Europäischer Fußball im Zweiten Weltkrieg. Internationale sporthistorische Konferenz

Ort
Irsee
Veranstalter
Schwabenakademie Irsee
Datum
03.02.2012 - 05.02.2012
Von
Fabian Brändle, Zürich

Hat die wissenschaftliche Sportgeschichte im letzten Jahrzehnt auch große Fortschritte gemacht und neue Fragestellungen entwickelt, so war die Rolle des Fußballs im Zweiten Weltkrieg, abgesehen von der Sportgeschichte Dänemarks[1] und der Geschichte von Soldatenfußballmannschaften,[2] ein bis anhin kaum beachtetes Thema. Die internationale sporthistorische Konferenz der Schwabenakademie Irsee unter der Leitung von Markwart Herzog und Fabian Brändle hatte sich daher zum Ziel gesetzt, renommierte Spezialistinnen und Spezialisten zu Wort kommen zu lassen. Gefragt wurde unter anderem nach den Funktionen des Fußballs in Propaganda, Medien und Unterhaltung, nach der Rolle des Sports in okkupierten Gebieten, nach dem alltäglichen Leben in Kriegszeiten, aber auch nach den Modi der Erinnerung in der Nachkriegszeit.

In der ersten Sektion „Großdeutsches Reich und neutrale Staaten“ referierten Historiker aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die deutsche Fußballnationalmannschaft, so ULRICH MATHEJA (Nürnberg), trug bis 1942 Länderspiele aus. Geplant waren weitere Spiele für das Jahr 1943. Matheja beschrieb auch die Vorgänge nach dem Krieg, als die BRD bis 1950 von der FIFA ausgeschlossen blieb. Schweizer Funktionäre strebten die Integration der BRD an und es war denn auch die Schweiz, gegen welche die BRD 1950 in Stuttgart vor über 100‘000 Zuschauerinnen und Zuschauern ihr erstes Nachkriegsländerspiel bestritt. Die Neutralität der Schweiz während der beiden Weltkriege war Thema von CHRISTIAN KOLLERs (Bangor) Vortrag. Koller konnte zeigen, wie der im Ersten Weltkrieg auch im Fußball deutlich sichtbare Graben zwischen Deutsch- und Westschweiz im Zuge der so genannten „Geistigen Landesverteidigung“ zugeschüttet wurde und im Zweiten Weltkrieg keine große Rolle mehr spielte. Weiter ging Koller auf die problematische Flüchtlingspolitik der Schweizer Regierung ein. Fußball diente den Emigranten trotz obrigkeitlicher Verbote als Vehikel zur Integration. DAVID FORSTER und GEORG SPITALER (Wien) beschäftigten sich mit der Geschichte des Fußballs in ihrer Heimatstadt, einer der Hochburgen des professionellen Sports der 1930er-Jahre. Sie räumten mit dem nach dem Krieg in die Welt gesetzten Mythos auf, Rapid-Spieler seien wegen des Gewinns der „Großdeutschen Meisterschaft“ 1941 an die Front geschickt worden. Vielmehr waren Fußballer lange Zeit privilegiert, auch nach der erzwungenen Reamateurisierung. Nicht zuletzt genossen sie ökonomische Privilegien. Dass einige Fußballer „Selbstverstümmeler“ waren, sogar Netzwerke ausbildeten und wegen „Wehrkraftzersetzung“ hart bestraft wurden, verweist auf die proletarische Sozialisation vieler Kicker im „Roten Wien“. Ist Wien sehr gut erforscht, so ist die österreichische Provinz noch weitgehend Neuland. WALTER M. IBER und HARALD KNOLL (Graz) gingen auf den Grazer Fußball anhand der beiden Traditionsvereine „Sturm“ und „GAK“ ein. Sie stellten eine Kontinuität der Funktionärselite während der verschiedenen Staatsformen des Landes fest. Zudem waren in Graz als „Stadt der Volkserhebung“ die Verflechtungen zwischen Fußball und Politik besonders intensiv. Bombenkrieg, Transportprobleme und Spielermangel erschwerten von 1943 an den Spielbetrieb. Kooperationen mit der HJ machten das eine oder andere Manko wett. In der Präsentation seines Buchs „‚Blitzkrieg‘ im Fußballstadion“[3] arbeitete MARKWART HERZOG (Irsee) anhand neuer Quellen den Versuch der radikalen Politisierung einer scheinbar unpolitischen Größe, nämlich der Fußballtaktik, heraus. Der „alte Kämpfer“ und hohe bayerische Sportfunktionär Karl Oberhuber forderte eine offensivere, dem „Blitzkrieg“ adäquate Spielweise. Reichstrainer Herberger, ein typischer Repräsentant des politisch neutralen bürgerlichen Sports, stand ihm dabei im Weg. Es kam trotz Schweigegebot der Reichssportführung zum offenen Konflikt, bei dem der ungestüme Oberhuber unterlag. Er hatte seine Vision einer offensiven Spielweise zwar in Bayern zumindest zeitweise durchsetzen können, der eher defensiv eingestellte Herberger behielt aber die Oberhand. Erstaunlich ist dieser Systemstreit nicht zuletzt deshalb, weil die gleichgeschalteten Medien offen darüber berichteten.

