15. Potsdamer Doktorand/innenforum zur Zeitgeschichte: „Anything goes – aber wie?

Ort
Potsdam
Veranstalter
Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam
Datum
26.02.2018 - 27.02.2018
Von
Sophie Hubbe, Sigmund Freud Privatuniversität Wien / Institut für Geschichte, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg; Jasper Klomp, Departement Geschichte, Universität Ljubljana

Interdisziplinarität gehört mittlerweile zum „guten Ton“ in der wissenschaftlichen Arbeit. Jede/r macht es und das ist gut so. Dieses Fazit lässt sich aus dem 15. Potsdamer Doktorand/innenforum zur Zeitgeschichte am Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) in Potsdam ziehen. Unter dem Titel „Anything goes – aber wie?” fand das Forum erstmalig mit einem methodischen Schwerpunkt statt und versuchte zu ergründen, welcher Reiz hinter dem interdisziplinären Arbeiten liegt und welche Herausforderungen sich hierbei gerade für Zeithistoriker/innen ergeben.

Eröffnet wurde die zweitägige Veranstaltung mit einer Keynote zum „Methodenpluralismus“ von DAVID SITTLER (a.r.t.e.s. Köln). Am Beispiel seiner Doktorarbeit, innerhalb derer er medien- und geschichtsanthropologische Ansätze verknüpfte, diskutierte Sittler die Chancen und Herausforderungen interdisziplinärer Arbeit. Besondere Bedeutung maß er dem „Balance-Akt“ – dem ausgewogenen Dialog zwischen den verschiedenen Methoden bei. Es gehe darum, die Differenzen zwischen den Disziplinen deutlich zu machen und aufzuzeigen, wo Potenziale der jeweiligen Methoden liegen. Dabei gebe es kein „Patentrezept“ für interdisziplinäres Arbeiten. Forscher/innen sollten sich davon jedoch nicht verunsichern lassen. Interdisziplinäre Fragestellungen und somit ein kontrastreiches Herangehen an Quellen führen zu Einsichten, die Historiker/innen sonst, durch ihre Neigung zur radikalen Historisierung von Quellen, verschlossen geblieben wären.

In seiner Keynote ging Sittler aber auch auf die Schwierigkeiten beim interdisziplinären Arbeiten ein. Diese seien oftmals grundsätzlicher Natur. So komme es immer wieder zum Problem, dass bestimmte Begrifflichkeiten je nach Disziplin unterschiedliche Erwartungen wecken und divergierende Bedeutungen und Konnotationen haben können. Auch der unterschiedliche Anspruch zwischen qualitativer und quantitativer Forschung könne zur Herausforderung werden. Sittler plädierte aber dafür, sich gerade nicht von dieser Trennung in qualitative und quantitative Verfahren abschrecken zu lassen, sondern diese Ansätze vielmehr zu koppeln. Gleiches gelte für die Unterscheidung in deskriptives und analytisches Vorgehen. Wichtig sei es, explizit deutlich zu machen, was die eigene Motivation einer Forschungsarbeit ist und sich eine gute praxis-theoretische Grundlage zu überlegen. Denn bei aller Methodenoffenheit, eine interdisziplinäre Methode eigne sich nicht für jede wissenschaftliche Fragestellung.

Um diese methodischen Grundlagen, aber vor allem auch um praxisorientierte Anwendungsfragen ging es in den acht Panels des Forums. Ziel war es, im direkten Gespräch mit anderen Doktorand/innen über die verschiedenen Promotionsthemen zu diskutieren und Erfahrungen auszutauschen.

Eher methodischen Inhalts waren dabei die zwei Workshops zur „Oral History“, die ANDREA GENEST (Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit Berlin) leitete. Hierbei stellte sich heraus, dass die Teilnehmer/innen vor allem an Fragen zur Transkription und Anonymisierung von lebensgeschichtlichen Interviews interessiert waren. Doch auch die Fragen, wie sich Forscher/innen im Interviewprozess verhalten und in der anschließenden Analyse berücksichtigen sollten, wurden intensiv diskutiert. Dabei wurde deutlich, dass sich Historiker/innen im Umgang mit der Oral History stärker als bei anderen Methoden unsicher fühlen. Mögliche Ursachen seien zum einen die emotionale Aufladung von persönlich geführten Interviews aber auch die nach wie vor stärkere Autorität von schriftlichen gegenüber mündlichen Quellen in der Geschichtswissenschaft. In diesem Zusammenhang spielten die Schlagworte Objektivität und Repräsentativität eine große Rolle. Doch trotzt der scheinbar fehlenden Routine mit der verhältnismäßig „neuen“ Methode waren sich alle Teilnehmer/innen einig, dass die Oral History als Chance für neue fachliche und methodische Einblicke und Debatten betrachtet werden müsste. An dieser Stelle gehe es nicht zuletzt auch um ethische Fragen bezogen auf die eigene Forschungsmoral und darum, sich bewusst zu machen, wie offen und womöglich eindeutig Interviewpassagen veröffentlicht werden sollten: Will ich eine möglichst brisante Geschichte erzählen oder meine/n Interviewpartner/in schützen?

