Die Geschichte der Organisation Gehlen und des BND 1945–1968 – Umrisse und Einblicke

Ort
Berlin
Veranstalter
Unabhängige Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des BND 1945-1968 (UHK)
Datum
02.12.2013
Von
Roger Engelmann, Abteilung Bildung und Forschung, Der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen

Zwei Jahre nach der Aufnahme ihrer Forschungen gab die Unabhängige Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes (BND) in einer sehr gut besuchten Konferenz im Haus der Berlin-Brandenburgischen Akademie Einblicke in ihre Arbeit und legte erste Ergebnisse vor. Der Vorsitzende der Kommission Klaus-Dietmar Henke, der Geheimdienstkoordinator der Bundesregierung Günter Heiß und der BND-Präsident Gerhard Schindler betonten bei der Eröffnung der Veranstaltung, dass mit diesem Vorhaben Neuland betreten werde. Henke sagte, die wissenschaftliche Erforschung der BND-Geschichte bedeute, dass ein Nachrichtendienst „bei lebendigem Leibe seziert“ würde. Einen „Zusammenprall zweier Kulturen“ diagnostizierte Heiß bei der Begegnung von Nachrichtendienstlern und Historikern. Und Schindler betonte, für eine Institution, die die Grundsätze des „Methodenschutzes“, des „Quellenschutzes“ und des „Mitarbeiterschutzes“ hochhalte, sei dieses Projekt „keine einfache Sache“.

Die Vorträge gliederten sich in drei Themenkomplexe, die jeweils durch einen Kommentar abgeschlossen wurden. Der erste Komplex behandelte die personellen Prägungen des Apparats, die Rekrutierungspraxis und dabei natürlich besonders die Frage der NS-Belastung des Personalbestandes. Im zweiten Block ging es um Einblicke in die Auslandsspionage, der eigentlichen Aufgabe des Dienstes. Der dritte Block behandelte das heikle Thema der innenpolitischen Aktivitäten.

Der Auftaktvortrag von ROLF-DIETER MÜLLER (Potsdam) widmete sich der umstrittenen und teilweise undurchsichtigen Biographie Reinhard Gehlens. Hinter der Fassade seines persönlichen Mythos, an dem der BND-Gründer selbst kräftig mitgestrickt hat, legte Müller eine sehr profane Realität offen. Gehlen war ideologisch und im Hinblick auf seinen Führungsstil durch seine Zeit als Generalstabsoffizier in der Abteilung Fremde Heere Ost beim Oberkommando der Wehrmacht geprägt, was ihn nicht unbedingt für seine spätere Aufgabe qualifizierte. Seine Leitungspraxis war selbstherrlich und intrigant, zuweilen chaotisch. Bei der Besetzung von Leitungspositionen in der Pullacher Zentrale pflegte Gehlen einen ausgeprägten Nepotismus, was ihn allerdings nicht vor Konflikten mit seinen Führungskräften bewahrte. Die Organisation durchlief mehrere Führungskrisen, die zeitweise mit der Gefahr des Scheiterns verbunden gewesen seien.

Die mangelnde Professionalität, mit der die Organisation Gehlen geführt wurde, zeigte sich, wie GERHARD SÄLTER (Berlin) in seinem Beitrag darlegte, auch und gerade bei der Rekrutierungspraxis außerhalb der Pullacher Zentrale, die in der Hand der örtlichen Leiter lag. Diese sei durch Wildwuchs und mangelnde Professionalität gekennzeichnet gewesen. Netzwerke und Seilschaften hätten für eine „Kettenrekrutierung“ gesorgt. Eine Durchleuchtung ihrer Vergangenheit habe zunächst nicht stattgefunden Zwar habe man bei Einstellungen ab 1956 das Berlin Document Center konsultiert, eine Sensibilität im Hinblick auf NS-Belastungen habe aber – auch im Hinblick auf eine mögliche Erpressbarkeit – bis zum Skandal um den KGB-Maulwurf Heinz Felfe Anfang der 1960er-Jahre weitgehend gefehlt.

