HT 2004: Räume und Grenzen. Traditionen und Konzepte der Landesgeschichte

Ort
Kiel
Veranstalter
Enno Bünz, Werner Freitag
Datum
17.09.2004
Von
Wolfgang Flügel, Technische Universität Dresden

Die von Enno Bünz (Leipzig) und Werner Freitag (Münster) geleitete, im Internet übertragene Sektion [1] stellte sich das Ziel, neue Forschungsperspektiven innerhalb der Landesgeschichte aufzuzeigen. Insbesondere sollte verdeutlicht werden, worin die methodische Leistungsfähigkeit einer an Räumen orientierten Landesgeschichtsschreibung liegt. Damit wurde zugleich der Anschluss an die Thematik des Historikertages hergestellt.

In der von beiden Sektionsleitern erarbeiteten Einführung entwickelte Enno Bünz die Leitfragen, die auf die Anwendung von Raumbegriffen in der Landesgeschichte und die Prägekraft von Raumkonzepten in der künftigen Arbeit der Landeshistoriker zielten. Der Referent definierte "Raum" als ein von bestimmten Faktoren geprägtes Konstrukt, welches es ermöglicht, über Territorial- und Verwaltungsgrenzen hinaus die Abfolge menschlicher Interaktionen in einem geschlossenen Handlungsrahmen zu erfassen. Die Tragfähigkeit eines solchen Raumbegriffs sollte am Beispiel Sachsen, Westfalen, Schlesien bzw. Schwaben und damit an "Sprengeln", denen entweder dynastische und territoriale Kontinuitäten oder Kernterritorien fehlen, nachvollzogen werden. Dazu sollte in den einzelnen Vorträgen 1.) der Untersuchungsraum der jeweiligen Landesgeschichte benannt, 2.) die jeweiligen zwischen ca. 1930 bis 1960 entstandenen Werke der "Kulturraumforschung" vorgestellt und diese 3.) in ihren Erträgen bilanziert werden. Davon ausgehend galt 4.) die Frage dem Umgang mit Raumbegriffen angesichts der Erkenntnisinteressen der gegenwärtigen Landesgeschichtsschreibung.

Hinter dem Begriff "Kulturraumforschung" verbirgt sich eine Methode, die in den 1920er Jahren in Anschluss an Karl Lamprecht (1856-1915) entwickelt wurde. Ihr Charakteristikum liegt in einem weiten Kulturbegriff, der etwa Sprache, Religion, Siedlungs-, Wirtschafts- und Rechtsgeschichte umfasst. Drei Grundannahmen des Konzeptes arbeitete Enno Bünz heraus: Erstens der sogenannte "Stammesansatz," der von einer personalen Struktur ausging. Hier lag die Vorstellung zugrunde, dass Sprache, Brauchtum oder materielle Hinterlassenschaften das über Generationen hinweg überlieferte Wissen des Stammes repräsentieren. Mithin spiegelt sich der Stammescharakter in allen sozialen und kulturellen Bereichen. Eine weitere Annahme behauptete eine von administrativen Grenzen unabhängige Identität als Sachse, Westfale, Schlesier oder Schwabe. Schließlich ist der Kulturraumansatz im engeren Sinne zu benennen. Ihm zufolge prägten menschliche Arbeit, Kultur und Geschichte den Kulturraum, dieser aber wirkt auf das menschliche Handeln zurück. Auf die große Anfälligkeit dieses Ansatzes für völkisches Gedankengut und den daraus resultierenden Instrumentalisierungen hat die Forschung längst hingewiesen.[2] Besonders deutlich wurde dies am Beispiel von Hermann Aubin (1885-1969), der aufgrund seines gemeinsam mit dem Germanisten Theodor Frings (1886-1969) verfassten Werkes "Kulturströmungen im Rheinland"[3] zu den Mitbegründern der Kulturraumforschung zählt. In diesem Zusammenhang muss darauf hingewiesen werden, dass Hermann Aubin an der Erarbeitung der den Raum thematisierenden Werke in Westfalen und Schlesien unmittelbar, und in Sachsen durch seine Kontakte zum Landeshistoriker Rudolf Kötzschke (1877-1949) in Leipzig zumindest mittelbar beteiligt war.

