Perspektiven der Numismatik

Ort
Heidelberg
Veranstalter
Numismatischer Verbund in Baden-Württemberg
Datum
29.09.2017
Von
Melanie Meaker, Universität Mannheim; Annika Stöger, Universität Heidelberg

Am 29. September 2017 fand in Heidelberg der vom Numismatischen Verbund in Baden-Württemberg organisierte wissenschaftliche Workshop „Perspektiven der Numismatik“ statt. Der 2016 im Rahmen der Strukturförderung "Kleine Fächer" des Ministeriums für Wirtschaft und Kultur inaugurierte Verbund von Universitäten, Museen, Fundarchiven und Landesdenkmalämtern verfolgt das Ziel, Kompetenzen in der Numismatik zu bündeln und diese Fachkompetenz sowie deren wissenschaftlichen Nachwuchs nachhaltig zu fördern. In Anlehnung an diese Zielsetzungen diente auch der Workshop einem interdisziplinären und epochenübergreifenden Austausch unterschiedlicher Institutionen. In vier Sektionen zu den Themen „Sammlungen“, „Fundmünzen“, „Lehre“ und „Datenbanken“ gaben kurze, fünfzehnminütige Vorträge Impulse für weiterführende Diskussionen über die Zukunft und Chancen der Numismatik.

Die erste Sektion, geleitet von OLIVER SÄNGER (Karlsruhe), befasste sich mit dem Thema Sammlungen und warf die Frage nach einer fachgerechten Erfassung von Münzen im Zeitalter der Digitalisierung sowie deren zeitgemäßer musealer Präsentation auf. Den Anfang der Sektion machte FLORIAN HAYMANN (Frankfurt am Main), der über private Münzsammlungen und den internationalen Münzhandel sprach. Haymann betonte die große Bedeutung von Privatsammler/innen, denen es häufig gelinge, numismatisches Material in spannender und ansprechender Weise für ein breiteres Publikum aufzubereiten. Auch dem Münzhandel maß er eine bedeutende Rolle zu, da dieser den Münzmarkt reguliere und seltene Stücke durch Preisfestlegungen als solche kennzeichne. Eine engere Zusammenarbeit zwischen Privatsammler/innen, dem Münzhandel und der Wissenschaft sei deshalb unerlässlich.

Wie Münzsammlungen im Zeitalter der Digitalisierung sinnvoll erfasst und in geeigneten Datenbanksystemen aufbereitet werden können, erklärte KARSTEN DAHMEN (Berlin) im zweiten Vortrag. Bei vielen Datenbankformaten sei es problematisch, dass die vorhandenen Suchmasken für numismatisches Material ungeeignet seien und mit unsauberen Begrifflichkeiten gearbeitet werde. Umso wichtiger sei es daher, IDs und Linked Open Data zu normieren und ein gemeinsames Exportformat festzulegen, um nicht nur die Datenerfassung, sondern auch die Nutzung von Datenbanken zu vereinheitlichen.

Schließlich widmete sich MATTHIAS OHM (Stuttgart) der Frage nach geeigneten Möglichkeiten musealer Darstellung von Sammlungen. Ohm, der sich für eine Aufwertung von Münzen als wichtige Ausstellungsobjekte aussprach, betonte den hohen Wert numismatischer Zeugnisse, die eigenständige Informationsträger von Geschichte seien. Um Münzobjekte für Besucher/innen attraktiver zu gestalten, bedürfe es jedoch einer stärkeren Inszenierung der einzelnen Stücke, die gleichzeitig den Quellenwert der Gattung in den Vordergrund stellen müsse.

In der anschließenden Diskussion wurde der hohe Preis von seltenen, aber wissenschaftlich hochrelevanten Münzen problematisiert, der das Budget von Museen oftmals bei weitem übersteige. Im Zuge dessen wurde die Frage nach der Provenienz von Münzen kritisch beleuchtet und darauf hingewiesen, welche Bedeutung der Fundkontext von Objekten für die Wissenschaft habe. Die Provenienz spiele für private Sammler/innen immer noch eine untergeordnete Rolle und werde im Bereich des Münzhandels selten erfasst. Auch sei der Fundkontext für den Marktwert der Münze irrelevant, sodass wichtige Informationen beim Verkauf häufig verloren gingen. Die sich daraus ergebenden Schwierigkeiten in der Kommunikation zwischen Handel und Wissenschaft könnten folglich nur durch eine dauerhafte Transparenz auf allen Seiten gelöst werden.

