Strangers in a Strange Land. Migration als Historisches Phänomen

Ort
Freiburg im Breisgau
Veranstalter
Masterstudiengänge Geschichte und Vergleichende Geschichte der Neuzeit an der Universität Freiburg im Breisgau
Datum
17.06.2016 - 19.06.2016
Von
Anna Mashi / Cora Schmidt-Ott, Historisches Seminar, Universität Freiburg

Vom 17.6.2016 bis 19.6.2016 fand in Freiburg im Breisgau die von Studierenden organisierte Tagung „Strangers in a Strange Land. Migration als Historisches Phänomen“ statt. Ziel der Veranstaltung war, über alle Epochen hinweg sowohl Gründen, Ausprägungen, Folgen und Rezeptionen nachzuspüren als auch die Begriffe der Forschung kritisch zu hinterfragen. Die Tagung verfolgte auf diese Weise das Ziel, Impulse für eine wissenschaftliche Beschäftigung mit einem hochaktuellen politischen Thema zu geben. Gefördert vom Historischen Seminar, der Fachschaft Geschichte, den Freunden und Förderern sowie den Alumni der Universität Freiburg stellten zehn Studierende und Promovierende verschiedener Fachrichtungen und Epochenschwerpunkte ihre Arbeiten zum Themenkomplex Migration vor. Sowohl die Bewegung innerhalb geographischer Einheiten als auch jene über Staaten- und Kontinentgrenzen hinweg wurde dabei thematisiert und verschiedene Akteursperspektiven eingenommen: So kamen in den Vorträgen Erfahrungen von Einzelpersonen, Gruppen von Migrierenden, aber auch Aufnahmegesellschaften und Institutionen des Migrationsregimes in den Blick. Entsprechend stützten die Arbeiten sich auf ein breites Quellenspektrum, seien es Werke antiker Geschichtsschreiber, institutionelle Quellen internationaler Organisationen, offizielle Fotografien oder aber zeitgenössische sozialwissenschaftliche Arbeiten. Die Tagung folgte damit der zunehmend multiperspektivischen Betrachtung von Migrationsprozessen als mehrdeutigen Phänomenen, die die Forschung der letzten Jahre in besonderem Maße kennzeichnet.

Der Keynote-Vortrag von BARBARA LÜTHI (Köln) eröffnete die Tagung mit einer Untersuchung der Verknüpfungen von Visualität und Migration in den USA. Ausgehend von Ariella Azoulays Überlegungen zur Rolle von Fotos für die Konstitution von „citizenship“ untersuchte sie die Praxis der fotografischen Dokumentation chinesischer Immigranten in den USA der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts sowie die Verwendung von Fotografien in Immigrantenzeitungen, denen so die Etablierung einer „countervisuality“ und die Erschütterung enger Vorstellungen von „citizenship“ gelang. Beide Stichproben machten Grenzen der staatlichen Regulierbarkeit und Gestaltungsspielräume der Migranten sichtbar und lenkten damit die Aufmerksamkeit auf die wiederkehrende Frage nach der „agency“ von Migranten, die sich durch weitere Vorträge der Tagung zog.

MICHEL SUMMER (Freiburg) verfolgte in seinem Vortrag die Dekonstruktion der „Völkerwanderung“ und zeigte sowohl die Genese und Karriere des Begriffs als auch die aktuellen Forschungsdebatten um die zugrundeliegenden Vorstellungen ethnisch homogener 'Völker' und den epochenkonstituierenden Charakter auf. Nicht nur die Medienöffentlichkeit bediene sich zur Beschreibung von Migrationsströmen des Begriffs in unreflektierter Weise, auch in der Forschung werde an dem Begriff in Ermangelung tragfähiger Alternativen festgehalten. Hier wurde deutlich, dass sich die Popularisierung bestimmter Vorstellungen von Migration und der zugehörigen Begriffe noch genauer untersuchen und historisieren ließen.

