Wasser kennt keine Grenzen

Ort
München
Veranstalter
Deutsche Wasserhistorische Gesellschaft e.V. (DWhG); Deutsches Museum, Kerschensteiner Kolleg
Datum
28.02.2014 - 02.03.2014
Von
Christian Zschieschang, Geisteswissenschaftliches Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas, Universität Leipzig; Stefanie Preißler, Institut für Industriearchäologie, Wissenschafts- und Technikgeschichte, TU Bergakademie Freiberg

Dass das Thema Wasser weder zeitlich, räumlich oder fachlich über Grenzen verfügt, bewiesen die TeilnehmerInnen des 4. Nachwuchsseminars der Deutschen Wasserhistorischen Gesellschaft (DWhG). Seit längerer Zeit hat sich innerhalb des Vereins ein multidisziplinäres Netzwerk von jungen WissenschaftlerInnen etabliert, das weitere Interessierte und potentielle Mitglieder ansprechen und zusammenbringen will. Diesem Ziel dienen die Nachwuchsseminare, die regelmäßig an wechselnden Orten angeboten werden, wobei im vorliegenden Fall die Wahl auf München gefallen war. Bedingt durch den Charakter der Veranstaltung handelte es sich in den meisten Fällen um die Vorstellung von Dissertationsvorhaben oder abgeschlossenen Diplomarbeiten. Entgegen der gelegentlichen Ankündigung, erst am Anfang der Forschungen zu stehen, konnten die Referenten durchweg mit inhaltsschweren und anregenden Beiträgen aufwarten, die im Anschluss intensiv diskutiert wurden. Der Schwerpunkt lag dabei mit zwei Ausnahmen auf Themen, die das 19. und 20. Jahrhundert betrafen.

Nach einer Einführung in das Rahmenthema der Tagung und die Arbeit der DWhG durch das Vorstandsmitglied Stefanie Preißler begann die Althistorikerin JASMIN HETTINGER (Duisburg) den Reigen der Vorträge mit „Hochwasserschutz im Römischen Reich: Ein Werkstattbericht“. Sie repräsentierte damit einen wichtigen, auf der römischen Antike liegenden, Arbeitsschwerpunkt der DWhG. Im Gegensatz zu anderen Bereichen der Ingenieurskunst schlug sich der Hochwasserschutz nur in geringem Maße in den Schriftquellen nieder, dennoch konnte die Referentin ihren Vortrag mit aussagekräftigen Belegen zur Regulierung des Tiber kurz nach der Zeitenwende und entsprechenden gesellschaftlichen Diskursen füllen, zu denen unter anderem die Annalen von Tacitus und Suetons Kaiserviten Auskunft geben. Noch heute zeugen zahlreiche Markierungssteine aus dieser Zeit von Bemühungen, eine angemessene Überflutungsfläche frei von Bebauung zu halten.

NILS BENNEMANN (Duisburg) legte in seinem Beitrag „Wasserbau und Wissensregime. Die technischen Strombefahrungen der Zentralkommission für die Rheinschifffahrt im 19. Jahrhundert“ besonderes Augenmerk auf die Präzisierung des Terminus „Wissensregime“ als stabilisierende Struktur im Umgang mit Wissen in bestimmten Handlungs- und Problembereichen mit einem speziellen Fokus auf den Aushandlungscharakter. Den Rahmen bildete die Transnationalität der Anrainerstaaten mit einer spezifischen politischen Gemengelage, die unter anderem von einem Frankreich einschließenden „oberrheinischen Block“, einer eigenen Politik der Niederlande und in gewissem Maße auch von einer Druckausübung der großen Staaten, insbesondere Preußen, gegenüber den kleineren geprägt war. Generell kam es trotz politischer Differenzen zu einer konstruktiven Zusammenarbeit, weshalb sich die Frage nach dem Zusammenhang von Macht und Wissen stellt. Nils Bennemann verdeutlichte dies anhand der gängigen Praxis der Strombefahrungen, bei der es im Interesse der industriellen Entwicklung vorrangig um die geeignete Gestaltung des Stromlaufs ging.

