Friedländer Gespräche IV: Fluchtpunkt Museum. Kontexte, Reflexionen, Seitenblicke

Ort
Friedland
Veranstalter
Museum Friedland
Datum
19.09.2016 - 20.09.2016
Von
Bastian Guong, Institut für Materielle Kultur, Universität Oldenburg

Ein halbes Jahr nachdem am 18. März 2016 in dem durch ein Grenzdurchgangslager geprägten Ort Friedland ein Museum eröffnet wurde, fanden die „Friedländer Gespräche“ unter dem Titel „Fluchtpunkt Museum. Kontexte, Reflexionen, Seitenblicke“ statt. Friedland ist ein historisch bedeutsamer Ort, über den mehr als vier Millionen Menschen seit 1945 in die Bundesrepublik gekommen sind. In der Begrüßung bezeichnete JOACHIM BAUR (Friedland / Berlin) ihn als „Knotenpunkt mannigfaltiger Migrationen“.
LORRAINE BLUCHE (Berlin) stellte das Programm der Tagung vor, die sich zum einen das Ziel gesetzt hat, aktuelle Fragen des Museums und der Musealisierung zu diskutieren, und zum anderen, Friedland und das Museum in diesen Museumsdiskurs einzuordnen.
Im Auftaktvortrag stellte GOTTFRIED FLIEDL (Graz) sein „ideales Museum“ vor. Dass das Museum Friedland bereits sechs Monate nach seiner Eröffnung begonnen hat, durch die Tagung über sich selbst nachzudenken, zeuge davon, dass es sich auf einem guten Wege befinde. Denn ein nach seinen Vorstellungen ideales Museum zeichne sich als aktiver Moderator sozialer Demokratie aus, beweise die Fähigkeit zu Selbstreflexivität und Selbstkritik, sei nach innen hin transdisziplinär und nehme Verantwortung auch in der Vermittlung wahr. Er betonte dabei, dass diese Prozesse im ständigen Fluss und nicht abgeschlossen seien. In der Diskussion stellte sich die Frage, ob es sich bei diesem „idealen Museum“ um einen Ort außerhalb unserer Gesellschaft handelt. Auf Nachfrage wurde das Jüdische Museum Hohenems als ein Good Practice-Beispiel genannt, welches allerdings mit ganz anderen Problemen zu kämpfen hat. Dieser erste Vortrag kann als „Messlatte“ für alle folgenden Beiträge betrachtet werden, da durchgehend auf das hier vorgestellte Konzept Bezug genommen wurde.

Das erste Panel der Tagung beleuchtete Themenfelder, die in besonderem Maße im Fokus des Museums Friedland liegen und zugleich für den übergreifenden Diskurs von besonderer Relevanz sind. FRAUKE MIERA (Berlin) machte in ihrem Vortrag das Spannungsfeld zwischen Migration als Querschnittsthema und den betroffenen Individuen deutlich, wenn es um das Ausstellen in der Migrationsgesellschaft geht. Sie kam zu dem Ergebnis, dass es für die Mitarbeiterschaft im Museum sowohl Diversity-Trainings als auch Workshops zu Critical Whiteness geben müsse.

Von der Studie „MeLa: European Museums in an Age of Migration“[1] berichtete SUSANNAH ECKERSLEY (Newcastle upon Tyne). Die Projektergebnisse aus den Untersuchungen in den Museen bestehen aus kontroversen Themen und können als „neutral, situated, mnemonic and dialogic“ zusammengefasst werden. Als mögliches positives Beispiel für den letztgenannten Punkt führte sie das „Multaka“-Projekt in Berlin an, welches Flüchtlinge als Guides für Führungen ausbildet und einsetzt.

Ein weiterer Impuls kam von HABBO KNOCH (Köln), der sich auf die Auseinandersetzung mit Geschichte am historischen Ort konzentrierte. Am Beispiel von Gedenkstätten machte er deutlich, wie die dinglichen Beweise eine emotionale Aufladung, haptische Anschaulichkeit und performative Nähe hervorrufen können. Die Aufgabe bestehe darin, das historische Objekt zu erläutern und variable Zugänge zu ermöglichen.

PETER VAN MENSCH (Berlin) kontextualisierte in seinem Vortrag das Sammeln in Bezug auf die Musealisierung der Gegenwart. Er arbeitete die Aspekte „reflection on the present, collecting for the future, the law of the extinguishing past” heraus, um am Ende auf das „Liquid Museum“[2] hinzuweisen, welches viele Bezugspunkte zum „idealen Museum” aufweise.

