HT 2018: Open Access. Gespaltene Geschichtswissenschaft?

Ort
Münster
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
25.09.2018 - 28.09.2018
Von
Jonas Bechtold, Institut für Geschichtswissenschaft, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Die Diskussionssektion „Open Access. Gespaltene Geschichtswissenschaft?“ beim Historikertag 2018 diente den versammelten Fachwissenschaftler/innen zum Erfahrungsaustausch über den freien Zugang zu Forschungstexten und -daten im Internet. Die Sektionsleiter CHRISTINE BARTLITZ (Potsdam) und MICHAEL KAISER (Köln / Bonn) hatten dazu eingeladen, den aktuellen Stand von Open Access in der deutschen Geschichtswissenschaft zu reflektieren, Vorbehalte zu benennen und künftige Möglichkeiten und Bedingungen einer Open-Access-Kultur zu diskutieren. Das Fragezeichen hinter dem Titel „Gespaltene Geschichtswissenschaft?“ wurde gleich zu Beginn des Panels von den Podiumsgästen bestritten. Die Debatte und die prinzipielle Geschlossenheit der anwesenden Historiker/innen auf Podium und Zuschauerbank legten nahe, dass die Frage nach der „gespaltenen Geschichtswissenschaft“ zu verneinen sei.

Die Schwerpunkte der Diskussion lagen auf der bisherigen Publikationspraxis im Open Access und den möglichen und notwendigen Veränderungen in der Wissenschaftskultur. Nur beiläufig hielt sich die Diskussion mit der Frage auf, warum die Geschichtswissenschaft Open Access brauche und wer davon profitiere: der globale Wissenschaftler, die deutsche Gesellschaft oder gar der kulturelle Westen? Den versammelten Teilnehmer/innen des Panels war klar, dass – um es mit den Worten des Verlagsvertreters VICTOR WANG (Göttingen) zu sagen – „Open Access unumkehrbar (ist)“. Entsprechend konstruktiv und sachlich verlief das Fachgespräch jenseits wissenschafts- oder marktideologischer Befindlichkeiten. Die Diskutant/innen fragten weniger nach dem „Warum?“ des Open Access als nach dessen „Wie?“. Im Fokus standen Optionen und Bedingungen des eigenen Publizierens und die Herausforderungen, die diese an jede/n einzelne/n Historiker/in stellen. Open Access erschien in der Diskussionssektion somit nicht als eine Herausforderung für technische Infrastruktur oder für verlegerische (Markt-)Konzeption, sondern als eine Frage der wissenschaftlichen Kultur und „Ökonomie des Publizierens“ (Johannes Paulmann). Die Bedingungen dieser neuen „Ökonomie“ müssen jedoch noch zwischen Wissenschaftspraxis, Verlagswesen und Förderpolitik ausgehandelt werden.

Einig waren sich die Diskutant/innen darin, dass die deutsche Geschichtswissenschaft kaum Open-Access-orientiert sei. Rein digitale Formate seien in der Reputation keine Konkurrenz zum Buch. Die Digitalisierung habe gar, so JOHANNES PAULMANN (Mainz), wegen der häufigen Lizenzierungen online verfügbarer Bücher die Zugänglichkeit von Wissen eher erschwert als erleichtert. Open Access in der Praxis scheine im Jahr 2018 nicht weit verbreitet. JOHANNES FOURNIER (Bonn) von der DFG bescheinigte der Geschichtswissenschaft gar, sie nutze Open-Access-Tools und -Repositorien vorrangig für ihre „Peripherie“, nämlich für Formate wie Rezensionsplattformen, Online-Enzyklopädien oder digitale Quelleneditionen, nicht aber für Aufsätze, Journals und Monografien aus Qualifikationsarbeiten. Vor einem Hörsaal voller Nachwuchswissenschaftler/innen und arrivierter, universitärer Professor/innen funktionierte diese Zuspitzung vor allem als Diskussionskatalysator. Zugleich aber machte der Beitrag auch aus Perspektive der Förderinstitution deutlich, wo noch Potenzial für weitere und neue Ideen besteht.

Keiner Diskussion bedurfte der wissenschaftliche Mehrwert frei zugänglicher Forschungsliteratur: Weltweite Verfügbarkeit, Vernetzbarkeit von Inhalten, die vereinfachte Distribution an Studierende oder die bequeme Benutzbarkeit (wenn auch nicht Lesbarkeit) wissenschaftlicher Texte waren dabei nur einige der vielen Schlagworte pro Open Access. Vom Buch wollten sich die Wissenschaftler/innen aber ebenso wenig verabschieden wie von dem Wunsch nach kostenfrei zugänglichem Wissen. Die Zukunft des Open Access scheint „hybrid“ zu heißen: duale Verfügbarkeit von Digital- und Printmedium, sei es auf dem „grünen“, zeitversetzten Weg oder dem „goldenen“ unmittelbaren Weg der frei verfügbaren Direktveröffentlichung.

