HT 2018: Gespaltener Einheitswille? Das Janusgesicht der Integrationsideologien in Deutschland und Italien im 19. Jahrhundert

Ort
Münster
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
25.09.2018 - 28.09.2018
Von
Anna Katharina Pieper, Leibniz-Institut für Europäische Geschichte, Mainz

Die italienischen und deutschen Nationalfeierlichkeiten zwischen 2011 und 2015 haben die problematische Persistenz nationaler Mythologien und teleologischer Meistererzählungen in der öffentlichen Debatte gezeigt, welche ihren Ursprung in den politischen Spaltungen vor und unmittelbar nach den „verspäteten“ Nationalstaatsgründungen in Italien und Deutschland haben. Diese Prozesse der gesellschaftlichen Spaltung und den Umgang mit rivalisierenden patriotischen Diskursen zu diskutieren sowie die Entstehung, Verbreitung und Durchsetzung moderner Integrationsideologien zu hinterfragen war das Ziel der von AMERIGO CARUSO (Padua / Saarbrücken) und JENS SPÄTH (Saarbrücken) organisierten Sektion. Vier Vorträge beleuchteten anhand konkreter historischer Fallbeispiele die Vielfalt politikmächtiger und konsensfähiger Rechtfertigungsnarrative und Kollektivsymbole der Staatsbildung in Italien und Deutschland. Es folgten zwei Kommentare und eine abschließende Diskussion unter Einbezug des Publikums.

Als erster Vortragender fragte EDOARDO TORTAROLO (Vercelli) nach integrativen Diskursen vor der gespaltenen Gesellschaft und der Bedeutung lokaler Identitäten für neue Gesellschaftsmodelle am Beispiel der aufgeklärten Reformmodelle in Italien und Deutschland vor 1789. Trotz zahlreicher dynastischer, diplomatischer, militärischer und literarisch-künstlerischer Beziehungen zwischen Deutschland und Italien, mahnte der Referent an, sei die Geschichtswissenschaft bislang ein historisches Paradigma schuldig geblieben, welches einen Blick auf europäische Zusammenhänge auf der Nord-Süd-Achse ermögliche. Weder der geografisch umstrittene europäische Raum noch etablierte „imperiale“ Konzepte eigneten sich als Rahmen einer deutsch-italienischen Parallelgeschichte in der Sattelzeit. Eine Lösung dieses Problems stelle eine Untersuchung deutsch-italienischer Transferprozesse aufklärerischer Reformkultur dar. Die Dekonstruktion des Aufklärungsbegriffes habe gezeigt, dass sogenannte „aufgeklärte“ Reformen zwar unterschiedlichen Visionen und damit keinem etablierten Paradigma entsprochen hätten, Transferprozesse zwischen Italien und Deutschland aber dennoch effektiv gewesen seien. So könne beispielsweise eine Untersuchung von Carlantonio Pilatis‘ (1733–1802) Bezugnahme auf die Schriften des deutschen Katholizismus und seiner Verwendung des ambivalenten Reformbegriffes italienisch-deutsche Interaktionsbereiche auf der europäischen Nord-Süd-Achse definieren, die auf die Bildung einer gemeinsamen, inhomogenen Reformkultur im vornapoleonischen Europa schließen ließen.[1]

