Christen und Muslime in Mittelalter und Frühneuzeit. Ein Schlüsselthema des Geschichtsunterrichts im interdisziplinären Fokus

Ort
Bonn
Veranstalter
Lehrstuhl für Geschichtsdidaktik / Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit und Rheinische Landesgeschichte / Abteilung für Islamwissenschaft und Nahostsprachen / Zentrum für Historische Friedensforschung, Universität Bonn
Datum
16.11.2017 - 17.11.2017
Von
Sandra Müller, Lehrstuhl für Didaktik der Geschichte, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Die Tagung zielte auf eine interdisziplinäre Auseinandersetzung mit interkulturellen Kontakten von Christen und Muslimen in Mittelalter und Früher Neuzeit ab, um ein fachwissenschaftliches Fundament für den Umgang mit dem Inhaltsfeld 2 „Islamische Welt – christliche Welt: Begegnungen zweier Kulturen in Mittelalter und früher Neuzeit“[1] des Kernlehrplans NRW für die gymnasiale Oberstufe bereitzustellen. In der thematischen Einführung stellte STEPHAN CONERMANN (Bonn) ausgehend von den Problemen des Raum-Begriffs die Globalgeschichte als Zugriffsmodell für den Themenkomplex vor. Auf Basis des Ansatzes der Connected History zeigte er die „Connectedness“ Eurasiens auf, indem er die Scharnierfunktion des Mamlukenreichs, den wirtschaftlichen Austausch durch Handel und den kulturellen Austausch im eurasischen Raum trotz der Zersplitterung Kerneuropas herausarbeitete. Diesen Befunden hielt er einen forschungsgeschichtlichen Rückblick entgegen und arbeitete den konzeptionellen und institutionellen Eurozentrismus heraus. Dieser beschränkten Perspektive entgegenzuwirken, setzt sich das DFG-Schwerpunktprogramm „Transottomanica: Osteuropäisch-osmanisch-persische Mobilitätsdynamiken“[2] zum Ziel, das im letzten Teil der Einführung vorgestellt wurde.

Die erste Sektion zum Thema „Religion als Gegenstand historischen Lernens“ leitete PETER ARNOLD HEUSER (Bonn) mit einem Vortrag über Friedens- und Konfliktpotenziale von Religionen im Kontext des Mittelalters und der Frühen Neuzeit ein. Aus einer okzidentalen Perspektive heraus erläuterte er, wie das Diktum Augustinus‘ „finis belli pax“ zur Maxime für das Konfliktverständnis der Frühen Neuzeit wurde und sich daraus das christliche Verständnis ableitetet, dass der Frieden der Normalzustand und der Krieg ein negativer Ausnahmezustand sei. Er betonte außerdem eine strukturelle Ambivalenz des Christentums im Hinblick auf Krieg und Frieden, die auf eine Polyvalenz der Bibel zurückzuführen sei. Theologie und Exegese seien bestimmend für Konflikt- und Friedenspotenziale in der Bibel, nicht aber die Bibel selbst.

Im zweiten Vortrag der Sektion fragte PETER GEISS (Bonn) nach fachspezifischen Zugängen des Geschichtsunterrichts zu Religion als handlungsleitendem Faktor (unter anderem im Rekurs auf Philippe Bucs Konzept der „eschatologischen Gewalt“) und eruierte in geschichtsdidaktischer Perspektive das Potenzial der religiösen Vorprägung von Schülerinnen und Schülern für den Geschichtsfachunterricht. Er vertrat dabei die These, dass das religiöse Vorwissen von Kindern und Jugendlichen aller Religionen wichtig für das sachliche Verständnis und die Kontextualisierung religiös motivierter historischer Entwicklungen sei.