Verschiedene Formen der Interessenvertretung Migrierender waren der Gegenstand der Vorträge von REINER FENSKE (Dresden), CLAUDIA BERGER (Duisburg-Essen) und ANNA MASHI (Freiburg). Fenske stellte mit der Untersuchung von 'Vertriebenen' aus ehemaligen deutschen Ostgebieten in der Weimarer Republik einen Aspekt seines Promotionsprojekts zu imperialen Verbänden in der Zwischenkriegszeit vor. Vor dem Hintergrund einer widersprüchlichen staatlichen Politik zeigte Fenske die selbstgewählten Strategien der Neuankömmlinge bei der Deckung der grundlegendsten Bedürfnisse und der Behauptung ihrer politischen Interessen auf. Ähnliche Konflikte traten in Claudia Bergers Vortrag über indische Immigranten in Südafrika und die Vorgeschichte der Gründung des Natal Indian Congress zutage. Freilich wurden hier noch basalere Fragen verhandelt: Die sozial und kulturell heterogenen Einwanderer aus Südasien hätten sich zunächst entgegen offizieller Kategorisierungen nicht als eine Gruppe angesehen. Ihre gemeinsame Identität sei vielmehr im Laufe der Zeit aus einem komplexen Zusammenspiel äußerer und innerer Identitätszuschreibungen entstanden. Anna Mashi verfolgte in ihrem Vortrag zur Rolle des UNHCR in Jugoslawien das Ziel, sich von der klassischen Deutung des UNHCR entweder als Instrument großer Staaten oder als idealgeleitete humanitäre Organisation zu lösen. Der zu beobachtende Wandel von einer asyllandorientierten, rechtlich operierenden Interessensvertretung für Geflüchtete hin zu einer global operierenden humanitären Organisation lasse sich sowohl durch längerfristige Entwicklungen seit den 1970er-Jahren als auch durch die spezifische Zeitwahrnehmung der 1990er-Jahre und der Situation vor Ort erklären. Die Unterschiedlichkeit dieser drei Stichproben lässt eine vergleichende und stärker integrierende Forschung wünschenswert erscheinen, die die Unterschiede der jeweiligen Strategien und Argumentationsmuster herausarbeiten und möglicherweise auch die Beziehungen zwischen verschiedenen Agenturen der Interessenvertretung aufzeigen könnte.