Die Ambiguität nationalintegrativer Meistererzählungen verdeutlichte EVELINE BOUWERS (Mainz) in ihrem Vortrag über die Konstruktion eines „Nationalpantheons“ als Gegenstand und Austragungsort für den Kampf um Deutungshoheit und Zugehörigkeit in Deutschland und Italien vor 1848. Diese Konflikthaftigkeit sei bereits in den semantischen Unterschieden der Begriffe „Denkmal“ und „Monument“ sichtbar, begann die Vortragende. Während ersterer vergangenheitsorientiert gewesen sei, hätte im 18. Jahrhundert die Dualität des monumentum-Begriffes (gedenken und erziehen) an Bedeutung gewonnen und im öffentlichen Raum in Form des „Pantheons“ Verbreitung gefunden. Dieses habe „große“ Denker und Künstler würdigen und so seine Besucher zur Nachahmung auffordern sollen, hätte ab den 1780er-Jahren aber zunehmend der Festigung sozialer Kontrolle, kultureller Hegemonie und politischer Macht gedient, bei Dominanz teleologischer Meistererzählungen. In Deutschland und Italien habe man dabei auf keinen klar umrissenen nationalen Raum zurückgreifen können. Der venezianische Bildhauer Antonio Canova (1757–1822) habe im römischen Pantheon den Fokus auf das nord- und mittelitalienische Verständnis von Italianità gelegt und dabei Aspekte der italienischen Geschichte sowie die intranationalen Spannungen ausgeblendet, während der spätere bayerische König Ludwig I. (1786–1868) mit dem Bau der Walhalla nahe Regensburg eine geistlich-kulturelle Überwindung nationaler Spannungen herzustellen versucht habe, welche aber nicht anschlussfähig an die deutsche Nationalbewegung gewesen sei. Die Festlegung eines vermeintlichen „nationalen“ Kanons durch Canova und Ludwig I. habe in beiden Fällen die Umsetzung der nationalintegrativen Agenda verhindert. Jede Visualisierung einer Integrationsideologie sei folglich unzureichend, schloss Eveline Bouwers, und verdeutliche damit einmal mehr die Diskrepanz zwischen Historiografie, politischer agency und Öffentlichkeit.[2]

Ebenfalls mit kulturpolitischer Machtdemonstration in der Kunst befasste sich GABRIELE CLEMENS (Saarbrücken) in ihrem anschließenden Vortrag über deutsche und italienische Nationalgalerien und die übergeordnete Entwicklung der Kulturpolitik nach napoleonischem Vorbild in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Sammlungen des Louvre hätten bis 1789 Glanz und Gloria des Königs, danach die Grande Nation repräsentiert und so Paris, bestückt durch systematische Kunstraubaktionen, zur europäischen Kulturhauptstadt stilisiert. Dennoch seien sie ein elitärer Treffpunkt geblieben, welchen Napoleon geschickt für seinen Herrscherkult zu nutzen gewusst habe. Weitergewirkt habe das napoleonische Modell in Deutschland vor allem in jenen Staaten, die von den Umwälzungen im Zuge der Revolutionskriege profitierten. Sowohl Ludwig I. von Bayern (1786–1868), Wilhelm I. von Württemberg (1816–1864), als auch Friedrich Wilhelm III. von Preußen (1770–1840) hätten eine ehrgeizige Kulturpolitik in Form von Bauvorhaben und Gemäldesammlungen verfolgt, um mit anderen Regenten auf Augenhöhe agieren zu können. Ihre Projekte hätten gleichermaßen der Repräsentation ihrer selbst als auch des Vaterlandes gedient, wobei die Begriffe „Nation“ oder „Patria“ zwischen einzelstaatlicher Konnotation und Nationsidee oszillierten. In Italien hingegen, referierte Gabriele Clemens, habe nur Carlo Alberto von Piemont-Sardinien (1789–1849) die Staatsgalerie in Turin genutzt, um patriotische Einstellungen hervorzurufen. In den übrigen italienischen Staaten sei keine vergleichbare Kulturpolitik verfolgt worden, da – neben der Existenz einer Vielzahl reich bestückter Sammlungen in Rom, Neapel oder Florenz – kein Interesse an einer elitären Amalgampolitik bestanden habe.[3]