In der Diskussion wurde nochmals betont, Migration nicht ausschließlich als Sonderthema mit dem Blick auf das „Andere“ und das „Besondere“ in Wechselausstellungen zu behandeln, sondern vielmehr als Querschnittsthema von Ausstellungen zu etablieren. Zudem wurde angemerkt, dass es „die“ Migration als solche nicht gebe; sie sollte immer individuell betrachtet werden. Letztlich wurde festgestellt, dass es sich bei den im Panel vorgestellten Impulsen um Aushandlungsfelder handelt, deren Fragen auf keine eindeutigen Antworten treffen können.

Ausgangspunkt des zweiten Panels war etwas Ungewöhnliches und kann deshalb als zentrales Element der Tagung erachtet werden: Das Museum hat systematisch Kritik in Auftrag gegeben. Auf dieser Basis beschäftigten sich zwei Vorträge mit der Dauerausstellung des Museums Friedland und zwei anschließende Vorträge mit der Situierung des Hauses auf dem Gelände des heute noch in Betrieb befindlichen Grenzdurchgangslagers Friedland.

ROSWITHA MUTTENTHALER (Wien) analysierte in ihrem Vortrag die Dauerausstellung mit denen von ihr (mit)entwickelten Methoden der Museums- und Ausstellungsanalyse.[3] Mit dem Ziel, die Diskussion über die Ausstellung eröffnen zu können, untersuchte sie auf der Mikroebene der Displays das, was zu sehen gegeben wird. An ausgewählten Beispielen eröffnet sie neue Perspektiven und weitere Potenziale der Ausstellung.

KIEN NGHI HA (Bremen) hingegen arbeitete aus den Inhalten der Ausstellung Themenbereiche heraus. Aus postkolonialer Perspektive stellte er die These auf, dass die Ausstellung, insgesamt betrachtet, eine auffällig dominante Blickachse aufweise, die stärker „deutsche“ Themen in den Fokus nimmt. Er plädiert abschließend für eine interkulturelle Öffnung, bei der auch Betroffene Zugang zu den Strukturen erhalten.

In der Diskussion wurden diese Perspektiven im Hinblick auf die Bedeutung für die museale Arbeit betrachtet. Vor dem Hintergrund, dass im Museum Friedland eine Fokussierung auf Themen der deutschen Migrationsgeschichte im Zusammenhang mit dem Grenzdurchgangslager stattfindet, stellt sich im Kontext einer Migrationsgesellschaft die Frage, ob die quantitative Realität der Migration sich automatisch in der Ausstellung widerspiegeln muss. Es wurde hervorgehoben, dass variable Zugänge zur Ausstellung ermöglicht werden müssen und gegenwärtige Perspektiven auf Migration als Querschnittsthema zu integrieren sind. Abschließend herrschte Konsens darüber, dass es sich vielmehr um eine Zugangsfrage handelt, denn die Aufgabe besteht darin, für das historische Bewusstsein von Migration zu sensibilisieren.

BIRGA MEYER (Friedland) berichtete von der Konzeption und den Erfahrungen der Durchführung von Führungen über das Gelände des Grenzdurchganglagers. Ziel ist es, bei jeder Führung unterschiedliche Perspektiven zu vermitteln und dabei dezidiert Sprecher/innenpositionen und Blickregime offenzulegen. In der Praxis zeigt sich, dass dieser ambitionierte Ansatz vor zahlreiche Herausforderungen gestellt ist und kontinuierlicher Evaluation und Anpassung bedarf. SAMAH AL JUNDI-PFAFF (Friedland) entwickelte Angebote des Museums Friedland für Bewohner/innen des Grenzdurchgangslagers. Ihre Rolle darin sieht sie als Brückenbauerin („bridge the gap“) zwischen dem Museum und den Menschen, indem sie niedrigschwellige Zugänge ermöglicht und Flüchtlinge als Individuen anspricht. Die positiven Rückmeldungen versteht sie als Startpunkt, um mit Erfolg weiterführend zu arbeiten.

Von den Erfahrungen mit Führungen über das Grenzdurchgangslager Friedland berichtete SABINE HESS (Göttingen), die diese mit einer Studierendengruppe begleitet hat. Sie hat herausgearbeitet, dass die Flüchtlingssubjektivität stärker ins Zentrum gerückt werden müsse, denn die Musealisierungsverantwortung schließe das Beziehen von Positionen mit ein.

In der Diskussion wurde die Bedeutung der Vermittlungsarbeit besonders betont. Es geht zum einen darum, die Guides so auszubilden, dass sie sich ihrer Verantwortung auch bewusst sind. Das Training und die Vorbereitung liegen hierbei beim Museum und es erweist sich als zentral, dass entsprechende Strategien bereits frühzeitig in die Planung und Konzeption von Museen und Ausstellungen integriert werden.

