Provenienzforschung zu ethnologischen Sammlungen der Kolonialzeit

Ort
München
Veranstalter
Arbeitsgemeinschaft Museum der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde
Datum
07.04.2017 - 08.04.2017
Von
Regina Wonisch, Alpen-Adria-Universität Klagenfurt

Die lange vernachlässigte koloniale Vergangenheit Deutschlands wurde in den letzten Jahren nicht nur in der historischen Forschung, sondern auch in ethnologischen Museen, deren Geschichte untrennbar mit dem Kolonialismus verknüpft ist, zu einem brisanten Thema. Insbesondere an dem umstrittenen Humboldt Forum in Berlin entzündete sich eine breite öffentliche Debatte. Derzeit finden an mehreren ethnologischen Museen in Deutschland Projekte zur Provenienzforschung meist in Kooperation mit universitären Forschungseinrichtungen statt. Diese Entwicklung nahm die Arbeitsgemeinschaft Museum der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde vertreten durch Larissa Förster, Iris Edenheiser und Sarah Fründt zum Anlass, die internationale Tagung „Provenienzforschung zu ethnologischen Sammlungen der Kolonialzeit“ in Kooperation mit dem Museum fünf Kontinente in München zu veranstalten.

Die Provenienzforschung zu den kolonialen Sammlungen, die in Deutschland noch am Anfang steht, hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt. Es geht dabei nicht nur um Objekte, die Gegenstand von Rückgabeforderungen sind, oder um besonders außergewöhnliche Objektbestände, sondern um die systematische Erforschung und Aufarbeitung gesamter Sammlungen. Darin wird sowohl ein wissenschaftliches Desiderat als auch eine Verantwortung gegenüber den Herkunftsgesellschaften gesehen, denn die Museen sind vielfach nicht in der Lage, ausreichende Informationen über ihre Sammlungen zu geben.

Im ersten Panel ging es um internationale Erfahrungen mit Fragen der Provenienzforschung. Denn insbesondere Länder, in denen „indigene“ Bevölkerungsgruppen leben, wie in den USA, Australien oder Neuseeland, sind schon länger mit deren Forderungen konfrontiert, aber auch in der Lage, unmittelbarer mit ihnen in Kontakt zu treten. Aufgrund der meist mangelhaften Sammlungsdokumentationen handelt es sich bei der Provenienzforschung – wie AMBER KIRI ARANUI (Wellington) darlegte – um ein zeitaufwändiges Unterfangen, das nur mit unterschiedlichen Quellen aus Museen, Archiven und nach Möglichkeit mit Erfahrungsberichten aus den jeweiligen Herkunftsgesellschaften zu bewältigen ist.

Die Provenienzforschung dient allerdings nicht nur der ethnologischen Wissenschaft, die die kolonialen Verhältnisse, unter denen die Sammlungen zustande gekommen sind, besser verstehen möchte, sondern ebenso jenen Gesellschaften, denen die Objekte entstammen. Denn diese haben nicht nur viele ihrer materiellen Zeugnisse, sondern vielfach auch das mit den Objekten verbundene Wissen um kulturelle Praktiken verloren. Daher sind sie vermehrt auch auf die in westlichen Museen gespeicherten Wissensbestände angewiesen, wollen sie sich mit ihrer eigenen Geschichte auseinandersetzen.

Ein wesentlicher Ansatz der Provenienzforschung besteht daher darin, das Wissen so aufzubereiten, dass es auch für die Herkunftsgesellschaften nutzbar ist. EEVA-KRISTIINA HARLIN (Finnland), PAUL TURNBULL (Australien) und TREVOR ISAAC (Kanada) stellten Datenbankprojekte vor, die die Wissensbestände für möglichst viele Personen zugänglich machen sollen. Dennoch stellte sich in der Diskussion die Frage, ob das systematische Zusammentragen von Daten nicht erneut ein sehr eurozentristischer Zugang ist, selbst wenn es sich dabei um kollaborative Projekte handelt, wie das von Trevor Isaac vorgestellte „Reciprocal Research Network“ des Museum of Anthropology in Vancouver.