KAI SCHÜTZ (Darmstadt/Mannheim) referierte über „Trinkwasserbehälter seit ca. 1880 – Ergebnisse aus Bauzustandsanalysen“. Nach einer Einführung in den Unternehmensverbund, bei dem er als Ingenieur angestellt ist, gab er einen Einblick in die aktuelle Arbeitsweise dieses überregional tätigen Wasserversorgers im Hinblick auf die Erhaltung und Sanierung der entsprechenden Bauwerke. In diesem sehr komplexen und von den vielfältigsten Vorschriften gekennzeichneten Arbeitsgebiet spielen Bauzustandsanalysen eine entscheidende Rolle. Diese verdeutlichen sehr plastisch unbeabsichtigte negative Spätfolgen der ingenieurtechnischen Innovationen der letzten eineinhalb Jahrhunderte im Hinblick auf Schäden am Bauwerk und in das Trinkwasser übergehende Schadstoffe.

LUISA PICHLER (Salzburg) griff mit „Environmental (In)Justice - Wasser in der Stadt Linz: Wasserversorgung und Abwasserentsorgung im 19. und 20. Jahrhundert aus umwelt- und sozialgeschichtlicher Perspektive“ einen Forschungsansatz auf, der bislang hierzulande nur wenig Anwendung findet. Vergleichbare, in den letzten Jahren durchaus zahlreich erschienene Studien waren eher politikgeschichtlich orientiert, während sie einen sozial- und umweltgeschichtlichen Ansatz verfolgt. Das methodische Instrumentarium, das den Fokus auf die Gerechtigkeit in der infrastrukturellen Versorgung gegenüber gesellschaftlich marginalisierten Gruppen legt, wurde zuerst in der amerikanischen Forschung entwickelt und soll hier für den Zeitraum 1860-1980 angewendet werden, wobei unter anderem der ökologische Fußabdruck und urban metabolism eine wichtige Rolle spielen. Am Beispiel der mittelgroßen Stadt Linz will Luisa Pichler daher eine Akteursanalyse vornehmen. Es ist bislang zu konstatieren, dass im 20. Jahrhundert auf den Zugang auch ärmerer Bevölkerungsschichten zur Nutzung des Leitungswassers durchaus Wert gelegt wurde.

LINA SCHRÖDER (Duisburg) widmete sich den Plänen für ein großes Infrastrukturprojekt. „Der Rhein-Maas-Schelde-Kanal nach 1945: Ein gescheitertes Wasserstraßenprojekt und seine Stellung in der Infrastruktur-Geschichte“ stand im Mittelpunkt ihrer Ausführungen. Unter Nutzung systemtheoretischer Methoden verfolgt sie das Ziel, die in der Presse geführten Diskussionen zu analysieren. An Kanalverbindungen zwischen den genannten Flüssen wurde schon seit dem 17. Jahrhundert mehrfach gearbeitet, wobei jeweils spezifische geopolitische Konstellationen ausschlaggebend waren. Mit der beginnenden (west)europäischen Integration nach dem Zweiten Weltkrieg wurde ein solches Projekt nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht überaus attraktiv. Dass trotz jahrzehntelanger Diskussionen keine Umsetzung erfolgte, mag zunächst verwundern. Neben wirtschaftlichen Erwägungen ließe sich dies aber auch damit erklären, so die Referentin, dass die Protagonisten der Diskurse, insbesondere die betroffenen großen Industriestädte der Region, sehr vielschichtige und zum Teil nicht offensichtliche Interessen verfolgten. Oftmals verdankten diese Kommunen nämlich den bestehenden Konstellationen in der Binnenschifffahrt ihre Prosperität, so dass sie durch die auf den projektierten Kanalbau folgenden Veränderungen wirtschaftliche Einbußen befürchteten.

Mit den Altruismusbehauptungen in drei politischen Systemen beschäftigte sich BENJAMIN BRENDEL (Gießen) in seinem Referat zum Thema „Konstruktion ‚moderner‘ Gesellschaften. Internationale nation-(re)-building und die Präsentation von Dammbauten unter F.D. Roosevelt, Franco und Nasser“. Im Fokus stand dabei die Inszenierung von Staudämmen, die auch der Legitimation politischer Leitfiguren diente sowie die Interaktion zwischen politischer Repräsentation und Nationalisierungsprozessen vorantrieb. Neben den technisch-wirtschaftlichen Überlegungen erfüllten die Bauvorhaben der Dämme am Grand-Coulee/Columbia-River (USA, Roosevelt), von Mequinenza am Ebro (Spanien, Franco) und von Assuan am Nil (Ägypten, Nasser) mit dem „social engineering“ noch eine weitere Funktion. Die Nationen waren zwar vorhanden, sollten aber durch die Großprojekte gesellschaftlich neu erbaut und umgestaltet werden. Die Baustellen wurden somit internationale Zentren des nation-rebuildings mit einer entsprechenden Rhetorik, die sogar den „Modellmenschen“ heraufbeschwor. Das Konzept bricht räumlich mit den zumeist ausgeführten Vergleichen zwischen Mitteleuropa, England und den USA und politisch mit dem von Gegenüberstellungen von historischen Entwicklungen in totalitären Staaten. Stattdessen bietet es die Gelegenheit den Bau und die Präsentation von Großprojekten unter charismatischer Herrschaft, die mit ihnen verbundenen nationalen Wirkungsabsichten und deren Folgen anhand der Akteursebene der Regierungen und Medieneinrichtungen zu analysieren.

