Archäologie, Schule und Museum im Spannungsfeld kultureller Bildung

Ort
Dresden
Veranstalter
Deutsche Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte e.V. in Kooperation mit dem Landesamt für Archäologie Sachsen in Zusammenarbeit mit dem Verband der Landesarchäologen in der Bundesrepublik Deutschland
Datum
17.05.2012 - 20.05.2012
Von
Doris Gutsmiedl-Schümann, Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie, Universität Bonn; Michaela Helmbrecht, Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie, München

Seit der Veröffentlichung des „Weißenburger Memorandums“ 2004[1], in dem die Potenziale der Archäologie als historische Wissenschaft für die Schule aufgezeigt und zugleich Bedingungen benannt wurden, unter welchen diese ausgeschöpft werden können, ist viel geschehen: Didaktische und methodische Ansätze wurden diskutiert, Vermittlungs- und Kompetenzmodelle modifiziert. Neue Medien fanden Eingang in den Unterricht, Curricula und Lehrbücher erfuhren eine komplette Überarbeitung. Fachwissenschaften, Museum und Schule sind spätestens seit dem Beschluss der Kultusministerkonferenz zur kulturellen Kinder- und Jugendbildung[2] im Jahr 2007 zu Initiativen und strukturellen Maßnahmen angehalten, um Kindern und Jugendlichen einen Zugang zur Kultur zu ermöglichen. Das Ziel der Tagung „Archäologie, Schule und Museum im Spannungsfeld kultureller Bildung“ in Dresden war, einen Überblick darüber zu gewinnen, welche neuen Wege in den letzten Jahren eingeschlagen wurden, um zum einen dem PISA-Schock, zum anderen den Besucherrückgängen in den Museen in Zeiten reduzierter Budgets zu begegnen. Wie gestaltet sich die (Zusammen-)Arbeit der verschiedenen Institutionen im Jahr 2012? Welche Modellprojekte sind in den letzten Jahren entstanden, und welche Erfahrungen wurden daraus gewonnen? Inwieweit wurden neuere wissenschaftliche Erkenntnisse der Archäologie in den Schulunterricht eingebunden?

1. Archäologie und kulturelle Bildung

Unter den Teilnehmern bestand Einigkeit darüber, dass Archäologie auf jeden Fall zur kulturellen Bildung dazugehört. PETER LAUTZAS (Mainz) formulierte hierzu aus der Sicht der Geschichtslehrer Fragen und Wünsche an die Archäologie. Zunächst stellte er dar, dass im schulischen Geschichtsunterricht zwar die gesamte Menschheitsgeschichte behandelt wird, in den letzten Jahren jedoch Arbeitsschwerpunkte zugunsten der Zeitgeschichte verschoben wurden. Ur- und frühgeschichtliche Themen werden derzeit in allen Schularten vorrangig in den Jahrgangsstufen 5 bis 7 behandelt. Archäologische Themen und Arbeitsweisen sind nach Lautzas für alle Schularten interessant: Zum einen bietet die weltweite Betrachtung archäologischer Themen für alle Schüler/innen multiethnischer Lerngruppen die Möglichkeit, für sich Anknüpfungspunkte zu finden, zum anderen können vergleichende Lehreinheiten sich mit zeitübergreifenden Fragestellungen wie Formen von Kommunikation oder Formen von Herrschaft auseinandersetzen. Die von Lautzas angesprochenen Punkte – Anknüpfung an die eigene Lebenswelt, übergreifende Fragestellungen – kamen im Verlauf der Tagung wiederholt zur Sprache, so im Beitrag von FRANK ANDRASCHKO (Hamburg) im selben Themenblock. REGINA SMOLNIK (Dresden) stellte den Zusammenhang zwischen Archäologie und kultureller Bildung her. In Bezug auf einen engeren Kulturbegriff, der Kunst, Literatur, Musik und Tanz als Bestandteile der Kultur begreift, könnte nach Smolnik die historische Tiefe als „3. Dimension der kulturellen Bildung“ aufgefasst werden.