Im ersten Referat der Sektion ging Enno Bünz auf das Beispiel Sachsen ein und machte zunächst auf die Probleme aufmerksam, die sich bei der Verwendung des Raumnamens Sachsen ergeben. Sie resultieren daraus, dass zwar ein Kernterritorium mit einer in ihrer Dauer einzigartigen dynastischen Kontinuität (von 1089 bis 1918) existiert, der Begriff Sachsen jedoch seit dem Mittelalter vielfältigen Wandlungen unterlag: Bezog sich die Bezeichnung im Früh- und Hochmittelalter zunächst auf Gebiete im heutigen Niedersachsen, so meinte sie im 14. Jahrhundert das Kurfürstentum Sachsen-Wittenberg. Erst nachdem die Wettiner 1423 mit diesem belehnt wurden, bezog sich der Name Sachsen auf deren gesamtes Herrschaftsgebiet. Dessen Abgrenzungen haben sich jedoch 1485 durch die Teilung der Dynastie in eine ernestinische und albertinische Linie, die Übertragung der Kurwürde von den Ernestinern auf die Albertiner im Jahr 1547 und die Verkleinerung Sachsens infolge des Wiener Kongresses 1815 mehrfach verändert. Die sächsische Landesgeschichte geht deshalb von einem Kernterritorium, dem heutigen Freistaat Sachsen, aus, wobei Randgebiete, etwa der 1815 an Preußen verlorene Kurkreis um Wittenberg nicht ausgeblendet werden.

Mit Hinweis auf das 1906 von Karl Lamprecht und Rudolf Kötzschke gegründete Leipziger "Seminar für Landesgeschichte und Siedlungskunde" belegte Enno Bünz, dass bereits vor dem ersten Weltkrieg in Sachsen Landesgeschichte und Historische Geographie miteinander verbunden sowie "Raum" und "Boden" (im Sinne von "Scholle") zu zentralen Kategorien landesgeschichtlicher Forschung gemacht wurden. Angesichts dieser Entwicklung verwundert es nicht, dass das Konzept der Kulturraumforschung auf Sachsen übertragen worden ist, zumal Theodor Frings seit 1927 in Leipzig lehrte. 1936 lag eine Abhandlung vor, die sich an den "Kulturströmungen im Rheinland" orientierte.[4] Sie enthält neben einer Geographie des "Obersächsisch-Thüringischen Raumes" eine systematische Darstellung der sächsischen Geschichte sowie Abhandlungen zu Volkstum und Sprache. Allerdings blieb das Werk innerhalb der Landesgeschichte wirkungslos, was Enno Bünz vor allem damit erklärte, dass es nicht gelungen sei, einen Raumbegriff zu konstruieren, der dem Sachsen-Begriff überlegen gewesen sei.

Nach 1945 hat sich die universitäre Landesgeschichte vom Kulturraumansatz scharf abgegrenzt. Stattdessen wurde (wohl unter dem Einfluss der Auflösung der Länder 1952) eine Regionalgeschichte konzipiert, die sich jedoch in ständiger Rechtfertigungsnot gegenüber der traditionellen Landesgeschichte befand. Als Eingeständnis ihres methodischen Scheiterns kann die kurz vor der Wende 1989 von Karl Czok herausgegebene sächsische Geschichte [5] angesehen werden, die vom Kernterritorium des kursächsischen Territorialstaates ausgeht und damit wieder an die alte Landesgeschichtsschreibung anknüpft.

