Historisch denken lernen mit Schulbüchern

Ort
Salzburg
Veranstalter
Bundeszentrum für Gesellschaftliches Lernen, Pädagogische Hochschule Salzburg Stefan Zweig; Gesellschaft für Geschichtsdidaktik Österreich
Datum
23.09.2016 - 24.09.2016
Von
Christoph Bramann, FWF-Projekt „Kompetenz- und Wissenschaftsorientierung in Geschichtsschulbüchern“ (CAOHT), Pädagogische Hochschule Salzburg Stefan Zweig

Im Mittelpunkt der 6. Jahrestagung der Gesellschaft für Geschichtsdidaktik Österreich am 23. und 24. September 2016 an der Pädagogischen Hochschule Salzburg stand das auch noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts als ‚Leitmedium des Geschichtsunterrichts‘ geltende Schulbuch. Erklärtes Ziel war es, die verschiedenen Dimensionen des Geschichtsschulbuches in der aktuellen Forschung und Praxis näher zu beleuchten. Die inhaltliche Ausrichtung der Beiträge reichte daher von unterschiedlichen Zugängen der geschichtsdidaktischen Schulbuchforschung bis hin zu konkreten Aspekten der Verwendung und Produktion von Geschichtsschulbüchern. Dabei stand die Reflexion des Entstehungsumfeldes von Geschichtsschulbüchern besonders im Fokus. Vor diesem Hintergrund fand zum Abschluss der Tagung erstmals im 21. Jahrhundert eine Podiumsdiskussion mit Vertreter/innen der verschiedenen an der Schulbuchproduktion beteiligten Akteure, der sogenannten „Diskursarena“[1], statt.

Nach einer kurzen Begrüßung durch den Vorsitzenden der Gesellschaft für Geschichtsdidaktik Österreich, BERNHARD WENINGER (Graz), führte CHRISTOPH KÜHBERGER (Salzburg) in die Tagung ein und verwies neben der Berücksichtigung vor allem junger Wissenschaftler/innen auch auf die laufenden Auseinandersetzungen zum Tagungsthema in Österreich.[2]

Im Eröffnungsvortrag stellte HOLGER THÜNEMANN (Köln) seine Überlegungen zu „Historisch denken lernen mit Schulbüchern“ vor. In einer Weiterentwicklung Jörn Rüsens „Matrix historischen Denkens“[3] kommt Thünemann zu dem Schluss, dass Geschichte erst aufgrund historischer Werturteile relevant werde – ansonsten sei sie nur „tote Masse“. Die in vielen Köpfen von Schüler/innen als ‚präexistente‘ Werturteile vorhandenen Vorstellungen von Geschichte stünden dabei häufig im Gegensatz zu einer zeitgemäßen konstruktivistischen Geschichtsauffassung. Schulbücher könnten hier durch angemessene historische Lernaufgaben, die sich über Leitfragen sowie der gezielten Anbahnung von Werturteilen und Reflexionsprozessen definieren, einen Beitrag zur Förderung historischer Denkprozesse leisten. Bisherige empirische Untersuchungen zeigten jedoch, dass dies auch in aktuellen Geschichtsschulbüchern bisher kaum der Fall sei. Als Perspektiven für die zukünftige Forschung sieht Thünemann daher neben weiteren Schulbuchanalysen auch anwendungsbezogene Unterrichtsforschungen zu Schulbuchaufgabenformaten.

Als zweiter Programmpunkt stellte PHILIPP MITTNIK (Wien) Ergebnisse seiner kürzlich abgeschlossenen Dissertation vor. Anhand quantitativer und qualitativer Zugänge verglich Mittnik aktuelle Geschichtsschulbücher aus Österreich, Deutschland und England mit solchen aus den 1980er-Jahren zum Thema Nationalsozialismus. Sein Erkenntnisinteresse reichte dabei von den verwendeten Aufgabenformaten und Abbildungen, der Umsetzung des Prinzips der Multiperspektivität bis hin zu Untersuchungen zur Darstellung von Täter/innen und Opfern des Nationalsozialismus. Als Resultat zeige sich unter anderem, dass in den Büchern eine große Vielfalt an Bildmaterial präsentiert werde und damit die These einer europaweiten Angleichung des Bildmaterials[4] infrage zu stellen sei. Im internationalen Vergleich werde zudem deutlich, dass vor allem englische Schulbücher beim Thema Nationalsozialismus das Prinzip der Multiperspektivität nicht einlösen und eine vereinfachte und eindimensionale Darstellung dominiert.

