Feinde, Freunde, Fremde? Deutsche Perspektiven auf die USA

Ort
Tutzing
Veranstalter
Akademie für Politische Bildung Tutzing
Datum
15.05.2015 - 17.05.2015
Von
Volker Benkert, Akademie für Politische Bildung Tutzing / School of Historical, Philosophical and Religious Studies, Arizona State University

Sind wir nicht alle schon längst Amerikaner? Oder ist es eher unsere Ablehnung der USA, die unser Amerikabild bestimmt? Im Laufe der Nachkriegsgeschichte änderte sich das Bild der Deutschen von den USA; aus Feinden wurden durch eine Vielzahl transatlantischer Mittler Freunde, Amerika und seine Kultur veränderten nachhaltig Deutschland. Heute mehren sich allerdings die Anzeichen einer Entfremdung angesichts von TTIP und NSA Diskussionen. Auf der Tagung über die deutsch-amerikanischen Beziehungen diskutierten Historiker, Amerikanisten sowie Politik- und Literaturwissenschaftler, dass und warum die USA oft zugleich Feind, Freund und fremd waren und sind.

Als „Rivalen der Moderne“ beschrieb KONRAD JARAUSCH (University of North Carolina at Chapel Hill) die unterschiedlichen Wege der USA und Deutschlands im 19. und 20. Jahrhundert. Amerika habe Deutschland als ein dynamisches, aber autoritäres Land mit einem großen Kulturangebot bewundert und andersherum schätzten nicht nur die deutschen Auswanderer die individuelle Freiheit in Amerika. Im Ersten Weltkrieg mündeten diese Gegensätze dann in die kriegerische Auseinandersetzung von zwei Systemen der Moderne, dem autoritären Deutschland gegen das liberale Amerika. Nach dem Zweiten Weltkrieg allerdings spielte sich der Kampf der „Moderne“ an einer anderen Front ab: im geteilten Deutschland. Auf der westlichen Seite stand die soziale Marktwirtschaft mit einer amerikanisierten Populär- und Konsumkultur, auf der östlichen die sowjetische Modernisierung unter einer neuen Diktatur. Ein neuer Abschnitt der Moderne sei die Globalisierung nach 1990: Jarausch bezeichnete die Gegenwart als „Übergang von einer modernen zu einer postindustriellen Gesellschaft“. Auch heute könnten beide Länder voneinander lernen. Deutschland zum Beispiel biete soziale Sicherheit, ein ausgeprägtes Umweltbewusstsein und gewaltfreie Lösungen in internationalen Konflikten, Amerika dagegen ein dynamisches Wirtschaftssystem und globale Sicherheitsbemühungen.

Dass Deutschland sich nach 1945 überhaupt wieder als Alternative zu den USA anbieten konnte, verdanke es vor allem den USA, so ROLF STEININGER (Leopold-Franzens-Universität Innsbruck). Nach dem Zweiten Weltkrieg habe Westeuropa die USA gebraucht, um vor den Sowjets bewahrt zu werden. Deutschland war in dieser Zeit der symbolische Zankapfel zwischen den West- und Ostmächten. Mit dem Bekenntnis Adenauers zum Westen verbesserte sich die Beziehung der USA und Deutschlands, wobei diese stets auch von der Harmonie zwischen den jeweiligen Staatchefs abhing. Ein Beispiel dafür sei die Beziehung von Ronald Reagan und Helmut Kohl, die sich sympathisch waren. Ganz im Gegenteil dazu war das Verhältnis von Willy Brandt und Richard Nixon von Misstrauen geprägt. Nixons Anweisung an Henry Kissinger habe gelautet, nichts zu tun, was Brandt half.

Neben den Staatslenkern an der Spitze war es aber auch eine Vielzahl von transatlantischen Vermittlern, welche die Beziehungen zwischen den USA und Deutschland aufbauten. Schon in den von den USA sorgsam inszenierten Filmen über die Nürnberger Prozesse wurde nicht nur die Mitschuld der Deutschen an den Kriegsverbrechen aufgezeigt, sondern auch Exkulpationsstrategien zugelassen. ALEX FISCHER (Philipps-Universität Marburg) betonte hier besonders die Tatsache, dass die Filme Albert Speer und seinem behauptetem Widerstand gegen Hitler viel Aufmerksamkeit widmeten. Im Zusammenhang mit frühen Transatlantikern hob MAREN ROTH (Ludwig-Maximilians-Universität München) besonders Melvin J. Lasky als deutschlandfreundlichen Mittler und anti-stalinistischen von der CIA finanzierten Kulturschaffenden hervor. Im Mittelpunkt des intensiven Politik-, Kultur-, und Wissenschaftstransfers standen daher oft Remigranten oder Gastwissenschaftler als unbelastete Lizenzträger eines neuen Deutschland, argumentierte MARITA KRAUSS (Universität Augsburg). JAN LOGEMANN (Georg-August-Universität Göttingen) betonte dabei, dass die „Amerikanisierung“ Deutschlands nicht nur eine Einbahnstraße war, sondern deutsche Remigranten auch die USA veränderten. Die Bedeutung des Erbes dieser transatlantischen Mittler in den 1980er-Jahren strich dann REINHILD KREIS (Universität Mannheim) am Beispiel der Generationenkonflikte innerhalb der NATO heraus. So mahnte die Gründergeneration des Bündnisses das Auseinanderdriften angesichts der Amerikakritik nach dem Vietnamkrieg an und forderte eine „moralische Aufrüstung“, um die NATO zu einer neuen Wertegemeinschaft zu formen. Eine solche transatlantische Wertegemeinschaft war aber aufgrund der Verschiedenheit von Amerikabildern nur schwer zu etablieren, so Reinhild Kreis.