THOMAS KERSTING (Wünsdorf) stellte die Schnittstellenfunktion des Amtes für Denkmalpflege zwischen archäologischer Wissenschaft einerseits und Gesellschaft bzw. Öffentlichkeit andererseits dar. Aufgabe des Fachamtes ist es nach Kersting, nicht bei der gesetzlich geforderten Aufgabe des Bodendenkmalschutzes stehen zu bleiben, sondern echte Teilhabe an der Landesarchäologie zu ermöglichen. So kann es gelingen, das „öffentliche Interesse“ am Bodendenkmalschutz mit dem vorhandenen „Interesse der Öffentlichkeit“ an archäologischen Themen zu verknüpfen, und über das Interesse an der eigenen Geschichte und deren identifikationsstiftender Wirkung einen verbesserter Schutz archäologischer Denkmäler durch die Öffentlichkeit zu erreichen. Wie eine Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Bürgern konkret aussehen kann, zeigte GERHARD ERMISCHER (Aschaffenburg) auf. Im Rahmen des Archäologischen Spessartprojekts werden Freiwillige aller Altersstufen und sozialen Schichten unter Anleitung von Fachleuten in die archäologische Arbeit einbezogen. So werden die Helfer/innen durch die identitätsstiftende Kraft des gemeinsamen Engagements zu Schützern und Pflegern „ihrer“ Bodendenkmäler. Die Grundlage hierfür ist, dass das kulturelle Erbe als Eigentum der gesamten Gesellschaft verstanden wird, die dafür auch gemeinschaftlich aktiv Verantwortung übernimmt.

RAIMUND KARL (Bangor) stellte die aktuelle Situation der Denkmalpflege in Österreich vor. Obwohl in der Europarats-Konvention von Faro 2005[3] das allgemeine Recht, Nutzen aus Kulturdenkmalen zu ziehen, und insbesondere die Verpflichtung, die Beteiligung der Öffentlichkeit an der Denkmalpflege zu ermöglichen, hervorgehoben wird, wurde das österreichische Denkmalschutzgesetz in die entgegengesetzte Richtung verschärft, so dass nunmehr nur noch Personen, die ein einschlägiges Universitätsstudium abgeschlossen haben, die Suche nach archäologischen Funden gestattet ist. Die Folge war, dass die Anzahl der Fundmeldungen von Laien um etwa 70 Prozent zurückging, obwohl die Anzahl der Sondengänger deutlich gestiegen sein dürfte. Dagegen zeigte der Vergleich mit der Situation in Großbritannien, dass dort die Anzahl der Fundmeldungen in den letzten Jahren um das 20-fache angestiegen ist. Als Fazit hielt Karl fest: Wird die Öffentlichkeit in die Denkmalpflege eingebunden, steigt auch ihre Bereitschaft, konstruktiv beizutragen. Wird sie hingegen aus der Denkmalpflege ausgeschlossen, reagiert sie ablehnend und weicht in halb- bis illegale Strukturen aus, deren Netzwerke und Teilnehmer für die amtliche Denkmalpflege kaum mehr zugänglich sind.

Die anschließende Diskussion konzentrierte sich auf das Thema Raubgräber und Sondengänger, wobei die Fronten zwischen den Vertretern der amtlichen Denkmalpflege und den Vertretern einer liberaleren Handhabung verliefen. Erstere machten geltend, dass diese durch illegale Eingriffe an Bodendenkmälern häufig erhebliche Schäden anrichten, während von der anderen Seite eine stärkere Partizipation der Öffentlichkeit eingefordert wurde.

2. Archäologie und Schule

WOLFGANG HASBERG (Köln) eröffnete einen Block von Vorträgen, die sich mit Archäologie und Schule beschäftigen. Archäologie ist nach Hasberg integraler Bestandteil des historischen Denkens, das viel weiter zurückreiche als die schriftliche Überlieferung. Hasberg erörterte zunächst den neueren Kulturbegriff und beleuchtete sein Verhältnis zur Sachkultur und zur Archäologie, bevor er sich den Begriffen „historische Bildung“ und „historisches Lernen“ zuwandte. Hasberg nahm seinen methodischen Ausgangspunkt in Michel Foucaults „Archäologie des Wissens“. Modellhaft und schematisch gesprochen, nimmt der Mensch eine Gegebenheit oder Ereignis wahr und deutet sie, woraus letztlich eine historische Erzählung entsteht. Kritisches historisches Denken verläuft ebenfalls entlang dieser Linie, jedoch in umgekehrter Richtung: die historische Gesamterzählung wird auf ihre Entstehung hin analysiert und damit dekonstruiert.