Erste Ergebnisse seines Promotionsvorhabens im Bereich der geschichtsdidaktischen Schulbuchforschung stellte WOLFGANG BUCHBERGER (Salzburg) vor. Sein Ziel ist es, „den Einsatz schriftlicher Quellen für das historische Lernen in österreichischen Lehrwerken von der Primarstufe bis zur Sekundarstufe II“ anhand der Fragestellungen zu erforschen, welche historischen (Teil-)Kompetenzen durch den Einsatz der Quellen gefördert werden und ob sich diesbezüglich eine aufbauende Lernprogression in den Jahrgangsstufen feststellen lässt. Hierfür werden alle schriftlichen Quellen aus den Lehrwerken der Primarstufe (Sachunterricht) sowie sämtliche schriftliche Quellen und die dazugehörigen Arbeitsaufträge aus ausgesuchten Themenbereichen der Sekundarstufen I und II systematisch erfasst, kategorisiert und anhand quantitativer und qualitativer Ansätze analysiert. Erste Ergebnisse für die Primarstufe zeigten, dass sich in vierunddreißig untersuchten Schulbüchern und Arbeitsheften insgesamt nur sechszehn schriftliche Quellen fanden, wobei es sich beinahe ausschließlich um fotografische Reproduktionen der Originalquellen handele. Bemerkenswert sei zudem, dass der Großteil der Textquellen nicht durch Arbeitsaufträge erschlossen werde und damit lediglich der Illustration des Autorentextes diene.

ROLAND BERNHARD (Salzburg) berichtete von seinen ersten Erfahrungen mit empirischen Erhebungsmethoden innerhalb des vom österreichischen Wissenschaftsfond (FWF) geförderten Projektes CAOHT[5], das mit Forschungen zur Verwendung des Geschichtsschulbuches im Unterricht in Österreich ein langjähriges Desiderat der geschichtsdidaktischen Forschung einlöst. Als methodischer Zugang wird hierfür eine sequenzielle qualitativ-quantitative Between-Method-Triangulation gewählt, also eine Kombination aus Experteninterviews, teilnehmenden Beobachtungen, Fragebögen und Schulbuchforschungen. Während bei der teilnehmenden Beobachtung die Herausforderungen in der Praxis vor allem in der Eingrenzung der „teilnehmenden“ Rolle der Testleitung lägen, die teilweise sowohl von Lehrkräften als auch von Schüler/innen ins Unterrichtsgeschehen eingebunden werde, sei es bei Experteninterviews in erster Linie wichtig, das Vertrauen des Gesprächspartners zu gewinnen, um sozial erwünschte Antworten innerhalb des Schulsystems oder gegenüber der Wissenschaft zu vermeiden. Vor dem Hintergrund der gemachten Erfahrungen hob Bernhard hervor, dass die Wissenschaftlichkeit dieser Methoden besonders durch eine intersubjektive Nachvollziehbarkeit der Verfahren der Datenerhebung und Datenauswertung gewährleistet werden müsse.

Eine klassische Schulbuchanalyse im Querschnitt plant KAI KRÜGER (Berlin) im Rahmen seines Promotionsprojektes. Ausgehend davon, dass ökonomische Bildung in den letzten Jahren auch im Geschichtsunterricht an Bedeutung gewonnen habe, werden verschiedene aktuelle deutsche Geschichtsschulbücher hinsichtlich der Darstellung der Nachkriegszeit, mit der Konstituierung zweier Wirtschaftssysteme und der Zeit des Wirtschaftswunders untersucht. Auf der Basis quantitativer und qualitativer Ansätze soll untersucht werden, inwiefern die Schulbücher wissenschaftliche Kontroversen zur Wirtschaftsgeschichte widerspiegeln und weitergehend, ob diese über die präsentierten Medienbausteine auch zum historischen Denken anleiten. Erste Ergebnisse legen nahe, dass die Bücher hinsichtlich der deutschen Nachkriegswirtschaft einem normierenden ‚Masternarrativ‘ folgen, das historische und wissenschaftliche Kontroversen weitgehend ausblendet. Zudem scheinen die Bücher auch fachdidaktische Prinzipien wie Gegenwartsbezüge kaum einzulösen – selbst wenn sich diese anböten.