Abschließend fragte Enno Bünz: "Quo vadis Sächsische Landesgeschichte?" und betonte in seiner Antwort, man könne nicht nur auf den Spuren Rudolf Kötzschkes weiterarbeiten. Vielmehr seien die Untersuchungsräume entsprechend der jeweiligen Fragestellungen zu konstituieren. So verwies der Referent auf eine "Bildungslandschaft Mitteldeutschland", deren Raumgrenzen das Einzugsgebiet der Universitäten Leipzig, Wittenberg und Erfurt bestimmt, sowie "Sachsen als Mutterland der Reformation", das in den Grenzen der Diözesen Meißen, Merseburg und Naumburg im 15. und frühen 16. Jahrhundert definiert werden müsse. Schließlich erwähnte er das im Dresdener Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde angebundene Projekt "Von der Siedlungsgeschichte zur ländlichen Sozialgeschichte", das im Vergleich von Thüringer Altsiedelland und Sächsischem Neusiedelland einen Wandel der Agrar- und Sozialstrukturen aufzeigen will. Diese Beispiele zeigen, dass die sächsische Landesgeschichte den Schritt zur Landesgeschichte Mitteldeutschlands wagen muss. Dies führt methodisch, und damit wieder an Rudolf Kötzschke anschließend, zu einer stärker vergleichend ausgerichteten Arbeitsweise.

Im zweiten Vortrag untersuchte Werner Freitag die Verwendung des Raumbegriffs am Beispiel Westfalens, das für dieses Thema insofern prädestiniert ist, weil ihm gleichermaßen Kernterritorium und dynastische Kontinuität fehlen. Seit dem 11. Jahrhundert bezeichnet der Begriff Westfalen die zwischen Rhein und Weser ansässige Bevölkerung unabhängig von ihrer politischen Zugehörigkeit. Im Alten Reich zu verschiedenen Fürstbistümern gehörend, wurde aus dem Siedelgebiet nach den im Wiener Kongress festgeschriebenen Veränderungen unter Ausschluss der nördlichen Landesteile die preußische Provinz Westfalen gebildet. Seitdem konstruierten Historiker, Lehrer, Geschichts- und Heimatvereine eine gemeinsame Geschichte, die je nach Anschauung als groß- oder als provinzialwestfälisch verstanden wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging das Gebiet im Bundesland Nordrhein-Westfalen auf, wobei vor allem der Landschaftsverband Westfalen-Lippe das Westfalenbewusstsein pflegte. In dieser Identität liegt die Kontinuität, die Westfalen in territorialer Hinsicht versagt war.

In den Mittelpunkt seines Referates rückte Werner Freitag das von Hermann Aubin initiierte, zwischen 1929 und 1987 in fünf Bänden mit insgesamt 13 Teilbänden entstandene Werk "Der Raum Westfalen."[6] Dessen Autoren gingen für ihre Raumkonstruktion von der Existenz einer westfälischen Identität aus und fragten nach deren Bedingungen. Im Sinne des Stammesansatzes, den sie um das Argument der geographischen Lage erweiterten, versuchten sie, Westfalen als materielles Gefüge sichtbar zu machen. Dazu trugen sie die Verbreitung von Alltagsgegenständen, Liedgut und anderen Kulturzeugnissen, in denen sich Stammeszugehörigkeit widerspiegelt, in Landkarten ein, um so einen verdichteten westfälischen Kernraum als "Kulturprovinz" abzubilden. Nach der Bedeutung des Werkes fragend führte Werner Freitag aus, dass es sich um eine interdisziplinär angelegte, mit zahlreichem Material abgestützte Kombination von Annahmen der Kulturraumforschung und den Standardwerken der beteiligten Fachdisziplinen handelt. Allerdings waren die einzelnen Beiträge nicht untereinander abgestimmt und das Werk selbst blieb ohne konzeptionelle Nachfolge.