CHRISTOPH KÜHBERGER (Salzburg) zeigte auf, dass sich die Konzepte des Geschichtsunterrichts von einem chronologischen Durchgang durch die Geschichte ab- und stattdessen einer domänenspezifischen Kompetenzorientierung im Unterricht zuwenden; reflektiertes und (selbst)reflexives Geschichtsbewusstsein bei den Schüler/innen wird als Unterrichtsziel verfolgt. Nach Kühberger kann ein kritischerer und differenzierterer Umgang mit der archäologischen Forschung und ihrer Vermittlung im schulischen Bereich nachgewiesen werden. Die damit intendierte Anbahnung von fachspezifischen Fähigkeiten, Fertigkeiten und Bereitschaften kann auch Impulse für andere Bereiche des archäologisch-historischen Lernens geben. Wie Archäologie in den Schulunterricht eingebunden werden kann, stellte ISABELLA ENGELIEN-SCHMIDT (Königsbrunn) dar. Sie berichtete über die positiven Auswirkungen der „Weißenburger Erklärung“ in Bayern: Archäologische Themen wurden verstärkt in die Lehrpläne des Geschichts- und Lateinunterrichts eingebunden, und für die gymnasiale Oberstufe wurde ein eigener Lehrplan für ein Wahlkurs-Fach Archäologie erstellt. Die Archäologie erwies sich durch ihre vielfache Vernetzung zu weiteren Fächern als sinnvolles Instrument zur Stoffvertiefung und Reflexion.

MIRIAM SÉNÉCHEAU (Freiburg im Breisgau) zeigte am Beispiel der Germanen der römischen Kaiserzeit die Abhängigkeit von Geschichtsdarstellungen von dem gesellschaftlichen, bildungspolitischen und forschungsgeschichtlichen Umfeld auf, in dem sie entstehen und verbreitet werden. Nachdem die Germanen in der Zeit des Dritten Reichs für nationalistische und nationalsozialistische Ideen vereinnahmt wurden, spielten sie in den Schulbüchern und Lehrbüchern der jungen Bundesrepublik kaum eine Rolle. In den letzten Jahren fanden die Germanen der römischen Kaiserzeit wieder Eingang in den Schulunterricht: nun werden Begegnungen, kultureller Austausch und Auseinandersetzungen zwischen Römern und Germanen thematisiert. Leider konnte Sénécheau aber auch aufzeigen, dass vom Inhaltlichen her viele Unterrichtsmaterialien zum Thema Germanen noch Traditionen folgen, die in der Forschungs- und Rezeptionsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts verwurzelt sind.

MICHAELA ERBES (Berlin) untersuchte den Niederschlag des gegenwärtigen Kindheitsdiskurses in archäologischen Erzählungen. Sie stellte gelungene Beispiele vor, die das Kind als „kompetenten Akteur“ in einem auch aus fachwissenschaftlicher Sicht richtig und stimmig wiedergegebenen Setting in der Vergangenheit spielen. FREYA ELSWEILER und CHRISTIAN MATTHES (Berlin) setzten sich mit Materialien zur Unterrichtsvorbereitung auseinander. Sie untersuchten Arbeitshefte, Kopiervorlagen für Arbeitsblätter und Tests sowie Stundenskizzen und Tafelbilder, und befragten Geschichtslehrer/innen, die mit ihren Klassen das Führungsangebot im Museum für Vor- und Frühgeschichte in Berlin wahrnahmen. Dabei zeigte sich, dass neben Sammlungen von Unterrichtsmaterialien, die über Jahre bzw. Jahrzehnte hinweg in einer Schule angesammelt und immer wieder verwandt wurden, vor allem das Internet und Materialien zum Download eine sehr große Rolle spielen. Elsweiler und Matthes untersuchten eine exemplarische Auswahl von Unterrichtsmaterialien zum Thema Steinzeit und stellten darin zum Teil erhebliche Mängel fest. Diesen Eindruck konnte JEANETTE ASBECK (Hannover) in einem Bericht aus ihrer Arbeit mit Schulklassen zum Thema Steinzeiten am Niedersächsischen Landesmuseum Hannover bestätigen.