Der Frage nach der NS-Belastung des Personalbestandes der Organisation Gehlen bzw. des BND ging CHRISTOPH RASS (Osnabrück) systematisch auf der Grundlage einer Sozialprofilanalyse nach, die auf einer repräsentativen Stichprobe (1500 Personen) basiert. Sein vorläufiges Fazit lautet, eine stärkere NS-Belastung sei beim Pullacher Dienst zwar kein Einstellungshindernis, aber wohl ein gewisses Karrierehemmnis gewesen. Auffällig sei, dass ehemalige Angehörige der Gestapo und des RSHA primär in subalternen Positionen zu finden gewesen seien, während die höheren Positionen überwiegend mit ehemaligen Wehrmachtsangehörige besetzt wurden.

In seinem Kommentar regte MICHAEL WILDT (Berlin) einen Vergleich mit der Rekrutierungspraxis des Bundesamtes für Verfassungsschutz (Bochumer Projekt von Constantin Goschler und Michael Wala) an, bei der zu erkennen sei, dass die „Nazifizierung“ erst richtig in der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre eingesetzt habe, als die alliierte Aufsicht nicht mehr bestand. Von großer Bedeutung sei, inwieweit die NS-Sozialisierung der Nachrichtendienstler die Informationsbeschaffung beeinflusst habe und ob auf diese Weise die im BND bestehenden Feindbilder, die Sichtweisen in den Stellen, die die Berichte entgegennahmen, beeinflusst hätten.

Der zweite Themenblock wurde mit einem Vortrag zur Auslandsspionage von WOLFGANG KRIEGER (Marburg) eingeleitet, der die Rolle des BND in Nordafrika am Beispiel der schillernden Figur von Richard Christmann veranschaulichte. Christmann hatte im Krieg in Frankreich für die „Abwehr“ von Canaris gearbeitet und war in den 1950er- und frühen 1960er-Jahren in Tunis als BND-Agent tätig gewesen. Es wurde deutlich, dass der Nachrichtendienst zu dieser Zeit in dieser Region sehr unsystematische (um nicht zu sagen unprofessionelle) nachrichtendienstliche Aktivitäten entfaltete. So ging der Pullacher Dienst nicht einmal dem bestehenden Verdacht nach, Christmann habe auch für den französischen Nachrichtendienst gearbeitet, was die Möglichkeit gezielter Desinformationen nahegelegt hätte. Krieger trat der von Erich Schmidt-Eenboom und Matthias Ritzi[1] vertretenen These entgegen, Christmann habe den BND über einen geplanten Sprengstoffanschlag der algerischen FNL auf den Staudamm bei Fréjus informiert und der Dienst habe die Information nicht an Frankreich weitergegeben. Tatsächlich sei der Staudamm 1959 nachgewiesenermaßen aufgrund bautechnischer Mängel eingestürzt. Die (auch in den Medien kolportierte) These von Schmidt-Eenboom und Ritzi beruhe auf einer fehlerhaften Quelleninterpretation.

Wie schwierig es für den BND in der späteren Zeit war, im Ostblock an hochkarätige, aktuelle politische und militärische Informationen zu kommen, zeigte ANDREAS HILGER (Hamburg) am Beispiel des Einmarsches der Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei 1968. Im Bereich der menschlichen Quellen habe sich der Dienst in hohem Maße auf Befragungen, Reisequellen und die Abschöpfung von gut platzierten Journalisten stützen müssen. Auch die Auswertung von offenem Material habe eine große Rolle gespielt (Anteil am Informationsaufkommen 70–80 Prozent). Auch deshalb habe der Informationsstand mit der Entwicklung nicht schritthalten können. Bei der Frage, ob NVA-Einheiten an der Niederschlagung des „Prager Frühlings“ beteiligt gewesen seien, habe sich die Auswertung des BND für die fehlerhafte (von NATO-Stellen vertretenen) bejahende Version entschieden, obwohl ihr vonseiten der eigenen Fernmeldeaufklärung die zutreffenden Information vorgelegen habe, dass die DDR-Truppen die Grenze nicht überschritten hätten. Auch bei der politisch-strategischen Einschätzung des Einmarsches habe der BND (im Dissens mit dem Auswärtigen Amt) mit seiner Position falsch gelegen. Bei solchen Bewertungen hätten die persönlichen politischen Überzeugungen der BND-Analysten eine Rolle gespielt. Die rein militärische Erkenntnisebene sei dagegen gut gewesen.