Den letzten Programmpunkt des ersten Tages bildete MARGARETHE KAINIG-HUBER (Niederösterreich) mit ihrem Vortrag „Die Frage der Identität und die ‚Aufgabe der österreichischen Schule‘ – Analyse zur Bewusstseinsbildung durch österreichische Schulgeschichtsbücher“. Anhand einer Längsschnittanalyse von Geschichtsschulbüchern der achten Schulstufe von Beginn der Zweiten Republik bis etwa zum Jahr 2000 untersuchte Kainig-Huber, ob sich in den Büchern ein Wandel der Darstellungsmuster einer „österreichischen Identität“ feststellen lasse. Methodisch wurden dafür zuerst verschiedene Indikatoren definiert, die dann innerhalb eines umfangreichen Fragenkatalogs hermeneutisch operationalisiert wurden. Kainig-Huber kommt zu dem Ergebnis, dass sich tatsächlich auf verschiedenen Ebenen eine veränderte Darstellung österreichischer Identität erkennen lasse, beispielsweise im Wandel der Darstellung von Migration oder der visuellen Symbolik auf den Buchcovern.

Der zweite Tag begann mit einem Vortrag von GEORG GÖTZ (Oldenburg), der erforscht, „wie fachfremde Lehrer mit der Französischen Revolution und dem Nationalsozialismus im Unterricht umgehen“. Ausgehend davon, dass das Schulfach Geschichte häufig von ungeprüften Lehrkräften unterrichtet werde, untersucht Götz, welchen Stellenwert fachfremde Lehrkräfte dem Potenzial von Geschichtsunterricht im Allgemeinen und den fachdidaktischen Prinzipien im Speziellen einräumen und welchen fachlichen Orientierungsrahmen die Lehrkräfte für ihren Unterricht nutzen. Hierfür wurden sowohl geprüfte als auch fachfremd unterrichtende Lehrkräfte in Experteninterviews befragt, zu denen diese von ihnen genutzte Unterrichtsmaterialien mitbrachten. Dabei zeige sich, dass die Themen trotz unterschiedlicher Ausbildung sehr ähnlich konzipiert werden. Götz führt dies einerseits auf eine Kompensation der verschiedenen Ausbildungswege durch Lehrpläne und Schulbücher und andererseits auf homogenisierende Effekte innerhalb des Kollegiums, durch die Weitergabe von Materialien zurück. Das Ergebnis zeige außerdem die wichtige Rolle von Schulbüchern bei der Unterrichtsplanung, da vor allem fachfremde Lehrkräfte ihr Material beinahe ausschließlich aus diesen bezögen.

Im nächsten Beitrag von ELKE RAJAL (Wien) vom Kreisky-Archiv in Wien stand der spatial turn als Forschungsleerstelle innerhalb der Geschichtsdidaktik im Mittelpunkt. Rajal stellte die Ergebnisse des Sparkling Science Projekts „Melting Pot!? – Sozialräumliche Umstrukturierungsprozesse in Ottakring“ vor, in dem auf der Basis Raum-theoretischer Ansätze spezifische Kategorien entwickelt wurden, um die Vermittlung verschiedener Raum-Konzepte für den Geschichtsunterricht fruchtbar zu machen. Das Projekt wurde in enger Zusammenarbeit mit einem Ottakringer Gymnasium vor Ort in Wien durchgeführt, wobei verschiedene unterrichtspraktische Ansätze getestet wurden, um die Lernenden für das Thema „Raum“ und die diesen konstituierenden sozio-kulturellen Prozesse zu sensibilisieren. Daraus ging nicht nur eine mit den Schüler/innen gestaltete Ausstellung hervor, die Erfahrungen und Ergebnisse des Projektes mündeten zudem in einer umfassenden Materialsammlung verschiedener Einbindungs- und Vermittlungskonzepte zur Integration des ‚Raumes‘ für das Unterrichtsfach Geschichte, die als Download frei zur Verfügung steht.[6]

In den letzten Beiträgen der Tagung standen verstärkt die konkreten Produktionsbedingungen von Geschichtsschulbüchern im Mittelpunkt, die anhand konkreter Erfahrungen verschiedener aktueller Geschichtsschulbuchautor/innen näher beleuchtet wurden.

