN ZIMMERLI (Bern) anhand der Schlacht im Hürtgenwald (1944). Zimmerli schritt dabei von der personenbezogenen Mikro- auf eine strukturelle Probleme und Mentalitäten des US-Offizierskorps betrachtende Makroebene. Zimmerli erläuterte, dass das Fortsetzen der Schlacht trotz exorbitant ansteigender Verlustzahlen und des bedenkenlosen Opferns amerikanischer Soldaten durch die Kommandierenden der 1. US-Armee dem von der Marktwirtschaft her bekannten „Fire and Hire“-Prinzip geschuldet war. Die Regel darstellenden Einmischungen von oben, gekoppelt mit der ständigen Angst vor Entlassungen, erzeugten eine soziale Drucksituation innerhalb der US-Armee. Dieser auf den Kommandierenden lastende soziale Druck hatte schließlich eine zu positive Darstellung der eigenen Leistungs- und Einsatzfähigkeit in den Tagesberichten der Divisionen und Regimenter zur Folge, sodass auf höchster Kommandoebene eine völlig verzerrte Wahrnehmung der tatsächlichen Kriegslage vorherrschte. Ihr war letztlich das sture Festhalten der Entscheidungsträger an einer amerikanischen Kriegsführung in strategisch gesehen zweitrangigem Gelände geschuldet. Der Taylorismus bestimmte die Mentalität der US-Armee im Zweiten Weltkrieg wesentlich, in welcher der einfache GI nichts weiter als ein bloßes und leicht austauschbares Rädchen der amerikanischen Militärmaschinerie darstellte.

SÖNKE NEITZEL (Mainz) wies in seinem Abschlusskommentar in dem von Stefan Karner geleiteten Kolloquiumsabschnitt „Militärische Fremdherrschaft“ darauf hin, dass es der historischen Forschungslandschaft noch immer an vergleichenden Besatzungsstudien mangele. Diesen Appell stützend, wurde in dieser Sektion einem österreichisch-ungarischen Beispiel aus dem späten 19./frühen 20. Jahrhundert eine deutsche Okkupationsstudie aus dem Zweiten Weltkrieg gegenübergestellt.

TAMARA SCHEER (Budapest) stellte die Militärpräsenz der Donaumonarchie im Sandszak Novipazar/Plevlje vor, wobei sie den Sonderstatus des Sandszaks hervorhob: Aufgrund der aufrecht erhalten gebliebenen osmanischen Verwaltung sei in diesem Fall nämlich von einer Militärpräsenz, jedoch nicht von einer Besatzung im militärischen Sinn zu sprechen. Auf einen breiten Quellenfundus gestützt, möchte diese Studie eine umfassende Sicht auf die österreichisch-ungarische Militärpräsenz offerieren, zivile und militärische Strukturen sowie politische Intentionen und Ziele der Entsendungsmacht unter Berücksichtigung entsprechender Verträge und Abkommen aufzeigen. Kooperationen und Dialoge, aber auch Konflikte kämen bei der Begutachtung des Sandszakalltags ebenso wie die Kontakte zwischen österreichisch-ungarischen und osmanischen Vertretern zur Sprache. Neben der Betrachtung nachbarschaftlicher Einflüsse war es Scheer zudem wichtig, den Einfluss der k.u.k.-Monarchie als dualistischen Einfluss herauszustellen und den Fokus auch auf ungarische Politiker als Policy Maker zu richten. Wie anhand der Projektvorstellung deutlich wurde, wird auch hier die ein Charakteristikum der Donaumonarchie um 1900 darstellende Vielvölkerproblematik ein zentrales Thema der Studie werden.

