Supply in everyday life - Everyday life in supply in the 20th Century

Ort
Warschau
Veranstalter
University of Warsaw; Herder Institute for Historical Research on East Central Europe; Dom Spotkań z Historią
Datum
16.10.2017 - 17.10.2017
Von
Jakub Sawicki, Ludwig-Maximilians-Universität München; Clemens Villinger, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Die Verbindung von Versorgungsfragen und Alltagsgeschichte lädt zum interdisziplinären Arbeiten ein und ermöglicht in erster Linie die Verflechtungen auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene zu analysieren. Dies war zumindest der kleinste gemeinsame Nenner auf der facettenreichen Nachwuchstagung, die Ende Oktober 2017 im Haus der Begegnungen (Dom Spotkań z Historią) in Warschau stattfand. Das Wechselspiel von Versorgung und den daraus resultierenden individuellen und kollektiven Strategien im östlichen Europa des 20. Jahrhunderts bildete hierbei den Rahmen der zweitägigen Konferenz. Der Ort konnte kaum besser gewählt sein, denn in der 2006 entstandenen Kulturinstitution befand sich in der Zwischenkriegszeit die sogenannte Posener Bank der Zuckerindustrie (Poznański Bank Cukrowniczy). Neben dem Vortrag Zofia Antkiewiczs, die sich explizit mit der Geschichte des Zuckers in der polnischen Zwischenkriegszeit beschäftigte, standen Nahrungsmittel und damit verbundene Versorgungsengpässe immer wieder im Fokus der Vorträge. Die Referentinnen und Referenten aus Polen, Ukraine und Deutschland konzentrierten sich jedoch nicht „nur“ auf die Lebensmittelversorgung. Die vom Historischen Institut der Universität Warschau und dem Herder Institut für historische Ostmitteleuropaforschung initiierte Tagung war gewollt auf die vielfältigen Versorgungsfragen ausgelegt, was sowohl zeitlich, thematisch, wie auch methodisch deutlich wurde.

Um den chronologischen und räumlichen Horizont der Konferenz aufzuzeigen, präsentierte HEIDI HEIN-KIRCHER (Marburg) in ihrem Eröffnungsvortrag erste Einblicke in ihre Anfang 2017 eingereichte Habilitationsschrift, die sich mit kommunalpolitischen Praktiken, Strategien und Visionen in Lemberg während der Habsburgermonarchie auseinandersetzt.[1] Am Beispiel der Fleischversorgung zeigte Hein-Kircher auf, wie die städtische Verwaltung gleichzeitig auf regionale Ressourcen und globale Handelsnetzwerke zurückgriff, um lokale Versorgungsengpässe und daraus entstehende soziale Unruhe zu vermeiden.

Aufbauend auf seiner Studie über den Schwarzmarkt in der Volksrepublik Polen (VR Polen), die inzwischen auch in deutscher und englischer Übersetzung vorliegt[2], legte JERZY KOCHANOWSKI (Warszawa) als Gastgeber der Konferenz, einige analytische Verortungen des Schwarzmarkts in den Ländern Osteuropas vor 1989 dar. Er zeigte die ambivalente Rolle des Schwarzmarkts in Mangelwirtschaften, der einerseits soziale Ungleichheiten verstärkte, kapitalistische Denkweisen konservierte aber auch die Planwirtschaft ergänzte und von dieser abhängig war. Dabei gehörten Hafenstädte als Zentren des illegalen Handels, marktorientiert denkende Bauern und auf Nachfragen reagierende Händler in Städten zu den strukturellen Gemeinsamkeiten des „zweiten Markts“ der kommunistischen Welt zwischen Elbe und Vladivostok.