Panel drei konzentrierte sich anhand von vier Praxisbeispielen auf partizipative Ansätze von Museen in der Arbeit mit Geflüchteten. Von der Wandlung des Notaufnahmelagers Marienfelde seit Entstehung berichtete BETTINA EFFNER (Berlin). Für die Einrichtung der Institution als Erinnerungsstätte wurde im Jahre 1993 ein Verein gegründet, der im Jahre 2005 die erste Dauerausstellung zur eigenen Geschichte eröffnete. Führungen wurden auf dem Gelände nicht angeboten, jedoch aber zunehmend interaktive Programme mit den dort lebenden Flüchtlingen und Asylbewerber/innen, die auch in Sonderausstellungen thematisiert werden.

Die Frage nach „Migrationsmuseum“ oder „Migration im Museum“ beantworten ANGELA JANELLI und AIKATERINI DORI (beide Frankfurt) am Beispiel des Historischen Museums Frankfurt. Denn dieses stellt Migration als Normalfall, und zwar im Kontext der Stadt, aus. Die eigentlich als Sonderausstellung gedachte Arbeit „Die Bibliothek der Alten“ der Künstlerin Sigrid Sigurdsson wird dort verwendet, um auch aktuelle Themen von Flucht, Vertreibung und Migration als Querschnittsthema aufzuarbeiten. Es handelt sich dabei um ein generationenübergreifendes Erinnerungsprojekt in Form eines offenen Archivs, in dem zwischen den Jahren 2000 und 2105 verschiedene Lebenserinnerungen, Rückblicke und Betrachtungen von 200 Teilnehmenden gesammelt werden.

In der anschließenden Diskussion wurde die Frage eröffnet, ob sich an den beiden Beispielen das Museum als Ort des Dialogs im Sinne einer „echten“ Teilhabe gezeigt hat. Es wurde darauf hingewiesen, dass die Schaffung von Augenhöhe sich als schwierig erweist. In diesem Zusammenhang wurde die Chance des Museums als „contact zone“ hervorgehoben. Allerdings wurden die zu stark harmonisierende Darstellungsweise der Prozesse und das Fehlen des Umgangs mit Kontroversen kritisiert. Letztendlich bleibe das Ziel, den migrantischen Erinnerungskulturen zu ihrem Recht zu verschaffen, sich in Museen und Ausstellungen einzuschreiben.

Von den Erfahrungen mit dem Einsatz syrischer Guides im Deutschen Historischen Museum berichtete BRIGITTE VOGEL-JANOTTA (Berlin). Das noch laufende, aber bereits mit Preisen ausgezeichnete Multaka-Projekt hatte die ursprüngliche Idee, Flüchtlinge als Guides für die Ausstellungen in drei Berliner Museen auszubilden. In der Vorstellung wurden nicht nur die aufschlussreichen Akzentsetzungen und Blickweisen der Guides durch die Führungen deutlich, sondern auch, dass es sich bei den Guides im Deutschen Historischen Museum nicht um Flüchtlinge handelte, sondern vielmehr um Personen, die teilweise schon seit mehreren Jahren in Europa leben und dort sozialisiert sind. In der Zukunft sind weiterführende Projekte geplant.

Die Wanderausstellung „We Will Rise!“ ging von Geflüchteten selbst aus. ADAM BAHAR (Berlin) berichtete von der Entstehung, bei der es sich um eine Reaktion gegen die Darstellung in der Opferrolle, die fehlenden Möglichkeiten zur Verbesserung der eigenen Situation und die mangelnden Kanäle zur Äußerung der politischen Ziele handelt. Dieses Projekt zeigt zum einen die Anfänge des politischen Aktivismus Geflüchteter in Deutschland, bestehend aus dem Fußmarsch von Würzburg nach Berlin, über die Proteste auf dem Berliner Oranienplatz bis hin zur Gegenwart, zum anderen handelt es sich um ein Archiv, welches weiterhin Dokumente zu diesem Thema sammeln wird.

Bezugnehmend auf den Entstehungskontext von „We Will Rise!“ wurde in der Diskussion ergänzt, dass Flüchtlinge historische Daten und Fakten der Aufnahmegesellschaft lernen müssen, sie allerdings keine Plattform haben, um sich mit ihrer eigenen (Migrations-)Geschichte auseinanderzusetzen. Des Weiteren fand ein kritischer Austausch über die Rolle von Wissenschaftler/innen in der Verhandlung dieser Themen statt, von denen eine aktivere Beteiligung und stärkere Positionierung eingefordert wurde.

