Photographing Asia. Russia’s Images of the Orient in the 19th and 20th Centuries

Ort
München
Veranstalter
Andreas Renner, Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität, München; Laura Elias, Department für Geschichte, Universität Basel; Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Datum
16.09.2015 - 18.09.2015
Von
Magnus Altschäfl, München

Unter dem Titel „Photographing Asia. Russia’s Images of the Orient in the 19th and 20th Centuries“ veranstaltete der Lehrstuhl für Russland-/Asienstudien der Ludwig-Maximilians-Universität vom 16.–18. September eine internationale Tagung mit knapp 20 TeilnehmerInnen aus neun Ländern und drei Kontinenten. In Kooperation mit der Universität Basel und der Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien der LMU organisierten Andreas Renner (München) und Laura Elias (Basel) die dreitägige Veranstaltung in den Räumen der Graduiertenschule, die erstmals ein Forum für Austausch und Vernetzung zur Fotografiegeschichte Russlands und Asiens in dieser Größe bot.

In verschiedenen disziplinären und institutionellen Kontexten durchgeführte Forschungen auf dem Gebiet der Fotografiegeschichte Russlands bzw. der UdSSR inhaltlich zu bündeln und einen Rahmen für Kooperationen zu entwerfen, hatte sich die Tagung zum Ziel gesetzt. Dabei wurde Fotografie nicht nur als wieder zu entdeckende Quelle begriffen, sondern vielmehr das soziale und kulturelle Phänomen Fotografie erfasst. Rezeption und Wirkungsmöglichkeiten wurden ebenso in den Blick genommen, wie die Verwandlung von Fotografien in mentale Bilder (images). Die Konferenz griff damit das derzeit in verschiedenen Disziplinen populäre Thema „visuelle Kultur“ auf, grenzte es aber durch einen ungewohnten geografischen Bezug deutlich ein. Mit der Fotografie stand zudem ein Leitmedium der Moderne im Fokus, dessen Bedeutung sowohl im geografischen Vergleich (Russland-Europa-Asien) als auch epochenübergreifend (Zarenzeit-Sowjetzeit) analysiert wurde.

Den Auftakt der Tagung bildete die Keynote Lecture „Opening New Spaces: Far Lands and their Peoples in Russian Photography of the Second Half of the 19th Century” von ELENA BARKHATOVA (St. Petersburg). Sie bot einen umfassenden Überblick der russischen Zentral-Asien-Fotografie der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sowie über die Ziele und Vorgehensweisen der Expeditionen, im Zuge derer der Großteil der Foto-Alben entstanden sind.

In Panel I – „Images of Russian Colonial Turkestan“ – widmete sich zunächst SVETLANA GORSHENINA (Lausanne) dem Politiker Konstantin von Kaufmann (1818-1882) und fragte nach seiner Rolle bei der Schaffung eines – sehr selektiven – zentralasiatischen Kulturerbes. Sie zeigte, dass der Fotografie eine wichtige Funktion dabei zukam, Besitz über die Vergangenheit des „Anderen“ zu erlangen und die Russische Präsenz zu legitimieren, während sich Russland gleichzeitig als europäisches Land darstellen konnte, das sich um das kulturelle Erbe eines Volkes kümmerte, das selbst dazu noch nicht im Stande war. Demgegenüber stellte HEATHER S. SONNTAG (Madison, WI) einen Fotografen in das Zentrum ihrer Betrachtungen über Zentralasien oder viel eher, ein Phantom: Orden. Ein Unbekannter, dessen Synonym sich jedoch auf über 800 Bildern findet, von denen er höchstens ein Drittel selbst gemacht hat. So fragte der Vortrag nach der scheinbar alltäglichen Praxis des Aneignens und Kopierens von fremden Bildern, um sie unter eigenem Namen zu verkaufen. Als Piraterie sei dies nicht betrachtet worden, geschweige denn, dass dagegen vorgegangen wurde.

Ein weiterer Fotograf bildete den Kern des Vortrags von INESSA KOUTEINIKOVA (Amsterdam): Samuil Dudin (1876-1929) und dessen Vision von Zentralasien. Dudin, der vornehmlich ethnographische Portrait-Aufnahmen machte, entwickelte nach und nach einen eigenen Stil und schrieb – anders als seine Kollegen – auch kurze theoretische Abhandlungen über seine Vorstellungen von Ethnographie und die Ähnlichkeiten von Fotografie und Ornament. Letzteres zeigte sich auch in seinen späteren Arbeiten, in denen er sich der Architektur widmete. Die Diskussion im Anschluss an den Kommentar von LAURA ELIAS (Basel) griff erneut die Verknüpfung von Politik und Fotografen bzw. Künstlern auf und betonte die politische Motivation hinter den Fotografien, benannte jedoch auch dabei entstehende Konflikte und Spannungsfelder.