ERWIN A. SCHMIDL (Wien) kommentierte, beim Thema Prag 1968 zeige sich wieder das alte Diktum der militärischen Aufklärung, man sehe immer das, was man sehen möchte. Zudem sei die Entscheidung zur Intervention so kurzfristig erfolgt, dass eine aktuelle Informationsbeschaffung kaum möglich war.

In den letzten beiden Vorträgen wurden die nachrichtendienstlichen Aktivitäten der Organisation Gehlen und des BND im Inland thematisiert. BODO HECHELHAMMER (Berlin) stellte die sogenannte Sonderkartei vor, eine Sammlung von Personendossiers zu rund 210 Personen des öffentlichen Lebens der Bundesrepublik, vor allem Politiker, die Gehlen persönlich zur Verfügung stand. Diese wurde nach seiner Ablösung und der Übernahme der Regierung durch die sozialliberale Koalition auf Weisung des damaligen Kanzleramtschefs Horst Ehmke weitgehend vernichtet. Ihre Struktur und ihr inhaltlicher Charakter sind jedoch aufgrund von Parallelüberlieferungen rekonstruierbar. Gehlen verstand einen Teil dieser Aktivitäten, die für einen Auslandsnachrichtendienst über weite Strecken aufgabenfremd waren, als Spionageabwehr. Er war besessen von der Vorstellung, dass eine neue „Rote Kapelle“ im Auftrag der Sowjets in der Bundesrepublik operierte. Unter anderem verdächtigte er die CDU-Politiker Jakob Kaiser und Ernst Lemmer sowie Herbert Wehner, Agenten dieser Organisation zu sein. Ein anderer Teil der Personendossiers diente der innenpolitischen Unterstützung von Politikern, die Gehlen nahe standen, wie z.B. Hans Globke und Franz Joseph Strauß, was nicht zuletzt auch die eigene Position stärken sollte.

Dieses Thema wurde im Vortrag von KLAUS-DIETMAR HENKE (Berlin) weiter vertieft. Henke betonte, dass die innenpolitischen Aktivitäten Gehlens einerseits einem extensiv verstandenen „Kampf gegen den Kommunismus“ und auf der anderen Seite einer sehr pragmatische Absicherung der eigenen institutionellen Interessen dienten. „Dreh- und Angelpunkt“ sei dabei das Verhältnis von Gehlen zu Globke gewesen, sie hätten „beinahe täglich“ kommuniziert. Für Globke war der Dienst wegen seiner kompromittierenden Vergangenheit als Spitzenbeamter des Reichsinnenministeriums und Kommentator der Nürnberger Rassegesetze auch eine Art „persönliches Schutzschild“ gewesen. Henke machte fünf Felder der innenpolitischen Aktivitäten aus: verdeckte Verbindungen in die Gesellschaft, Platzierung von Gewährsleuten in staatlichen Behörden, Präsenz im Milieu der ehemaligen Wehrmachtsoldaten, ein vergangenheitspolitisches Frühwarnsystem sowie die Beschaffung innenpolitischer Informationen (vor allem für das Bundeskanzleramt). Neben der klassischen nachrichtendienstlichen Arbeit mit Abschöpfquellen und V-Leuten verfügte der Dienst über ein System von etwa 300 „Sonderverbindungen“ in Behörden, Parteien, Gewerkschaften, Wirtschaftsverbänden, Firmen, Kirchen, Wissenschaft und Medien, mit dem er nicht nur Informationen beschaffte, sondern auch Einfluss auszuüben versuchte. So mischte sich der Dienst in die Personalpolitik von Behörden, deren Aufgabenbereich für ihn von Interesse war (Innenministerien, Verfassungsschutzämter), massiv ein. Bevorzugter Gegenstand der innenpolitischen Ausforschung seien FDP und SPD gewesen, aber auch innerparteiliche Widersacher Adenauers in der CDU wie Jakob Kaiser oder Eugen Gerstenmaier. Dabei habe es sich nicht um Eigenmächtigkeiten des Dienstes gehandelt, sondern es geschah „mit Wissen und zu Willen des Bundeskanzlers“.