Um hinter der Folie des Vernichtungskrieges die Heterogenität des deutschen Ostkrieges hervorzuheben, nahm JÜRGEN KILIAN (Passau) die Wahrnehmung deutscher Besatzer des russischen Nordwestens in den Kriegsjahren 1941-1944 unter die Lupe. Im Mittelpunkt seiner Analyse stand die Frage nach der propagandistischen Thematisierung und tatsächlichen Verbreitung des Bildes des „slawischen Untermenschen“ innerhalb der Wehrmachtstruppen. Diesbezüglich erläuterte Kilian, dass sich für die Wehrmachtssoldaten trotz aller existierenden, in einer Frühphase des Ostfeldzugs direkt und indirekt stark propagierten, negativen Stereotype kein einheitliches, sondern vielmehr ein vielseitiges und damit heterogen wahrgenommenes Slawenbild konstatieren lasse. Diverse, überwiegend auf das Kriegsgeschehen reagierende Versuche, das Slawenbild sowie das Verhalten der Besatzer zu normieren und die Besatzung damit effizienter und einheitlicher zu gestalten, scheiterten. Situative Elemente und eine gewisse Eigendynamik der Handlungsweisen deutscher Wehrmachtssoldaten gegenüber der Bevölkerung prägten die Zeit der eher kontrastreich als konform erscheinenden deutschen Besatzung des russischen Nordwestens. Die diversifizierten und vielschichtigen Wahrnehmungen der Besetzten seitens der Besatzer zogen schließlich eine genauso facettenreiche, wenn auch in ihrer Gesamtheit nicht völkerrechtskonforme Okkupationszeit nach sich.

Der historischen Forschungsaktualität geschuldet, bildeten schließlich militärische Wahrnehmungs-, Deutungs-, Denk- und Erfahrungsmuster den Rahmen der letzten drei Panels „Erfahrungen und Deutungen des Krieges“ und damit ein Kernthema des Kolloquiums.

Militärische Erfahrungen von k.u.k.-Offizieren im Ersten Weltkrieg bilden im Hinblick auf „Formen der Kriegführung“ den Forschungsgegenstand von MARTIN SCHMITZ (Augsburg). Gewisse Rahmenbedingungen, wie das Anforderungsprofil an die Offiziere, die Bedeutung linguistischer Beherrschung seitens der Offiziere für das Leistungsvermögen der ethnisch heterogenen k.u.k.-Truppen, oder auch mentalitäts- und kulturgeschichtliche Aspekte, wie die Wahrnehmung des soldatischen Selbst-, aber auch Feindbildes, die Deutung der Kriegsniederlage und die Sinnstiftung des Krieges, wurden thematisiert. Schmitz erläuterte, dass er sich auf methodische Vorarbeiten des Tübinger Sonderforschungsbereichs „Kriegserfahrungen – Krieg und Gesellschaft in der Neuzeit“ stützt, um Aussagen über die militärische Sozialisation der Offiziere zu treffen sowie Übereinstimmungen und Diskrepanzen von Erwartungen an und Erfahrungen im Krieg herauszuarbeiten. Gerade dank des profunden, zahlreiche Reflexions- und Korrespondenzschriften sowie Erfahrungsberichte von Offizieren und Einheiten umfassenden Quellenfundus lässt die Arbeit neue Erkenntnisse zum Erfahrungs- und Deutungshorizont der Offiziere sowie zum Innenleben der k.u.k.-Armee erwarten, wie CHRISTIAN HARTMANN (München) im Abschlusskommentar zu der von Bernhard Kroener (Potsdam) geleiteten Sektion hervorhob.

Auf der aus der britischen Intelligencearbeit hervorgegangenen, einzigartigen Quelle der Abhörprotokolle gründet die Dissertation von TOBIAS SEIDL (Mainz), der sich mit den Wahrnehmungs- und Deutungsmustern deutscher Generäle beschäftigt. Seidl zeigte anhand der Aussagen einer untersuchten Gruppe 17 gefangener Generäle des Afrikakorps auf, dass sich die Auffassungen und Einstellungen dieses Teils der Wehrmachtsgeneräle nicht ohne Weiteres generalisieren lassen. Stattdessen seien die Vorstellungen und Deutungen der Generalität vielschichtiger Natur. Sie besäßen sowohl homogene als auch heterogene Züge. Teilweise seien sogar Unterschiede in zentraler und in den Personenkreisen um die Generäle Crüwell und von Thoma polarisierter Weise zu erkennen, beispielsweise in der Wahrnehmung und Deutung des politischen Geschehens oder der Einschätzung des weiteren Kriegsgeschehens. Entgegen bisher geltender Annahmen müssen das soldatische Selbstverständnis und Handeln von der politischen Einstellung getrennt betrachtet werden, so ein Plädoyer Seidls. Traditionelle Erklärungsansätze griffen hier zu kurz. Auch Betrachtungen des militärischen Werdegangs und der Auszeichnungen Einzelner könnten nur unter Vorbehalt als Indikatoren zur Deutung des soldatischen Ethos Wehrmachtsangehöriger herangezogen werden. Die Abhörprotokolle legten somit eine zumindest teilweise Neubewertung der Institution Wehrmacht und ihrer Akteure nahe. Folglich scheinen im Angesicht dieser und weiterer Studien des Forschungsprojektes „Referenzrahmen des Krieges“ das bislang vorherrschende Bild der Homogenität der Wahrnehmungs- und Deutungsmuster der Wehrmachtsgeneralität kritisch hinterfragt werden zu müssen.