Kritisch merkte Werner Freitag an, dass das Raumkonzept weder akteurs- noch erfahrungsorientiert ist. Deshalb plädierte er dafür, in Anschluss an Martina Löws [7] den Raum als relationale Anordnung von Menschen und sozialen Gütern an Orten zu begreifen, um so menschliche Handlungen als soziale und symbolische Aneignung geographisch-topographischer Gegebenheiten fassen zu können. Damit erweist sich Raum als soziales Konstrukt, als wandelbar und als Ergebnis von Handlungen und Verhältnissen. Gerade für den Ort Westfalen sind die Räume als Konstruktions-, Erfahrungs- und Handlungsräume zu bestimmen.

Gleich zwei Referenten widmeten sich dem Thema Schlesien. Zunächst thematisierte Arno Herzig (Hamburg), wie der Kulturraumansatz innerhalb der schlesischen Landesgeschichte Anwendung fand. Im Anschluss daran gab Krzysztof Ruchniewicz (Wroclaw) einen Überblick über die Entwicklung der schlesischen Landesgeschichtsschreibung seit 1945.

Arno Herzig verwies darauf, dass die territoriale Herausbildung Schlesiens im Hochmittelalter durch die Auseinandersetzungen zwischen Polen und Böhmen bestimmt wurde. Seit 1337 war Schlesien Nebenland der böhmischen Krone, bis es im ersten Schlesischen Krieg 1742 größtenteils an Brandenburg-Preußen fiel. Gravierende territoriale Veränderungen erfolgten dann im Ergebnis der beiden Weltkriege, als das Land zunächst partiell, dann vollständig an Polen abgetreten werden musste. Weiterhin ging der Referent der Überlegung nach, welche ethnischen, sprachlichen und politischen Faktoren für den Kulturraumansatz in der schlesischen Landesgeschichte sprechen und benannte den Landesausbau durch deutsche Siedler und die vor allem in Niederschlesien vorherrschende Präsenz der deutschen Sprache. Hinzu kam eine Untergliederung des Landes in verschiedene Teilherzogtümer, in denen unterschiedliche Konfessionskulturen entstanden.

Der Referent fokussierte seine Analyse auf den für die Raumfrage wichtigen, von Hermann Aubin 1938 vorgelegten ersten Band einer schlesischen Geschichte.[8] Die Darstellung betonte eine deutsche Kulturträgerschaft in Schlesien, die aus der deutschen Besiedlung des Landes im Mittelalter resultiere und bezeichnete das Land als "Grenzmark des Deutschtums", wobei "Grenzland" "Kampfland" sei. Davon ausgehend setzte sich Hermann Aubin nach 1939 für eine "ethnische Entmischung" durch "Umsiedlung" nach "volksgeschichtlich-ethnologisch-sprachlich begründeten Kriterien" ein. Die 1961 vorgelegte Neuauflage des Bandes verzichtete zwar auf solche Formulierungen, doch die Kulturleistungen der Deutschen wurden noch immer überschwänglich gerühmt. Von dieser Sichtweise lösten sich erst die beiden von Norbert Conrads und Joachim Bahlcke herausgegebenen Darstellungen.[9] Die gegenwärtigen Konzepte schlesischer Landesgeschichte basieren primär auf dem Konzept einer Begegnungsgeschichte, wobei sehr stark die europäische Dimension des Landes als Brücke zwischen Ost und West betont wird. Dies führte bereits zu Warnungen, die schlesische Landesgeschichte nicht einseitig im Sinne einer europäischen Integrationsgeschichte zu funktionalisieren.

Im zweiten Teil des Schlesien-Referats informierte Krzysztof Ruchniewicz über die Konsequenzen, die nach 1945 aus der veränderten politischen Zugehörigkeit Schlesiens für die polnische Landesgeschichtsschreibung erwuchsen. Sie stand vor der Aufgabe, unter strikter Zurückweisung der - in Hinblick auf Hermann Aubin nicht zu Unrecht - als tendenziös verstandenen deutschen Forschung eine polnische Geschichte Schlesiens zu schreiben. Deren Grundaussage bestand darin, dass Schlesien vor 1337 polnisches Gebiet gewesen sei, dass nun, nach Jahrhunderten der Unterdrückung, nach Polen zurückgekehrt sei. Die Vertreibung der deutschen Bevölkerung wurde dagegen nicht thematisiert. Dieser Auffassung folgte noch eine Anfang der 1970er von Kazimierz Popiolek herausgegebene Gesamtdarstellung der schlesischen Geschichte. Obgleich es bereits im selben Zeitraum zu einer selektiven Wahrnehmung schlesischer Geschichtsschreibung westdeutscher Provenienz kam - für die DDR-Geschichtswissenschaft war schlesische Geschichte kein Thema - fanden die polnische und deutsche Historiographie erst nach der Wende von 1989 zu einer von alten ideologischen Vorbehalten befreiten Zusammenarbeit.