Die Vorträge zum Themenblock Archäologie und Schule wurden von regen Diskussionen begleitet. Immer wieder wurde dabei die mangelnde archäologische Kompetenz vieler Geschichtslehrer als großes Problem bei der Vermittlung archäologischer bzw. ur- und frühgeschichtlicher Inhalte im Unterricht gesehen. Der Grund dafür liegt darin, dass archäologische Themen und Arbeitsweisen derzeit kein Bestandteil der Geschichtslehrerausbildung sind. Es erscheint wünschenswert, dass angehenden Geschichtslehrer/innen archäologische Grundkenntnisse vermittelt werden, da dies die Lehrkräfte befähigen würde, die Qualität von Schulbüchern und Lehrmaterialien in dieser Hinsicht besser zu beurteilen. So regte Peter Lautzas an, neben entsprechenden Lehrerfortbildungen Module mit archäologischen bzw. ur- und frühgeschichtlichen Inhalten in das Lehramtsstudium aufzunehmen.

Sehr kritisch wurde in diesen Diskussionen die Arbeitsweise von Schulbuchredaktionen gesehen. Oftmals wissen die Autor/innen von Schulbuchtexten wohl nicht, welche Bilder zur Illustration ihres Beitrags eingesetzt werden, und von Seiten der Schulbuchredaktionen spielen für die Bildauswahl nach Erfahrungsberichten anwesender Tagungsteilnehmer Faktoren wie die schnelle, möglichst kostengünstige Verfügbarkeit eines Bildes eine weitaus größere Rolle als die inhaltliche Richtigkeit, oder die Frage, ob das Bild überhaupt zum umgebenden Schulbuchtext passt.

3. Schule und Museum

Innerhalb des Schwerpunkts „Schule und Museum“ stellte sich im Laufe der Tagung – neben der allgemeinen Frage, wie man Museumsprogramme und Schulklassen am besten zueinander bringt – auch die Frage, ob sich die Museen als Dienstleister in ihren Angeboten an den schulischen Lehrplänen orientieren sollten, und ob in musealen Dauerausstellungen bewusst Bezüge zum Lehrplan hergestellt werden sollten.

SANDRA KILB (Hannover) demonstrierte, wie ausgehend von den Lehrplanvorgaben für das Fach Geschichte verschiedener Schularten in Niedersachsen und den Exponaten des Niedersächsischen Landesmuseums Themen und Fragestellungen für eine Mittelalter-AG gesammelt wurden. Im Vordergrund stehen dabei die Erfahrungen der Schüler/innen; die Anleitungen hierzu leisten die spezifischen archäologischen Fragestellungen und Objekte. Ein konzeptioneller „Roter Faden“ in der AG sorgt nach Kilb für eine gleichbleibende Qualität des Angebots. Kilb betonte die Bedeutung der Objekte im Museum, die es als außerschulischen Lernort qualifizieren.

BEATE SCHNEIDER (Mettmann) stellte das Workshop-Projekt „Humanevolution trifft Religion“ des Neanderthal Museums Mettmann vor, der sich an Schüler/innen der Mittelstufe richtet. Den Auslöser bildete religiös motivierte Kritik an der Evolutionstheorie mit wissenschaftsfeindlichem Anspruch. Im Museum erarbeiten Schüler die unterschiedlichen Perspektiven von Religion (Glaube) und Evolution (Wissenschaft) auf die Menschheitsentwicklung und lernen so, die Grundlagen und Argumentationsunterschiede von Wissenschaft und Glaube zu benennen und die Vereinbarkeit von Religion und Evolutionstheorie zu diskutieren.