In der zweiten Sektion waren Großbritannien, die Kronkolonien und die Mandatsgebiete das Thema. FABIAN BRÄNDLE (Zürich) deutete auf die ambivalente Stellung des Fußballs in England hin. Während die eilig organisierte Kriegsmeisterschaft zwar eine Kontinuität des Profifußballs garantierte, schreckten Bombenangriffe, die Regionalisierung der Ligen und viele Kantersiege die meisten Fans vor einem Spielbesuch ab. Die Privilegierung der besten Profis als Fitnesstrainer der Armee und Mitglieder von Teams in der Etappe sorgten ebenfalls für Unmut. GARY AMSTRONG (London) schilderte die Situation in der Kronkolonie Malta, die 1940 bis 1944 belagert wurde. Auch dort kickte man weiter, bis Hunger und Erschöpfung den Spielbetrieb verunmöglichten. MANFRED LÄMMER (Köln) schließlich skizzierte in seinem gemeinsam mit HAIM KAUFMAN (Netanja) erarbeiteten Beitrag die Lage in Palästina, wo die englische Armee regelmäßig Partien gegen einheimische Teams absolvierte und eine Militärmannschaft namens „Wanderers“ die Massen unterhielt.

Die dritte Sektion war den osteuropäischen Staaten gewidmet und bot durchweg sporthistorische Pionierarbeiten. ALEXANDER FRIEDMAN (Saarbrücken) stellte die Lage in den von der Wehrmacht besetzten sowjetischen Gebieten vor. Auch dort gab es, den Erschießungen von Juden, Sinti und Roma sowie dem gnadenlosen Partisanenkrieg zum Trotz, so etwas wie einen von Krieg und Politik unbelasteten Alltag, kulturelle Freiräume, zu denen auch der Fußballsport gehörte. Spiele gegen deutsche Militärteams gehörten dazu ebenso wie der Besuch von deutschen Kinofilmen. Rund 700 Organe der Okkupationspresse berichteten, zumeist sachlich, über die Vorgänge. MARYNA KRUGLIAK (Zhytomyr) dekonstruierte unter anderem den Mythos des sogenannten „Todesspiels“ von Kiew, der Partie einer deutschen Flakelf gegen die Mannschaft „FK Start“.[4] Den ukrainischen Spielern sei in der Pause der Tod angedroht worden, falls sie die Deutschen nicht gewinnen ließen. Mehrere Spieler, anderen Behauptungen zufolge die gesamte Mannschaft, seien als Konsequenz unmittelbar nach dem Match erschossen worden. Zwar starben tatsächlich mehrere „Start“-Spieler, aber erst viel später und als Folge des Partisanenkriegs. Die stalinistische Propaganda erfand das „Todesmatch“, das auch westliche Künstler und Regisseure nacherzählten, nicht zuletzt, um die Kollaboration vieler Ukrainer mit den Okkupanten zu übertünchen. Wie VIKTOR YAKOVENKO (Zhytomyr) darlegte, war auch im besetzten Zhytomyr Fußball von 1941 bis 1943 ein Thema. Der örtliche Kulturverein verfügte auch über eine Fußballsektion. Die Partien wurden flankiert von Blasmusik, sogar die ukrainische Nationalhymne konnte gespielt werden. DEJAN ZEC (Belgrad) stellte den serbischen Fußball in der Okkupationszeit vor. Auch er strich Kontinuitäten heraus. Nur explizit sozialistische oder kommunistische Vereine wurden verboten. Es gab einen mehr oder weniger regelmäßigen Spielbetrieb, erschwert durch Kriegszerstörungen und Transportprobleme. STEFAN ZWICKER (Bonn) ließ die Geschichte des Fußballsports in dem seit dem Münchner Abkommen von 1938 deutschen Sudetenland Revue passieren. Die erste tschechische Republik hatte einen vitalen Profifußball gekannt. Die neuen Machthaber zerschlugen diese Strukturen. Mehr noch: Das Sudetenland als „Mustergau“ erlebte eine erzwungene Auflösung der alten Vereine und eine Neuaufstellung in nationalsozialistischen Turn- und Sportgemeinschaften (NSTGs). THOMAS URBAN (Warschau) schließlich fokussierte sich auf das „Generalgouvernement“. Dort verboten die deutschen Machthaber den Fußballsport für Polen, während sie selber eine eigene Liga aufbauten. Im organisierten Untergrund wurde dennoch gekickt, sogar in den Konzentrationslagern. Die Okkupationszeit ist bis heute eine sehr emotional besetzte Zeit, wie Urban erläuterte.