Panel II – „Picturing Space” – stellte nun Raum und Räumlichkeit in den Vordergrund. JENNIFER KEATING (London) nahm Semireche, den östlichsten Teil Turkestans in den Blick. Der Vortrag fragte nach der fotografischen Darstellung Semireches und wie diese Fotografien – verbreitet in Informationsmaterialien und Reiseliteratur – als eine Art Image-Kampagne genutzt wurden, um neue Siedler für Semireche zu gewinnen. Weiter untersuchte Keating, wie die Darstellungen von den üblichen Bildern Zentralasiens (Moscheen, Kamele usw.) abwichen, und stattdessen Landschaft und Natur in den Vordergrund rückten und wie stark der Einfluss dieser Bilder gerade etwa auf analphabetische Bauern war. TATIANA SABUROVA (Omsk) widmete sich einer Gruppe unfreiwillig umgesiedelter, den „political exiles“ in Sibirien im späten Zarenreich. Die Motive, der nach Sibirien verbannten Fotografen waren recht einseitig – Landschaft und indigene Bevölkerung – und zeigten Sibirien als ein Land rauer Schönheit, das, wenn überhaupt, nur von als exotisch und wild angesehenen Einheimischen besiedelt war. Die Motivwahl war durchaus einer wirtschaftlichen Überlegung unterworfen, da die Fotografen insbesondere solche Motive abbildeten, die sich gut verkaufen ließen. Zudem dokumentierten einige Fotografen die voranschreitende Zivilisierung Sibiriens, etwa durch die Eisenbahn. Ganz der Eisenbahn, genauer gesagt der Chinesischen Osteisenbahn widmete sich VIKTORIYA SUKOVATA (Kharkiv) in ihrem Vortrag und fragte, wie sehr russische Bilder der Chinesischen Osteisenbahn von einem russischen Orientalismus geprägt waren. Im Anschluss an den ausführlichen Kommentar von BENJAMIN SCHENK (Basel) fragten die Diskussionsteilnehmer insbesondere nach der politischen Motivation der Verbannten in Sibirien bzw. konstatierten das völlige Fehlen eines solchen Einflusses, das angesichts der Tatsache, dass die Exilierten wegen ihrer politischen Tätigkeiten nach Sibirien geschickt worden waren, auf große Verwunderung stieß.

Die Evening Lecture gab TETSUO MOCHIZUKI (Sapporo), der unter dem Titel „Prokudyn-Gorsky’s ‚Homeland-study’ by color photography: Its meaning for cultural studies“ einen umfassenden Überblick zu Prokudyn-Gorskys Werk bot.

Das dritte und letzte Panel ließ die Zarenzeit hinter sich und befasste sich mit „Central Asia in Soviet Imagery“. An dieser zeitlichen Schnittstelle zwischen später Zarenzeit und früher Sowjetunion setzte der Vortrag von IVAN SABLIN (St. Petersburg) an, der zusammen mit MARINA ZIMINA (St. Petersburg) die Darstellung des „religious other“ thematisierte. Anhand des Kunstkamera Archives (St. Petersburg)und anderer Alben fragte das Duo nach Unterschieden in der Darstellung von Islam und Buddhismus. Diese Differenzen – z.B. Einzelportraits vs. Gruppenportraits mit russischen Offiziellen – zeigten Buddhisten eher in einer „administrative manner“ gegenüber der mehr ethnographischen Darstellung von Moslems. Daran könne man erkennen, dass der Buddhismus tiefer in die Strukturen des Reiches integriert gewesen sei, als der Islam. In der frühen Sowjetunion habe sich die Darstellung buddhistischer Regionen verändert, hin zu Bildern zerstörter Tempel und Personen in westlicher Kleidung, die diese Region als einen Raum erfolgreicher Säkularisierung und Modernisierung zeigen sollten. ANJA BURGHARDT (München) untersuchte anhand der Bilder einer Zentralasien-Expedition (1926–1929) die Auswirkung von Bewegung und Unschärfe in Bildern. Dabei argumentierte sie, dass Bewegung in Bildern ein Mehr an Authentizität vermitteln würde und damit im Rahmen ethnographischer Fotografie die dargestellten Personen tatsächlich stärker als Personen wahrgenommen würden und weniger als bloße Objekte, wie es bei statischen Bildern der Fall sei. Die Bilder zeigten so ein gewisses – und ungewohntes – Maß an Respekt und Achtung für die nicht-russische Kultur. Einem konkreten Album widmete sich HELENA HOLZBERGER (München): „10 Jahre Sozialistische Sowjetrepublik Usbekistan“ (1934/35). Dessen Hauptaussage sei die erfolgreiche sozialistische Modernisierung, die sich in der enormen Steigerung der Baumwollproduktion manifestiere. So ziehe sich die Baumwolle in verschiedenen Formen wie ein roter Faden durch die Bilder und stellt dabei Gegenwart und Vergangenheit gegenüber. Diese Gegenwart zeige sich auch in der Darstellung der neuen Usbeken wie Holzberger anhand eingehender Bildanalysen herausarbeitete. Die Darstellung des asiatischen sei hier nun nicht mehr durch Rasse bestimmt, sondern durch Klassenzugehörigkeit sowie die Dichotomie von antiquiert und modern. Den letzten Vortrag des Panels hielt OKSANA SARKISOVA (Budapest), den diese mit SVETLANA SHEVCHENKO (Williamstown, MA) verfasst hatte und der sich der Amateur-Fotografie widmete. Die auf Reisen oder im Rahmen von Arbeitsmigration innerhalb des Sowjet-Raums entstandenen Bilder spielen eine wichtige Rolle in der Gestaltung des Bildes von der UdSSR. Viele der in Zentralasien aufgenommenen Fotografien spielten mit dem Thema Orient oder machten sich darüber lustig, wodurch die kulturelle Kluft zwischen modern-sowjetischer Gegenwart und romantisch-orientalischer Vergangenheit verbreitert wurde.

