HT 2016: Grundwissenschaften in der digitalen Welt

Ort
Hamburg
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
20.09.2016 - 23.09.2016
Von
Claudia Hefter, Historisches Institut, Universität Potsdam / Netzwerk Historische Grundwissenschaften

Die beiden Initiatoren EVA SCHLOTHEUBER (Düsseldorf) und CLEMENS REHM (Stuttgart) eröffneten die Sektion und machten deutlich, dass es nicht nur um den Stellenwert der Historischen Grundwissenschaften im digitalen Zeitalters gehe[1], sondern um das Profil und die Kompetenzen zukünftiger Historiker und Historikerinnen insgesamt. Damit gerade in Zeiten zunehmender Digitalisierung die Fähigkeit zur Quellen- und Medienkritik weiterhin erhalten bleibt, sind Kommunikation und Vernetzung zwischen Wissenschaft auf der einen Seite und den Museen, Archiven und Bibliotheken auf der anderen Seite wichtiger denn je. Inhaltlich reagierte die Sektion auf die Aufforderung des Historikerverbandes, den Historikertag zu einer Selbstreflexion über das Fach und seine primäre Ausrichtung zu nutzen. Die auf dem Podium anwesenden VertreterInnen der Archive, Bibliotheken, des wissenschaftlichen Nachwuchses und der Professorenschaft eröffneten die Diskussion mit folgenden Statements:

Die Archive

BETTINA JOERGENS (Detmold) hob die Wichtigkeit von Kontextdaten bei der Auswertung historischen Materials hervor. Denn nur durch eine richtige und reflektierte Interpretation von Kontextdaten lässt sich intellektueller Mehrwert gewährleisten. Hierzu erfordert es jedoch ein Bewusstsein dafür, dass bereits die Ordnung von Informationen Teil der Wissensgenerierung ist. Folglich muss zu einer Quellenkunde neben Kenntnis von Archivierungsort und Archivtektonik auch eine kritische Befragung nach Entstehung des jeweiligen Archivbestandes gehören. NICOLA WURTHMANN (Wiesbaden) lenkte den Blick auf die Relevanz der Aktenkunde im digitalen Zeitalter. Dabei ging sie auf grundlegende Veränderungen in der Produktion und Interpretation elektronischer Akten ein. Damit es zukünftig nicht „hilflose Historikerinnen und Historiker in Archiven“[2] gebe, bleibt das methodische Handwerkszeug der Grundwissenschaften bzw. Archivkunde auch für die jüngsten, elektronisch oder als Hybrid generierten und archivierten Quellen unverzichtbar. Eine Erweiterung der Aktenkunde um eine Lehre der digitalen Unterlagen ist daher unumgänglich – allein aufgrund der Tatsache, dass bei einem elektronischen Dokument keine physische Einheit mehr von inhaltlicher Information und Kontextinformation gegeben ist.

Die Bibliotheken

Damit wissenschaftliche Nutzer auch in Zukunft das kulturelle Erbe von Altbestandsbibliotheken – digital oder analog –, überhaupt nutzen können, benötigen die Geschichtswissenschaften auch aus Perspektive der Bibliotheken ein erweitertes und vertieftes Konzept grundwissenschaftlichen Arbeitens im digitalen Zeitalter. Aus Sicht CHRISTOPH MACKERTs (Leipzig) müsse dies an den Universitäten vermittelt werden – die zum Trend gewordene Auslagerung der Vermittlung dieser Fertigkeiten in Form optionaler Sommerkurse kann eine solche Aufgabe nicht leisten. Darüber hinaus betonte ROBERT GIEL (Berlin), dass traditionelle Grundwissenschaften, wie Kodikologie und Paläographie, auch heute nichts von ihrer Relevanz eingebüßt hätten. Erfolgsversprechende Ansätze, wie zum Beispiel die digitale Bildähnlichkeitssuche können grundwissenschaftliche Fähigkeiten lediglich unterstützen, diese aber keinesfalls ersetzen.

Der wissenschaftliche Nachwuchs

Die Vertreterinnen des Netzwerks Historische Grundwissenschaften, LENA VOSDING (Düsseldorf) und STEFANIE MENKE (Köln), machten auf die zunehmende Perspektivlosigkeit des wissenschaftlichen Nachwuchses bezüglich der Arbeitsmöglichkeiten sowohl innerhalb als auch außerhalb der Universität aufmerksam. Denn zunehmend stellt sich für den Nachwuchs, der sich einerseits hochmotiviert zeigt, bei einer Spezialisierung aber andererseits ein recht hohes „biographisches Risiko“ eingehen muss, die Frage, ob sich der Einsatz für die Historischen Grundwissenschaften überhaupt lohne. Um diese Situation nachhaltig zu ändern trat das Netzwerk aktiv mit Forderungen [3] an die Hochschulen heran: Relevanz, Interdisziplinarität und epochenübergreifende Ausrichtung des Faches müssten deutlich stärker zum Vorschein kommen. Dafür sollten bestehende Kommunikationsdefizite behoben und stattdessen Kooperationen und Vernetzungen angestoßen werden. Eine Stärkung des Mittelbaus müsse dabei ebenso berücksichtigt werden wie eine prominentere Verortung der Grundwissenschaften in der Lehre.