Die abschließende Sektion „Fußball im Krieg als Thema der Künste“ bestand aus zwei Vorträgen. Der Musikwissenschaftler MARTIN HOFFMANN (Augsburg) stellte den interessierten Zuhörern die Antikriegsoper „The Silver Tassie“ (1999) des bedeutenden zeitgenössischen englischen Komponisten Marc-Anthony Turnage vor, die auf dem gleichnamigen Theaterstück (1928) des irischen Schriftstellers Sean O‘Casey beruht. Theater und Oper machten Ähnlichkeiten zwischen Fußball und Krieg deutlich, etwa die Parole „einer für alle, alle für einen“. JAN TILMAN SCHWAB (Kiel) schließlich präsentierte einige ausgewählte Fußballfilme, die im Zweiten Weltkrieg spielen. Er legte in direkter Auseinandersetzung mit Maryna Krugliak dar, wie im Zeitalter des Kalten Krieges west- und osteuropäische Regisseure das vermeintliche „Todesspiel“ von Kiew inszenierten. Dabei verwendeten sie Bausteine des Fußballfilms ebenso wie des Fluchtfilms. Die Deutschen werden schablonenhaft als Schurken gezeichnet, die deutsche Kriegsführung zeigt sich auch in der Brutalität und Hinterlist der Wehrmachtspieler. Von einer neuen Produktion, die 2012 in die Kinos kommen soll, wird erwartet, dass sie den Mythos des „Todesspiels“ fortschreibt.

Insgesamt zeichneten die Referierenden ein sehr differenziertes Bild vom Fußball im Zweiten Weltkrieg. Fußball war Ausdruck eines gewissen Rückzugs- und Freiraums in einer stark krisenhaften Zeit, der Normalität eines Alltags, der vom Existenzkampf zwar geprägt, aber nicht immer dominiert wurde. Der Fußball bewahrte sich auch in der Schreckenszeit eine gewisse Autonomie, befriedigte eskapistische Bedürfnisse der Besatzer ebenso wie der Bevölkerung in den besetzten Gebieten, war aber vor mannigfachen politischen und militärischen Vereinnahmungen nicht gefeit. Damit wurde auch ein kritischer Seitenblick auf Timothy Snyders „Bloodlands“[5] geworfen, der die unspektakuläre Normalität eines durchaus vorhandenen Alltagslebens zu wenig berücksichtigt habe. Die sorgfältig recherchierten Referate haben ferner gezeigt, wie viel Neues noch zu entdecken ist, namentlich in Bezug auf eine Alltagsgeschichte des Krieges. In der Schlussdiskussion wurde dafür plädiert, dass Historikerinnen und Historiker dazu beitragen sollten, die teilweise bis in die Sportwissenschaft hinein kolportierten Mythen zu dekonstruieren, auch wenn die Wahrheit manchmal banaler erscheint als die Lügen der Propaganda.

