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Warum Friedenschließen so schwer ist. Der Westfälische Friedenskongress in interdisziplinärer Perspektive

Ort
Bonn
Veranstalter
Dorothée Goetze, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn; Lena Oetzel, Paris-Lodron-Universität Salzburg; Zentrum für Historische Friedensforschung, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn; Landschaftsverband Rheinland
Datum
31.08.2017 - 01.09.2017
Von
Markus Laufs / Marcel Mallon, Institut für Geschichtswissenschaft, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Spätestens seit der Eröffnungsrede des damaligen Bundesaußenministers Frank-Walter Steinmeier auf dem 51. Deutschen Historikertag 2016 gewinnen die frühneuzeitliche Friedensforschung und insbesondere die Erschließung des Westfälische Friedenskongresses an öffentlicher Aufmerksamkeit. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, ob seine detaillierte Erforschung das Rüstzeug zur Lösung aktueller Konflikte liefern kann. Diesem ersten multilateralen Friedenskongress von europäischer Dimension widmete sich die Tagung „Warum Friedenschließen so schwer ist: Der Westfälische Friedenskongress in interdisziplinärer Perspektive“ an der Universität Bonn vom 31. August bis zum 1. September 2017. Ausrichter waren der Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit und Rheinische Landesgeschichte der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn in Kooperation mit dem Bonner Zentrum für Historische Friedensforschung, dem Fachbereich Geschichte der Paris-Lodron-Universität Salzburg und dem Landschaftsverband Rheinland. Den Organisatorinnen DOROTHÉE GOETZE (Bonn) und LENA OETZEL (Bonn/Salzburg) ging es um eine Standortbestimmung der Forschung zum Westfälischen Friedenskongress sowie um die Untersuchung der sozialen und kulturellen Rahmenbedingungen des Friedenschließens, womit sie die aktuellen Debatten aufgriffen und zu bündeln versuchten.

Nach der Eröffnung durch die Veranstalterinnen sowie den Grußworten des Rektors der Universität Bonn, MICHAEL HOCH, des geschäftsführenden Direktors des Bonner Instituts für Geschichtswissenschaft, PETER GEISS, des Leiters des Zentrums für Historische Friedensforschung, MICHAEL ROHRSCHNEIDER (Bonn), und von HELMUT RÖNZ (Köln), Wissenschaftlicher Referent des Landschaftsverbandes Rheinland, präsentierte die erste Sektion vier verschiedene Narrative des Westfälischen Friedens. Durch die Betrachtung verschiedener nationaler Perspektiven gelang eine Dekonstruktion der traditionell national begrenzten Sicht auf die Ereignisse des Jahres 1648. MARTIN HÅRDSTEDT (Umeå) zeigte, dass bei Begründungen schwedischer Expansionskriege kaum auf den Westfälischen Frieden Bezug genommen wurde. Erst nach dem verlustreichen Großen Nordischen Krieg (1700–1721) habe man zur Kriegslegitimation die 1648 skizzierte Rolle Schwedens als Garant der Friedensordnung betont. Mit Blick auf die historiographische Entwicklung in Schweden verdeutlichte Hårdstedt die Zäsur der 1990er-Jahre. Seitdem blicke man auf die Zeit nach 1648 nicht mehr als Epoche eines neu entstandenen Staatensystems mit einer schwedischen Großmacht, da dieser Frieden zwischen Souveränen keinen Kontinuitätsbruch hervorgebracht habe.

ALISTAIR MALCOLM (Limerick) wies hingegen darauf hin, dass Rolle und Politik des Katholischen Königs und seines Consejo de Estado im Rahmen des Westfälischen Friedens bislang nur wenig von der Geschichtsforschung beachtet worden sind. Dies ändere sich erst in den letzten zwei Jahrzehnten. Malcolm arbeitete die große Skepsis der spanischen Regierung gegenüber großen multilateralen Kongressen und ihre Präferenz von Hintergrundgesprächen, wie bei der späteren Aushandlung des Pyrenäenfriedens (1659) zu sehen, heraus.