Die Ambivalenz von Amerikabildern verdeutlichte auch FRANK USBECK (Technische Universität Dresden) anhand von Vorstellungen über Native Americans in den verschiedenen deutschen Staaten. Auf die schon im Kaiserreich geprägten romantischen Indianerbilder aufbauend hetzten die Nationalsozialisten gegen das moderne Amerika und sympathisierten mit den Ureinwohnern Nordamerikas. Deshalb wurde die USA als Schurkenstaat dargestellt, der die Indianer und die Deutschen von einer „organischen Gemeinschaft“ in eine künstliche Gesellschaft verwandeln wollte. Die Bundesrepublik knüpfte nach 1945 wieder an romantische Indianerbilder an, ohne sich jedoch mit dem amerikanischen Erbe von Vertreibung und Mord an den Native Americans auseinanderzusetzen. ALEX ALVAREZ (Northern Arizona University) rückte dabei die Frage des Völkermordes in den Mittelpunkt seines Vortrages und argumentierte, dass trotz der Taten Einzelner und des genozidalen Klimas in den Territorien, Washington sich auch oft dem Völkermord, nicht aber der systematischen Vertreibung von Native Americans entgegengestellt habe. Ein Vergleich unter der Terminologie des Holocaust sei daher schwierig; die Verantwortung der USA, sich dem Verbrechen zu stellen sei allerdings unerlässlich.

Der Indianerkult war auch ein Teil des Amerikabildes der DDR, die nicht müde wurde, ihre Verbundenheit mit Native Americans und African Americans im scheinbar gemeinsamen Kampf gegen amerikanischen Kapitalismus und Imperialismus zu betonen. KATHARINA GERUND (Friedrich-Alexander-Universität Nürnberg-Erlangen) stellte dies am Beispiel der Bürgerrechtlerin Angela Davis dar, die in beiden deutschen Staaten als Vertreterin eines besseren Amerikas auch die jeweils eigene Agenda bestätigen sollte. Für DDR-Bürger war Amerika allerdings immer imperialistisches Feindesland und Sehnsuchtsort eines westlichen Lebensstandards und freiheitlicher Kultur zugleich, wie DANIEL KOSTHORST (Zeitgeschichtliches Forum Leipzig) hervorhob. Trotz des von der SED gefürchteten „schlechten Einfluss auf die Jugend“, konnte sich die DDR daher nicht immer der Sehnsucht nach westlichem Leben ihrer Bürger entgegenstellen. Partiell versuchte die SED eine Bindung zum Westen aufzubauen und typisch amerikanische Produkte durch Ost-Imitate zu ersetzten, allerdings blieb dies ohne große Erfolge. Dabei stellte Tagungsleiter VOLKER BENKERT (Akademie für Politische Bildung Tutzing) dar, dass aufgrund der großen Breite von Sozialisationstypen in der späten DDR amerikanische Kulturtrends zum einen sehr unterschiedlich und kreativ, zum anderen aber nur durch den Filter westdeutscher Medien angenommen wurden. So kam es zu einer kreativen „Selbstamerikanisierung“ der DDR-Jugend beispielsweise in der Rezeption von Rockmusik, Hip-Hop oder „Rollbrettfahren“.

Die mediale Präsenz amerikanischer Kultur im vereinten Deutschland thematisierte auch MORITZ FINK (Akademie für Politische Bildung Tutzing) anhand der erfolgreichen Serie „Die Simpsons“. So behaupteten die gelben Charaktere der Fernsehserie sowohl die kulturelle Identität der USA, während sie gleichzeitig auch transkulturelle Gemeinsamkeiten aufzeigten. Transkulturelle Bezüge standen auch im Mittelpunkt des Vortrages von CLAUDIA SADOWSKI-SMITH (Arizona State University), in dem sie Darstellungen von Deutsch-Türken im deutschen und von Latinos im amerikanischen Fernsehen verglich.