In der zweiten Sektion, die sich mit dem Bereich „Kulturbegegnung und Kulturtransfer im Mittelalter“ beschäftigte, arbeitete MOHAMMAD GHARAIBEH (Bonn) die Interdependenz von Religion und Herrschaft im Islam für die Zeit vom frühen Kalifat bis zum Mamlukenreich heraus. Er zeigte auf, dass eine europäische Trennung von Kirche und Staat für den Islam dieser Zeit undenkbar gewesen sei. Anhand des geographischen Abgleichs von Zentren der religiösen Gelehrsamkeit und Zentren der Herrschaft demonstrierte er die enge Verschränkung dieser beiden Dimensionen.

In ihrem Vortrag zur Präsenz und Funktion von sogenannten Sarazenen in Quellen des Mittelalters präsentierte KATHARINA GAHBLER (Bonn) Ergebnisse aus dem DFG-Projekt „Saraceni, Mauri, Arageni, … in lateinisch-christlichen Quellen des 7. bis 11. Jahrhunderts“[3]. Anhand der Beschreibung der Pelagius-Legende bei Hrotsvit von Gandersheim sowie der Vita des Johannes von Gorze arbeitete sie die unterschiedlichen Darstellungsweisen in ihren jeweiligen Kontexten heraus.

Der Vortrag von ALHEYDIS PLASSMANN (Bonn) beleuchtete Gewalteskalationen im Kontext des Ersten Kreuzzugs. Ausgehend von den Gesta Francorum fragte sie nach dem Verhältnis von Religion und Gewalt sowie nach Erklärungsmustern für die Eskalation von Gewalt. Anhand des Vergleichs religiös uniformer Konflikte (am Beispiel des anglo-normannischen Grenzkonflikts) mit christlich-muslimischen Konflikten (am Beispiel der Eroberung Siziliens durch die Normannen) kam sie zu dem Schluss, dass religiöse Differenz nicht zwangsläufig zu Gewalteskalation führte, sondern dass dabei vielmehr multiple Faktoren eine Rolle spielten. Neben Religion wurden Unvertrautheit mit dem Gegner sowie militärische Beweggründe als Ursachen identifiziert, die die Eskalation von Gewalt wie beispielsweise bei der Eroberung Jerusalems 1099 begünstigten.

In seinem Vortrag zum Thema „Missverstandene Convivencia“ problematisierte DANIEL KÖNIG (Heidelberg) das Konzept der Convivencia sowie dessen Transformation. Aufbauend auf den Thesen von Américo Castro [4] und Claudio Sánchez-Albornoz [5] zeigte er auf, mit welchen Implikationen das Konzept der Convivencia bei der Begriffsprägung einher ging und wie es in der Folge auf weitere Kontexte übertragen wurde. Dabei betonte er, dass Vertreter und Kritiker des Convivencia-Konzepts für je unterschiedliche Täter- und Opferrollen stehen. So sei das Konzept im europäischen Diskurs meist als positives Beispiel für friedliches Zusammenleben herangezogen worden, während im arabischen Diskurs der Fokus vor allem auf dem Ende der muslimischen Herrschaft und damit auf der darauf folgenden Opferrolle der Muslime liegt.

Zum Abschluss des ersten Tages präsentierte SIMONE MERGEN (Bonn) das Bildungsangebot des Hauses der Geschichte sowie exemplarisch die Neuerungen in dem Teil der Dauerausstellung, der sich mit der Zeit aber der deutschen Wiedervereinigung beschäftigt, welche nach der Neueröffnung der Dauerausstellung im Dezember 2017 zu sehen sind. Sie zeigte dabei im Hinblick auf das Tagungsthema auf, inwieweit Christentum und Islam als Elemente der jüngsten Zeitgeschichte in der Ausstellung aufgegriffen werden.