Weniger grundsätzlicher Art, dafür umso direkter an den Forschungsthemen der Teilnehmer/innen wurden im Panel „Interdisziplinarität I“ unter der Leitung von MALTE ZIERENBERG (Humboldt-Universität zu Berlin) die jeweiligen Promotionsthemen als Diskussionsgrundlage genutzt. Dabei definierte Zierenberg Interdisziplinarität im Vorfeld in zweierlei Hinsicht: Zum einen als einen „forschungspraktischen oder politischen Begriff“ und zum anderen als eine „wissenschaftliche Praxis“. Des Weiteren unterschied er drei Formen der interdisziplinären Arbeitsweise: erstens die Verwendung von Begriffen / Theoremen anderer Disziplinen, zweitens die Thematisierung von Teil- oder Spezialproblemen als Teil der gesamten Arbeit und drittens die Verwendung von Interdisziplinarität auf der Makro-Ebene bei der Erklärung eines Wandlungsprozesses. Aus den Diskussionen am Beispiel verschiedener Forschungsfragen wurde spürbar, dass sich Historiker/innen grundsätzlich Methoden aus anderen Disziplinen entleihen (überwiegend aus der Sozial- und Politikwissenschaft) und sie als Hilfswissenschaften integrieren. Dabei betonte Zierenberg ebenso wie schon Sittler, dass man sich stets überlegen muss, ob ein inter- oder transdisziplinärer Ansatz für die eigene Arbeit aus pragmatischen Gründen sinnvoll ist.

Dem Thema Interdisziplinarität näherte sich der Workshop von SINDY DUONG (Freie Universität Berlin) aus einem anderen Blickwinkel. Ihr Panel „Rohdaten“ ging einen Schritt zurück und beschäftigte sich mit dem „rohen“ Datenmaterial, das von den Forscher/innen untersucht wird. Es ging um die Frage nach der Art der Zusammenarbeit zwischen der Geschichts- und Sozialwissenschaft. Traditionell zeichne sich diese dadurch aus, dass die Geschichtswissenschaft Ergebnisse aus sozialwissenschaftlichen Erhebungen größtenteils unkritisch übernehme. Zunehmend würde diese unreflektierte Übernahme sozialwissenschaftlichen Deutungsangeboten in den letzten Jahren aber stärker problematisiert und für eine Historisierung sozialwissenschaftlicher Quellen plädiert, so Duong. Damit einher gehe die Überlegung, dass Historiker/innen sich selbst stärker den zeitgenössischen Rohdaten zuwenden sollten, um der Gefahr von „zeitgenössischen prädispositiven Fragestellungen“ sozialwissenschaftlicher Studien zu entgehen und bestimmte Ordnungsvorstellungen oder auch Lücken sozialwissenschaftlicher Erhebungen zu identifizieren.

Gleichzeitig wurde im Panel auch grundlegend diskutiert, ob und wenn ja warum ein/e qualitativ forschende/r Historiker/in eine quantitative Absicherung leisten müsse? Sollte sich nicht (endlich) von diesem Anspruch gelöst werden und das Augenmerk stärker auf den Vorteilen qualitativer Untersuchungen gegenüber quantitativen Erhebungen liegen? Immerhin ließen sich mittels qualitativer Methoden Entwicklungen und Verläufe verstehen, die womöglich keinen repräsentativen Charakter besitzen, aber durchaus zu Einsichten führen, die über quantitative Untersuchungen nicht gewonnen werden könnten.