Der letzte inhaltliche Input erfolgte durch JENS JÄGER (Köln), der einen Ausblick auf den theoretischen und methodischen Umgang mit Fotografie in der Geschichtswissenschaft gab, wobei er sowohl auf die Bedeutung von Fotografie als auch die Möglichkeiten dieser Quellengattung einging. Dabei plädierte Jäger für eine abgewandelte Variante des klassischen Dreischritts von Panofsky, den er in einen differenzierten Analyserahmen für Historiker überführte.

ANDREAS RENNER (München) ordnete schließlich die vielfältigen Anregungen der Konferenz, ehe die abschließende Diskussion verschiedene Aspekte noch einmal aufgriff. So kam man unter anderem zu der Ansicht, dass der Begriff bzw. die Analysekategorie „Orientalismus“ oft hinderlich sein könne, weil er den Zugang zu einem Thema bzw. die Sicht darauf bisweilen arg einschränke. Alaska wurde als potentielles neues Thema in den Raum geworfen und der Wert von Fotografie als Quelle noch einmal betont. Insgesamt lobten alle Teilnehmer die Tagung als eine gute Gelegenheit zur Vernetzung in einem wachsenden Forschungsfeld.

Konferenzübersicht:

Keynote Lecture:
Elena Barkhatova (Saint Petersburg): Opening New Spaces: Far Lands and their Peoples in Russian Photography of the Second Half of the 19th Century 

Laura Elias (Basel) & Andreas Renner (Munich): Introduction

Panel I: Images of Russian Colonial Turkestan

Inessa Kouteinikova (Amsterdam): Photographing Central Asia under Russian Rule

Heather S. Sonntag (Madison,WI): Orden, Appropriation & Image Stock: Marketing Photography of Russian Colonial Central Eurasia

Svetlana Gorshenina (Lausanne): Konstantin von Kaufmann: Photography, One of the Tools of the Invention of the Cultural Heritage in Russian Turkestan

Laura Elias (Basel): Commentary

Panel II: Picturing Space

Jennifer Keating (London): On the Road to Nowhere: Environment and Image-Making on Semireche’s Postroads

Tatiana Saburova (Omsk): Photographing Landscape and People. Political Exiles and Visual Representations of Sibiria in Late Imperial Russia

Viktoriya Sukovata (Kharkiv): KVGD (Chinese-Eastern Railroad) as a Photo Genre in the Creation of the Visual Image of the Russian Orient

Benjamin Schenk (Basel): Commentary

Evening Lecture:
Tetsuo Mochizuki (Sapporo): Prokudin-Gorky’s “Homeland-study” by color photography: It’s Meaning for Cultural Studies

Panel III: Central Asia in Soviet Imagery

Ivan Sablin & Marina Zimina (Saint Petersburg): Framing the Religious Other: Buddhism and Islam in Late Imperial and Early Soviet Photography

Anja Burghardt (Munich): Everyday Life in Motion: Photographs of the Central Asian Expedition, 1926-29

Helena Holzberger (Munich): A textbook example of modernization: The Album “10 Years Uzbek SSR”, 1934/35

Oksana Sarkisova (Budapest): Orient in my Album: Central Asia in Soviet amateur travel photography

Ada Raev (Bamberg): Commentary

Jens Jäger (Cologne): History and Photography

Zitation
Tagungsbericht: Photographing Asia. Russia’s Images of the Orient in the 19th and 20th Centuries, 16.09.2015 – 18.09.2015 München, in: H-Soz-Kult, 05.04.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6474>.