MORITZ SORG (Freiburg), TABEA NASAROFF (Berlin), NADJA HARM (Freiburg) und MARK MARSH-HUNN (Freiburg) beschäftigten sich im dritten Panel mit kollektiven und individuellen Identitätskonstruktionen. Den Anfang machte Moritz Sorg mit einer Betrachtung des Fremdmonarchen im 19. Jahrhundert als Migranten. Dabei betonte er zum einen, wie weit verbreitet dieses Herrschaftsmodell war und dass es sich keineswegs um eine oktroyierte Regentschaft handelte, verwies zum anderen auf die deutlichen Abgrenzungen von Minderheiten der eigenen Nationalität im Herrschaftsgebiet. Das Auseinandertreten der Ich- und der Herrschaftsidentität ließ dabei ein Spannungsfeld entstehen, in dem sich die individuelle Identitätskonstruktion der Monarchen bewegen musste. Die Herausbildung einer neuen Identität zeichnete Tabea Nasaroff mit ihrem Blick auf die Mitte des 19. Jahrhunderts in Venezuela gegründete Colonia Tovar nach, wo räumliche Abschottung und der Zuschreibung einer positiv konnotierten deutschen Identität durch den venezolanischen Staat eine distinkte Vorstellung von „Dütschtum“ entstehen ließen. Die anschließende Diskussion drehte sich vor allem die methodischen Schwierigkeiten beim Umgang mit den zu solchen Enklaven vorliegenden ethnologischen Quellen, die sich in die breitere Debatte um die spezifischen Aufgaben der Geschichtswissenschaft gegenüber den Sozial- und Kulturwissenschaften einordnen lässt. Auch der Vortrag von Nadja Harm verwies auf die speziellen Anforderungen, die ein interdisziplinäres Arbeiten an die Historikerin und den Historiker stellt. Sie stellte die Heimatbriefe der Vertriebenenverbände vor und eruierte die Bedeutung dieses Quellenkorpus, der im Rahmen eines Projekts am Institut für Volkskunde der Deutschen des östlichen Europa in Freiburg erschlossen und digitalisiert wird. Dabei konzentrierte sie sich auf die Veränderung bei der Darstellung des Brünner Todesmarsches und dessen Bedeutung für das kollektive Gedächtnis der Mitglieder der Vertriebenenverbände. Die Diskussion machte deutlich, welcher Mehrwert durch eine historische Einbettung der ethnologischen Studie entstehen könnte und verwies damit auch auf die Chancen interdisziplinärer Arbeit. Den Abschluss dieses Panels bildete der Vortrag Mark Marsh-Hunns, der seinen Blick auf die antike Polis richtete. Anhand seiner Untersuchungen zu Integration, Rechtsstatus und Entwicklung der ethnischen Identität plataischer Flüchtlinge in Athen konnte er zum einen zeigen, dass im antiken Athen multiple ethnische Identitäten durchaus möglich waren. Zum anderen hätten die Bürger der Polis das Beispiel der Plataier politisch zu nutzen gewusst, um ein hierarchisiertes Migrationsregime zu entwickeln. Die unterschiedlichen Perspektiven auf Identitätskonstruktionen zeigten auf, welche Abgrenzungsprozesse für die Konstruktion der Identität Migrierender notwendig waren. Zugleich wurde deutlich, wie schwierig es sein kann, diese Prozesse auf einer individuellen Ebene nachzuvollziehen, wenn es sich gerade nicht um einzelne herausragende Persönlichkeiten handelt.

Im letzten Panel traten kulturelle Austauschprozesse in den Aufnahmestaaten in den Fokus. NANCY WALTER (Dresden) stellte ihr noch am Beginn stehendes Promotionsprojekt zur Einwanderung osteuropäischer Juden nach Sachsen zwischen 1871 und 1933 vor und machte auf die Potenziale einer lokalgeschichtlichen Herangehensweise aufmerksam. So lasse sich nicht nur das Gesamtbild der jüdischen Immigration in das Deutsche Reich vervollständigen und ergänzen, sondern auch nach den Wirkungen der Migration auf die Entwicklung der Stadt fragen. DENIZ YORULMAZ (Braunschweig) lieferte zum Abschluss einen Ausblick in die jüngere Zeitgeschichte und forderte in der Vorstellung seines Promotionsprojekts ebenfalls eine multiperspektivische Herangehensweise an die Erforschung von Integrationsprozessen. Sein Ziel sei es, nicht nur die staatlichen Reaktionen auf türkische Migrierende, sondern vor allem deren Mitwirkung bei der Umgestaltung des Bildungswesens ab den 1960er-Jahren aufzuzeigen. Die anschließende Diskussion ließ einerseits einen Konsens erkennen, dass sich auf die Wahrnehmungen und Handlungsspielräume von Migrantinnen und Migranten selbst nicht verzichten ließe, andererseits traten hier methodische Probleme wie die der Quellenbasis deutlich hervor.