Konferenzübersicht:

Markwart Herzog, Schwabenakademie Irsee: Begrüßung

Sektion I: Großdeutsches Reich und Neutrale Staaten

Ulrich Matheja, Der Kicker, Nürnberg: Die deutsche Nationalmannschaft: Vom letzten Kriegsländerspiel 1942 zum ersten Nachkriegsländerspiel 1950

Christian Koller, Bangor University (Wales): Neutralität als Standardsituation? Fußball und Politik in der Schweiz im Ersten und Zweiten Weltkrieg

David Forster / Georg Spitaler, Universität Wien: Wiener Fußballer und die Deutsche Wehrmacht: Zwischen „Pflichterfüllung“ und Entziehung

Markwart Herzog, Schwabenakademie Irsee: „‚Blitzkrieg‘ im Fußballstadion: Der Spielsystemstreit zwischen dem NS-Sportfunktionär Karl Oberhuber und Reichstrainer Sepp Herberger“ (Buchpräsentation)

Walter M. Iber / Harald Knoll, Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung, Graz: Grazer Fußball im Zweiten Weltkrieg: Die Traditionsvereine SK Sturm und GAK 1939–1945

Sektion II: Großbritannien – Kronkolonien – Mandatsgebiete

Fabian Brändle, Zürich: „War-Time-Football“: Die Sonderstellung Großbritanniens

Gary Armstrong, Brunel University West London: The Siege and the Cross: Fortress Malta and the Mediterranean Conflict

Manfred Lämmer, Deutsche Sporthochschule Köln (Haim Kaufman, Zinman College, Netanja): Fußball in Palästina während des Zweiten Weltkriegs

Sektion III: Osteuropäische Staaten

Alexander Friedman, Universität des Saarlandes, Saarbrücken: Fußball in den von der Wehrmacht besetzten sowjetischen Gebieten 1941–1944

Maryna Krugliak, Zhytomyr State Technological University, Zhytomyr (Ukraine): Football in Kyiv during the Nazi Occupation: A Glance from the Future

Victor Yakovenko, Zhytomyr State Technological University, Zhytomyr (Ukraine): Football in Occupied Zhytomyr (1941–1943)

Dejan Zec, Institut za noviju istoriju Srbije – INIS (Institute for recent history of Serbia): Football in occupied Serbia (1941–1944)

Dr. Stefan Zwicker, Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn: Die Zerschlagung eines Erfolgsmodells: Der Niedergang des deutsch-böhmischen Fußballs unter dem NS-Regime

Thomas Urban, Süddeutsche Zeitung, Warschau: Fußball im besetzten Polen während des Zweiten Weltkriegs

Sektion IV: Fußball im Krieg als Thema der Künste

Martin Hoffmann, Augsburg: „Fußball an der Front“: Marc-Anthony Turnages Oper „The Silver Tassie“

Jan Tilman Schwab, Kiel: Der Zweite Weltkrieg im Spiegel des Fußballfilms: Mythen und Legenden

Anmerkungen:
[1] Vgl. Hans Bonde, Football with the foe: Danish sport under the swastika, Odense 2008.
[2] Vgl. Markwart Herzog, „Sportliche Soldatenkämpfer im großen Kriege“ 1939–1945: Fußball im Militär – Kameradschaftsentwürfe repräsentativer Männlichkeit, in: Markwart Herzog (Hrsg.), Fußball zur Zeit des Nationalsozialismus: Alltag – Medien – Künste – Stars, Stuttgart 2008, 67–148.
[3] Vgl. Markwart Herzog, „Blitzkrieg“ im Fußballstadion: Der Spielsystemstreit zwischen dem NS-Sportfunktionär Karl Oberhuber und Reichstrainer Sepp Herberger, Stuttgart 2012.
[4] Vgl. dazu auch Carsten Germann, Das Märchen vom Todesspiel, in: Frankfurter Rundschau (Sport), 7.2.2012.
[5] Vgl. Timothy Snyder, Bloodlands: Europe between Hitler and Stalin, New York 2010.

Zitation
Tagungsbericht: Europäischer Fußball im Zweiten Weltkrieg. Internationale sporthistorische Konferenz, 03.02.2012 – 05.02.2012 Irsee, in: H-Soz-Kult, 10.03.2012, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4125>.
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Veröffentlicht am
10.03.2012
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