Die universitäre Forschung

Auch ANDREA STIELDORF (Bonn) identifizierte die Kommunikation als ein zentrales Problem, das nur durch eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Universitäten, Bibliotheken und Archiven – eventuell auch Schulen – überwunden werden könne. Dabei warnte Stieldorf davor, die Historischen Grundwissenschaften als nur in der Mediävistik angesiedelt bzw. als reine „Dienstleister“ anzusehen. Die Grundwissenschaften böten ein umfassendes Repertoire an wissenschaftlich aktuellen Fragestellungen, was stärker präsentiert werden müsse. JÜRGEN WOLF (Marburg) plädierte zusätzlich dafür, dass alle für die Digitalisierung bereitgestellten finanziellen Mittel nur dann qualitativ nutzbar seien, wenn man Expert/innen ausbilde, die die Digitalisate auch auswerten könnten. Um dafür Expertise ebenso wie technisches Wissen zu vermitteln, bedarf es nach Wolf eines festen Rahmens und einer institutionellen Verankerung, zum Beispiel in Form von „Netzwerk-Professuren“. Wolf machte jedoch deutlich, dass die Schaffung von neuen, gesicherten Strukturen sich nur durch Einsparungen in anderen Bereichen realisieren ließe – was natürlich mit massivem Widerstand einherginge.

Diskussion

An die Statements der Diskutanten auf dem Podium schloss sich eine rege Diskussion gemeinsam mit dem Auditorium an. Viele Ansätze der Podiumsrunde wurden aufgegriffen und auch erste Lösungsvorschläge entwickelt, wobei immer wieder auf die Themen „gegenseitige Wahrnehmung“, „Kommunikation“ und „Vernetzung“ rekurriert wurde. Ebenso herrschte Konsens darüber, die Relevanz der Historischen Grundwissenschaften in Politik, Presse und akademischer wie nicht akademischer Öffentlichkeit nachhaltig stärken zu wollen.

„Politik der kleinen Schritte“

SITTA VON REDEN (Freiburg), machte auf das Spannungsverhältnis aufmerksam, mit einer grundwissenschaftlichen Lehrveranstaltung sowohl eine zukünftige Lehrerschaft auszubilden, als auch Einzelpersonen für Promotion und Forschung zu gewinnen. Hier müssten neue Strukturen geschaffen werden, um die Lehrenden zu mehr grundwissenschaftlichen Lehrveranstaltungen zu motivieren bzw. keinen Prestigeverlust und schwindende Studierendenzahlen zu befürchten. Das negative Image zeige sich auch in der aktuellen Förderungspolitik, denn Sachmittelanträge jenseits konkreter Digitalisierungsaufträge, wie etwa die digitale Aufbereitung von Münzbeständen – welche eher schlechte Chancen hätten gefördert zu werden. Um diese Situation nachhaltig zu verändern betonte von Reden eine Politik der kleinen Schritte anzuwenden. In Bezug auf Förderungen plädierte Mackert dafür, den Blick jenseits des Tellerrandes der DFG zu heben, denn gerade Stiftungen böten hier eine Breite von Möglichkeiten, die oft übersehen werde. JANINA LILLGE (Kiel), schlug vor, Methodikmodule niedrigschwellig anzusetzen, um so auch Lehramtsstudierende mit den Grundwissenschaften in Berührung und so Basiskompetenzen an die Schulen zu bringen.

Stieldorf begrüßte den Ansatz der „kleinen Schritte“. Als kostenneutrale erste Unternehmung könne man zum Beispiel kenntlich machen, in welchen Lehrveranstaltungen grundwissenschaftliche Kompetenzen vermittelt werden, auch wenn sie nicht explizit als solche betitelt sind. Daneben sei es aber nötig, epochenübergreifende Studiengänge zu schaffen. Ebenso bedürfe es neuer Lehrmittel mit Handbuchcharakter – sei es in digitaler oder gedruckter Form. Der Ansatz der „kleinen Schritte“ müsste dazu vor allem auf Dauer angelegt seien, den Nachwuchs entlasten und gemeinsam gestaltet werden. Mit der Gründung der AHIG [4] sei hierfür schon ein Schritt in die richtige Richtung getan.