JEREMY SILVESTER (Namibia) sprach über das African Accessioned Network, das es sich zur Aufgabe machte, in westlichen Museen befindliche afrikanische Kunst- und Kulturgüter zu dokumentieren. Diese Initiative zielt nicht auf die Repatriation von menschlichen Überresten oder Zeugnissen der materiellen Kultur, sondern vor allem auf die Herstellung von Kontakten unter dem Motto: „Making connections through worlds collections“. Dass die besondere Chance der Provenienzforschung vielleicht im Austausch über die historischen Verstrickungen liegt, war auch WAYNE MODEST (Leiden) ein besonderes Anliegen in der Paneldiskussion. Mit den Herkunftsgesellschaften in Kontakt zu treten und zunächst nach deren Anliegen zu fragen, könnte einen neuen Horizont an Möglichkeiten eröffnen. Die Kooperation mit den Herkunftsgesellschaften ist jedenfalls keine Frage der Moral oder der Ethik, sondern – so ein Kommentar aus dem Publikum – schlichtweg eine methodische Frage, im Prinzip eine Selbstverständlichkeit einer per se transkulturellen Wissenschaft.

Im zweiten Panel wurde der Frage nachgegangen, inwieweit die koloniale Provenienzforschung von der schon länger betriebenen NS-Provenienzforschung lernen kann. Grundtenor der Präsentationen und der Debatte war, dass in methodischer Hinsicht viele Übereinstimmungen bestehen. Vor dem Hintergrund, dass koloniale Sammlungen oftmals auf mehrere ethnologische Museen und Institutionen verteilt wurden, wären die internationale Vernetzung der Projekte und Initiativen, die die Zusammenführung von Rechercheergebnissen in einer zentralen Datenbank sowie die Etablierung der Forschung in einer eigenen Institution, wie es im Deutschen Zentrum für Kulturgutverluste für die NS-Provenienzforschung der Fall ist, zu begrüßen. Eine Kontroverse entstand allerdings im Hinblick auf die Stoßrichtung der kolonialen Provenienzforschung. Bei der NS-Provenienzforschung liegt das eigentliche Ziel der Recherche in der Rückgabe der Objekte an die rechtmäßigen Eigentümer, da das NS-Regime als Unrechtskontext außer Frage steht. Im Unterschied dazu konzentriert sich die Provenienzforschung zu den kolonialen Sammlungen auf die Erkundung der Sammlungskontexte, die Rückgabe der Objekte wird – insbesondere wenn es sich um menschliche Überreste handelt – mitgedacht, steht aber nicht im Vordergrund. So traten in der Diskussion unterschiedliche Auffassungen zutage, inwieweit es sich beim Erwerb der kolonialen Sammlungen um einen „Unrechtskontext“ handelte, da viele Objekte auch über den Kunstmarkt angekauft, gegen Lebensmittel eingetauscht oder als Schenkungen erhalten wurden. Doch genau darum würde es bei der Provenienzforschung auch gehen: um die Untersuchung der kolonialen Bedingungen und epistemologischen Voraussetzungen, unter denen die ethnologischen Sammlungen entstanden sind. Dazu kommt, dass der aktuell vorherrschende Eigentumsbegriff nicht unmittelbar auf die Herkunftsgesellschaften anwendbar ist und damit auch die „Rechtsnachfolge“ nicht immer klar ist. Dies konnte STEFAN EISENHOFER (München) auch in seinem Beitrag über die Rückforderungsdebatten um den Kameruner Schiffschnabel sehr anschaulich machen.

Dass sich WIEBKE ARNDT (Bremen) in der Paneldiskussion gegen die Vermischung von Provenienzforschung und Rückgabediskussion aussprach, ist vor dem Hintergrund, dass die Rückgabe von Objekten tatsächlich nicht unbedingt die beste Lösung sein muss, nachvollziehbar. Die Auseinandersetzung machte jedenfalls deutlich, dass die Frage nach dem Ziel der systematischen Provenienzforschung kolonialer Sammlungen nicht so eindeutig wie in der NS-Provenienzforschung zu beantworten ist. Dass die Frage der Rückgabe weitgehend aus der Diskussion ausgespart blieb, mag zwar zu einer Konzentration der Tagung auf das ohnedies weite Feld der Provenienzforschung beigetragen haben, dürfte aber in der weiteren Debatte zum Umgang mit der kolonialen Vergangenheit Deutschlands nicht gänzlich fehlen.

Panel 3 und 4 beschäftigten sich mit bisherigen Projekterfahrungen in der Provenienzforschung.
CHRISTIAN FEEST (Frankfurt am Main) verwies in seinem Beitrag darauf, dass vor allem die von einem historischen Interesse getragene ethnologische Forschung immer schon den Herkunftsgeschichten von Objekten nachgegangen ist. Dass dies nur vereinzelt und nicht durchgängig gemacht wurde, war eine Frage der Ressourcen. Vor diesem Hintergrund stellte sich die Frage, ob im Umkehrschluss die systematische Provenzienzforschung vielleicht zu einer stärkeren Historisierung der Ethnologie beitragen könnte.