Den Chair des sich mit der Antike und der Scharnierzeit zwischen Spätantike und Frühem Mittelalter beschäftigenden Sektion hatte Sven Günther (Mainz) inne. ANDREA SCHÜTZE (München) befasste sich in ihrem Vortrag „Domitian – Krieg und mediale Krieger in den Medien der römischen Kaiserzeit“ mit dem medialen Transfer von Krieg in eine zivile Gesellschaft und deren kriegsmediale Einbindung. Im Zuge der grundlegenden Frage nach dem medialen Kriegserfolg Domitians untersuchte Schütze in ihrem Vortrag „69 – ein Kriegstrauma mit Folgen?“ die mediale Qualität der realhistorischen Ereignisse zwischen dem 18. und 20. Dezember 69 n.Chr. Sie vertrat dabei die These, dieses Ereignis habe für das mediale Verständnis Domitians grundlegende Bedeutung, da nach einer Analyse gemäß DSM-IV sowohl bei Domitian, als auch den Flavianern sowie weiten Teilen der römischen Bevölkerung eine schwere Kriegstraumatisierung stattgefunden habe. Damit sei für eine ganze Generation eine nicht zu unterschätzende kommunikative Konsensgrundlage zwischen Kaiser und Volk geschaffen worden. Das „Ereignis 69“ sei nicht nur durch ständige Reinszenierung verarbeitet und memoriert worden, sondern spiegele sich gerade in den vom Kaiser selbst geführten Kriegen wider.

Zur Entstehung des merowingischen Militärwesens erklärte LAURY SARTI (Hamburg), dass das spätrömische Militärwesen keinen Bruch zur Zeit der fränkischen Machtübernahme kannte. Vielmehr hatten sich viele Elemente, die für das merowingische Heerwesen von Bedeutung sein sollten, bereits im Laufe des 5. Jahrhunderts entwickelt. Im Zuge dieser Veränderungen wurde der Kriegsführende wieder Teil der zeitgenössischen Gesellschaft und deren Erlebniswelt, was mit einem Identitätswandel des als „miles“ bezeichneten Soldaten verbunden war. Inwiefern sich dieser bis in die zeitgenössische Begrifflichkeit zur Bezeichnung des kriegsführenden Waffenträgers niederschlug, erörterte Sarti anhand von Beispielen: So zeigte sie, dass der den Soldaten definierende Begriff des „miles“ nach und nach verschwand und die Bezeichnung „homines christi“ neu auftauchte. Die Indizien weisen darauf hin, dass dabei die letzten Soldaten des römischen Imperiums mehr mit den merowingischen Kriegern als den Soldaten der römischen Kaiserzeit gemeinsam hatten. Daneben wurde offensichtlich, dass die Beschäftigung mit aufgrund der Quellenlage verhältnismäßig gut fassbaren Gesellschaftsstrukturen, wie dem sich so grundlegend verändernden, spätrömischen Militärwesen nicht zu unterschätzende Möglichkeiten eröffnet, neue Zugänge zu vergleichbaren Wandlungsprozessen zu erhalten, sodass jene Vorgänge, die zum Ende der Antike führten, besser verständlich werden.