Das Thema Zucker eröffnete die erste Sektion, die sich mit den Praktiken bei der Überwindung von Engpässen nach dem Ersten Weltkrieg beschäftigte. Dabei richtete ZOFIA ANTKIEWICZ (Warszawa) den Fokus auf drei unterschiedliche Akteursgruppen (Produzenten, Konsumenten und Regierung) in Polen der Zwischenkriegszeit. So war durch eine massive Werbekampagne („Cukier krzepi“ / “Zucker stärkt“) der Industrie das neue kalorienreiche Lebensmittel in aller Munde. Aufgrund des Preisanstiegs im Zuge der Wirtschaftskrise konnte die neuerweckte Lust am Zucker nicht gestillt werden. Neben alternativen Praktiken (Kochen von Zuckerrüben und Produktion des illegalen Sacharins) stieg der Frust gegen das Zuckerkartell und die Regierung, die 1936 schließlich den Zuckerpreis halbieren musste.

Ebenso wie seine Vorrednerin beschäftigte sich ANTONI J. ZAREWSKI (Warszawa) in seinem Vortrag mit der Zwischenkriegsperiode von 1928 bis 1938. Anhand verschiedener Waren und Praktiken zeigte Zarewski auf, dass sich in diesem Zeitraum viele Menschen nicht nur aufgrund des finanziellen Profits entschlossen zu schmuggeln, sondern in wirtschaftlichen Krisenzeiten vielmehr darauf angewiesen waren, um ihre Versorgung sicherzustellen. Die wirtschaftliche Notwendigkeit des Schmuggels wurde sowohl von deutscher, als auch von polnischer Seite durchaus anerkannt, sodass die Grenzschutzorgane nur in geringem Maße eingriffen. Dies sei, so Zarewski, auch an der relativ geringen Anzahl von Strafverfahren ablesbar.

Die zweite Sektion über Versorgungsdefizite begann mit einem Perspektivwechsel. In seinem Vortrag mit dem Titel „Als zu viel Fleisch zum Problem wurde“ präsentierte JAKUB SAWICKI (München) einen Teilaspekt seines Dissertationsprojekts über die Esskulturen in der BRD, DDR und VR Polen der Jahre 1965 bis 1975. Wider die bekannten Unterschiede von reichem „Westen“ und armen „Osten“ konzentrierte er sich auf die strukturellen Gemeinsamkeiten. So stieg nach Sawicki, auf unterschiedlichem Niveau, der Fleischkonsum in allen drei Ländern bis 1975 an. Eine weitere Parallele war die erneute Aufwertung der Ernährungswissenschaften, die sich in allen drei Ländern seit den späten 1960er Jahren verstärkt mit ernährungsabhängigen Krankheiten wie u.a. Übergewicht beschäftigten. Dadurch wurde vor und hinter dem sogenannten Eisernen Vorhang der Fleischkonsum auch medial zu einem gesundheitlichen Problem erklärt.

RENÉ BIENERT (Wien) stellte ein an den Universitäten Erfurt und Siegen angesiedeltes Forschungsprojekt vor, das Mitteldeutschland zwischen 1945 und 1949 als „verdichteten Transitraum“ deutet, in dem sich nach dem Ende des Krieges hunderttausende Menschen bewegten. Zentrale Aufgabe der alliierten und deutschen Verwaltungen sei es gewesen, wie Bienert ausführte, diese Menschen mit Lebensmitteln und Unterkunft zu versorgen. Dementsprechend steht die Analyse des Verhältnisses von Verwaltungspraktiken und individuellen Bewältigungs- und Beschaffungsstrategien im Zentrum des anlaufenden Projekts.

Die letzte Sektion des Tages, in der die sozialen Herausforderungen der Versorgungssituation im Vordergrund standen, begann mit einem Vortrag von MARCIN CHORĄZKI (Kraków). Sein Hauptinteresse galt den Versorgungsstrategien von ehemaligen Grundbesitzern aus der Gegend um Krakau unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Chorązki zeichnete zunächst ausführlich die Versorgungsstrategien der Grundbesitzer während der deutschen Besatzung nach. Diese waren in der Lage ihren Familien und Geflüchteten Versorgung und Obhut zu gewähren. Nach der Enteignung durch die kommunistische „Agrarreform“ zog dieser Teil der ehemals polnischen Elite in die Städte oder nutzte persönliche Netzwerke, um in das westliche Ausland zu flüchten. Chorązki zeichnete mithilfe von Selbstzeugnissen ein Bild der sozialen Degradierung seiner Akteursgruppe, was in der nachfolgenden Diskussion als zu einseitig kritisiert wurde.