Die Erfahrungsberichte aus den aktuellen Projekten zeigten, dass diese vor ähnlichen Herausforderungen stehen, wie sie im ersten Panel bereits angeschnitten wurden. Die Recherchen nicht nur in den Archiven, sondern vor allem in den Ländern der Herkunftsgesellschaften, sind sehr zeitaufwändig und kostenintensiv, sodass vorerst nur kleine Bestände bearbeitet werden können. Zudem muss vielfach erst ausgelotet werden, in welcher Weise die Kontakte zu den Herkunftsgesellschaften gestaltet werden können, dass nicht erneut Ungleichverhältnisse reproduziert werden. BABARA PLANKENSTEINER (Hamburg) erläuterte anhand des „Benin Dialogs“, der von der „National Commission for Museums and Monuments Nigeria“ und dem Weltmuseum Wien initiiert worden war, wie fragil sich die Gespräche in diesem sensiblen Prozess gestalten. Denn es geht dabei nicht nur um Wissenstransfer und die gegenseitige fachliche Unterstützung, sondern auch um ein Diskussionsforum zum Umgang mit der gemeinsamen Geschichte.

PAOLA IVANO (Berlin) beschrieb in ihrem Beitrag anhand des „Humboldt Lab Tanzania“ einen vielleicht zukunftsweisenden Ansatz im Hinblick auf die Kooperation mit den Herkunftsgesellschaften. Es handelte sich dabei um einen interdisziplinären Dialog zwischen Protagonisten aus den Bereichen Museum, Wissenschaft und Kunst aus Deutschland und Tansania. Der Prozess der Auseinandersetzung mit den Herkunftsgesellschaften auf einer inter- und transdisziplinären Ebene war dabei vielleicht wichtiger als das daraus entstandene Produkt, die Ausstellung „Living inside the story“ (2017). Dass diese Prozesse, will man die Auseinandersetzung „auf Augenhöhe“ führen, große Herausforderungen in sich bergen, zeigte der Beitrag von EVA RAABE (Frankfurt am Main). Der Umstand, dass sie als Frau nach Auffassung der australischen Herkunftsgesellschaft die als secret/sacred geltenden Ritualobjekte aus der Carl Strehlow Sammlung gar nicht sehen dürfte, erforderte komplexe Aushandlungsprozesse, die aber letztlich zu einer für beide Seiten gangbaren Lösung führten.

Als vordringliches Problem wurde in der Diskussion die Verstetigung der bislang vielfach projektbezogenen Forschungen und Austauschprozesse genannt. Dass es im Rahmen der Provenienzforschungsprojekte zu einer stärkeren Kooperation zwischen ethnologischen Museen und universitären Einrichtungen gekommen ist, wurde durchwegs als positiv beurteilt.

Das letzte Panel beschäftigte sich mit Ausstellungen, in denen die koloniale Vergangenheit Deutschlands und die Provenienzforschung Thema waren. HILKE THODE-ARORA (München) verdeutlichte anhand der Ausstellung „From Samoa with love? Samoa-Völkerschauen im Deutschen Kaiserreich – eine Spurensuche“, dass die Einbeziehung von samoanischen Quellen und Interviews neue Perspektiven auf die Geschichte eröffneten. Diese transnationale und transkulturelle Herangehensweise spiegelte sich auch in der Ausstellung wider.

In diesem Panel wurde deutlich, dass die Provenienzforschung nicht nur als wissenschaftliche Grundlagenforschung im Hintergrund des Museumsbetriebs verstanden wird, sondern als Möglichkeit, die strukturelle Gewalt des Kolonialismus an konkreten Objekten und Geschichten für ein breites Publikum zu veranschaulichen. MARGARETA VON OSWALD (Berlin) stellte das Ausstellungsprojekt „Objektbiografien“ (2015), ein Experiment des Humboldt Labs in Vorbereitung auf das Humboldt Forum, vor. Dabei wurde sichtbar, wie viele spannende Fragen zum „kolonialen Projekt“ sich anhand einzelner Objekte erschließen lassen.

SUSANNE WERNSING (Berlin/Dresden) erläuterte in ihrem Vortrag „Die Herkunft ausstellen“ anhand der in der Planung befindlichen Ausstellung zum Thema „Rasse/Rassismus“ am Deutschen Hygiene-Museum Dresden, dass die Beschäftigung mit Fragen der Provenienz und der Deutungshoheit nicht automatisch die Probleme der Repräsentation löst. Es bedarf auch Überlegungen, wie die Macht der kolonialen Bilder zu brechen ist, um sie nicht ungewollt zu reproduzieren.