Anhand der Resolutionen der Staaten von Holland von 1648 bis 1651 verdeutlichte IRENA KOZMANOVÁ (Potsdam) die Reputation Hollands als federführende Macht bei dem Friedensschluss mit Spanien sowie den daran nachvollziehbaren Lernprozess der Provinzregierung. Aufgrund wirtschaftlicher und religiöser Aspekte habe man nicht in allen Provinzen den Frieden von Münster begrüßt. Holland habe sich gegen starke Vorwürfe innenpolitisch unrechtmäßigen Verhaltens, der Korruption und des zu milden Vorgehens gegen Katholiken erwehren müssen. Zugunsten der inneren politischen Einigkeit ließ sich Holland deswegen auf eine antispanische Interpretation des Friedens ein, resümierte Kozmanová.

Während die drei vorangehenden Vorträge die politische Erinnerungskultur in den Mittelpunkt stellten, beschäftigte sich CLAIRE GANTET (Fribourg) mit dem Blick der französischen Historiographie nach 1945 auf den Westfälischen Frieden. Von einem Wiederaufleben der Militär- und Diplomatiegeschichte im Zuge des cultural turn habe der Westfälische Frieden in den 1970er-Jahren zunächst nicht profitieren können. Da er vielfach als Friede des Alten Reichs wahrgenommen worden sei, existiere über ihn eine entsprechende französische Meistererzählung allenfalls in der Politologie als Grundakte eines Systems souveräner Territorien. Seit den 1990er-Jahren rücke 1648 vor allem wegen seiner europäischen Dimension allmählich in den Fokus.

BENJAMIN DE CARVALHO (Oslo) enttarnte in seinem Kommentar aus international-politikwissenschaftlicher Perspektive das sogenannte Westphalian System als Meistererzählung. Elemente einer angeblich neu geschaffenen europäischen Ordnung souveräner Staaten seien vor und nach den Friedensschlüssen weiterhin unvollständig und unscharf geblieben. Zudem habe der Kongress nur ein Modell des Friedensschließens von mehreren geschaffen.

Die Vorträge der Nachwuchssektion präsentierten innovative kulturhistorische Forschungsperspektiven aus Qualifikationsarbeiten auf den Dreißigjährigen Krieg und den Westfälischen Frieden. JONAS BECHTOLD (Bonn) untersuchte an Zeitungsberichten und diplomatiegeschichtlichen Quellen den Zusammenhang zwischen Kongresspolitik und Berichterstattung in Münster und Osnabrück. Die Verhandlungen hätten Zeitungsberichte zum Beispiel durch frühzeitige Publikationen von Verhandlungsakten beeinflusst.

MARCEL MALLON (Bonn) thematisierte Kunstraub im Dreißigjährigen Krieg, worunter er Aneignung und Transfer von Gemälden, Bibliotheken und Archiven verstand. Dabei führte er vor, dass ein solcher Vorgang durchaus juristisch legitimiert und sehr gut organisiert sein konnte.

Mit der Überwindung von formellen Verhandlungsproblemen durch informelle Mittel beschäftigte sich ALEXANDER SCHOENEN (Bonn). Informalität definierte er als jede Art von Kommunikation und Symbolik, die formelle Strukturen umgeht. Informelle Akte zur Lösung von Streitigkeiten konnte Schoenen am Einzug des kurkölnischen Gesandten Franz Wilhelm von Wartenberg in Münster nachweisen. Aufgrund der fließenden Grenzen sei es aber nicht immer möglich, zwischen formellen und informellen Interaktionen zu unterscheiden.