Als Hindernisse eines „konsequenten Open Access“ (Victor Wang) entpuppten sich im Fachaustausch aber nicht Hürden aus der Verlagswelt, sondern allen voran wissenschaftskulturelle Faktoren: Denn die Ursachen der stockenden Open-Access-Umsetzung sahen die Panelteilnehmer/innen in einem Bündel von Problemen aus Praxis und Wissenschaftskultur.

In der Praxis dürften, so argumentierte nicht nur Victor Wang, die Kosten von Open Access bei Einrichtung, Pflege und Nachhaltigkeit nicht in Vergessenheit geraten. Zudem, so hob die Historikerin BIRTE KOHTZ (Moskau) hervor, seien Sichtbarkeit und Auffindbarkeit digital publizierter Forschungsergebnisse nur selten über die herkömmlichen Wege gewährleistet. In der Konsequenz dessen stehe das wissenschaftskulturelle Problem der fast ausschließlichen Reputationszuweisung durch das gedruckte Medium. In den derzeitigen Bedingungen der Open-Access-Publikation einer Qualifikationsschrift biete sich dem wissenschaftlichen Nachwuchs nur ein engräumiges Profilierungsparkett. Die „Goldwährung“ Buch übertrumpfe daher das Byte in der wissenschaftlichen Vertrauenshaltung und Reputationskraft um Längen.

Diese Reputationsfrage erschien in der Diskussion als zweifacher Lackmustest für Open Access in der Geschichtswissenschaft: Einerseits offenbarte der Reputationsaspekt die vorherrschenden Mängel bei der Qualitätssicherung, Selektion und Auffindbarkeit von Open-Access-Publikationen. Hier fehle es noch an Standards und Ideen, wenn es beispielsweise um die Rezension von Werken gehe, die auf dem „goldenen“ Weg, also ausschließlich online, veröffentlicht wurden.

Andererseits macht das wissenschaftliche Wertsystem, welches Open-Access-Publikationen (noch) zu Karrierehemmnissen anstatt zu Karriereförderern stempelt, deutlich, dass keine prozessbeteiligte Institution – seien es Historiker(-Verband), Verlagswesen oder Forschungsförderung –, die Pflicht zu agieren von sich weisen kann. Auch die Wissenschaft dürfe hierbei nicht ihre Steuerungsfunktion außer Acht lassen: ACHIM LANDWEHR (Düsseldorf) zum Beispiel verwies auf die hohe Gefahr für Wissenschaftler/innen auf allen Sprossen der Karriereleiter, in eine Beschleunigungsspirale der Open-Access-Kultur zu geraten. Getrieben durch den Reiz der frühen Sichtbarkeit lasse man sich allzu rasch zum parallelen Bloggen, Twittern und Promovieren verführen.

Doch mindestens so schwierig wie die Steuerung dieser reputativ-psychologischen Herausforderungen auf Seiten der Wissenschaft scheint angesichts der Statements von Verlagsseite die Steuerung der neuen Vertriebswege. Man befinde sich „im Lernprozess“, betonte Victor Wang, der differenzierte Plädoyers zum Open Access darbot, die Strategiebildung aber noch weitgehend offen ließ. Immerhin konnte Johannes Fournier auf die „Infrastruktur für elektronische Publikationen und digitale Wissenschaftskommunikation“ (2015) der DFG[1] verweisen. Offen blieb daher, wie sich Verlage die Publikationsbedingungen und -preise, aber auch das Lektorat, das bei derzeitigen Printpublikationen zunehmend auf den (Reihen-)Herausgebern lastet, im Open Access der Zukunft vorstellen.

