Zwischen Utopie und Apokalypse. Nukleare technopolitics in der Sowjetunion

Ort
Bern
Veranstalter
Fabian Lüscher, Universität Bern
Datum
23.07.2015
Von
Stephan Rindlisbacher, Historisches Institut, Universität Bern

Am 23. Juli 2015 diskutierten Osteuropahistoriker/innen in Bern ihre aktuellen Forschungsprojekte und präsentierten verschiedene Perspektiven auf die Geschichte des Atomzeitalters. Die Nukleartechnologie als Kernstück sowjetischer technopolitics (Gabrielle Hecht) stand als verbindendes Element im Fokus der einzelnen Beiträge von Doktorand/innen und Post-Docs aus Deutschland und der Schweiz.[1] Mit Julia Richers (Bern), Sonja Schmid (Falls Church, VA) und Klaus Gestwa (Tübingen) nahmen drei Historiker/innen mit Forschungsschwerpunkten in der sowjetischen Wissenschafts-, Technik- und Kulturgeschichte als discussants am Workshop teil.

Die Beiträge verfolgten die nukleare Technopolitik der Sowjetunion über einen längeren Zeitraum, beginnend in den 1950er-Jahren und ausgreifend bis in die jüngste Zeitgeschichte. Dabei wurden bestimmte Leitthemen immer wieder aufgegriffen und zueinander in Beziehung gesetzt. Als besonders fruchtbar erwies sich die Frage nach dem Zusammenhang zwischen den lokalen, regionalen, unionsweiten und internationalen Dimensionen des Themas. Dasselbe gilt für das Spannungsfeld zwischen Konfrontation, Konkurrenz und Kooperation im Kalten Krieg, das am Beispiel der Nukleargeschichte gewinnbringend analysiert werden kann. Schliesslich stellte sich auch die lebens- und arbeitsweltliche Perspektive als verbindendes Element aller Vorträge heraus.

LAURA SEMBRITZKI (Heidelberg) erörterte ihre Untersuchungen zur Wissensproduktion in den Bereichen Radiobiologie und Strahlensicherheit in den 1950er- und 1960er-Jahren. Einerseits zeigten sich dabei, am Beispiel der Arbeit zur Festlegung internationaler Grenzwerte, deutlich gewisse Kooperationsanstrengungen über die Blockgrenzen hinweg. Andererseits war die sowjetische Genetik bis in die Chruščëv-Zeit stark von pseudowissenschaftlichen Diskursen geprägt und gleichzeitig wurden einige Bereiche, etwa die Erforschung des Verhaltens und der Wirkung von Radionukliden auf Mensch und Umwelt, durchaus als fortgeführter Systemkonflikt verstanden. Die Auf- und Überholeuphorie machte auch vor der Radiobiologie nicht Halt. Daneben stand aber die Einsicht, dass Kooperation in diesem bedeutenden, alle angehenden Bereich, wichtig war. Im Anschluss an das Referat diskutierten die Teilnehmer/innen insbesondere den politischen Charakter von Grenzwertdebatten und die daraus entstehenden arbeitsweltlichen Implikationen für jene Menschen, die sich direkt oder indirekt mit Strahlensicherheit beschäftigten. Hierbei wurde unter anderem auf die mögliche Kollision zwischen medizinischem und wissenschaftlichem Ethos hingewiesen. Die Strahlensicherheit berge in sich den Konflikt zwischen der Heilungs- und der Erkenntnismaxime.

Konflikte anderer Art kamen im Beitrag von FABIAN LÜSCHER (Bern) zur Sprache. Mit der zunehmenden Internationalisierung der atomwissenschaftlichen Forschung entstanden transnationale Netzwerke und Begegnungszonen, deren Bedeutung bald über den wissenschaftlichen Bereich hinausging. Anhand von Direktiven für wissenschaftliche Delegationen, Konferenzberichten und Korrespondenzen unterstrich der Referent die Bedeutung von Wissenschaftskontakten für einen quasi-diplomatischen Meinungsaustausch zwischen den Hauptantagonisten im Ost-West-Konflikt. Die anschliessenden Kommentare wiesen auf eine ganze Reihe von Asymmetrien hin, die es im Zusammenhang mit Konferenzen von Atomwissenschaftlern zu beachten gelte. Nicht nur die verschiedenen Konferenztypen – steht Politik oder Wissenschaft im Vordergrund? – sondern auch die unterschiedliche personelle Besetzung von Delegationen oder das möglicherweise stark asymmetrische Verhältnis zwischen formellem und informellem Austausch wurden besprochen.