Im Kommentar betonte RALF-PETER FUCHS (Duisburg-Essen) Elemente von Kommunikation sowie die Existenz performativer Akte als allen drei Vorträgen zugrundeliegende Gemeinsamkeiten. Fürsten und ihre Gesandten hätten sich inszenieren, ihre Handlungen vor einer frühneuzeitlichen Öffentlichkeit legitimieren müssen.

In der dritten Sektion standen die Quellen als Grundlage der Bewertungshorizonte im Mittelpunkt. Der erste Vortrag beleuchtete die Acta Pacis Westphalicae (APW) in germanistisch-linguistischer Perspektive und betonte ihren Wert für dieses Forschungsfeld trotz ihres Charakters als historisch-kritische Edition. Laut SANDRA MÜLLER (Bonn) ist der Westfälische Friedenskongress für die Germanistik besonders interessant, da hier unterschiedliche Textsorten verschiedener Schreiber in einem europäischen Umfeld entstanden.

ARNO STROHMEYER (Salzburg) ging in seinem Vortrag auf die Materialität diplomatischer Korrespondenzen ein. Sie seien in erster Linie Briefe, deren Struktur auf der ars dictandi beruhe. Obwohl sich die klassische Diplomatiegeschichte auf solche Korrespondenzen stütze, gebe es von Seiten der Historiker nur wenige weiterführende Überlegungen zu frühneuzeitlichen Briefen, an denen die Geschichtsforschung erst in den letzten Jahren ein größeres Interesse entwickle. Wünschenswert sei es daher, ein Instrumentarium zur Analyse von Briefen zu definieren.

Mit einer weniger traditionellen Quellengattung beschäftigte sich ELISABETH NATOUR (Heidelberg). Die Wirkung der Musik sei flüchtig, sie werde subjektiv wahrgenommen und eine Aufführung sei nicht rekonstruierbar. Auch in den Quellen würden Musik und ihre Aufführung nur selten eine Rolle spielen. Für die Zeitgenossen sei Musik aber sehr wichtig gewesen. Mit ihr hätten Aussagen transportiert und unmittelbar in die Politik eingebunden werden können. Natour resümierte, dass Musik Teil der politischen Kommunikation war, deren Einsatz nicht zufällig erfolgte.

TOBIAS TENHAEF (Bonn) berichtete über die Digitalisierung der APW. Vorgabe der Überführung von der gedruckten in die digitale Fassung (APWdigital) sei es gewesen, Informationsverlust zu vermeiden. So kam es vielmehr zu erläuternden und informierenden Zusatzangeboten, wie etwa Biogrammen sowie der Volltextsuche.

THOMAS JUST (Wien) hob in seinem Kommentar den hohen Wert, den sowohl die APW als auch deren digitale Fassung für die Forschung besäßen, hervor. In Zukunft werde die Anzahl digitaler Angebote wachsen. Dies sollten die Archive als Chance wahrnehmen, besser auf ihre Nutzer einzugehen, mehr Serviceleistungen anzubieten und einen breiteren Zugang zu ermöglichen.

Die vierte Sektion beleuchtete das diskursive und normative Umfeld der Verhandlungen in Münster und Osnabrück sowohl im Kontext des diplomatischen Alltags als auch hinsichtlich abstrakter Wertbegriffe. So referierte VOLKER ARNKE (Osnabrück) über die Friedensvorstellungen der Zeitgenossen. Das Kriegsrecht (ius bellum) habe eine wesentlich größere Rolle für die Reichspublizistik und die Forschung gespielt, da der Krieg Regeln brauche, der Frieden jedoch nicht. Falls es zu einer Beschäftigung mit Frieden kam, so Arnke, definierte er sich aus christlicher Tradition. Frieden an sich sei zunächst frei von Inhalt gewesen und habe erst der weiteren Definition bedurft.