CHRISTINE OTTNER (Wien) und ALEXANDER PREISINGER (Wien) berichteten in ihrem Vortrag von ihrer Entwicklung eines neuen Geschichtsschulbuches für die österreichischen Handelsakademien (berufsbildende höhere Schulen). Den neuen bildungspolitischen Anforderungen, die vor allem die Orientierung an fachspezifischen Kompetenzen und Konzepten einfordern, begegneten die Autor/innen dabei unter anderem mit einer stärkeren Einbeziehung grafischer Elemente zur optischen Verzahnung zwischen Text- und Übungsteilen sowie einer Erhöhung des Arbeitsteilumfangs auf 50 %. Ausgangspunkt vieler Überlegungen war dabei, das Schulbuch nicht nur für Lehrer/innen, sondern vor allem für Schüler/innen zu entwickeln. Große Herausforderungen werden darin gesehen, auch die vielen neben dem Lehrplan zur Verfügung stehenden Vorgaben und Empfehlungen einzubeziehen, sowie in den allgemeinen Schwierigkeiten einer funktionierenden institutionellen Schnittstellenkommunikation zwischen allen beteiligten Akteur/innen.

Im folgenden Vortrag von ANDREA BRAIT (Innsbruck), SABINE MADER (Tulln) und CORNELIA SOMMER-HUBATSCHKE (Stockerau) stand die vom neuen Lehrplan für die gymnasiale Unterstufe und die Neuen Mittelschulen (2016) eingeforderte Orientierung an Basiskonzepten und deren Umsetzungsmöglichkeiten bei der Schulbuchentwicklung im Fokus. Ausgehend von dem Ziel, dass es Schüler/innen möglich sein soll, auch alleine mit dem Schulbuch zu arbeiten, wurde nicht nur besonderes Augenmerk auf kreative, abwechslungsreiche und gleichzeitig kompetenzorientierte Aufgabenformate gelegt, sondern auch explizite Ausweisungen der angebahnten Kompetenzen und Konzepten zu diesen hinzugefügt. Dabei versuchten die Autorinnen auch Konzepte wie die gesellschaftliche Konstruktion von Geschlecht einfließen zu lassen. Als große Herausforderung erwies sich zusätzlich die Verwendung von vielfältigem und abwechslungsreichem Quellenmaterial, da dieses durch Urheberrechtsfragen häufig stark eingeschränkt sei.

Abschließend nahmen IRMGARD PLATTNER (Innsbruck) und CLAUDIA RAUCHEGGER (Innsbruck) mit ihrem Impulsvortrag die verschiedenen Einflussfaktoren auf die Schulbuchproduktion genauer in den Blick. Anhand aktueller Beispiele aus eigenen Erfahrungen als Autorinnen veranschaulichten sie die komplizierten Aushandlungsprozesse, die zwischen Autorenteam, Approbationskommission, Schüler/innen, Lehrer/innen und Verlag bei der Entwicklung eines neuen Schulbuchs diskutiert werden müssen. So wurde auf ein Gutachten verwiesen, das den Einsatz des Themas Fußball auf einer Auftaktdoppelseite mit Verweis auf eine männlich dominierte und teilweise homophobe Sportkultur kritisch infrage stellte. Das auf Kompromisse ausgerichtete Zusammenwirken der verschiedenen Akteure fassten die Vortragenden in Hinblick auf die fünf beteiligten Gruppen mit der Bezeichnung „Vom Pentagramm zur Quintessenz“ zusammen.

Diese Gedanken leiteten über zur Podiumsdiskussion, von der im Folgenden nur wenige ausgewählte Aspekte wiedergegeben werden können.[7] Die Runde setzte sich aus verschiedenen Vertreter/innen des Spannungsfeldes Geschichtsschulbuch zusammen: MICHAEL RENNER (Wien) aus der für Schulbücher zuständigen Abteilung des Bundesministeriums für Bildung, ALEXANDER RIHA (Wien), Lektor für den Schulbuchverlag E. Dorner/ Westermann, ALOIS ECKER (Wien), Professor für Geschichtsdidaktik, ELFRIEDE WINISCHBAUER (Salzburg), derzeit Rektorin, aber auch Schulbuchautorin bzw. Politik- und Geschichtsdidaktikerin sowie WOLFGANG BUCHBERGER als Mitglied einer ministeriellen Schulbuchgutachterkommission.