OLIVER STOLL (Passau) schloss die Sektion, indem er den zur Diskussion gestellten, Kriegserfahrungen und -traumata fokussierenden Beitrag Schützes in den Rahmen des Gesamtkonzepts medialer und kommunikativer Verarbeitung Domitians stellte. Unter dem Hinweis, den Wandel der Spätantike als sehr komplexen Prozess zu verstehen, der sich nicht ohne Weiteres mit der Barbarisierung der Römer und einer gleichzeitigen Romanisierung der Germanen erklären ließe, reicherte er den Beitrag Sartis mit Bemerkungen zum System Militär als integratives Element an.

Das letzte Kolloquiumspanel leitete Horst Carl (Gießen), dem Felix Römer (Mainz) als Kommentator zur Seite stand.

STEFANIE FABIAN (Magdeburg) stellte ihre Dissertation vor, in der sie Gewaltwahrnehmungen und -erfahrungen im Dreißigjährigen und Siebenjährigen Krieg im Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalt analysiert und diese zueinander in Relation setzt. In beiden Kriegen, so Fabian, kam es dabei zu verschiedensten Formen militärischer Übergriffe auf die Bevölkerung, die oftmals existenzbedrohende Folgeerscheinungen wie Hunger oder Seuchen nach sich zogen. Für den Siebenjährigen Krieg ließen sich dabei weitestgehend Formen materieller Gewalt, die Heranziehung von Zivilisten zu Schanzarbeiten oder Vorspanndiensten sowie Geiselnahmen von Amtspersonen zur Lösegelderpressung nachweisen. In beiden Kriegen hing die soldatische Gewaltausübung gegenüber Zivilisten wesentlich von der persönlichen Haltung, Autorität und Interpretation vorgegebener Ordnungen und Normen seitens der Offiziere ab. Der Dreißigjährige Krieg wies dabei eine von Furcht und Willkürempfinden durchdrungene Atmosphäre auf, während übergeordnete Instanzen im Zeitalter der Kabinettskriege nach und nach mehr wert auf die Einhaltung von Disziplin und Ordnung legten und ein stärkeres Bewusstsein für im Kriegsgeschehen erlaubte und unerlaubte Handlungen entwickelten. Im Siebenjährigen Krieg verstand es die militärische Führung schließlich diese besser in die Praxis umzusetzen: Soldatische Normverstöße gegenüber Zivilisten wurden nun stärker geahndet, sodass es zu einem geordneteren Miteinander von Bevölkerung und Militär im Kriegskontext kam.

KERSTIN BISCHL (Berlin) stellte im Schlussvortrag einen Teilabschnitt ihrer im foucaultschen Sinne kulturgeschichtlich angelegten Dissertation vor, in der sie den Kriegsalltag der Roten Armee, Wahrnehmungs- und Handlungsmuster, Gewalterfahrungen, soziale Dynamiken und Geschlechterdiskurse analysiert. Die im Fokus stehenden Vergewaltigungen deutscher und osteuropäischer Frauen durch Rotarmisten sowie deren sexuelle Übergriffe auf Kameradinnen lassen sich laut Bischl mit Blick auf Sinnstiftungsprozesse, Selbstwahrnehmung und -darstellung der Sowjetsoldaten erklären. Diese übernahmen die innerhalb der Sowjetarmee existierende, stark propagandistisch indoktrinierte Polarisierung zwischen Heldentum auf der einen sowie Feigheit und Verrat auf der anderen Seite gezwungenermaßen als sinnstiftendes Deutungsraster des eigenen Seins und Handelns. Die Ausübung von Gewalt spielte dabei eine wichtige Rolle für den Vergemeinschaftungsprozess sowie die Fremd- und Selbstwahrnehmung der Rotarmisten als „Helden“. Die geschlechtsspezifischen Rollen, mit dem wehrhaften, die Heimat verteidigenden Mann als Soldaten auf der einen und der Frau als Symbol des zu schützenden Vaterlandes auf der anderen Seite, waren klar verteilt. Alkoholkonsum, Gewaltbereitschaft und heterosexuelle Aktivität waren im Deutungshorizont der Rotarmisten als Männlichkeitsattribute an das entsprechende Rollenmodell gekoppelt, was sexuelle Übergriffe auf Frauen zur Folge hatte. Dank der Einsichtnahme von Egodokumenten gewährte Bischls Vortrag besondere Einblicke in das Innenleben der Roten Armee, sodass man auf zahlreiche, die Studie Catherine Merridales genderspezifisch ergänzende Erkenntnisse gespannt sein darf.[2]

Ferner bildete das Kolloquium einen angemessenen Rahmen für die 10. Verleihung des Werner-Hahlweg-Preises für Militärgeschichte und Wehrwissenschaften. Für ihre Studien wurden Tanja Bührer (Bern), Rüdiger Bergien (Potsdam), Christian Kehrt (Darmstadt), Martin Clauss (Regensburg) und Wencke Meteling (Marburg) ausgezeichnet.