Der abschließende Beitrag von NATALIE BAYER (München) war als Kommentar zur Gleichheit und Beteiligung im Museum gedacht. Sie stellte zum einen fest, dass die aktuelle Migrationsdebatte sich damit auseinandersetze, wer überhaupt in Deutschland willkommen sei. Zum anderen sei „Migration“ erst durch den nationalen Integrationsplan im Jahre 2007 salonfähig geworden. In der Museumspraxis zeige sich, dass das Partizipationsparadigma nicht unmittelbar zur Demokratisierung führt. Ihrer Meinung nach müsse eine dauerhafte Institutionalisierung des Themas erfolgen. Ein „ideales“ Museum könnte aus einer dehnbaren Museumspraxis, Museen der Kollaborationen und einem dezentralisierten Wissensverständnis bestehen.

In der Abschlussdiskussion wurde nach den notwendigen Strukturen für die Teilhabe auf gleicher Ebene und die Partizipation gefragt. Zum einen sei dies durch die Umstrukturierung der Organisation, zum anderen durch die Änderung der monopositionellen Entstehung von Ausstellungen möglich. In Bezug auf die Grenzen von Partizipation wurde als zentral erachtet, sich zunächst die Frage zu stellen, unter welchen Bedingungen diese zielführend sein kann, bevor das Konzept und die Idee erarbeitet werden. Hierbei gehe es nicht um eine Kritik an Partizipation, sondern darum, dass sie meistens nicht weit genug gehe. Resultierende Konflikte entstünden nicht unbedingt aus dem Museum heraus, sondern eher aus der gesellschaftspolitischen Wirklichkeit. Abschließend wurde eingebracht, dass die Beteiligten im Museum sich als „Halbqualifizierte“ betrachten sollten und diese Einstellung in die Alltagspraxis einbringen müssten. In diesem Zusammenhang wurde die Frage aufgeworfen, ob die Ausbildung für Museums- und Ausstellungspraktiker/innen verbessert werden müsse.

Konferenzübersicht:

Joachim Baur / Lorraine Bluche (Museum Friedland): Begrüßung und Einführung

Auftaktvortrag:
Gottfried Flied (Museologe, Graz): Mein ideales Museum

Panel 1: Kontexte – vier Impulse

Frauke Miera (Miera / Bluche, Berlin): Museum und Migration I: Ausstellen in der Migrationsgesellschaft

Susanne Eckersley (Newcastle University, UK): Museum und Migration II: 'Zufluchtsort' Museum? Repräsentationen von Flucht und Vertreibung in der deutschen Museumslandschaft

Habbo Knoch (Universität zu Köln): Spuren (nicht nur) spüren. Geschichte am historischen Ort

Peter van Mensch (Museologe, Berlin): Musealisierung der Gegenwart: to collect or not to collect, that is the question

Panel 2: Reflexionen – vier Perspektiven

Roswitha Muttenthaler (Technisches Museum Wien): Analyse der Dauerausstellung im Museum Friedland I

Kien Nghi Ha (Universität Bremen): Analyse der Dauerausstellung im Museum Friedland II

Birga Meyer und Samah Al Jundi (beide Museum Friedland): Erfahrungsbericht zu den Rundgängen über das Gelände

Sabine Hess (Universität Göttingen): Außenperspektive auf die Rundgänge über das Gelände

Panel 3: Seitenblicke – vier Praxisbeispiele

Bettina Effner (Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde, Berlin): Die Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde: ein historischer und aktueller Ort der Migration

Angela Jannelli und Aikaterini Dori (beide historisches museum frankfurt): „Bis jetzt waren wir irgendwie anonym...“ Die Bibliothek der Alten: ein offenes Archiv als Andockstation

Brigitte Vogel-Janotta (Deutsches Historisches Museum, Berlin): Multaka: Treffpunkt Museum. Transkulturelle Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit syrischen Guides

Adam Bahar (Archiv und Ausstellung „We Will Rise“, Berlin): The resistance culture in refugees' protest

Abschlussvortrag:
Natalie Bayer (Münchner Stadtmuseum): Gleichheit und Beteiligung im Museum!?

Anmerkungen:
[1] The MeLa Project, MeLa – European Museums in an Age of Migrations: http://www.mela-project.polimi.it (22.12.2016).
[2] Fiona Cameron, The Liquid Museum: New Institutional Ontologies for a Complex, Uncertain World, in: Andrea Witcomb / Kylie Message (eds.), Museum Theory, United Kingdom 2015, pp. 345–361.
[3] Vgl. hierzu: Roswitha Muttenthaler / Regina Wonisch, Gesten des Zeigens. Zur Repräsentation von Gender und Race in Ausstellungen, Bielefeld 2007.

Zitation
Tagungsbericht: Friedländer Gespräche IV: Fluchtpunkt Museum. Kontexte, Reflexionen, Seitenblicke, 19.09.2016 – 20.09.2016 Friedland, in: H-Soz-Kult, 22.12.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6914>.