Die von PATRICIA SCHLEMPER (Rastatt) geleitete zweite Sektion zum Thema Fundmünzen umfasste sowohl die rechtlichen Rahmenbedingungen archäologischer Ausgrabungen als auch die systematische Erfassung, Auswertung und Publikation von Fundmünzen. MARCUS MEYER (Esslingen) sprach im ersten Vortrag der Sektion über die Aufgabenbereiche der Denkmalpflege, welche die fachgerechte Bergung, Auswertung und wissenschaftliche Bearbeitung archäologischer Funde umfassen. Grundlage für diese Arbeit ist in Baden-Württemberg das Denkmalschutzrecht, das unter anderem den Umgang mit zufälligen Funden (§20), mit gezielten Nachforschungen (§21) und das Schatzregal (§23) regelt. Trotz dieser Gesetzeslage seien, so Meyer, Sondengänger/innen ein nicht zu unterschätzendes Problem, da diese oft gezielt irreguläre Grabungen durchführen und Fundobjekte einbehalten. Aus diesem Grund habe sich das Landesdenkmalamt dazu entschlossen, geeignete Kandidat/innen in fachspezifischen Lehrgängen auszubilden und mit diesen ehrenamtlich zusammenzuarbeiten, um illegale Grabungen in Zukunft besser eindämmen zu können.

Auch ECKHARD LAUFER (Wiesbaden) machte in seinem Vortrag auf die Problematik des Sondengehens aufmerksam, vor allem in Hinblick auf den Antikenhandel. Die Zahl der Sondengänger/innen‚ Hobbyarchäolog/innen und somit auch Raubgrabungen habe sich seit den 1970er-Jahren vervielfacht, was auf die Möglichkeit des freien Erwerbs von Metalldetektoren zurückzuführen sei. Die Auswirkungen seien auch auf den Münzhandel beträchtlich, da die Herkunft der Münzen oft bewusst verheimlicht bzw. verfälscht werde, um einer strafrechtlichen Verfolgung zu entgehen. Vor dem Kauf archäologischer Güter und insbesondere Münzen sollten deshalb immer die Herkunftsdaten auf Plausibilität untersucht und die Angaben zur staatlichen Erfassung geprüft werden. Nur so könne man sich vor dem versehentlichen Erwerb von Raubgut schützen.

Wie eine große Anzahl an Fundmünzen sinnvoll bearbeitet werden kann, zeigte MICHAEL MATZKE (Bern). Das 1992 gegründete Inventar der Fundmünzen der Schweiz (IFS) arbeitet eng mit unterschiedlichen Universitäten und Kantonen zusammen, sodass Fundmünzen systematisch erfasst, bearbeitet, katalogisiert und publiziert werden können. Die flächendeckenden Analysen, welche alle Fundmünzen der Schweiz und Liechtensteins umfassen, erlauben eine zielgerichtete Erschließung des Fundmaterials, welches in die Datenbanken NINNO und IFSA eingespeist und fundortspezifisch ausgegeben werden könne.

Im letzten Vortrag der zweiten Sektion ging ULRICH HIMMELMANN (Speyer) erneut auf die Schwierigkeiten des Umgangs mit Sondengänger/innen ein. Anhand des prominenten Beispiels des ‚Hortfunds von Rülzheim‘ verdeutlichte Himmelmann, welche Auswirkungen der verlorene Fundkontext auf die wissenschaftliche Auswertung dieser seltenen Artefakte hatte. Besonders besorgniserregend sei die von den Raubgräbern betriebene Lobbyarbeit, die unter anderem eigene Weiterbildungskurse und Themenmagazine beinhalte. Auch die Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz (GDKE) setze deshalb auf die Zusammenarbeit mit vertrauenswürdigen, ehrenamtlichen Sondengänger/innen, die potenzielle Ausgrabungsgebiete durch räumliche Nähe zum Wohnort meist detaillierter kennen.

In der anschließenden Diskussion, an der sich auch ehrenamtliche Sondengänger/innen beteiligten, wurde wiederholt auf die durchweg positiven Erfahrungen in der Zusammenarbeit zwischen den hier anwesenden einzelnen Institutionen und den von diesen ausgebildeten Sondengänger/innen hingewiesen. Leider bleibe aufgrund der hohen Dunkelziffer nach wie vor unklar, wie viele illegale Sondengänger/innen es in Deutschland gibt. Dass es sich bei Raubgrabungen nicht ausschließlich um ein wissenschaftliches Problem handelt, zeigen unterdessen schwerwiegende Kriminalfälle am Beispiel Osteuropas. Eine gezielte Öffentlichkeitsarbeit und Bewusstseinsbildung auch außerhalb von Expertenkreisen bleibt deshalb weiterhin unerlässlich.