Dieses Projekt wie auch weitere Vorträge zeigten, wie gut sich Archäologie in den modernen Geschichtsunterricht einbauen lässt, indem nicht nur Sach-, sondern auch Methoden- und Urteilskompetenz geübt wird. Sandra Kilb und Beate Schneider betonten allerdings, dass mit den Programmen, die unter großem Aufwand im Museumskontext erarbeitet wurden, letztlich doch relativ wenige Schüler erreicht werden. Überhaupt stellt sich die Frage, was und wieviel davon überhaupt bei den Kindern und Jugendlichen „hängenbleibt“. Zur Lerneffektivität archäologischer Vermittlungsangebote existieren bislang nur vereinzelte Untersuchungen.

ISABELLA ENGELIEN-SCHMIDT (Königsbrunn) stellte in ihrem zusammen mit CHRISTOPH FLÜGEL (München) erarbeiteten Beitrag die Bedeutung von außerschulischen Lernorten gerade auch bei straffem Lehrplan und knappem Budget heraus. Seit der Einführung des achtjährigen Gymnasiums haben Zahl, Dauer und Qualität von Exkursionen wieder abgenommen. Denn die für die Exkursionen benötigten Stunden sind angesichts der straffen Lehrpläne kaum mehr zu entbehren. Museen und andere außerschulische Lernorte können sich an diese Bedingungen anpassen, indem dort fächervernetzende Module bearbeitet werden, die den Unterricht nicht nur stützen und Lehrstoff kompensieren, sondern den Schülerinnen und Schülern auch gleichzeitig Anknüpfungsmöglichkeiten zur eigenen Lebenswelt bieten und ganzheitliches Lernen ermöglichen.

CLAUDIA PINGEL und Beate Schneider (Mettmann) hielten ein Plädoyer für unterschiedlichste, aber gleichwertig zu sehende Formate der Wissenschaftskommunikation aus der Perspektive des Neanderthal Museums. Sie stellten ausgewählte museumspädagogische Programme mit ihren unterschiedlichen Funktionen, Möglichkeiten und Grenzen hinsichtlich der Wissenschaftskommunikation vor und argumentierten, dass eine Kindernacht ebenso zur Wissenschaftskommunikation beiträgt wie eine klassische Fachführung, da sich das Angebot an Besucher mit unterschiedlichen Stufen der Wissenschaftssozialisation richten soll.

ANNE KURTZE (Trier) machte darauf aufmerksam, dass archäologische Arbeitsweisen und Fragestellungen in der musealen Darstellung oft zu kurz kommen, da die Ausstellungen meist historisch kontextualisierend konzipiert sind. Kurtze stellte vor, wie im Rheinischen Landesmuseum Trier, das auch denkmalpflegerische Aufgaben wahrnimmt, archäologische Herangehensweisen in die Darstellung der Regionalgeschichte eingebunden werden.

SONJA NOLTE (Hannover) präsentierte den seit fünf Jahren bestehenden Archäologischen Kinder- und Jugendclubs (Akic) des Niedersächsischen Landesvereins für Urgeschichte e.V. Kinder und Jugendliche von 8 bis 13 Jahren treffen sich regelmäßig im Museum, um sich in archäologisch relevante Themen, Forschungstätigkeiten und handwerkliche Praxis zu vertiefen. Die Jugendlichen üben eigenverantwortliches, experimentelles und kooperatives Arbeiten, dabei nicht zuletzt den direkten Umgang mit dem Original-Fundmaterial.

SIMONE STORK (Hochdorf) stellte das Projekt „Kinder fragen Kelten“ des Keltenmuseums Hochdorf/Enz vor. Im ersten Schritt des Projekts wurde versucht herauszufinden, was Kinder, die das Keltenmuseum besuchen, von selbst fragen wollen. Diese Fragen bezogen sich teils ganz pragmatisch auf Dinge des täglichen Lebens; andere Fragen waren auf größere Zusammenhänge gerichtet. Manche Kinder hakten nach, woher das in der Ausstellung vermittelte Wissen kommt. Im zweiten Schritt entstand aus diesen Fragen zusammen mit der Designerin FRANZISKA MATTLINGER (Vaihingen) ein Buch mit 213 Kinderfragen und den Antworten darauf. KELTOI kann auch als fachlich fundiert geschriebenes Buch auch als Unterlage für schulische Zwecke dienen.

