Kaiser Wilhelm I. und Kaiserin Augusta - ein Monarchenpaar im Schatten Bismarcks

Ort
Friedrichsruh
Veranstalter
Otto-von-Bismarck-Stiftung, Friedrichsruh
Datum
21.09.2018
Von
Jan Markert, Universität Bamberg

Kaiser Wilhelm I. (1797-1888) und Kaiserin Augusta (1811-1980) fristen seit Langem in Historiographie und geschichtsinteressierter Öffentlichkeit eine Randexistenz – genauer gesagt stehen beide im Schatten des ‚Eisernen Kanzlers‘ Otto von Bismarck. Im Rahmen eines wissenschaftlichen Workshops lud die Otto-von-Bismarck-Stiftung vier Nachwuchshistorikerinnen und -historiker nach Friedrichsruh ein, ihre laufenden, beziehungsweise bereits abgeschlossenen Dissertationsprojekte vorzustellen, in denen diese die tradierte bismarckzentrische Sicht auf das Monarchenpaar zu revidieren versuchen.

Einführend ging ULRICH LAPPENKÜPER (Friedrichsruh) auf das Bild ein, das bis heute über das Kaiserpaar vorherrscht. Besonders Bismarck habe bereits zu Lebzeiten und schließlich posthum durch seine Memoiren entschieden dazu beigetragen, die populären Vorstellungen vom entscheidungsschwachen Wilhelm I., dem es nicht leicht gefallen sei, unter seinem Kanzler Kaiser zu sein, und der ‚Unterrockpolitikerin‘ Augusta, die stets gegen die Berliner Politik intrigiert haben soll, zu prägen. Diese eindimensionalen Darstellungen in Frage zu stellen gilt seit längerem als geschichtswissenschaftliches Desiderat.