Der „traumatisierende Wendepunkt“ des 11. September 2001 war nicht nur eine kulturelle Zäsur, sondern schlug sich in einem „double bind“ der tatsächlich erlebten und projizierten Realität Amerikas in der deutschen Literatur nieder, wie HEIDE REINHÄCKEL (Berlin) argumentierte. Von einer politikwissenschaftlichen Perspektive aus ging FRANZ EDER (Leopold-Franzens-Universität Innsbruck) der Frage nach, wie sich die beiden Staaten nach 9/11 so weit voneinander entfernen konnten. Die Zurückhaltung Deutschlands im Irakkrieg war dabei einerseits wahltaktisch begründet, andererseits auf die Vergangenheit der Bundesrepublik im 20. Jahrhundert zurückzuführen. Deutschlands Politik sei daher von einem „never again“ mit Blick auf den Krieg und einem „never alone“ mit Blick auf unilaterales Vorgehen geprägt. Heute liege das Verhältnis der beiden Staaten zwischen Freund und Feind, es herrsche eine Rivalität vor, aber man könne auch eine Normalisierung konstatieren.

Dieser nur langsam fortschreitenden Normalisierung war auch das letzte Panel der Tagung gewidmet. CRISTER GARRETT (Universität Leipzig) fragte angesichts der verfahrenen Diskussion um das Transatlantische Handelsabkommen TTIP, was noch zu retten sei bei den deutsch-amerikanischen Beziehungen. Er betonte dabei einerseits die unglücklichen Bemühungen der Bundesregierung TTIP im Sinne einer „Wirtschaftsnato“ als politisch unausweichliches Integrationsprojekt darzustellen. Andererseits wies er auch auf die vielen Verkürzungen der Diskussion in Deutschland hin. Einer Normalisierung der Beziehungen steht auch die neue Ausrichtung der USA auf China im Wege. Deutschland sei zwar von dem dortigen „muscular nationalism“ ebenso abgestoßen wie die USA. Die Bundesrepublik sehe aber China weniger als einen globalen Rivalen sondern vielmehr als Geschäftspartner, stellte STEVE MACINNON (Arizona State University) dar. Wie TTIP und unterschiedliche Haltungen zu China beeinträchtige aber auch der NSA-Abhör-Skandal das Verhältnis. Rolf Steiningers Bilanz der Tagungsergebnisse lautete, aus Feinden seien 1945 Freunde geworden; aber die Frage stelle sich, ob nach dem NSA-Skandal aus Freunden Fremde würden.

Konferenzübersicht:

Eröffnung – Begrüßung
Volker Benkert, Akademie für Politische Bildung Tutzing

Deutsche Sichten auf Native Americans

Repräsentation von Native Americans vor und nach 1945
Frank Usbeck, Technische Universität Dresden
Native Americans, the Holocaust and the Question of Genocide in Germany and the USA
Alex Alvarez, Northern Arizona University

Deutsch-Amerikanische Begegnungen, 1945-49

Politik-, Kultur- und Wissenschaftstransfers zwischen den USA und Deutschland nach 1945 - Perspektiven und Überlegungen
Marita Krauss, Universität Augsburg
Fremd- und Selbstinszenierungen: Die Akteure in den Filmen des US-Militärs zum Internationalen Militärgerichtshof
Axel Fischer, Philipps-Universität Marburg

Die USA und Deutschland. Die politischen Beziehungen vom Zweiten Weltkrieg bis zur Gegenwart
(Öffentlicher Abendvortrag)
Rolf Steininger, Leopold-Franzens-Universität Innsbruck

Entfremdung? Das deutsch-amerikanische Verhältnis seit 2003

Amerika-Bilder in der deutschen Gegenwartsliteratur nach 9/11
Heid Reinhäckel, Freie Journalistin Berlin
Die deutsch-US-amerikanische Beziehungen seit 9/11: Eine Beziehung voller Missverständnisse?
Franz Eder, Leopold-Franzens-Universität Innsbruck

Neue Herausforderungen und Globale Rivalitäten

Die deutsche TTIP-Initiative und die deutsch-amerikanischen Beziehungen: Was ist noch zu retten?
Crister S. Garrett, Universität Leipzig
China and the United States since Nixon
Steve Mackinnon, Arizona State University

Zitation
Tagungsbericht: Feinde, Freunde, Fremde? Deutsche Perspektiven auf die USA, 15.05.2015 – 17.05.2015 Tutzing, in: H-Soz-Kult, 24.07.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6089>.
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Veröffentlicht am
24.07.2015
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