KARIN HAIDER (Wien) stellte die Arbeit der Ancient Art Company (AAC) vor, einer freien Kooperation von Archäologen und Künstlern mit dem Ziel, die Vergangenheit sinnlich erfahrbar zu vermitteln. Die AAC nutzt Methoden wie etwa Objektbetrachtungen, aber auch die Arbeit mit Repliken und Originalen, und führt Kostümführungen durch, verwendet Methoden des Theaters und bietet Kindern und Erwachsenen die Möglichkeit, in Rollen zu schlüpfen und bestimmte Themen durchzuspielen. Ziele der AAC sind somit auch die Vermittlung von Verständnis für soziale Abläufe und für politische Entwicklungen, die Entwicklung gewaltfreier Kommunikation, Schulung von Toleranz und sozialer Kompetenz, Sensibilisierung für Gender-Stereotypen, Gewaltprävention, aber auch achtsamer Umgang mit der Umwelt und dem eigenen Körper und die Förderung von Kreativität, Phantasie und Konzentration.

4. Archäologie und Erwachsenenbildung

Der letzte Schwerpunkt der Tagung beschäftigte sich schließlich mit der Erwachsenenbildung. Hier wurden die Erwachsenen einerseits als Lernende angesprochen, die die Archäologie bzw. die Museen erreichen möchten, zum anderen aber auch als Lehrende, die sich vor allem als Ehrenamtliche im Bereich der Archäologievermittlung engagieren.

IRIS NEWTON (Berlin) berichtete vom britischen System der „Continuing Education“, das den deutschen Volkshochschulen in gewisser Hinsicht vergleichbar ist; die Zentren sind allerdings an die Universitäten angegliedert. Die Kurse, die in aller Regel abends in Form von Vortragsreihen mit offenen Diskussionen stattfinden, sind für alle Erwachsenen zugänglich. Es besteht kein Leistungszwang, aber die Möglichkeit zu Leistungskontrolle und zum Erwerb eines Zertifikats durch Leistungspunkte. Die Lernenden können die Lehrsammlung der Universität nutzen und erhalten Zugang zur Universitätsbibliothek. Wie in Deutschland besteht das Gros der Teilnehmer aus Berufstätigen und Rentnern. Aber auch Studenten der Archäologie nehmen das Angebot wahr. Daher besteht die Gefahr, dass die Kurse des „Centre for Lifelong Learning“ in Konkurrenz zu den Universitätsveranstaltungen treten. Newton regte einen Diskurs darüber an, ob Elemente des britischen Systems in die deutsche Erwachsenenbildungslandschaft eingegliedert werden sollten.

CLAUDIA MERTHEN (Nürnberg) plädierte für eine klarere Position der institutionellen Archäologie zur Tätigkeit von Freiberufler/innen und Ehrenamtlichen. Soll es eine zentrale Koordinationsstelle geben, soll eine Institution im Hintergrund stehen? Sollte es Weiterbildungen für Ehrenamtliche geben, und wenn ja, durch wen und wo? Sollte man eine Art Zertifikat zur Sicherung des Qualitätsstandards einführen – das im Übrigen auch den Ehrenamtlichen selbst nutzen würde, denn auf diese Weise könnten sie Qualitätsstandards nachweisen?