Minoritäre Integrationsideologien beleuchtete schließlich RUTH NATTERMANN (München) in ihrem Vortrag über die rechtliche und politische Lage von jüdischen Frauen in Italien und Deutschland. Die während der Phase der Nationalstaatsbildung entstehenden „vorgestellten Gemeinschaften“, welche verschiedene soziale Schichten, Klassen und Gruppen integrierten, hätten ihre Integrationskraft auch aus Praktiken der Abrenzung und der Exklusion gezogen, so die Referentin. Insbesondere in der Situation jüdischer Frauen, für die das gebrochene Gleichheitsversprechen der bürgerlichen Gesellschaften des 19. Jahrhunderts doppelt zum Tragen gekommen sei, verdeutliche Potential und Defizite der nationalen Integrationsideologien. Aufgrund der in Deutschland und Italien unterschiedlichen Rahmenbedingungen habe der „doppelte Außenseiterstatus“ jüdischer Frauen in beiden Ländern zu verschiedenen Identitätsentwürfen geführt. So sei der Prozess der Judenemanzipation in Italien, anders als in Deutschland, eng mit jenem der politischen Einheit verknüpft gewesen. Da jüdischen Frauen anders als jüdischen Männern die Gleichberechtigung als Staatsbürgerin versagt geblieben sei, habe die Beteiligung in der nationalen Frauenbewegung ihre wichtigste, wenn auch stark klassenabhängige Integrationsstrategie dargestellt, welche vor allem im Erziehungs- und Bildungsbereich Anwendung gefunden habe. Während deutsch-jüdische Protagonistinnen mehrheitlich den Integrationsprozess der jüdischen Minderheit in die Gesamtgesellschaft wesentlich geprägt und gleichzeitig zuhause als Hüterin religiöser Traditionen fungiert hätten, habe die starke Identifikation mit dem laizistischen Charakter des Risorgimento bei italienisch-jüdischen Frauen zu einer generellen Verweltlichung des Lebens geführt. Antisemitischen Anfeindungen seien die jüdisch-feministischen Initiativen in Italien begründet durch das Bild der „katholischen Nation“, in Deutschland auf Basis religiöser wie rassischer Vorurteile ausgesetzt gewesen. Dies verdeutliche, schlussfolgerte Ruth Nattermann, die innere Spaltung beider Gesellschaften und ihrer Formung nationaler Identität aufgrund von Exklusionsmechanismen.[4]

In ihrem folgenden Kommentar plädierte UTE PLANERT (Köln) dafür, weder den europäischen Bezugsrahmen für die historische Forschung, noch das 19. Jahrhundert als bloße Vorgeschichte jüngster Globalisierungstendenzen zu vernachlässigen. Gerade aktuelle nationalistische Strömungen und die Krise der europäischen Union würden die Notwendigkeit, das etablierte nationale Paradigma und die Ambivalenzen des 19. Jahrhunderts zu hinterfragen, verdeutlichen. So könne eine Ausdehnung von Edoardo Tortarolos Untersuchung deutsch-italienischer Reformkultur auf den europäischen Raum, die regionalspezifische Ausprägungen in den Mittelpunkt stelle, einen neuen Erklärungsansatz der napoleonischen Hegemonie bieten. Auch die Vorträge von Eveline Bouwers‘ und Gabriele Clemens setzen als Untersuchungen des 19. Jahrhunderts stärker an Fragen europäischen Transfers und der Differenzierung von Regionen an, ohne die Nationalbewegungen und den Nationalismus zu negieren. Dass dieser wiederum gleichermaßen Integrations- wie Exklusionsideologie sei und dabei die Intersektionalität von Geschlecht, Herkunft und Status eine weitere dauerhafte Aufgabe der Forschung bliebe, sei in Ruth Nattermanns Beitrag deutlich geworden.

Daran anschließend hob auch MARCO MERIGGI (Neapel) im zweiten Kommentar die Bedeutung der regionalen Ebene für das Verständnis des europäischen Nationalismus hervor, indem er die Frage stellte, inwieweit man das Konzept des „Staates“ und das holistische Projekt der „Nation“ überhaupt miteinander versöhnen könne. Die Vorträge hätten gezeigt, dass die regionale Dimension einen Erklärungsansatz biete, mit dem sich auch die Polaritäten, wie sie sich etwa in den Unterschieden der Kulturpolitik innerhalb Italiens und Deutschlands äußerten, miteinander konkurrierende Integrationsideologien und alternative Identitätsmodelle in den Blick nehmen ließen. Von der „klassischen“ nationalen Meistererzählung exkludierte Perspektiven, Regionen und Gruppen, wie etwa Süditalien oder jüdische Feministinnen, könnten durch das Erweitern und Durchbrechen des „nationalen“ Paradigmas in die „nationale“ bzw. europäische Geschichtsschreibung integriert werden.