TOBIAS HERRMANN (Berlin) appellierte an den wissenschaftlichen Nachwuchs, bei der beruflichen Perspektive den Blick auch auf Bereiche jenseits von Universitäten, Bibliotheken und Archiven zu weiten. Die Grundwissenschaften vermitteln eine spezielle Kompetenz, mit der man „wuchern“ könne. So befähigten sie bspw. auch für Berufsfelder jenseits der historischen Forschung zum Beispiel im Journalismus, Unternehmensberatung oder Kommunikationsmanagement. Auch GUDRUN FIEDLER (Stade) begrüßte diese Sichtweise. Sie unterstrich die Rolle der Grundwissenschaften als „eine europäische Kultur des Beweisens und des Begründens“, die nicht leichtfertig aufgegeben werden sollte.

Vosding und Menke griffen dies auf und plädierten dafür, bereits im Studium praxisnahe Bezüge einzubetten, um mögliche Berufsbilder auch außerhalb der Universität aufzeigen. Nur so könne ein Bewusstsein für die breite Einsetzbarkeit grundwissenschaftlicher Kompetenzen geschaffen werden. MARTIN FECHNER (Berlin) hob ebenfalls die breite Einsetzbarkeit grundwissenschaftliche Kompetenzen hervor. Nichtsdestoweniger sei es notwendig, „Leuchtturmprojekte“ zu etablieren, um Perspektiven zu bieten. Hier ließe sich über länderübergreifende Digital Humanities Zentren nachdenken, um allgemeine Standards zu schaffen – beides könnte den „Workflow von der Quelle bis zur Bereitstellung für die Forschung“ revolutionieren.

Die Notwendigkeit neuer Strukturen

Schlotheuber betonte, dass die Grundwissenschaften mit ihrem derzeitigen Stand innerhalb der Geschichtswissenschaft und auch im Verhältnis zu den Digital Humanities nicht in der Lage seien, den neuen Herausforderungen gerecht zu werden. Digitale Kompetenzen ließen sich nicht einfach zusätzlich in die alten Strukturen integrieren, ohne Qualitätsverlust und Überforderung bei Lehrenden und Lernenden zu verursachen. Vermutlich seien dafür eine Umstrukturierung und eine stärkere Rückbindung der bewahrenden Institutionen an die Universität notwendig. Darüber hinaus müssten sich alle Beteiligten wieder enger miteinander vernetzen. Die wissenschaftliche Community sei in den letzten Jahrzehnten nicht nur stetig angewachsen, die gesamt Forschungslandschaft habe sich ausdifferenziert.

HEDWIG RÖCKELEIN (Göttingen), beschrieb die verschiedenen Gründe für die desolate Situation der Grundwissenschaften: Sie seien stets als eine Disziplin wahrgenommen worden, die nur einen geringen Teil der Lehre repräsentiere und bei rigorosen Sparmaßnahmen gerne reduziert wurde: In den autonomen Machtkämpfen der Universitäten und befördert durch den Föderalismus standen die Grundwissenschaften bei allen getroffenen Entscheidungen stets auf der Verliererseite. Doch würden auch die letzten grundwissenschaftlichen Lehrstühle und Institutionen geschlossen, stünde langfristig nicht nur das Fach, sondern der gesamte Wissensstandort Deutschland „auf der Liste der gefährdeten Arten“. Ein Ausweg wäre, sich explizit als „kleines Fach“ zu verstehen und so besser politisch agieren zu können. Neben der Hochschulrektorenkonferenz führte Röckelein die Akademien der Wissenschaften als möglichen Kooperationspartner an, da diese sowohl auf der politischen Ebene als auch auf der Abnehmerseite einen wichtigen, nicht zu unterschätzenden Faktor darstellen.

„Grundwissenschaften in der digitalen Welt“

Auch der digitale Aspekt der Sektion kam nicht zu kurz. Fechner betonte die Diskrepanz von „digitalen Objekten“ in Form von Datensätzen auf der einen und „analogen Objekten“ auf der anderen Seite. Nur durch eine bessere Zusammenarbeit und eine Verschränkung der Fragestellungen zwischen den materiellen Grundwissenschaften und den Digital Humanities ließe sich diese „inhaltliche Ambivalenz“ überwinden. BARBARA FICHTL (Marburg) plädierte zudem dafür, technische Aspekte in die Lehre mit aufzunehmen, damit der Nachwuchs bereits während seiner Ausbildung die Möglichkeit habe, sich mit Standards zum Beispiel auf der Ebene von Metadaten auseinanderzusetzen.