Krankheitsdiskurse standen im Vortrag von LENA OETZEL (Bonn/Salzburg) im Vordergrund. Krankheit sei im Spannungsfeld zwischen Subjektivität und öffentlicher Wahrnehmung verlaufen. Obwohl fast alle Gesandte über Gebrechen klagten, ließe sich kaum feststellen, wie stark dies die Verhandlungen erschwerte und verzögerte. In der Berichterstattung konnten sie aber, Oetzel zufolge, zur Handlungslegitimation und Selbstdarstellung genutzt werden.

In ihrem Vortrag über Korruption auf dem Westfälischen Friedenskongress beschäftigte sich DOROTHÉE GOETZE (Bonn) mit der Frage, wann ein Geschenk als Korruption galt. Für die Zeit des Kongresses habe es noch keinen eindeutig definierten Korruptionsbegriff gegeben. Verehrungen seien fester Bestandteil des Zeremoniells und der Diplomatie gewesen. „Gute“ Geschenke hätten sich dadurch ausgezeichnet, dass sie öffentlich überreicht wurden und an einen bestimmten Anlass gebunden waren. „Böse“ Geschenke seien dagegen mit einer konkreten, erwünschten Handlung verknüpft gewesen. Ob es sich um Geschenke oder Korruption handelte, habe im Bewertungshorizont des Betrachters gelegen.

HILLARD VON THIESSEN (Rostock) wies in seinem Kommentar auf die Schwierigkeit hin, dass während eines Friedensprozesses kriegstreibende Normen und Werte fortgalten. Der Wert des Friedens sei dabei sehr hoch eingeschätzt worden, die Friedfertigkeit hingegen nicht. Aufgrund einer mangelnden Fixierung von Normen seien öffentliche und private Funktionen der Gesandten noch nicht getrennt worden. Diese Rollenvielfalt erschwere die Zuschreibung der Korruption aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive.

Mit den variantenreichen Praktiken frühneuzeitlicher Diplomatie beschäftigte sich die fünfte Sektion. Anhand eines Spionagefalls im Kurfürstentum Mainz im Jahre 1646 stellte MAREN WALTER (Bonn) die Spionageabwehr der Kaiserlichen dar. Nach der Festnahme zweier französischer Spione wurden durch Verhöre fast 40 Personen als vermeintliche Kontaktmänner identifiziert. Die Kaiserlichen hätten keinerlei Konsequenzen aus ihren Erkenntnissen gezogen, weitere Schritte zu einer besseren Spionageabwehr unterblieben. Solang der Nutzen der Beschuldigten den Schaden überwog, habe man offenbar keine Notwendigkeit gesehen einzuschreiten.

Die Theater- und Festkultur war nicht nur in Münster und Osnabrück, sondern auch später auf dem Nürnberger Exekutionstag 1649/50 stark ausgeprägt, wie CLEMENS PECK (Salzburg) feststellte. Für Nürnberg hob Peck vor allem das schwedische Friedensmahl im September 1649 hervor. Die Feierlichkeit sei sehr aufwändig gestaltet worden, mit Feuerwerk und eigens dafür errichteten Gebäuden. Peck zufolge nahmen Gesandte nicht nur als Publikum an den Aufführungen teil, sondern sie konnten sich durch ihre aktive Mitwirkung auch selbst effektiv ins Zentrum und in Szene setzen.

MAGNUS U. FERBER (Frankfurt am Main) verdeutlichte, dass durch das lange Zusammenleben der Gesandten auf dem Kongress eine gemeinsame Lebenswelt entstand. Durch einen ähnlichen Bildungshintergrund und persönliche Beziehungen seien informelle, vertrauliche Gesprächskanäle und daraus folgend eine überparteiliche Gemeinschaft der Gesandten entstanden, die Verhandlungen beschleunigt und friedensstiftend agiert habe, denn anders als ihre Heimathöfe hätten die direkten Verhandlungserfahrungen die Gesandten zu Zugeständnissen bewegt.