Angesichts dieser noch unfertigen Strategiebildung konnten die drei Wissenschaftler/innen auf dem Podium ihre Anforderungen an künftige Publikationsbedingungen umso deutlicher vortragen. In variierender Gewichtung legten sie dar, unter welchen Bedingungen Open-Access-Publikationen einen höheren Zulauf haben würden. Johannes Paulmann verwies mehrfach auf die notwendige Qualifikationssicherung durch Selektion und Peer-Review für Open-Access-Repositorien, die Einbindung von Online-Publikationen in das Rezensionswesen und die langfristige technische Verfügbarkeit und Anschlussfähigkeit der Daten. Birte Kohtz’ Hinweis auf das „Fehlen positiver Erfahrungen in der Auffindbarkeit von Open-Access-Publikationen“ konnte vor allem als Aufruf zur verstärkten Einbindung digitaler Wissensformate vom E-Journal bis zu wissenschaftlichen Blogs in Literaturdatenbanken und Bibliothekskataloge verstanden werden. Nur unter der Bedingung der Findbarkeit sei, so Kohtz, der karrierepolitische Makel aufzulösen, der Open Access noch anhänge.

Konsens fand desgleichen die Forderung, „Digitales digital zu denken“. Das neue Medium in seinen alten, print-basierten Bedingungen anzugehen und Open Access beispielsweise nur für die Digitalisierung von PDF-Dokumenten zu nutzen, sei inkonsequent. Die gelungenste Übersetzung dieses wenig spezifischen Mantras bot Johannes Fournier, der der Geschichtswissenschaft empfahl, in neuen Projekten „das Funktionale im Open Access zu nutzen“, um die freie Online-Publikation auch für Monografien oder Sammelbände attraktiv zu gestalten: die schnelle Zugänglichkeit, die Durchsuchbarkeit, das Distributionspotenzial in internationalen Netzwerken und die Vernetzung konkreter Inhalte mittels Verlinkungen. Ähnliches dürfte auch Wang gemeint haben, als er eine konsequente Umsetzung zur Erfolgsbedingung des Open Access erhob. Die Verlage selbst sah er angesichts des rückläufigen Printmarktes gefordert, neue Formate und Vertriebswege einzubringen.

Die Diskussionsrunde machte deutlich, dass sich die Praxis des Open Access in den letzten Jahren in der deutschen Geschichtswissenschaft zwar weniger verändert hat, die Diskussion über Open Access aber umso mehr. Die Podiumsgäste identifizierten die Schwierigkeiten der Umsetzung eines breiteren Open-Access-Angebots und deren Ursachen. Auf dieser Grundlage formulierten sie Bedingungen an eine wissenschaftsfähige Implementierung, die weniger von Schwärmerei einer hürdenfreien Wissenskultur im Internet als von kooperativer Sachlichkeit zwischen Praktikern, Verlagen und Förderinstitutionen geprägt sein sollte. Sowohl wissenschaftskulturell als auch verlegerisch seien noch längst nicht alle Hindernisse ausgeräumt oder gar erkannt. Doch machten die Wissenschaftsvertreter/innen unter Zustimmung von Johannes Fournier deutlich, dass kreative Lösungen auf dem Weg seien. Wichtig sei es dabei, an den Problemstellen Qualitätssicherung und Sichtbarkeit anzusetzen.

Bis also die Bücher – mit Johannes Paulmann gesprochen – online von den Ketten der Lizenzen befreit seien, an denen sie hingen „wie in einer mittelalterlichen Klosterbibliothek“, sei noch vieles zu tun und zu ändern. Man stimmte darin überein, dass Open Access „keine digitale Reproduktion der Verlagswelt“ (Achim Landwehr) sein könne. Wie aber die Alternative aussehen kann, ist zwischen der Geschichtswissenschaft und dem Verlagswesen in kreativen Projekten gegenüber den Förderinstitutionen noch abzustimmen.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Christine Bartlitz (Docupedia-Zeitgeschichte / Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam), Michael Kaiser (Max Weber Stiftung / Universität zu Köln)

Diskutanten: Johannes Fournier (Deutsche Forschungsgemeinschaft) / Achim Landwehr (Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf) / Birte Kohtz (Deutsches Historisches Institut Moskau) / Johannes Paulmann (Leibniz-Institut für Europäische Geschichte) / Victor Wang (Verlage Vandenhoeck & Ruprecht / Böhlau)

Anmerkung:
[1] Deutsche Forschungsgemeinschaft, Merkblatt Infrastruktur für elektronische Publikationen und digitale Wissenschaftskommunikation, DFG-Vordruck 12.11 – 09/15, 2015, online unter: http://www.dfg.de/formulare/12_11/12_11_de.pdf [letzter Zugriff: 28.09.18].

Zitation
Tagungsbericht: HT 2018: Open Access. Gespaltene Geschichtswissenschaft?, 25.09.2018 – 28.09.2018 Münster, in: H-Soz-Kult, 20.10.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7897>.
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Veröffentlicht am
20.10.2018
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