Für die Erweiterung der sowjetischen Konsumgeschichte um eine geschlechtersensible Perspektive plädierte IRYNA SKUBII (Charkiw) in ihrem Vortrag über männlichen Konsum im Stalinismus. Am Beispiel der Stadt Charkiw und unter Einbeziehung der materiellen Dimension des Systems der alltäglichen Versorgung illustrierte Skubii auf überzeugende Weise wie sich ein neues, systemspezifisches Verständnis von Konsum und Versorgung entwickeln lässt, aus dem die Herausbildung einer „Soviet masculinity“ abgeleitet werden kann. Zudem regte Skubii an, männlich konnotierten Konsum und Vorstellungen von Männlichkeit als Kategorien für den transnationalen Vergleich von totalitären Staaten in den 1930er Jahre zu nutzen.

In ihrer Keynote, die den ersten Tag beendete, sprach TATJANA TÖNSMEYER (Wuppertal) über die Hungerpolitik der deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkriegs. Neu eingeführte Rationierungssysteme und bürokratische Regulierung hätten die besetzten Gesellschaften, so Tönsmeyer, nicht nur neu hierarchisiert, sondern auch unter einen alltäglichen Stress gesetzt, der sich in aufwendigen und häufig sogar kriminalisierten Beschaffungspraktiken manifestierte. Zudem zielte die nationalsozialistische Besatzungspolitik auf die systematische Ausbeutung der besetzten Gebiete ab, sowie die Redistribution von requirierten Lebensmitteln an deutsche Soldaten und deren Familien. Auf instruktive Weise zeigte Tönsmeyer auf, wie der Blick auf Versorgungssysteme als transnationale Kategorie herangezogen werden kann, um den Alltag der besetzten Gesellschaften miteinander zu vergleichen.

KONSTANZE SOCH (Magdeburg) präsentierte zum Auftakt der letzten Sektion, die sich mit Lebensmittelengpässen im Kalten Krieg beschäftigen sollte, die Ergebnisse ihrer Dissertation über die Rolle des deutsch-deutschen Postverkehrs bei der Versorgung von Ostdeutschen mit Lebens- und Konsummitteln.[3] Indem sie Oral-History-Interviews mit drei Alterskohorten von Paketversendern bzw. Empfängern führte, konnte Soch einerseits den Wandel der Erwartungen, die mit dem Versand verknüpft waren, untersuchen und anderseits einen Zusammenhang von Sozialisation und den versendeten Inhalten der Pakete herstellen. Weiter führte sie aus, dass mit Paketen, die in die DDR gingen, vor allem Verbrauchsgegenstände versandt wurden, während die Pakete nach Westdeutschland vor allem Gebrauchsdinge oder kunsthandwerkliche Objekte enthielten. Die Materialität der Pakete habe, so Soch, entscheidend zu Prägung von Vorstellungen über die Beschaffenheit und Leistungsfähigkeit der jeweils anderen Gesellschaft beigetragen. Diese Vorstellungen seien nach dem Mauerfall jedoch nicht selten enttäuscht worden.