Mit einer besonderen Form der Intervention beschäftigte sich MARIA-ELISABETH BRUNERT (Bonn). Gesandte hätten sich an Diplomatengattinnen gewandt, damit diese sich bei ihren Männern für das jeweilige Anliegen einsetzten. Zuerst seien Erkundigungen eingeholt worden, ob eine Vorsprache bei der Akteurin lohnend sei. Während der Audienz versuchten die Diplomaten häufig, so Brunert, Emotionen bei den Gattinnen zu evozieren und stellten einen Lohn, materiell oder immateriell, in Aussicht.

In ihrem Kommentar hielt DAGMAR FREIST (Oldenburg) fest, dass verschiedene Ansätze der Praxistheorie mit „Familienähnlichkeiten“[1] existieren. Solche Ansätze würden sich besonders gut für Kongressgeschichte eignen, wie bei den vorherigen Vorträgen zu sehen gewesen sei. Angesichts der Herausforderung einer überschaubaren Quellenüberlieferung dürften aber autonome Handlungen nicht mit sozialen Praktiken verwechselt werden.

Die sechste Sektion widmete sich der Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse an eine breite Öffentlichkeit. Im Vordergrund aller drei Vorträge standen dabei auch Probleme der begrenzten finanziellen Mittel. NILS JÖRN (Wismar) skizzierte das erfolgreiche öffentliche und wirtschaftliche Wiederaufleben des Wismarer Stadtarchivs mithilfe der Gründung eines Archivvereins. Durch publikumswirksame Projekte konnten schrittweise finanzielle Möglichkeiten aufgebessert sowie neue Interessenten gewonnen werden. Neben solchen positiven Entwicklungen wies Jörn auch auf Gefahren hin: Die eigentlichen Aufgaben von Archiven dürften nicht auf den Verein übertragen werden und ihn überfordern.

Die Frage nach der angemessenen Darstellung von Frieden, Krieg und Gewalt in Museen diskutierte JOACHIM KRÜGER (Greifswald). Dabei zeichne sich das Museum als relevantes Instrument zur Geschichtsvermittlung aus. Bei der Dokumentation von Krieg sei es seine Aufgabe, zur Versöhnung und zum Frieden zu erziehen. Dabei müsse man häufig zwischen der Vermeidung allzu gewaltfokussierter Darstellungen und der nüchternen Informationspflicht des Museums abwägen. Ebenso müsse gerade das Ausstellen menschlicher Überreste ethisch auf seine Zweckmäßigkeit geprüft werden.

MICHAEL WILCKE (Bramsche) beschrieb die Gratwanderung zwischen historisch getreuer Darstellung und dem Einspielen der eigenen Phantasie bei dem Verfassen eines Historischen Romans. Diesen sah Wilcke als ein legitimes und wirksames Mittel an, das Interesse der breiten Öffentlichkeit für fundierte Geschichtsergebnisse zu gewinnen.

In seinem Kommentar zeigte CHRISTOPH KAMPMANN (Marburg), wie nahe Herausforderungen und Chancen der historischen Wissensvermittlung für Historiker/innen beieinanderliegen. So befreie der Mangel an Identifikationsfiguren auf dem Kongress in Westfalen von einer potentiellen Meistererzählung, die mit bestimmten Individuen zusammenhänge. Expert/innen stießen im Falle des Westfälischen Friedens nicht auf in der Öffentlichkeit bestehende, vorgeprägte Meinungen und Erwartungshaltungen. Es sei deswegen aber auch schwieriger, diesen Friedensprozess anschaulich zu vermitteln. Den Nutzen der öffentlichen Vermittlung geschichtswissenschaftlicher Ergebnisse sah Kampmann sowohl in der notwendigen Akquise von Fördermitteln als auch in der Schulung der Wissenschaftler/innen, komplexe Sachverhalte kurz und prägnant wiederzugeben. Durch die Entschlüsselung von Friedensthematiken könne zudem in der aktuellen Öffentlichkeit für Frieden und Friedensbemühungen geworben werden.