Abschließend bleibt zu hoffen, dass sich die koloniale Provenienzforschung ebenso wie der internationale wissenschaftliche Austausch dazu verstetigen lässt. Denn das erweiterte Kontextwissen um die kolonialen Objektbestände und der dafür unabdingbare Austausch mit den Gesellschaften, aus denen die Objekte stammen, kann zu reflektierteren ethnologischen Ausstellungen und einem breiteren Diskurs zu Eurozentrismus, Kolonialismus und Rassismus führen.

Konferenzübersicht:

Begrüßung: Bruno Richtsfeld (München), Adelheid Wessler

Einführung: Larissa Förster, Iris Edenheiser, Sarah Fründt (AG Museum) und Hilke Thode-Arora, Stefan Eisenhofer (München)

Amber Kiri Aranui (Neuseeland): The Importance of Working with Communities: Combining Oral History, the Archive and Institutional Knowledge in Provenance Research

Jeremy Silvester (Namibia): The Africa Accessioned Network: Do museum collections build bridges or barriers?

Panel 1: International Perspectives challenges and options for systematic provenance research

Eeva-Kristiina Harlin (Finnland): Recording Sámi Heritage in European Museums – Creating a database for the people

Trevor Isaac (Kanada): The Reciprocal Research Network – Outline and Critical Evaluation

Paul Turnbull (Australien): Mapping Colonial Collecting: the Return, Reconcile, Renew Project

Panel 2: Colonial and Nazi era provenance research compared

Johanna Poltermann (München): Keine Provenienzforschung ohne internationales Netzwerk – Der Arbeitskreis Provenienzforschung e.V. als neues Forum für die ethnologische Provenienzforschung

Gilbert Lupfer (Dresden): Ost-Probleme

Claudia Andratschke (Hannover): Extending networks: from Nazi era provenance research to colonial era provenance research

Panel Diskussion:

Wiebke Ahrndt (Bremen), Andrea Bambi (München), Brigitta Hauser-Schäublin (Göttingen), Ivan Gaskell (New York), Wayne Modest (Leiden); Moderation: Barbara Plankensteiner (Hamburg)

Panel 3: Laufende Projekte: Erfahrungen, Desiderate, Möglichkeiten

Christian Feest (Frankfurt am Main): Historische Sammlungsforschung: Erfahrungen aus den vergangenen Jahrzehnten

Christine Schlott (Leipzig): Die Forschung zur Provenienz der anthropologischen Sammlung des Museums für Völkerkunde Dresden

Paola Ivanov (Berlin): Ziel shared research – Provenienzforschung am Beispiel der Tansania-Projekte am Ethnologischen Museum Berlin

Inés de Castro und Gesa Grimme (Stuttgart): Annäherungen an ein „Schwieriges Erbe“: Provenienzforschung im Linden-Museum

Christian Jarling (Bremen): Wer suchet, der findet – oder auch nicht … Erste Erfahrungen des Provenienzforschungsprojektes zu den kolonialzeitlichen Sammlungen der ehemaligen deutschen Kolonien in Afrika am Übersee-Museum Bremen

Panel 4: Provenienz (un)geklärt – und was dann?

Eva Raabe (Frankfurt am Main): Provenienzforschung als Lösung für Wertkonflikte?

Stefan Eisenhofer und Anne Splettstösser (München / Göttingen): Aurora Postcolonialis - Die Rückforderungsdebatten um den Kameruner Schiffschnabel im Museum Fünf Kontinente

Tina Brüderlin (Freiburg): Chancen und Herausforderungen: Repatriierung, Partnerschaft und NAGPRA

Barbara Plankensteiner (Hamburg): Der Benin Dialog

Panel 5: Am Schnittpunkt zur Öffentlichkeit: Provenienzforschung im Ausstellungsbetrieb

Hilke Thode-Arora (München): Die Ausstellung From Samoa with Love? und die Kontextualisierung der Sammlung

Marquardt Alexis von Poser (Hannover): Die Ausstellung „Heikles Erbe. Koloniale Spuren bis in die Gegenwart“ im Landesmuseum Hannover – Ein Versuch des Umgangs mit kolonialen Provenienzen

Margareta von Oswald (Berlin): Provenienz ausstellen. „Objektbiografien“ als Experiment auf dem Weg zum Humboldt Forum

Heike Hartmann (Berlin): Andererseits. Zum Umgang mit Objekten in „Deutscher Kolonialismus. Fragmente seiner Geschichte und Gegenwart“

Susanne Wernsing (Wien / Dresden): Herkunft ausstellen

Zitation
Tagungsbericht: Provenienzforschung zu ethnologischen Sammlungen der Kolonialzeit, 07.04.2017 – 08.04.2017 München, in: H-Soz-Kult, 15.12.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7462>.