Im ersten Vortrag der Sektion „Kulturbegegnung und Kulturtransfer in der Frühen Neuzeit“ behandelte CASPAR HILLEBRAND (Bonn) osmanische Reiseberichte über den Westen vom 15. bis zum 20. Jahrhundert mit Fokus auf der äußeren Form anhand der Unterscheidung von diplomatischen und nicht-diplomatischen Berichten. Dabei ließen sich die Reiseberichte in drei Phasen einteilen. Während in der ersten Phase von 1475 bis 1700 relativ wenig Reiseberichte sowohl diplomatischer als auch nicht-diplomatischer Provenienz zu finden seien, habe in der zweiten Phase von 1700 bis 1840 einhergehend mit der Institutionalisierung osmanischer Diplomatie auch die Zahl der diplomatischen Reiseberichte zugenommen. In der dritten Phase ab 1840 habe dann eine Funktionsverlagerung der Reiseberichte zugunsten des Unterhaltungsfaktors stattgefunden, weshalb hier eine stärkere Diversität der Texte zu konstatieren sei.

Im nachfolgenden Vortrag beleuchtete DOROTHÉE GOETZE (Bonn) mit dem Reisebericht des Aubry de la Mortraye die okzidentale Sicht auf das Osmanische Reich. Sie zeigte dabei das Erkenntnispotenzial dieses dreibändigen, in mehreren Sprachen erschienenen Reiseberichts für den Geschichtsunterricht auf. Dabei bezog sie sich exemplarisch auf die Schilderungen bezüglich der Religionsausübung im Osmanischen Reich und stellte heraus, dass in der Quelle nicht zwingend die faktische Realität der Religionsausübung, sondern vielmehr eine Wunschvorstellung der Toleranz zum Ausdruck kommt.

ARNO STROHMEYER (Salzburg) kontrastierte in seinem Vortrag historische Wahrnehmungen des Osmanischen Reiches in der Habsburgermonarchie mit aktuellen geschichtspolitischen Instrumentalisierungen. Er ging dabei von den vier wahrnehmungsgeschichtlichen Zugriffen des Feindbildes, des Vorbildes, der Exotisierung und der Partnerschaft aus. Dabei legte er dar, dass seit der Eroberung Konstantinopels zwar die Darstellung der Osmanen als Feind vorherrschte, zuweilen aber auch eine Vorbildhaftigkeit des Osmanischen Reiches, beispielsweise im Hinblick auf die soziale Mobilität oder die Strukturierung der Armee, zu finden sei. Ab der Mitte des 17. Jahrhunderts sei mit der Abnahme der militärischen Bedrohung auch das Feindbild zurückgegangen und von einer Exotisierung und Orientalisierung abgelöst worden. Schließlich betonte er die Kontinuitätslinie der Partnerschaft mit dem osmanischen Reich im Hinblick auf Handels-, Kultur- und Friedensbeziehungen.

ARNE KARSTEN (Wuppertal) arbeitete die Darstellung der osmanischen Kriegerkaste der Janitscharen anhand okzidentaler, vorwiegend venezianischer schriftlicher und ikonographischer Quellen heraus. Er analysierte das Selbstverständnis des Sultans als Mehrer der vom muslimischen Glauben beherrschten Gebiete und den damit zusammenhängenden Eroberungsdrang. Aus diesem Eroberungsdrang resultiere die Notwendigkeit einer guten Armee, die im Osmanischen Reich des 16. Jahrhunderts durch die sogenannte „Knabenlese“ aufgestellt wurde. Aus dieser Praxis ging die Kriegerkaste der Janitscharen hervor, die sich im 17. Jahrhundert als militärisches und politisches Organ immer stärker verstetigte.

Zusammengenommen boten die Vorträge der Tagung ein fachliches Grundgerüst für die Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex „Christen und Muslime in Mittelalter und Frühneuzeit“, welches von vertiefenden Studien zu einzelnen Quellen bis hin zu Konzeptkritik und erinnerungskulturellen Fragen reichte. Auch in methodischer Hinsicht wurde ein breites Spektrum abgedeckt. Die Einbindung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus den Bereichen Geschichtswissenschaft, Geschichtsdidaktik und Islamwissenschaft trug dazu bei, das komplexe Thema interdisziplinär und multiperspektivisch zu betrachten. Hierbei zeigte sich, dass eine stärkere Vernetzung dieser Fachbereiche insbesondere für Fragen nach interkulturellem Kontakt und Grenzräumen nötig ist, sowie die Notwendigkeit zur Publikation von interdisziplinären Arbeiten, die für Geschichtslehrerinnen und Geschichtslehrer nutzbar sind, da diese interdisziplinäre, religiös übergreifende Themen vermitteln müssen.