Die bereits in der Einleitung skizzierte Debatte aufgreifend diskutierten MICHAEL KAISER (Köln), CHRISTOPH KAMPMANN (Marburg), PATRICK MILTON (Berlin) und MICHAEL ROHRSCHNEIDER (Bonn) unter der Moderation von ANUSCHKA TISCHER (Würzburg), ob sich aus vergangenen Friedensprozessen für aktuelle Konflikte lernen lässt. In einem regen und konstruktiven Gespräch wurde deutlich, dass der Westfälische Frieden dann als Lernelement für Konfliktlösungen der heutigen Zeit dienen kann, wenn strukturelle Friedensprozesse des 17. Jahrhunderts als Inspirationsbasis herangezogen werden. Die Verträge selbst mit ihren Bestimmungen als Blaupause zu nutzen, sei dagegen nicht förderlich. Die Historische Friedensforschung müsse Wege und Instrumente der Konfliktlösung im Detail erfassen sowie Mythen, etwa zum Frieden von 1648, dekonstruieren.

Die vielen unterschiedlichen und innovativen Ansätze und Analysen zum Westfälischen Friedenskongress zeigten, dass die Beschäftigung mit dem Kongress für die Forschung noch immer lohnenswert ist. Dies belegen die fundierten Vorträge und Kommentare sowie die anschließenden regen Diskussionen. Gerade die interdisziplinären Zugänge versprechen, interessante Erkenntnisse zu Tage zu fördern. Hieraus ergeben sich neue Perspektiven, die die Aktualität des Themas aufzeigen. Anhand des Westfälischen Friedenskongresses konnte gezeigt werden, dass es sich bei Friedensstiftung um einen Prozess aus vielen parallel und gegenläufig, distanziert und miteinander verwobenen Strukturen handelte. Ihre wissenschaftlich fundierte und detaillierte Erfassung kann durchaus zur Sensibilisierung bei Strukturen aktueller Konflikte und Friedensprozesse beitragen.

Konferenzübersicht:

Eröffnung
Dorothée Goetze (Bonn)
Lena Oetzel (Bonn/ Salzburg)

Grußworte
Michael Hoch (Bonn)
Peter Geiss (Bonn)
Michael Rohrschneider (Bonn)
Helmut Rönz (Köln)

Sektion 1: Meistererzählung(en) vom Frieden in interdisziplinärer Perspektive
Moderation: Marie-Thérèse Mourey (Paris)

Martin Hårdstedt (Umeå): The Westphalian Peace Congress: Context and Consequences from a Swedish Perspective
Alistair Malcolm (Limerick): Spanish views on the Westphalia process: Congress Diplomacy as Eternalisation of War
Irena Kozmanová (Potsdam): Der Friede als Tabuthema? „Die gegenwärtige Konstitution von Zeit und Sachen“ und das Reputationsproblem der Provinz Holland
Claire Gantet (Fribourg): Der ambivalente Friede: Der Westfälische Friedenskongress in der französischen Historiographie

Kommentar: Benjamin de Carvalho (Oslo)

Sektion 2: Multiple Zugänge: Der Westfälische Friedenskongress (Nachwuchssektion)
Moderation und Kommentar: Ralf-Peter Fuchs (Duisburg-Essen)

Jonas Bechtold (Bonn): „In denen öffentlichen gazetten und postzeittungen daß werck underbawet“: Der Zusammenhang von Kongresspolitik und Zeitungsberichten beim Westfälischen Friedenskongress
Marcel Mallon (Bonn): Kunstraub im Dreißigjährigen Krieg
Alexander Schoenen (Bonn): Die kurkölnische Gesandtschaft auf dem Westfälischen Friedenskongress im Spannungsfeld von Formalität und Informalität

Sektion 3: Bonner Forschungstradition: Die Grundlage der Bewertungshorizonte – (Un)gelesene Quellen zum Westfälischen Friedenskongress
Moderation: Guido Braun (Bonn/Marburg)