Abschließend referierte Rolf Kießling (Augsburg) über die schwäbische Landesgeschichte und deren Raumkonzepte. Er verwies zunächst darauf, dass die Vorstellung, was Schwaben sei, zwischen zwei Eckpunkten oszilliert. Als bestimmend erweist sich einerseits die lange Tradition der Stammeszugehörigkeit, wobei Alemannen und Schwaben teils synonym, teils in historischer Abfolge different verstanden wurden. Andererseits erfolgte eine Konzentration auf die territoriale Ausformung von Württemberg.

Aufgrund der infolge der Napoleonischen Neuordnung erfolgten Aufteilung Schwabens auf Württemberg und Bayern, die sich noch in der Gegenwart in der territorialen Zugehörigkeit zu den Bundesländern Baden-Württemberg und Bayern widerspiegelt, kann eine traditionell aus der Dynastiegeschichte entwickelte Landesgeschichte den Raum Schwaben nur partiell abdecken. So erfolgte in Bayern eine Einbindung der ostschwäbischen Geschichte in den "Historischen Atlas von Bayern", eine umfassende Darstellung, die seit ca. 1950 unter Federführung von Max Spindler auf die herrschaftsgeschichtliche Aufarbeitung des Werdens der Staatlichkeit zielte. Für den württembergischen Teil Schwabens sind dagegen zwei Traditionslinien der Landesgeschichtsschreibung zu nennen: Einerseits publizierte das 1931 gegründete, dem Ansatz Hermann Aubins verpflichtete "Alemannische Institut" zahlreiche Sammelbände zu Landschaften, etwa dem Hegau, dem Schwarzwald u.s.w. Andererseits lässt sich ein Strang erkennen, der im 16. Jahrhundert in den sog. "Landbüchern" seinen Anfangspunkt gefunden hatte. Er mündet ein in die 1953 begonnene Reihe der "Amtlichen Kreisbeschreibung" des Landes Baden-Württemberg. Deren Einzelbände gehen gleichermaßen auf die Naturräume und die historischen, wirtschaftlichen und sozialen Prozesse ein. Darauf aufbauend konnte zwischen 1972 und 1988 ein "Historischer Atlas" von Baden-Württemberg [10] vorgelegt werden. Die hier benutzte kartographische Methode ermöglicht das Erkennen von geschichtlichen Räumen, nicht zuletzt, weil sie zum Vergleich verschiedener Phänomene, etwa archäologischer Funde, Siedlungstypen u.s.w. herausfordert.

Bezüglich des Ertrages dieser Werke und den sich daraus ergebenden Perspektiven verwies Rolf Kießling darauf, dass die landesgeschichtliche Methode im engen Diskurs zwischen Geschichte und Geographie entstanden ist. Während man dabei zunächst dem Determinismus folgte, dass die Geofaktoren das menschliche Zusammenleben prägten, so fragt die jüngere Sozialgeographie nach den raumstrukturierenden Faktoren von Gesellschaft. Räume sind demnach nicht als feststehende Einheiten, sondern als Dimension der Kommunikation und des Handelns, d.h. als sozial bedingte Größen zu verstehen.[11] Deshalb bilden sie z.B. als "Städtelandschaft" oder als "Bildungs- und Schullandschaft" zunächst nur einzelne historische Phänomene ab. Jedoch kommt es zu Überlagerungen und damit zur wechselseitigen Beeinflussung der raumbildenden Faktoren. Die einzelnen Räume selbst gewinnen unterschiedliche Intensitäten, sie verdichten sich zu Strukturen unterschiedlicher Dauer. Derartige Räume zu rekonstruieren und ihren Stellenwert zu bestimmen, darin sieht der Referent eine spezifische Aufgabe der Landesgeschichte.