Um das Thema Lehre und Wissensvermittlung im Bereich der Numismatik drehte sich die dritte Sektion, die von CHRISTIAN MANN (Mannheim) moderiert wurde. Einen allgemeinen Überblick bot FLEUR KEMMERS (Frankfurt), die in ihrem Vortrag auf die Relevanz der Einbindung numismatischer Fragestellungen in die universitäre Lehre[1] aufmerksam machte. Ziel einer solchen Lehre müsse es sein, dass Studierende Münzen durch die Analyse von Legende, Bild und Material bestimmen und die gewonnenen Informationen in größere Zusammenhänge bezüglich ihrer Verwendung, Funktion und Bedeutung für unterschiedliche Gesellschaften bringen können. Hieraus ergebe sich die hohe Anschlussfähigkeit des Faches, zum Beispiel an die Sozialanthropologie, Archäologie, Wirtschaftswissenschaft, Metallurgie etc., was zur Ausarbeitung ganzheitlicher und interdisziplinärer Lehrkonzepte führen könne.

Ein Beispiel dafür, wie numismatische Lehrkonzepte sinnvoll umgesetzt werden können, stellt das Institut für Numismatik und Geldgeschichte der Universität Wien[2] dar, welches REINHARD WOLTERS (Wien) anschließend vorstellte. Die Universität Wien ist die einzige Universität in Westeuropa, die einen eigenständigen Studiengang zur Numismatik anbietet. Ziel des epochenübergreifenden Studiums sei es, sowohl die ‚reine Numismatik‘, die das Beschreiben und Bestimmen von Münzen umfasst, als auch die ‚wissenschaftliche Numismatik‘, die sich mit weiterführenden Fragestellungen beschäftigt, abzudecken. Im Studienalltag werden daher neben traditionellen Lehrveranstaltungen auch praktische Seminare in Kooperation mit anderen Institutionen und der kontinuierliche Austausch mit Experten unterschiedlicher Teildisziplinen angeboten.

Im letzten Vortrag der Sektion erläuterte JOHANNES EBERHARDT (Freiburg im Breisgau), welchen Stellenwert Münzen im schulischen Unterricht haben und wie sie noch besser eingebunden werden können. Anders als an Universitäten sei es in der Schule vor allem wichtig, die Faszination der Schüler/innen für die Numismatik zu wecken. Münzen bieten diesbezüglich den Vorteil unterschiedlicher pädagogischer Zugänge, welche die Fragen der Haptik, Ästhetik und der Authentizität der Objekte beinhalten. Dies mache es möglich, mit Münzobjekten abstrakte historische Gegebenheiten schülerfreundlich zu veranschaulichen.

In Anlehnung an die Ausführungen Eberhardts wurde in der darauffolgenden Diskussion auf den in der Schulbildung erkennbaren Wandel im Umgang mit numismatischem Material eingegangen. Obwohl die Numismatik schon früh in den schulischen Unterricht miteinbezogen worden sei, würden Münzen heute fast ausschließlich zu Illustrationszwecken verwendet. Abschließend wurden die Unterschiede der Lehrkonzepte der Universitäten Wien und Frankfurt thematisiert, die sich insbesondere aus divergierenden Schwerpunktsetzungen und Ressourcen ergeben.

In der von JÜRGEN FREUNDEL (Ilmenau) geleiteten vierten und letzten Sektion stand das Thema Datenbanken im Mittelpunkt. MARIO SCHLAPKE (Weimar) stellte zu Anfang der Sektion das virtuelle Münzportal KENOM (Kooperative Erschließung und Nutzung der Objektdaten von Münzsammlungen) vor, welches das Ziel verfolge, unterschiedliche Bestände zu digitalisieren und für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Voraussetzung hierfür sei allerdings eine gezielte Vernetzung, sodass das KENOM-Projekt bereits 18 Kooperationspartner zähle. Die im Projekt vorangetriebene Zusammenführung von unterschiedlichen Portalen und Datenbanken stehe jedoch auch weiterhin aufgrund der Heterogenität der Bestände vor Schwierigkeiten, die es in Zukunft zu lösen gelte.

DAVID WIGG-WOLF (Frankfurt am Main) thematisierte im anschließenden Beitrag die Datenbank AFE (Antike Fundmünzen in Europa) und betonte die Notwendigkeit der Schaffung eines einheitlichen und gemeinsamen numismatischen Thesaurus. Der Referent stellte heraus, dass sich numismatisches Material für die Erfassung von Linked Open Data besonders gut eigne, da es feste Kerndaten (Nominal, Gewicht, Durchmesser etc.) habe. Die Numismatik stelle somit ein gutes Beispiel dafür dar, wie Online-Datenbanken zur Vereinheitlichung und Erfassung von Beständen beitragen können.