Mit dem Zusammenhang von ländlicher Versorgung in Ostdeutschland und dem Wandel des politischen Systems beschäftigte sich der Vortrag von CLEMENS VILLINGER (Potsdam). Anhand eines Fallbeispiels aus seiner zurzeit in Arbeit befindlichen Dissertation zeigte Villinger auf, wie sich Wissen in alltäglichen Konsumpraktiken manifestierte und stellte zur Diskussion, ob sich aus der Analyse des Wandels von Praktiken ein relationales Verhältnis von Lebenswelt und Systemwechsel über die Zäsur von 1989/90 hinweg ableiten lässt. Unter Rückgriff auf eine Sekundäranalyse von ethnologischen Interviews illustrierte Villinger exemplarisch am Feld der lokalen Ernährung, anhand welcher Praktiken Veränderungen in der Lebenswelt von Ostdeutschen untersucht werden können. Ausgehend vom Essen in der LPG-Kantine, dem Einkauf von Nahrung sowie der Subsistenzwirtschaft legte Villinger dar, wie sich makroanalytische Perspektiven mit einer mikrohistorischen Fallstudie verknüpfen lassen.

Bei fast allen vorgestellten Fallstudien sind sowohl interdisziplinäre Ansätze als auch die Reziprozität zwischen der Makro- und der Mikrogeschichte erkennbar. Dabei sollen die sprachlichen, aber auch wissenschaftskulturellen Herausforderungen, die auf der Tagung auftraten, nicht übersehen werden. Es war interessant zu beobachten, dass die unterschiedlichen Zugänge, nicht mit der Herkunft der Teilnehmer/innen, sondern mit den jeweiligen Wissenschaftskulturen zusammenhängen. Die Zeit wird es zeigen, ob sich der am Anfang geäußerte Wunsch nach neuen vergleichenden Studien und möglichen Kooperationen zwischen den Teilnehmer/innen erfüllen werden wird.

Konferenzübersicht:

Begrüßung
Jerzy Kochanowski (Warszawa)
Heidi Hein-Kircher (Marburg)

Introduction

Heidi Hein-Kircher (Marburg): Supply Shortages as a Social Danger and Strategies for their Overcoming before 1914: the Example of Lviv

Jerzy Kochanowski (Warszawa): Creative People in Hard Times. A few Remarks about the Black Market in Eastern Europe before 1989

Section: Practices für Overcoming Supply Shortages after the First World War

Zofia Antkiewicz (Warszawa): Problems with Sugar in Interwar Poland

Antoni J. Zakrzewski (Warszawa): Smuggling in Interwar Poland as a Survival Strategy

Section: Living with Supply Shortages

Jakub Sawicki (Munich): When too much Meat became a Problem

René Bienert (Vienna): Living in State of Emergency - Supply and „Moving Groups“ in „Middle Germany“ 1945

Section: Supply Issues as Social Challenges

Marcin Chorązki (Krakow): Supply of the former Landowners in Krakow as an Example of the Survival Strategy of the Elite Polish Population after the Second World War

Iryna Skubii (Kharkiv): Male Consumption in the Stalinist Socialist Society: between Rationing, Universalization and Militarization

Keynote

Tatjana Tönsmeyer (Wuppertal): Occupation, Shortage, Hunger Crises. Everyday Life and Survival Strategies in the Years of the Second World War

Section: Overcoming Supply Shortages in the Cold War

Konstanze Soch (Magdeburg): The Supply of Food and Consumer Goods by Parcels and Packages during the Cold War in Germany

Clemens Villinger (Potsdam): To leave the Consumption in the Village. Rural Supply in East Germany in the long History of the „Wende“

Final Discussion

Anmerkungen:
[1] Titel der noch nicht veröffentlichten Habilitationsschrift: Heidi Hein-Kircher: Lemberg sichern. Kommunalpolitische Praktiken, Strategien und Visionen in einer multiethnischen Stadt der Habsburgermonarchie, Marburg 2018.
[2] Jerzy Kochanowski: Through the back door. The black market in Poland, 1944-1989, Frankfurt am Main, New York 2017.
[3] Konstanze Soch: Eine große Freude? Der innerdeutsche Paketverkehr im Kalten Krieg (1949-1989), Frankfurt am Main 2018.

Zitation
Tagungsbericht: Supply in everyday life - Everyday life in supply in the 20th Century, 16.10.2017 – 17.10.2017 Warschau, in: H-Soz-Kult, 27.03.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7621>.