Zu Beginn hob Alois Ecker als Grund für die immer wieder geführten Debatten um Schulbücher ihre Eigenschaft als hochpolitische und zeitgleich öffentlich diskutierte Medien hervor, was eine wertneutrale Betrachtung schwierig mache. In der darauf folgenden Fragerunde beleuchteten die am Produktionsprozess beteiligten Akteure genauer, wie der Prozess der Schulbuchentwicklung aus ihrer Sicht tatsächlich vonstatten geht. Während vonseiten des Ministeriums (Renner) und des Verlages (Riha) vor allem die enge – und für ein aus Verlagssicht erfolgreiches Wirtschaften auch notwendige – Kooperation hervorgehoben wurde, hob Elfriede Windischbauer aus Autorinnensicht hervor, dass es vor allem eines kompetenten Autorenteams bedürfe, das die aktuellen fachwissenschaftlichen und -didaktischen Entwicklungen im Blick habe. Vonseiten der Gutachterkommission (Buchberger) hingegen sei die möglichst genaue Passung mit den gesetzlichen Vorgaben entscheidend.

Nach diesen Statements zum organisatorischen Prozess wurde diskutiert, welche Möglichkeiten es zur Verbesserung von Geschichtsschulbüchern gäbe. Vonseiten der Forschung (Ecker) wurde hier vor allem ein stärkerer Fokus auf Historisches Denken als zentrales Moment für qualitätsvolle Schulbücher gefordert. Dafür müssten (endlich) die in den Büchern tradierten Strukturen, die sich weiterhin an ‚Masternarrativen‘ und chronologischen Erzählungen orientieren, zugunsten multiperspektivisch präsentierter historischer Fallbeispiele zur Anbahnung historischer Denkprozesse aufgebrochen werden. Hierfür könne auch der Blick in die Schulbücher anderer Länder fruchtbar sein, denn nicht immer müsse „das Rad neu erfunden werden“. Der grundlegenden Zustimmung vonseiten der Autor/innen (Windischbauer) und Gutachter (Buchberger) stand hier die Verlagsseite (Riha) gegenüber, die einer solchen grundlegenden Neustrukturierung der Lehrmittel mit Verweis auf den Verkaufsdruck und die traditionellen Abnehmer/innen mit großer Skepsis begegnete.

Aus Sicht einer Schulbuchautorin (Windischbauer) wurde außerdem der Vorschlag einer generellen Konzentration auf wenige, aber dafür konzeptionell unterschiedliche Schulbuchreihen in den Raum gestellt, um den oftmals vorgetragenen finanziellen und ressourcenbedingten Problemen bei der Schulbuchherstellung entgegenzutreten. Nicht nur von Verlagsseite wurde dieser Vorschlag abgelehnt, auch vonseiten der Wissenschaft (Ecker) wurde angemahnt, solche Vorschläge mit Verweis auf die teilweise politisch stark beschränkten Märkte in anderen Ländern mit Vorsicht zu betrachten. Zustimmung kam hingegen aus dem Plenum, wobei ergänzt wurde, man könne die dadurch entstehenden Einsparungen in die Konzeption neuer digitaler Produkte investieren, um dort die Entwicklung nicht zu „verschlafen“.

Schließlich wurde vor dem Hintergrund immer umfangreicherer Vorschriften mehr Transparenz im Herstellungsprozess gefordert (Ecker). Dafür könnten beispielsweise Schulbuchautor/innen offenlegen, auf Basis welcher wissenschaftlichen und fachdidaktischen Diskurse das jeweilige Kapitel erstellt wurde. Das könnte nicht nur der Forschung dabei helfen besser zu verstehen, warum Geschichtsschulbücher eigentlich so aussehen, wie sie aussehen. Eine solche Transparenz könnte außerdem Ausgangspunkt sein für einen methodisch und inhaltlich reflektierten und damit gezielteren Umgang mit Geschichtsschulbüchern im Unterricht, um Schüler/innen in Zukunft tatsächlich zu ermöglichen mit diesen ‚historisch denken‘ zu lernen.

Besonders durch die breite thematische Ausrichtung der Beiträge, die nicht nur auf die wissenschaftliche Erforschung von Schulbüchern fokussierten, sondern ebenso auf ihre Entwicklung, Produktion und Vermarktung, bot die Tagung den Teilnehmer/innen einen gelungenen Überblick über aktuelle Entwicklungen hinsichtlich des Mediums Geschichtsschulbuch. Die anschließende Podiumsdiskussion – für die in Zukunft auch etwas mehr Zeit zur Verfügung stehen könnte – erweiterte den Blick sowohl um Einblicke in gegenwärtige Herstellungs- und Produktionsdiskurse, als auch um das Aufzeigen zukünftiger Entwicklungsmöglichkeiten von Geschichtsschulbüchern.