Insgesamt ließen die Vorträge der Tagung einen Konsens in Bezug auf die Historizität und den Konstruktionsgrad migrantischer Identitäten erkennen. Schlaglichter aus verschiedenen Epochen verwiesen auf die Zusammenhänge zwischen der Ablehnung multipler Identitäten und dem Aufstieg des Nationalstaats. Die Forderung nach der Dekonstruktion dieser Identitätsgebilde zog sich ebenso wie die Hinweise auf die Gestaltungsspielräume und Handlungsoptionen Migrierender durch die Vorträge der Tagung. Eine wichtige Anregung stellte das Einbeziehen nicht-textueller Quellen dar, die beispielsweise durch Claudia Berger und Deniz Yorulmaz in ihren Vorträgen vorgestellt wurden. Eine weitere Frage, die die Diskussionen begleitete, stellte der Umgang mit der Deutungskonkurrenz zu den Sozial- und Kulturwissenschaften und dementsprechend der Positionierung einer spezifisch historischen Migrationsforschung dar. Kontrovers diskutiert hingegen wurde der sprachliche Umgang mit Migrierenden und Migration und den Vorträgen der Tagung, sowohl hinsichtlich offensichtlich tendenziöser Quellenbegriffe wie „Asylanten“ oder „Vertriebener“ als auch in der Sprache der historischen Forschung. Hier zeigte sich im Vergleich mit anderen Forschungsfeldern wie beispielsweise der NS-Forschung oder den postcolonial studies, dass die Reflektion der historischen Migrationsforschung über ihre eigenen Begriffe noch am Anfang steht und auf Anregung aus anderen Gebieten möglicherweise produktiv zurückgreifen kann. Zentral für die Abschlussdiskussion war schließlich die Frage nach den politischen Implikationen von Forschungen zum Thema Migration, nach der Offenlegung eigener Positionen im Text und nach dem gesellschaftlichen Ort von historischer Forschung, die trotz der thematischen Breite der Tagungsvorträge von den Diskutierenden geteilt wurden.

Konferenzübersicht:

Barbara Lüthi (Köln): Visualität und Migration in den USA (Keynote)

Michel Summer (Freiburg): Die "Völkerwanderung". Begriff, Geschichte, Problematik

Reiner Fenske (TU Dresden): 'Vertriebene' in der Weimarer Republik? Deutschsprachige Flüchtlinge aus Ostmitteleuropa in der Republik zwischen staatlicher Instrumentalisierung und verbandspolitischer Vereinnahmung nach dem Ersten Weltkrieg

Claudia Berger (Duisburg-Essen): Die indische Community in Südafrika. Entstehung und frühe Politisierung

Anna Mashi (Freiburg): Von einer Interessensvertretung geflüchteter Menschen zum humanitären Akteur im internationalen Flüchtlingsregime. Der Wandel des UNHCR in den 1990er-J-ahren am Beispiel Bosnien-Herzegowina

Moritz Sorg (Freiburg): Der Migrant als Staatsoberhaupt. Perspektiven, Konflikte und Grenzen non-kolonialer Fremdherrschaft im langen 19. Jahrhundert

Tabea Nasaroff (HU Berlin): "Das Blut muss dütsch bleiben". Die südbadische Colonia Tovar und das "Deutschtum" in den Siedlungskolonien Südamerikas (1843–1930)

Nadja Harm (Freiburg): "Flucht und Vertreibung" im Gruppengedächtnis? Die Erinnerung des Brünner Todesmarsch im Brünner Heimatboten

Mark Marsh-Hunn (Freiburg): "Sie sind athenische Boiotier". Integration, Rechtsstatus und Entwicklung der ethnischen Identität plataischer Flüchtlinge in Athen

Nancy Walter (TU Dresden): Osteuropäisch-jüdisches Leben in Sachsen 1871–1933. Das Beispiel Leipzig

Deniz Yorulmaz (Georg-Eckert-Institut Braunschweig): Die MigrantInnen-Gruppe aus der Türkei und die von ihr beeinflussten Veränderungsprozesse in deutschen Schulen und Bildungsmedien ab 1945

Abschlussdiskussion

Zitation
Tagungsbericht: Strangers in a Strange Land. Migration als Historisches Phänomen, 17.06.2016 – 19.06.2016 Freiburg im Breisgau, in: H-Soz-Kult, 07.09.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6682>.
Redaktion
Veröffentlicht am
07.09.2016
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