Konferenzübersicht :

Begrüßung und Einführung

Harald Biermann (Bonn): Grußwort
Stephan Conermann, Peter Geiss, Peter Arnold Heuser, Michael Rohrschneider (Bonn): Begrüßungsrunde
Stephan Conermann (Bonn): Einführung: globalgeschichtliche Perspektiven

Sektion I: Religion als Gegenstand historischen Lernens
Sektionsleitung: Stephan Conermann (Bonn)

Peter Arnold Heuser (Bonn): Religion und Konfession als Dimensionen einer historischen Friedens- und Konfliktforschung
Peter Geiss (Bonn): Das Thema Religion im Geschichtsunterricht: fachspezifische Fragen und Zugänge

Sektion II: Kulturbegegnung und Kulturtransfer im Mittelalter
Sektionsleitung: Andrea Stieldorf (Bonn)

Mohammad Gharaibeh (Bonn): Zur gegenseitigen Durchdringung von Religion und Herrschaft vom frühen Kalifat bis zum Sultanat der Mamluken
Katharina Gahbler (Bonn): Feindbilder verstehen – Präsenz und Funktion von sog. Sarazenen in mittelalterlichen Quellen
Alheydis Plassmann (Bonn): Gewalteskalationen im Kontext des Ersten Kreuzzuges
Daniel König (Heidelberg): Missverstandene Convivencia. Regulierung und Dynamiken des Zusammenlebens von Juden, Christen und Muslimen auf der Iberischen Halbinsel (8.-17. Jh.)

Vorstellung Haus der Geschichte

Simone Mergen (Bonn): Wahrnehmung, Perspektivwechsel, Gegenwartsbezug – Chancen des außerschulischen Lernorts für die Annäherung an ein Schlusselthema

Sektion III: Kulturbegegnung und Kulturtransfer in der Frühen Neuzeit
Sektionsleitung: Michael Rohrschneider (Bonn)

Caspar Hillebrand (Bonn): Osmanische Reisetexte über den Westen (15. Jahrhundert – 1921)
Dorothée Goetze (Bonn): De la Motrayes Reise in die Morgenländer – Der Reisebericht des Aubry de la Motraye über das Osmanische Reich (1723/1783)
Arno Strohmeyer (Salzburg): Das Osmanische Reich: Feindbild – Vorbild – Exot – Partner
Arne Karsten (Wuppertal): Das Bild des Anderen. Zur Ikonographie der Osmanen in der christlichen Welt

Anmerkungen:
[1] Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen: Kernlehrplan für die Sekundarstufe II Gymnasium/Gesamtschule in Nordrhein-Westfalen. Geschichte, Düsseldorf 2014, S. 18.
[2]https://www.uni-giessen.de/fbz/fb04/institute/geschichte/osteuropa/karteikartenseiten/forschung_neu/Transottomanica (05.01.18).
[3]https://www.igw.uni-bonn.de/de/abteilungsseiten/mittelalter/forschung/das-islambild-im-lateinischen-westen (05.01.18).
[4] Américo Castro, España en su historia. Cristianos, moros y judíos, Buenos Aires 1948.
[5] Claudio Sánchez-Albornoz, España. Un enigma histórico, Buenos Aires 1957.

Zitation
Tagungsbericht: Christen und Muslime in Mittelalter und Frühneuzeit. Ein Schlüsselthema des Geschichtsunterrichts im interdisziplinären Fokus, 16.11.2017 – 17.11.2017 Bonn, in: H-Soz-Kult, 07.02.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7543>.