Auch Rehm und Wurthmann hoben die Bedeutung von Metadaten hervor, gerade im Hinblick auf die Lebensdauer von digitalen Datensätzen. Archivare müssten Entscheidungen treffen, welche Eigenschaften sie bei einem digitalen Objekt langfristig für die Forschung archivieren wollen – hierfür erweise sich der Dialog zwischen Archiv und Forschung als unumgänglich.

THORSTEN HILTMANN (Münster) stellte schließlich die Frage, in wie weit sich die Grundwissenschaften selbst im Rahmen der digitalen Veränderung verändern müssten. Viele Hilfsmittel, zum Beispiel in der Heraldik steckten noch im analogen Zeitalter. Hier seien die Grundwissenschaften neu auszurichten und Arbeitsprozesse weiterzuentwickeln. Dies griff Mackert auf und attestierte den Geschichtswissenschaften allgemein die Tendenz, „massiv im analogen Zeitalter [zu] stecken“.[5] Ebenso betonte er, dass man auch von den heutigen Studierenden keinesfalls von „Digital Natives“ ausgehen dürfe. Es wäre jedoch nicht mit hohem Aufwand verbunden, mehr Technikaffinität in den Lehrveranstaltungen einzufordern.

KATRIN MOELLER (Halle) wies darauf hin, dass nicht allein die Geisteswissenschaften von einem Wandel betroffen seien, sondern auch die Naturwissenschaften. Die Grundwissenschaften müssten sich auch hier breiter aufstellen und sich als Masterdisziplin der Nachhaltigkeit und der Nachnutzbarkeit präsentieren. Die Kooperation mit Datenzentren, wäre hier ein wichtiger Aspekt, denn gerade das Thema „Archivierung“ böte mögliche Anknüpfungspunkte zu diesen Communities.

Insgesamt herrschte ein Konsens darüber, dass ein Digitalisat niemals alle signifikanten Eigenschaften eines Originals ersetzen könne. Die pointierte Frage von FRANK M. BISCHOFF (Duisburg): „Machen die Archive [...] das Falsche, wenn sie Archivgut digitalisieren? [...] Sollten wir lieber etwas anderes machen?“ – wurde von allen Beteiligten verneint.

Ausblick: Masterplan Grundwissenschaften und Medienkritik

Damit die Wünsche und Forderungen der Diskutanten auf dem Podium und aus dem Auditorium nicht ungehört auf dem Historikertag 2016 in Hamburg verhallen, wurde im Zusammenschluss der Podiumsvertreter ein Runder Tisch für das Frühjahr 2017 angesetzt. Hier sollten die nächsten „kleinen Schritte“ in Richtung eines „Masterplan Grundwissenschaften“ zur Sprache gebracht und mögliche neue Strukturen entwickelt werden.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Eva Schlotheuber (Düsseldorf) / Clemens Rehm (Stuttgart)

Archive
Bettina Joergens (Detmold) / Nicola Wurthmann (Wiesbaden)

Handschriftenzentren / Bibliotheken
Christoph Mackert (Leipzig) / Robert Giel (Berlin)

Wissenschaftlicher Nachwuchs
Lena Vosding (Düsseldorf) / Stefanie Menke (Köln), Netzwerk Historische Grundwissenschaften

Wissenschaftliche Forschung
Andrea Stieldorf (Bonn) / Jürgen Wolf (Marburg)

Anmerkungen:
[1] Vgl. hierzu das Positionspapier von Eva Schlotheuber und Frank Bösch und die dazugehörige Diskussion auf H-Soz-Kult: Forum: Eva Schlotheuber / Frank Bösch: Quellenkritik im digitalen Zeitalter: Die Historischen Grundwissenschaften als zentrale Kompetenz der Geschichtswissenschaft und benachbarter Fächer, in: H-Soz-Kult, 16.11.2015, <http://www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-2866> (03.11.2016).
[2] <http://www.historikertag.de/Berlin2010/index.php/wissenschaftliches-programm/epochenuebersicht/details/585-Robert%20Kretzschmar.html> (03.11.2016),.
[3] Ein Positionspapier des Netzwerks Historische Grundwissenschaften steht auf der Homepage der AHiG zum Download zur Verfügung steht: <http://www.ahigw.de/2016/09/29/das-netzwerk-auf-dem-historikertag/>.
[4] Vgl. hierzu die Homepage der AHiG <http://www.ahigw.de> (03.11.2016), welche auch die Funktion einer Austauschplattform bietet.
[5] Vgl. hierzu den Beitrag Forschen mit 'digitalen Quellen', in: H-Soz-Kult, 04.12.2008, <http://www.hsozkult.de/query/id/anfragen-1055>.

Zitation
Tagungsbericht: HT 2016: Grundwissenschaften in der digitalen Welt, 20.09.2016 – 23.09.2016 Hamburg, in: H-Soz-Kult, 12.11.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6819>.