Die hierfür noch zu definierenden Begrifflichkeiten und Kategorien der Geschichtswissenschaft und der Einfluss etablierter Paradigmen, beispielsweise des „säkularen“ Paradigmas, bildeten – neben inhaltlichen Fragen zu den jeweiligen Beiträgen – den Hauptgegenstand der abschließenden Diskussion. Hierbei wurde nochmals klar, wie aktuell eine europäische Nationalismus-Forschung aus (trans)regionaler Perspektive ist, wenn auch über wichtige Aspekte dieses Ansatzes noch kein Konsens herrscht. So sollte zwar bei der Untersuchung von Integrationsdiskursen primär die Frage nach Mitteln und Praktiken der Exklusion und Inklusion im Vordergrund stehen. Aber gerade bei der Annäherung an europäische Phänomene über den regionalen Zugriff wäre eine Reflektion der bislang verwendeten Begrifflichkeiten vonnöten, da diese häufig unbedacht aus anderen Sprachen übersetzt wurde, einem fremden Kontext entstammten oder in einem starken Spannungsverhältnis zu verwandten Begriffen standen, wie etwa Kirche, Religion und Konfession. Das „Janusgesicht der Integrationsideologien“ spiegelt sich somit gewissermaßen in den Ambivalenzen des weiten Forschungsfeldes und seiner Begrifflichkeiten wider. Dennoch ist es den Organisatoren gelungen, einen differenzierten Blick auf die konkurrierenden Integrationsideologien in Deutschland und Italien im 19. Jahrhundert einerseits, sowie auf das Potential und die Probleme der Nationalismusforschung anderserseits zu werfen. Die konkreten Fallbeispiele der Teilnehmerinnen und Teilnehmer leisteten hierzu einen produktiven Beitrag und lieferten damit – angesichts neuer nationalistischer Tendenzen und historischer Legitimationsstrategien demokratischer Staaten in Europa – wertvolle Anregungen für weiterführende Untersuchungen, Fragen und Diskussionen.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Amerigo Caruso (Padua / Saarbrücken) / Jens Späth (Saarbrücken)

Edoardo Tortarolo (Vercelli): Aufgeklärte Reformmodelle in Italien und Deutschland. Integrative Diskurse vor der gespaltenen Gesellschaft

Eveline G. Bouwers (Mainz): Die Konstruktion eines „Nationalpantheons“. Kampf und Konsens in der deutschen und italienischen Denkmallandschaft vor 1848

Gabriele B. Clemens (Saarbrücken): Nationale Kunst? Malerei und Museen in Deutschland und Italien in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

Ruth Nattermann (München): Frauen und Juden in zwei „vorgestellten Gemeinschaften“. Die rechtliche und politische Lage von „Minderheiten“ in der Phase der deutschen und italienischen Nationalstaatsbildung

Kommentare: Ute Planert (Köln) / Marco Meriggi (Neapel)

Anmerkungen:
[1] Edoardo Tortarolo, Diesseits und Jenseits der Alpen. Deutsche und italienische Kultur im 18. Jahrhundert, Leipzig 2011; Carlantonio Pilati, Di una riforma d'Italia, ossia dei mezzi di riformare i più cattivi costumi e le più perniciose leggi d'Italia, Villafranca 1767.
[2] Eveline G. Bouwers, Public Pantheons in Revolutionary Europe. Comparing Cultures of Remembrance, c. 1790–1840, Basingstoke: 2012.
[3] Gabriele Clemens, Händler, Sammler und Museen. Der europäische Kunstmarkt um 1900, in: Thomas Höpel / Hannes Siegrist (Hrsg.), Kunst, Politik und Gesellschaft in Europa seit dem 19. Jahrhundert, Stuttgart 2017, S. 89–98; Hannelore Putz, Die Leidenschaft des Königs. Ludwig I. und die Kunst, München 2014.
[4] Ruth Nattermann, Jüdinnen in der frühen italienischen Frauenbewegung, in: Gabriele B. Clemens/ Jens Späth (Hrsg.), 150 Jahre Risorgimento – geeintes Italien?, Trier 2014, S. 127–146; Benedict Anderson, Imagined Communities. Reflections on the Origin and Spread of Nationalism, London 1983; Marion Karplan, Jüdisches Bürgertum. Frau, Familie und Identität im Kaiserreich, Hamburg 1997; Ulrich Wyrwa, Gesellschaftliche Konfliktfelder und die Entstehung des Antisemitismus. Das Deutsche Kaiserreich und das Liberale Italien im Vergleich, Berlin 2016.

Zitation
Tagungsbericht: HT 2018: Gespaltener Einheitswille? Das Janusgesicht der Integrationsideologien in Deutschland und Italien im 19. Jahrhundert, 25.09.2018 – 28.09.2018 Münster, in: H-Soz-Kult, 20.10.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7903>.