STEFANIE SAMIDA (Berlin) beschäftigte sich mit den Motiven und didaktischen Konzepten von Re-Enactors. Reenactments – die möglichst authentische Inszenierung konkreter historischer Ereignisse oder Lebenswelten auf Grundlage der überlieferten Quellen – sind beim Museumspublikum aufgrund des sinnliche, authentische Erfahrungen versprechenden Ansatzes beliebt. Die vermittelten Bilder und Lebenswelten wirken beim Publikum – besonders bei Kindern – außerordentlich prägend. Es stellt sich die Frage, welche Geschichtsbilder explizit und implizit bei Reenactment vermittelt werden, und welche Bedeutung dabei akademisches bzw. archäologisches Fachwissen hat. Samida führte qualitative Interviews mit Mitgliedern der Gruppe „Ask Alamannen”[4] durch. Neben dem Wunsch nach Wissensvermittlung zählten für die befragten Mitglieder aber auch Aspekte wie die Freude an der gemeinsamen Tätigkeit, die mehr mit der Natur verbunden scheint als das moderne Alltagsleben; Motivationen, die gerne mit „Eskapismus” oder „Exotismus” umschrieben werden.

HOLGER KIEBURG (Mainz) präsentierte die Zeitschrift „Antike Welt“, in der Wissenschaftler/innen über ihre aktuellen Forschungsergebnisse und Ausgrabungen berichten. Die Zeitschrift wird sowohl von Archäolog/innen und Studierenden der archäologischen Fächer als auch von interessierten Laien gelesen. Wie anspruchsvoll darf und wie populär muss ein solches Magazin sein, um die Wünsche und Vorstellungen beider Seiten im Spannungsfeld von wissenschaftlichem Anspruch und wirtschaftlichen Zwängen zu erfüllen? Wie andere Fachzeitschriften auch sieht sich die „Antike Welt“ gezwungen, ihre Inhalte stärker zu popularisieren. Damit geht jedoch die Gefahr einher, die aus dem Fach selbst stammenden Leser und die Bibliotheken als Käufer zu verlieren.

Fazit der Tagung

Obwohl bereits viel geschieht, bleibt noch mehr zu tun. Allgemein bestand der Wunsch, die Archäologie im schulischen Unterricht stärker zu berücksichtigen. Als historische Disziplin sollte sie integraler Bestandteil des Geschichtsunterrichts sein. Sie trägt dazu bei, das Bewusstsein für lange Zeiträume der Menschheitsgeschichte und historische Kontinuitäten zu schärfen. Dabei kann die Archäologie gerade im kompetenzorientierten Geschichtsunterricht viel beitragen. Leider entspricht die Qualität des Unterrichts oft nicht dem aktuellen Wissensstand. So konzentrierten sich die Diskussionen wiederholt auf die Frage, wie von Seiten der Archäologie dafür gesorgt werden kann, dass archäologische Forschungsergebnisse besser zu den Lehrkräften und in die Schulbücher gelangen. Erst seit kurzem ist Praxisbezug ein Ziel der universitären Ausbildung, so dass entsprechend in der Archäologievermittlung geschulte Fachleute noch nicht flächendeckend zur Verfügung stehen. Einigkeit bestand in der Frage, dass eine zentrale, koordinierende Einheit besser wäre als viele Einzelaktionen. Wichtig erschien in diesem Zusammenhang auch die Zusammenarbeit mit anderen Verbänden, etwa dem Verband der Geschichtslehrer und der Konferenz für Geschichtsdidaktik.

Die Tagungsbeiträge werden in der kommenden Ausgabe der Archäologischen Informationen veröffentlicht. Nähere Informationen zu den Archäologischen Informationen sind online verfügbar.[5]

Konferenzübersicht:

Begrüßung und Organisatorisches

Peter Lautzas, Mainz: Die Archäologie im Bildungswesen in Deutschland. Fragen und Wünsche an die Archäologie aus der Praxis

Regina Smolnik, Dresden: Archäologie und kulturelle Bildung

Frank Andraschko, Hamburg: Archäologie zwischen Forschung und Vermittlung

Thomas Kersting, Wünsdorf: Archäologie im Dienste des Bürgers oder umgekehrt?

Gerhard Ermischer, Aschaffenburg: Archäologie und Zivilgesellschaft

Raimund Karl, Bangor: Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert: Archäologische Denkmalpflege und die ungeliebte Öffentlichkeit in Österreich

Abendveranstaltung

Wolfgang Hasberg, Köln: Was ist kulturelle Bildung in Bezug auf historisches Lernen?