Während sich Duong hauptsächlich auf Daten aus dem Mikrozensus konzentrierte, beschäftigte sich der Workshop von CLEMENS REHM (Landesarchiv Baden-Württemberg) mit Archivquellen. Die jeweiligen Erwartungen von Historiker/innen und Archivmitarbeiter/innen bezüglich der Verwendung von Archivalien für geschichtswissenschaftliche Arbeiten diskutierte Rehm wegen großer Nachfrage gleich zweimal im Workshop „Blätterwald“. Die bisherigen Erfahrungen der Teilnehmer/innen mit Archivforschung für die eigenen Doktorarbeiten bildeten die Grundlage für eine umfangreiche Erörterung der rechtlichen sowie praktischen Situation zur Archivforschung auf verschiedenen Ebenen in Deutschland. Rehm nannte den Zugang zu Archiven den „Gradmesser der Demokratie“, bat aber gleichzeitig um Verständnis und Nachsicht mit Archivmitarbeiter/innen. So gäbe es manchmal mehrere rechtliche Möglichkeiten bezüglich der Freigabe von Archivalien, die abgewogen werden müssten. Besonders schwierig sei die Rechtslage bei personenbezogenen Akten, wo Schutzfristen eine große Rolle spielten. Dabei müssen bei einer Entscheidung für eine mögliche Freigabe verschiedenste Folgen berücksichtig werden, oft auch in Hinsicht auf mögliche Auswirkungen für die Nachfahren. Deutlich wurde an dieser Stelle die Unentwirrbarkeit des Verhältnisses zweier „Sphären“ – dem Datenschutz auf der einen und dem Informationsfreiheitsgesetz auf der anderen Seite. Eine wichtige Rolle spielten hierbei auch die Bestrebungen der Archive bezüglich der Digitalisierung von Beständen, die Rehm am Beispiel des Landesarchivs Baden-Württemberg besonders betonte.

Deutlich intensiver beschäftigte sich der Workshop „Bits and Bytes“ mit Fragen der digitalen Entwicklung innerhalb der Geschichtswissenschaft. Unter der Leitung von THOMAS WERNEKE (ZZF Potsdam) setzten sich die Teilnehmer/innen in diesem Panel mit den Schwierigkeiten aber auch den Chancen der Digitalisierung für Historiker/innen im Einzelnen und der Geschichtswissenschaft insgesamt auseinander. Eine immer wiederkehrende Frage war dabei jene nach dem effektiven Nutzen von digitalem Arbeiten für Historiker/innen. Als nur teilweise positive Beispiele wurden an dieser Stelle unter anderem soziale Netzwerke für Akademiker/innen (Academia.edu, Mein Clio) und Open-Access-Veröffentlichung angebracht. Bezogen auf die Open-Access-Strategien diskutierte Werneke die verschiedenen Möglichkeiten eines „goldenen Weges“, der die Erstveröffentlichung wissenschaftlicher Werke meint, sowie die Option eines „grünen Weges“, der zusätzlich zur klassischen Veröffentlichung in Verlagen oder Zeitschriften die Online-Publikation vorsieht. Hinsichtlich der Online-Publikationen gäbe es eine Diskrepanz zwischen dem Bemühen, die Zahl der Open-Access-Veröffentlichungen zu erhöhen auf der einen und dem geringeren Prestige solcher Publikationen auf der anderen Seite. Konkret wurde hier die Idee vorgestellt, die Nachteile des „goldenen Weges“ (Erstveröffentlichung online) mithilfe eines „grünen Weges“ (zusätzliche Veröffentlichung online) zu umgehen. Das negative Ansehen von reinen Online-Veröffentlichungen könnte damit umgangen werden.

Großen Diskussionsbedarf boten zudem Initiativen zur Schaffung digitaler Infrastrukturen für die Errichtung sowie Erforschung großer Quellenkorpora. Besonders die Fallbeispiele CLARIN-D und DARIAH wurden von Werneke hervorgehoben. Dabei zeigte er anhand des „digitalen Werkzeuges“ DiaCollo die enorme Spannweite der Möglichkeiten bei der Arbeit mit solchen Forschungsdatenpaketen. Werneke unterstrich die Bedeutung einer Verknüpfung von „close“ und „distant reading“ bei geschichtswissenschaftlichen Forschungen mithilfe von online Datenkörpern, um eine digitale Hermeneutik zustande zu bringen. Zudem könne so eine Brücke zwischen dem Kern der Geschichtswissenschaft und der „Insel“ der digitalen Geisteswissenschaften (auf der zurzeit lediglich eine kleine Anzahl von Historiker/innen arbeitet) gebaut werden.

Zu guter Letzt fand der Workshop „Argumentieren mit Bildern“ als sehr praktisch angelegtes Panel unter der Leitung von ANNETTE VOWINCKEL (ZZF Potsdam) statt. Sie diskutierte mit den Teilnehmer/innen die Methode der dichten Bildbeschreibung als ein sinnvolles und der Kunstgeschichte entlehntes Vorgehen bei der Analyse von Fotografien. Hierbei stünde weniger die Bildsprache als solche, denn der dokumentarische Wert im Vordergrund. Die individuelle oder serielle Ikonografie der Fotos setze dabei den Rahmen der Interpretation. Grundsätzlich würden serielle Aufnahmen, also größere Bestände, die Möglichkeit eröffnen, generelle Aussagen zu treffen, während individuelle Aufnahmen Raum für deskriptive und punktuelle Beobachtungen bieten.