Konferenzübersicht:

Einführung
Bernhard Weninger (Universität Graz) / Christoph Kühberger (PH Salzburg)

Holger Thünemann (Universität zu Köln): Historisch denken lernen mit Schulbüchern. Forschungsstand und Forschungsperspektiven

Philipp Mittnik (PH Wien): Schulbuchanalyse von österreichischen, deutschen und englischen Geschichtsbüchern zum Themenbereich Nationalsozialismus im diachronen Vergleich

Wolfgang Buchberger (PH Salzburg): Der Einsatz schriftlicher Quellen für das historische Lernen in österreichischen Lehrwerken von der Primarstufe bis zur Sekundarstufe II

Roland Bernhard (PH Salzburg): Teilnehmende Beobachtung und qualitative Experten-Interviews zur Erhebung von Schulbuchnutzung in Österreich (CAOHT)

Kai Krüger (FU Berlin): Die deutsche Nachkriegswirtschaft in aktuellen Schulgeschichtsbüchern zwischen historischem Lernen und Normierung

Margarethe Kainig-Huber (PH Niederösterreich): Die Frage der Identität und die „Aufgabe der österreichischen Schule“. Analysen zur Bewußtseins-Bildung durch österreichische Schulgeschichtsbücher

Georg Götz (Universität Oldenburg): Wie fachfremde Lehrer mit der Französischen Revolution und dem Nationalsozialismus im Unterricht umgehen

Elke Rajal: (Kreisky-Archiv, Wien): Geschichte verRÄUMen. Raumfokussierte Zugänge in der Geschichtsvermittlung

Christine Ottner/ Alexander Preisinger (Universität Wien): Zwischen Tradition und Innovation: Herausforderungen und Möglichkeiten nach dem neuen HAK-Lehrplan

Andrea Brait (Universität Innsbruck) / Sabine Mader (BG-BRG Tulln ) / Cornelia Sommer-Hubatschke (BG-BRG Stockerau): Vom Lehrplanentwurf zum neuen Schulbuch – Herausforderungen hinsichtlich der Umsetzung komplexer fachdidaktischer Ansprüche für Lernende der 6. Schulstufe

Irmgard Plattner/ Claudia Rauchegger (Universität Innsbruck): Impulsvortrag für die Podiumsdiskussion: Die Fallhöhe – Vom Anspruch der geschichtsdidaktischen Theorie zur praktischen Umsetzung im Schulbuch

Podiumsdiskussion
Moderation: Dr. Roland Bernhard

Mag. Michael Renner (Österreichisches Bundesministerium für Bildung)
MMag. Alexander Riha (Lektor E. Dorner / Westermann Wien)
Univ. Prof. Alois Ecker (Geschichtsdidaktiker an der Universität Wien)
Dr. Elfriede Windischbauer (Schulbuchautorin)
Mag. Wolfgang Buchberger (Schulbuchgutachterkommission)

Anmerkungen:
[1] Vgl. Thomas Höhne, Schulbuchwissen. Umrisse einer Wissens- und Medientheorie des Schulbuches (Frankfurter Beiträge zur Erziehungswissenschaft, Bd. 2), Frankfurt 2003.
[2] Siehe auch Christoph Kühberger / Philipp Mittnik (Hrsg.), Empirische Geschichtsschulbuchforschung in Österreich, Innsbruck u.a. 2015.
[3] Jörn Rüsen, Historische Vernunft. Grundzüge einer Historik I: Die Grundlagen der Geschichtswissenschaft, Göttingen 1983, S. 24ff.
[4] Vgl. u.a. Susanne Popp, Europaweit gemeinsame Bilder? Anmerkungen zu europaweiten Präferenzen im Bildinventar aktueller Schulbücher, in: Europa in historisch-didaktischen Perspektiven, hrsg. v. Bernd Schönemann u. Hartmut Voit, Idstein 2007, S. 210-234.
[5] Weitere Informationen auf <http://www.phsalzburg.at/index.php?id=1048>.
[6] Download unter http://www.kreisky.org/pdfs/geschichte-verraeumen.pdf (02.12.2016).
[7] Eine ausführlichere Version der Podiumsdiskussion findet sich auf der Homepage der Gesellschaft für Geschichtsdidaktik Österreich http://www.geschichtsdidaktik.at (02.12.2016).

Zitation
Tagungsbericht: Historisch denken lernen mit Schulbüchern, 23.09.2016 – 24.09.2016 Salzburg, in: H-Soz-Kult, 08.12.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6868>.
Redaktion
Veröffentlicht am
08.12.2016
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