Isabella Engelien-Schmidt, Königsbrunn: Archäologie kann jeder? Ein Situationsbericht zum schulischen Einsatz und der Lehrkraftausbildung in Bayern

Christoph Kühberger, Salzburg: Archäologie im kompetenzorientierten Geschichtsunterricht. Neuorientierung und fachdidaktische Veränderungen archäologischer Aspekte im schulischen Lernen

Miriam Sénécheau, Freiburg im Breisgau: Die Germanen sind wieder da! Archäologische, didaktische und gesellschaftspolitische Perspektiven auf ein altes Thema in neuen Lehrwerken

Michaela Erbes, Berlin: Kindheiten in archäologischen Erzählungen

Freya Elsweiler und Christian Matthes, Berlin: Stundenskizzen – Tafelbilder – Arbeitsblätter – Folien: Materialien zur Unterrichtsvorbereitung quer gelesen

Jeanette Asbeck, Hannover: Neolithisierung im Geschichtsschulbuch von 2008

Sandra Kilb M.A., Hannover: Eine Schul-AG zum Thema „Mittelalter“

Beate Schneider, Mettmann: Humanevolution trifft Religion: Beispiel einer dauerhaften Kooperation von Schule und Museum

Christof Flügel, München, und Isabella Englien-Schmidt, Königsbrunn: Museum oder außerschulischer Lernort bei straffem Lehrplan?

Claudia Pingel, Beate Schneider, Mettmann: Wissenschaftskommunikation: Event, Lerneffekt und nachhaltiges Interesse

Anne Kurtze, Trier: Herausforderung „Archäologie im Museum“. Ansätze aus dem Rheinischen Landesmuseum Trier

Sonja Nolte, Hannover: „Forschen was das Zeug hält“ – der Archäologische Kinder- und Jugendclub des Niedersächsischen Landesvereins für Urgeschichte e.V.

Simone Stork, Hochdorf/Enz und Franziska Mattlinger, Vaihingen/Enz: Kinder fragen Kelten – ein Projekt des Keltenmuseums Hochdorf/Enz, Baden-Württemberg

Iris Newton, Berlin: Archäologische Erwachsenenbildung in England: Continuing Education als Gegenentwurf zur Volkshochschule?

Claudia Merthen, Nürnberg: Grauzone Archäologievermittlung? Beobachtungen zum Spagat zwischen Hobby und Beruf

Karin Haider, Wien: Gegenwärtige Vergangenheit für eine bessere Welt – lebendige Vermittlung der Antike im Spiegel einer Auswahl von Projekten der Ancient Art Company Wien

Stefanie Samida, Berlin: Re-Enactors in archäologischen Freilichtmuseen: Motive und didaktische Konzepte

Holger Kieburg, Mainz: Die ANTIKE WELT – Eine Special-Interest-Zeitschrift im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und breitem Publikum

Abschlussdiskussion

Anmerkungen:
[1] <http://www.gesellschaft-fuer-archaeologie.de/ARCHSCHULE/9_DOKUMENTE/Weissenburger%20Erklaerung.pdf> (02.08.2012).
[2] <http://www.kmk.org/fileadmin/veroeffentlichungen_beschluesse/2007/2007_02_01-Empfehlung-Jugendbildung.pdf> (02.08.2012).
[3] <http://www.dnk.de/_uploads/media/184_2005_Europarat_Rahmenkonvention.pdf> (02.08.2012).
[4] Selbstdarstellung auf <http://www.ask-alamannen.de/> (02.08.2012).
[5] <http://www.dguf.de/index.php?id=37> (02.08.2012).

Zitation
Tagungsbericht: Archäologie, Schule und Museum im Spannungsfeld kultureller Bildung, 17.05.2012 – 20.05.2012 Dresden, in: H-Soz-Kult, 16.08.2012, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4371>.
Redaktion
Veröffentlicht am
16.08.2012
Klassifikation
Region(en)
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Veranstaltung
Sprache Veranstaltung