Den Abschluss der Veranstaltung bildete ein Vortrag von CHRISTIANE KULLER (Universität Erfurt). Sie plädierte stark dafür, dass sich innovative Forscher/innen von zu starren Forschungsmethoden lösen und den „disziplinären Elfenbeinturm“ verlassen müssten. Doch auch wenn mittlerweile fast jede/r interdisziplinär forscht, sei die Frage nach dem „Wie“ immer noch ein großes Thema, dies habe auch das 15. Potsdamer Doktorand/innenforum deutlich gemacht. Oft sei, so Kuller, die Zusammenarbeit zwischen den Disziplinen noch nicht zufriedenstellend. In der Literatur fänden sich vor allem allgemeine Texte zur Interdisziplinarität, während dezidiert interdisziplinäre Veröffentlichungen fehlten. Kuller konstatierte, dass es die Geschichtswissenschaft derzeit eher mit einer Methodenpluralität als mit wirklich interdisziplinären Arbeiten zu tun hätte. Viel zu oft greife die Forschungspraxis nur auf adaptive Verfahren zurück, während Interdisziplinarität mehr sei: Es gehe um die direkte Zusammenarbeit, um multiperspektivische Betrachtungen über den bloßen Austausch hinaus. Dabei seien die Vorteile vielfältig. Interdisziplinäres Arbeiten diene immer dem Fortschritt der eigenen Disziplin, führe zu einer Selbstkontrolle, zu neuen Erkenntnismöglichkeiten und zeige gleichzeitig die Begrenztheit der eigenen Disziplin auf. In diesem Sinne forderte Kuller ein „Wider dem Methodenzwang“ und ermutigte die Teilnehmer/innen des Forums, sich nicht von den Herausforderungen interdisziplinären Arbeitens abschrecken zu lassen. Denn die Grenzen zwischen den Disziplinen seien nun einmal nicht naturgegeben: „Wissenschaft existiert nur im Plural“.

Ob und wie Zeithistoriker/innen interdisziplinär arbeiten sollten, hängt stark von der jeweiligen wissenschaftlichen Fragestellung ab. Diese Maxime wurde – in unterschiedlichen Formulierungen und anhand verschiedener Beispiele – während jeder der acht Workshops sowie in den Vorträgen von Sittler und Kuller hervorgehoben. Hinsichtlich der anderen Fachdisziplinen wurde dabei im Verlauf des Doktorand/innenforums vor allem auf den Austausch und die Zusammenarbeit zwischen der Geschichtswissenschaft und den Sozial- und Politikwissenschaften hingewiesen. Dabei wurde deutlich, dass die Entscheidung für ein interdisziplinäres Arbeiten nicht nur dazu beitrage, das Verständnis zwischen den einzelnen Disziplinen, sondern auch zwischen Historiker/innen selbst zu verbessern. Diese haben nämlich innerhalb des gleichen Fachgebietes manchmal sehr unterschiedliche methodische und inhaltliche Herangehensweisen. Eine Vielfältigkeit, die sich auch bei den Diskussionen der verschiedenen Forschungsprojekte während des Forums herausstellte.

Konferenzübersicht:

Keynote

David Sittler (a.r.t.e.s. Köln): Methodenpluralismus

Panels

Clemens Rehm (Landesarchiv Baden-Württemberg): Blätterwald

Andrea Genest (Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit Berlin-Schöneweide): Oral History

Malte Zierenberg (Humboldt-Universität zu Berlin): Interdisziplinarität

Annette Vowinckel (Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam): Argumentieren mit Bildern

Sindy Duong (Freie Universität Berlin): Interdisziplinarität / Rohdaten

Thomas Werneke (Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam): Bits and Bytes

Abschlussvortrag

Christiane Kuller (Universität Erfurt): Alles geht? Interdisziplinarität in der zeithistorischen Forschung

Zitation
Tagungsbericht: 15. Potsdamer Doktorand/innenforum zur Zeitgeschichte: „Anything goes – aber wie?, 26.02.2018 – 27.02.2018 Potsdam, in: H-Soz-Kult, 13.04.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7650>.
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Veröffentlicht am
13.04.2018
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