Einen Einblick in das Projekt einer Wasserdatenbank bot JONAS BERKING (Berlin) während der „Vorstellung der Nachwuchsforschergruppe ‚Wassermanagement‘ des Exzellenz Clusters Topoi“. In dem bis 2017 geförderten Projekt beschäftigt sich der Geograph im Forschungszeitraum von der Prähistorie bis zum Mittelalter mit dem Phänomen des Wassermanagements vor allem in ariden und semiariden Gebieten. Das Querschnittsthema Geschichte der Siedlungswasserwirtschaft wird dabei multidisziplinär untersucht. Die Kategorisierung und Katalogisierung von Wassermanagement-Maßnahmen soll mittels einer SQL-Datenbank mittelfristig in ein Medium für alle interessierten Forscher münden. Ein großes Problem bei der Überführung in die Datenbank stellt aber häufig die fehlende Typologisierung und Datierung von Wasserver- und -entsorgungssystemen dar.

Hervorzuheben sind die angeregten Diskussionen zu den einzelnen Beiträgen, die den TeilnehmerInnen noch eine Vielzahl interessanter Informationen entlockten. So wirft es ein bemerkenswertes Schlaglicht auf den Radius der mit der Wassernutzung verbundenen gesellschaftlichen Aspekte, wenn in sowjetischen Musterstädten die exklusiv in Wohnungen eingebauten Badewannen nicht oder nur zweckentfremdend genutzt wurden, weil die – mit der sanitären Ausstattung durchaus privilegierten – MieterInnen das soziale Umfeld der Gemeinschaftsbäder nicht missen wollten.

Das Kerschensteiner Kolleg des Deutschen Museums München gab der Veranstaltung einen hervorragenden organisatorischen Rahmen. Die Möglichkeit zur Besichtigung des Museums bot einen imposanten technikgeschichtlichen Kontext, in dem die Wasserhistorie zweifelsohne steht. Dass dieser Kontext jedoch nicht der einzige ist, sondern um vielfältige soziale, politische, juristische und andere Aspekte ergänzt werden muss, haben die Beiträge des Seminars eindrücklich gezeigt.

Konferenzübersicht:

Grußwort
Stefanie Preißler (Deutsche Wasserhistorische Gesellschaft)

Vorträge
Jasmin Hettinger (Duisburg), Hochwasserschutz im Römischen Reich: Ein Werkstattbericht

Nils Bennemann (Duisburg), „,Wasserbau und Wissensregime. Die technischen Strombefahrungen der Zentralkommission für die Rheinschifffahrt im 19. Jahrhundert

Kai Schütz (Darmstadt/Mannheim), Trinkwasserbehälter seit ca. 1880 – Ergebnisse aus Bauzustandsanalysen

Luisa Pichler (Salzburg), Environmental (In)Justice - Wasser in der Stadt Linz: Wasserversorgung und Abwasserentsorgung im 19. und 20. Jahrhundert aus umwelt- und sozialgeschichtlicher Perspektive

Lina Schröder (Duisburg), Der Rhein-Maas-Schelde-Kanal nach 1945: Ein gescheitertes Wasserstraßenprojekt und seine Stellung in der Infrastruktur-Geschichte

Benjamin Brendel (Gießen), Konstruktion „moderner“ Gesellschaften. Internationale nation-(re)-building und die Präsentation von Dammbauten unter F.D. Roosevelt, Franco und Nasser

Jonas Berking (Berlin), Vorstellung der Nachwuchsforschergruppe „Wassermanagement“ des Exzellenz Clusters Topoi

Abschlussdiskussion

Zitation
Tagungsbericht: Wasser kennt keine Grenzen, 28.02.2014 – 02.03.2014 München, in: H-Soz-Kult, 23.09.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5564>.