Der letzte Vortrag des Tages von SUSANNE BÖRNER (Heidelberg) widmete sich den Herausforderungen und Chancen, die eine einheitliche Digitalisierung von musealen und universitären Sammlungen sowie der Fundmünzen im Rahmen des Numismatischen Verbundes in Baden-Württemberg mit sich bringt. Ziel sei es, die Bestände der Mitgliedsinstitutionen langfristig sämtlich im verbundseigenen Portal[3] für die interessierte Öffentlichkeit und Wissenschaft online zu stellen. Dieses Portal biete sich zur Entwicklung und Erprobung eines gesamtdeutschen Datenaustauschformats besonders gut an, da durch die aktuell aus ganz unterschiedlichen Erfassungssystemen zusammengeführten Daten erste wichtige Erfahrungen gesammelt werden konnten. Langfristig sollen diese Maßnahmen zum Wissenstransfer und zu einer Zusammenführung von Fragestellungen und Systemen führen.

In der abschließenden Diskussion wurden die Chancen hervorgehoben, die ein gemeinsamer Datenaustausch im Bereich numismatischer Datenbanken bereithält. Gelingt es den verschiedenen Institutionen, ein gemeinsames und einheitliches deutschsprachiges LIDO (Lightweight Information Describing Objects) zu entwickeln, so käme der Numismatik eine Vorreiterrolle zu, welche durch die gute Vergleichbarkeit und die einfache Normierung bei der Datenerfassung begünstigt wird.

Konferenzübersicht:

Christian Witschel (Heidelberg) – Grußwort und Einführung

Sektion 1 „Sammlungen“
Sektionsleitung: Oliver Sänger (Karlsruhe)

Florian Haymann (Frankfurt am Main) – Privatsammler, Münzhandel und ihr Beitrag zur Forschung

Karsten Dahmen (Berlin) – Nicht Insel, sondern Verbund. Wege der Bestandsdigitalisierung zwischen Qualitätssicherung, Nachhaltigkeit und Konnektivität

Matthias Ohm (Stuttgart) – Zwischen Gemälden, Skulpturen und Möbeln – Münzen und Medaillen in musealen Strategien

Sektion 2 „Fundmünzen“
Sektionsleitung: Patricia Schlemper (Rastatt)

Marcus Meyer (Esslingen) – Der Umgang mit Sondengängern in Baden-Württemberg

Eckhard Laufer (Wiesbaden) – Die Bedeutung der „Sondengänger“ für die Fundnumismatik

Michael Matzke (Bern) – 25 Jahre Fundmünzbearbeitung in der Schweiz: das Inventar der Fundmünzen der Schweiz (IFS)

Ulrich Himmelmann (Speyer) – Der Umgang mit Sondengängern in Rheinland-Pfalz

Sektion 3 „Lehre“
Sektionsleitung: Christian Mann (Mannheim)

Fleur Kemmers (Frankfurt am Main) – Mehr mit Münzen: Die Einbindung aktueller Forschungsfragen in die Lehre

Reinhard Wolters (Wien) – Universalhistorische Numismatik und Geldgeschichte. Das Wiener Lehrmodell

Johannes Eberhardt (Freiburg i. Br.) – Numismatik in der Schule

Sektion 4 „Datenbanken“
Sektionsleitung: Jürgen Freundel (Ilmenau)

Mario Schlapke (Weimar) – Die KENOM-Datenbank

David Wigg-Wolf (Frankfurt am Main) – AFE und die Entwicklung eines gemeinsamen numismatischen Thesaurus

Susanne Börner (Heidelberg) – Herausforderungen und Chancen der im NV BW verwendeten Datenbankensysteme

Anmerkungen:
[1] Goethe Universität Frankfurt am Main, Studiengang Archäologie von Münze, Geld und von Wirtschaft in der Antike,
https://www.uni-frankfurt.de/45742534/muenze_geld_wirtschaft_antike (26.02.2018).
[2] Universität Wien, Institut für Numismatik und Geldgeschichte,
https://numismatik.univie.ac.at (26.02.2018).
[3] Numismatisches Portal Baden-Württemberg,
http://www.numismatik-bw.de/ (26.02.2018).

Zitation
Tagungsbericht: Perspektiven der Numismatik, 29.09.2017 Heidelberg, in: H-Soz-Kult, 05.03.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7585>.
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Veröffentlicht am
05.03.2018
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