In der von Sigrid Schmitt (Mainz) vorgenommenen abschließenden Zusammenfassung und den Diskussionsrunden wurde der Kulturraumansatz kontrovers diskutiert. Auch jenseits der nationalistischen Tendenzen erschienen die vorgestellten Werke zur Kulturraumforschung als problematisch, da sie entweder wie in Sachsen keinen eigenen Raumbegriff etablierten, wie in Westfalen nicht rezipiert wurden oder wie in Schlesien zu einer Politisierung der Landesgeschichte beitrugen. Andererseits wurde verschiedentlich die Interdisziplinarität dieses Ansatzes positiv herausgestellt. Jenseits der Kulturraumforschung erwies sich die Auffassung als allgemein tragfähig, die den Raum als sozial determinierte Größe begreift. Hierin liegt ein Ansatz, der (nicht nur) für die Landesgeschichte von besonderem Interesse ist und den es daher weiterzuentwickeln gilt, etwa indem "Wirkungsräume" konstruiert werden.

Anmerkungen:
[1]http://www.historikertag2004kiel.de/sektionall16.html.
[2] Vgl. etwa Willi Oberkrone, Volksgeschichte. Methodische Innovation und völkische Ideologisierung in der deutschen Geschichtswissenschaft 1918-1945, Göttingen 1993, S. 217 ff.; Karen Schönwälder, Historiker und Politik. Geschichtswissenschaft im Nationalsozialismus, Frankfurt am Main, New York 1992, S. 171 ff. Vgl. auch die Diskussion zum Symposion "Westforschung" bei H/Soz/u/Kult: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=320&type=revsympsymp.
[3] Hermann Aubin, Theodor Frings, Josef Müller, Kulturströmungen und Kulturprovinzen in den Rheinlanden. Geschichte, Sprache, Volkskunde, Bonn 1926.
[4] Wolfgang Ebert, Theodor Frings, Rudolf Kötzschke, Kulturräume und Kulturströmungen im mitteldeutschen Osten. 2 Bde., Halle 1936.
[5] Karl Czok (Hg.), Sächsische Geschichte, Weimar 1989.
[6] Hermann Aubin, Franz Petri, Der Raum Westfalen. Münster 1929-1987.
[7] Martina Löws, Raumsoziologie (Suhrkamp-Taschenbuch 1506), Frankfurt am Main 2001.
[8] Geschichte Schlesiens, hg. von der Historischen Kommission für Schlesien, Bd. 1: Hermann Aubin, Von der Urzeit bis zum Jahr 1526, Breslau 1938.
[9] Norbert Conrads, Forschungen zur schlesischen Geschichte am Historischen Institut der Universität Stuttgart. Ein Forschungsbericht zum fünfjährigen Bestehen des Projektbereichs Forschungen zur schlesischen Geschichte am Historischen Institut der Universität Stuttgart, Gerlingen 1990; Joachim Bahlcke, Schlesien und die Schlesier (Vertreibungsgebiete und die vertriebenen Deutschen 7), München 1996.
[10] Historischer Atlas von Baden-Württemberg, hg. von der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg, Stuttgart 1972-1988.
[11] Benno Werlen, Gesellschaft, Handlung und Raum. Grundlagen handlungstheoretischer Sozialgeographie, 3. Auflage Stuttgart 1997.

Zitation
Tagungsbericht: HT 2004: Räume und Grenzen. Traditionen und Konzepte der Landesgeschichte, 17.09.2004 Kiel, in: H-Soz-Kult, 02.11.2004, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-441>.