Informelle Begegnungen standen auch im folgenden Beitrag von ROMAN KHANDOZHKO (Bremen) im Zentrum. Die wissenschaftlich-technische Intelligencija wies als soziale Gruppe innerhalb der sowjetischen Gesellschaft einige Besonderheiten auf. Dazu gehörten die kompakte Ansiedlung in Wissenschaftsstädten oder entsprechend strukturierten Quartieren sowie die Möglichkeit zu aktiver Inlandmigration und teilweise sogar zu Auslandreisen. Dadurch konnten sich rund um die nukleare Hochtechnologie über das ganze Land verteilt stabile Mikrogemeinschaften entwickeln. Die Geschlossenheit und die politische (quasi-)Autonomie der Atomstädte und nuklearen Forschungseinrichtungen trugen, zusammen mit der breiten professionellen und informellen Vernetzung in den Wissenschaftsmilieus, in den 1960er-Jahren zur Gestaltung der sozialen Infrastruktur für Sozialkritik und Andersdenken und dadurch zur Entwicklung der Dissidentenbewegung bei. Der Referent zog dafür das nahe Moskau gelegene Obninsk als Beispiel heran. In der anschliessenden Diskussion wurden zentrale Begriffe wie „Andersdenken“ und „Systemkritik“ problematisiert und die politische Ausdifferenzierung der sowjetischen Intelligencija besprochen.

Mit Fragen, die näher an die Basis, nämlich an die direkte Arbeitserfahrung von Mitarbeitern eines ukrainischen Atomkraftwerks gerichtet wurden, beschäftigte sich ANNA VERONIKA WENDLAND (Marburg) in ihrem Vortrag. Die Referentin erörterte, inwiefern die tägliche Arbeit mit Atomtechnik Einfluss auf soziale Identitäten und auf Denkweisen von Menschen in der ukrainischen Atomstadt Kuznecovsk hatte und hat. Um dabei sowohl gegenwärtigen Prozessen als auch historischen Entwicklungen gerecht werden zu können, sammelte Anna Veronika Wendland mittels Teilnehmender Beobachtung Informationen zur Alltags- und Erfahrungswelt im und um das Kernkraftwerk Rivne. Diese Vorgehensweise, die im Rahmen des Forschungsprojekts durch das Studium diverser Text- und Bildquellen ergänzt wird, bereicherte die folgende Diskussion um eine methodische Komponente. Ebenfalls gelang über den Beitrag zur Stadt Kuznecovsk und ihren Bewohnern der Brückenschlag zur Zeitgeschichte.

Auch das abschliessende Referat von STEFAN GUTH (Bern) hatte eine Stadt auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion zum Gegenstand. Die Atomoase Ševčenko am Kaspischen Meer funktionierte als Vorzeigeprojekt des spätsowjetischen atomic powered communism (Paul Josephson). Dank Elektrizität aus dem weltweit ersten Brutreaktor und Süsswasser aus atomar betriebenen Entsalzungsanlagen kam der Musterstadt eine wichtige Vorzeigefunktion zu. Am Beispiel dieses Grossprojekts hob der Referent vier Dimensionen sowjetischer Technopolitik hervor: eine kulturelle, eine soziale, eine internationale sowie jene des technopolitischen decision-making. In letzterer Hinsicht zeigt das Fallbeispiel, dass die sowjetische Atomelite nicht als eingeschworene Gruppe Gleichgesinnter agierte, sondern hinter verschlossenen Türen scharfe strategische Richtungskämpfe austrug; im Hinblick auf das internationale entanglement offenbart der Fall Ševčenko intensive Kooperationsbeziehungen zu den USA und Frankreich. Jenseits der Grossmachtpolitik eröffnete die Technopolitik mithin ein alternatives Forum des Gedankenaustauschs, in dessen Rahmen sich Ost und West nicht als Gegenspieler eines potentiellen Atomkriegs, sondern als Teilhaber einer geteilten technokratischen Moderne verstanden.

Die unterschiedlichen Perspektiven auf die nukleare Technopolitik der Sowjetunion konnten während des gesamten Workshops gewinnbringend aufeinander bezogen werden. Die Diskussionen zeigten mögliche Forschungsperspektiven auf und trugen massgeblich dazu bei, die einzelnen Forschungsprojekte miteinander zu verschränken und in ihrer jeweils spezifischen Aussagekraft klarer zu konturieren.

Konferenzübersicht:

Laura Sembritzki (Universität Heidelberg), Sanitarnaya praktika i gigienicheskaya nauka: Strahlensicherheit in der Sowjetunion (1950er-/60er-Jahre)

Fabian Lüscher (Universität Bern), In diplomatischer Mission. Die politische Agenda sowjetischer Atomwissenschaftlerdelegationen in den 1950er-Jahren

Roman Khandozhko (Universität Bremen), Systemkritik hinter dem Nuklearschild. Atomare Forschungseinrichtungen und die Infrastruktur des Andersdenkens in der späten Sowjetunion

Anna Veronika Wendland (Herder Institut Marburg), Leben und Arbeiten mit dem Atom in Kuznecovsk

Stefan Guth (Universität Bern), Atombetriebener Kommunismus an der sowjetischen Peripherie. Der Fall Ševčenko

Discussants: Klaus Gestwa (Tübingen) / Julia Richers (Bern) / Sonja Schmid (Falls Church, VA)

Anmerkung:
[1] Gabrielle Hecht, The Radiance of France. Nuclear Power and National Identity after World War II, Cambridge 2009.

Zitation
Tagungsbericht: Zwischen Utopie und Apokalypse. Nukleare technopolitics in der Sowjetunion, 23.07.2015 Bern, in: H-Soz-Kult, 04.09.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6142>.
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Veröffentlicht am
04.09.2015
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