In seinem Kommentar zum letzten Themenblock warf FRANK BÖSCH (Potsdam) die Frage nach der Professionalität der innenpolitischen Berichterstattung des BND auf. Es sei durchaus denkbar, dass hier teilweise allgemein zugängliche Informationen durch Geheimniskrämerei aufgewertet wurden. Bösch benannte weiterführende Forschungsfragen, z.B. wie die Informationen von den Adressaten genutzt worden seien oder welches Verhältnis zwischen dem Dienst und investigativen Journalisten bestanden habe. Sein (vorläufiges) Fazit lautete: Die Erkenntnisse zur innenpolitischen Rolle der Organisation Gehlen und des BND würden im Hinblick auf eine Bewertung der Ära Adenauer „die konservativen Momente der autoritären Kanzlerdemokratie“ wieder stärker hervorheben.

Die auf dieser Konferenz präsentierten Zwischenergebnisse lassen mit einiger Zuversicht vermuten, was vielfach bezweifelt wurde, nämlich dass die qualifizierte aktengestützte und kritische Erforschung der Geschichte eines „lebenden“ Nachrichtendienstes möglich ist. Man kann nur hoffen, dass Geheimschutzbedenken bei den politisch und administrativ Verantwortlichen nicht wieder die Oberhand gewinnen. Nachdem die Geheimdienstforschung – mit Ausnahme der Stasi-Forschung – in Deutschland bisher ein Schattendasein führte, könnte die Unabhängige Historikerkommission mit ihrem thematisch breit angelegten Forschungstableau auf diesem Feld für einen Quantensprung sorgen. Man kann also auf das Endergebnis gespannt sein, weitere Zwischenergebnisse in Tagungsform wird es nach Auskunft von Henke jedenfalls nicht geben.

Konferenzübersicht:

Begrüßung: Klaus-Dietmar Henke (Berlin), Günter Heiß (Geheimdienstkoordinator der Bundesregierung als Vertreter von Kanzleramtsminister Pofalla), Gerhard Schindler (BND-Präsident)

Rolf-Dieter Müller (Potsdam): Frühe Konflikte. Annäherung an eine Biographie Reinhard Gehlens

Christoph Rass (Osnabrück): Leben und Legende. Das Sozialprofil eines Geheimdienstes

Gerhard Sälter (Berlin): Kameraden. Nazi-Netzwerke und Rekrutierung hauptamtlicher Mitarbeiter

Kommentar: Michael Wildt (Berlin)

Wolfgang Krieger (Marburg): Die BND-Auslandsoperationen in Nordafrika: eine Fallstudie zu Richard Christmann in Tunesien und Algerien

Andreas Hilger (Hamburg) und Armin Müller (Marburg): Der BND und der „Prager Frühling“ 1968

Kommentar: Erwin A. Schmidl (Wien)

Bodo Hechelhammer (Berlin): Die „Dossiers“. Reinhard Gehlens geheime Sonderkartei

Klaus-Dietmar Henke (Berlin): Der Auslandsnachrichtendienst in der Innenpolitik: Umrisse

Kommentar: Frank Bösch (Potsdam)

Anmerkung:
[1] Matthias Ritzi / Erich Schmidt-Eenboom, Im Schatten des Dritten Reiches. Der BND und sein Agent Richard Christmann, Berlin 2011.

Zitation
Tagungsbericht: Die Geschichte der Organisation Gehlen und des BND 1945–1968 – Umrisse und Einblicke, 02.12.2013 Berlin, in: H-Soz-Kult, 23.04.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5325>.
Redaktion
Veröffentlicht am
23.04.2014