Sandra Müller (Bonn): Die Bonner APW-Editionen in germanistisch-linguistischer Perspektive. Chancen und Grenzen für die Forschung
Arno Strohmeyer (Salzburg): Zwischen Quellenkritik und Medientheorie – zur Analyse diplomatischer Korrespondenzen
Elisabeth Natour (Heidelberg): Erklungen – Verklungen? Musikalische Quellen zwischen Performanz und Materialität
Tobias Tenhaef (Bonn): Das Schicksal von Information beim Medienwechsel: Das Beispiel APWdigital

Kommentar: Thomas Just (Wien)

Sektion 4: Die Bedeutung von Normen, Werten, Diskursen für Friedensverhandlungen
Moderation: Axel Gotthard (Erlangen-Nürnberg)

Volker Arnke (Osnabrück): Gewalt und Frieden
Lena Oetzel (Bonn/Salzburg): Das Leiden des alten T. Krankheit und Krankheitsdiskurse auf dem Westfälischen Friedenskongress
Dorothée Goetze (Bonn): „daß unß dergleichen anzenemmen unverantworttlich fallen wollte“ – Diplomatische Gratwanderung zwischen Verehrung und Korruption

Kommentar: Hillard von Thiessen (Rostock)

Sektion 5: Praktiken der Diplomatie – Praktiken der Stadt
Moderation: Siegrid Westphal (Osnabrück)

Maren Walter (Bonn): Spionageabwehr und -aufklärung im Umfeld des Westfälischen Friedenskongresses. Das Protokoll einer Spionageaffäre im Kurfürstentum Mainz 1646
Clemens Peck (Salzburg): Friedensverträge, Friedensspiele. Diplomatische Theater- und Festkultur am Nürnberger Exekutionstag 1649/50
Magnus U. Ferber (Frankfurt am Main): Die Gemeinschaft der Diplomaten in Westfalen als Friedenspartei
Maria-Elisabeth Brunert (Bonn): Intervenieren als Praktik. Zur Rolle von Diplomatengattinnen auf dem Westfälischen Friedenskongress

Kommentar: Dagmar Freist (Oldenburg)

Sektion 6: Vermittlung der Ergebnisse – Populärwissenschaftliche Zugänge als Multiplikatoren in die Öffentlichkeit
Moderation: Peter Geiss (Bonn)

Nils Jörn (Wismar): Na, wat hest all wedder mokt? Ein Archivverein als Lösung für fast alle Probleme?
Joachim Krüger (Greifswald): Mueographia oder Anleitung zum rechten Begriff und nützlicher Anlegung der Museorum oder Raritäten.Cammern – Krieg und Frieden in der Perspektive des Museums
Michael Wilcke (Bramsche): Der historische Roman – Geschichte und Geschichten für die breite Masse

Kommentar: Christoph Kampmann (Marburg)

Öffentliche Podiumsdiskussion: Friedenschließen und kein Ende? Von der Aktualität frühneuzeitlicher Friedenskongresse
Moderation: Anuschka Tischer (Würzburg)

Michael Kaiser (Köln) / Christoph Kampmann (Marburg) / Patrick Milton (Berlin) / Michael Rohrschneider (Bonn)

Anmerkung:
[1] Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, in: Ders., Werkausgabe, Bd. 1: Tractatus logico-philosophicus, Tagebücher 1914–1916, Philosophische Untersuchungen, 21. Aufl. Frankfurt am Main 2014 (1. Aufl. 1984), S. 225–618, hier S. 278, § 67.

Zitation
Tagungsbericht: Warum Friedenschließen so schwer ist. Der Westfälische Friedenskongress in interdisziplinärer Perspektive, 31.08.2017 – 01.09.2017 Bonn, in: H-Soz-Kult, 09.12.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7435>.