Als Fazit bleibt zu konstatieren, dass eine Wiederholung eines solchen Kolloquiums, verstanden als Plattform des wissenschaftlichen Austausches zwischen militärgeschichtlichen Experten und jungen MilitärhistorikerInnen, äußerst zu begrüßen ist, wie anhand der anregenden, teils kontrovers geführten Diskussionen deutlich wurde. Vorgestellte Arbeiten der NachwuchswissenschaftlerInnen lassen nicht nur fachlich spezifische Erkenntnisgewinne, sondern auch erhebliche Impulse in Form neuer Ansätze, Blickwinkel und Methoden an die deutsche Militärgeschichte und andere geschichtswissenschaftliche Disziplinen erwarten.

Konferenzübersicht:

I Biographische Perspektiven

Carmen Winkel (Potsdam), Netzwerke im preußischen Offizierskorps (1713-1786)

Christian Senne (Hamburg), General Curt Ernst von Morgen. Die imperiale Biographie eines preußisch-deutschen Offiziers (1858-1928)

Niels Weise (Würzburg), „Ich müsste verrückt werden…“ Überlegungen zur Karriere des Inspekteurs der Konzentrationslager und SS-Obergruppenführers und Generals der Waffen-SS Theodor Eicke

II Die Schlacht als Analyseinstrument

Frederic Groß (Tübingen), Die Schlacht als Erfahrungs- und Produktionsraum von militärischen Tugenden und Normen am Beispiel der Schlacht bei Lobocitz (1756)

Jonathan Zimmerli (Bern), Die Schlacht im Hürtgenwald (1944)

III Militärische Fremdherrschaft

Tamara Scheer (Budapest), Mitteleuropa im „europäischen Orient“. Die österreichisch-ungarische Militärpräsenz im Sanszak Novipazar/Plevlje (1879-1908)

Jürgen Kilian (Passau), Die Perzeption der einheimischen Zivilbevölkerung seitens der deutschen Besatzer am Beispiel des russischen Nordwestens (1941-1945)

IV Erfahrungen und Deutungen des Krieges (I)

Martin Schmitz (Augsburg), „Als ob die Welt aus den Fugen ginge“. Kriegserfahrungen von kuk Offizieren (1914-1918)

Tobias Seidl (Mainz), „Picking a general´s mind”. Studien zum Deutungshorizont deutscher Generäle im Zweiten Weltkrieg

V Erfahrungen und Deutungen des Krieges (II)

Andrea Schütze (München), Domitian – Krieg und mediale Krieger in den Medien der Römischen Kaiserzeit

Laury Sarti (Hamburg), Die letzten römischen Soldaten. Zur Entstehung des merowingischen Militärwesens

VI Erfahrungen und Deutungen des Krieges (III)

Stefanie Fabian (Magdeburg), Entfesselte Bellona? Gezähmte Bellona? Eine vergleichende Perspektive auf Lebenswelten, Gewalterfahrungen und Gewaltwahrnehmungen im Kriegsalltag des Dreißigjährigen Krieges und des Siebenjährigen Krieges

Kerstin Bischl (Berlin), Alltag und Gewalt, soziale Dynamiken und Geschlechterdiskurse: Die Rote Armee 1939-1945

Anmerkungen:
[1] Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft: Antisemitismus, Imperialismus, Totalitarismus, München 2008 (dt. zuerst 1955).
[2] Catherine Merridale, Iwans Krieg: die Rote Armee 1939 bis 1945, Frankfurt am Main 2006.

Zitation
Tagungsbericht: Kolloquium zur Militärgeschichte für Nachwuchswissenschaftler/-innen, 17.05.2010 – 19.05.2010 Mainz, in: H-Soz-Kult, 20.07.2010, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3217>.