Der erste Block des Workshops widmete sich Bismarcks ‚Todfeindin‘ Kaiserin Augusta. So ist es das Ziel des von SUSANNE BAUER (Trier) vorgestellten Dissertationsprojektes, die Korrespondenz an und von Augusta zu untersuchen. Die schätzungsweise 20.000 Briefe der Jahre 1817 bis 1890 sind auf etwa 60 Archive, Bibliotheken und Museen verteilt. Sie werden in einer Datenbank hinsichtlich Absender, Empfänger, Datum, Ort und Signatur erfasst und durch weitere Informationen ergänzt, darunter Sprache, Briefbeigaben, Versandhinweise sowie personenbezogene Angaben zu den Korrespondenzpartnern. Die erhobenen Daten werden anschließend quantitativ und in Auswahl auch qualitativ ausgewertet. Im Zentrum steht die Fragestellung, über welche Themen sich Augusta mit ihren über 350 verschiedenen Korrespondenzpartnern austauschte. Ein weiterer Fokus liegt auf der Briefpraxis Augustas: Untersucht werden Briefform, Versand, Organisation und Nachlass. Die Referentin thematisierte abschließend noch die Überlieferungslücken. Zwar zeugt der Nachlass Kaiserin Augustas von einer sehr dichten Überlieferung, wie es nur bei sehr wenigen Frauen des 19. Jahrhunderts der Fall ist, doch wurden zahlreiche Briefe bereits zu Lebzeiten bewusst vernichtet oder durch Kriegseinwirkungen posthum zerstört. Bauer fragt hier insbesondere nach dem Ausmaß und den Gründen für die bewusste Vernichtung von Briefen. Das Vorhaben möchte nicht nur einen Beitrag für die Briefforschung leisten, sondern auch die Person Augusta, die preußische Königin und deutsche Kaiserin, in den Blick nehmen. Im Rahmen des DFG-Projekts "Die Briefkommunikation der Kaiserin Augusta" wird das erarbeitete Briefverzeichnis mit sämtlichen brief- und personenbezogenen Metadaten 2020 in einem durchsuchbaren Onlineportal veröffentlicht.
Im Anschluss stellte CAROLINE GALM (Freiburg) ihr Dissertationsprojekt vor, das den Arbeitstitel ‚Augusta - "Visionärin ohne Macht"? Eine politische Biografie der ersten deutschen Kaiserin‘ trägt. Basis der Untersuchung sind vor allem die Briefwechsel Augustas mit ihrem Mann Wilhelm (I.), aber auch mit politischen Vertrauten wie beispielsweise Ludolf Camphausen, Alexander von Schleinitz oder Christian Bernhard von Watzdorf, mit politisch ähnlich denkenden Standesgenossen und -genossinnen wie Leopold von Belgien und Queen Victoria, sowie mit Familienangehörigen wie ihrem Bruder Carl Alexander von Sachsen-Weimar, ihrem Sohn Friedrich (III.) und dessen Frau Victoria, oder auch ihrem Schwiegersohn Friedrich von Baden. Ziel der Arbeit ist eine "exemplarische Positionierung der Monarchengattin innerhalb des politischen Machtgefüges", die darüber hinaus "Erkenntnisse zum Funktionieren monarchischer Politik im 19. Jahrhundert" verspreche. Im Zentrum steht deshalb die Frage nach Augustas politischer Bedeutung und Funktion, mithin also nach der politischen Rolle, die Augusta in der preußischen Monarchie einnahm. Um diese Rolle zu beleuchten, fragt Galm einerseits nach dem Nutzen der Monarchengattin für die Monarchie, nach äußeren strukturellen Gegebenheiten und in Tradition und Konvention wurzelnden Erwartungen an Augusta. Andererseits untersucht sie Augustas eigenes Verständnis ihrer Rolle, ihre Motivation, ihre Intentionen und individuellen politischen Handlungsspielräume, die Augusta zu nutzen verstand, um ihre politischen Ziele – entweder mit dem Monarchen, aber auch ohne beziehungsweise gegen ihn – durchzusetzen. Dabei geht es Galm vor allem auch darum, Augustas politisches Handeln nicht als Einzelfall und Ausnahme zu betrachten, sondern sie vielmehr in eine Traditionslinie weiblichen politischen Agierens einzureihen. So geht sie in ihrer Untersuchung davon aus, dass Frauen wie Augusta, also Gattinnen monarchisch regierender Männer, im 19. Jahrhundert zwar formal von politischen Entscheidungssphären ausgeschlossen waren, faktisch aber – wie in den Jahrhunderten zuvor – politische Akteurinnen blieben.

Im thematisch zweiten Block wurde Kaiser Wilhelm I. in den Mittelpunkt gestellt. JAN MARKERT (Bamberg) zeichnete anhand seines Dissertationsprojektes die politische Biographie Wilhelms I. in der Zeitspanne 1840 bis 1866 und den Einfluss nach, den der preußische Thronfolger, Regent und König auf die Transformation der Hohenzollernmonarchie zur monarchisch-konstitutionellen Führungsmacht Deutschlands und Mitteleuropas ausübte. Die vorherrschende bismarckzentrische Sicht auf Wilhelm I. führe dazu, diesen bis heute kaum als selbstständigen politischen Akteur mit eigenen Strategien, die Macht der preußischen Krone im Zeitalter der Revolutionen zu festigen und zu stärken, wahrzunehmen. Zahlreiche bisher kaum beachtete und neu erschlossene Quellen stellen dieses Bild jedoch in Frage. Die Zeit zwischen Vormärz und Reichsgründung nimmt innerhalb der politischen Biographie Wilhelms I. die Stellung einer "trial and error"-Phase ein, so Markert, während der er auf unterschiedliche Weise versuchte, auf die Regierungspolitik Einfluss zu nehmen oder diese gemäß seinen Vorstellungen eigenhändig zu gestalten. Die Ernennung Bismarcks, der sich der Referent als konkretem Beispiel in einer quellenkritischen Untersuchung des Babelsberger Gesprächs am 22. September 1862 von Neuem annäherte, stelle das letztendlich erfolgreiche Experiment dar, sich als Monarch aus den tagespolitischen Kontroversen, an denen das persönliche Regiment der ‚Neuen Ära‘ gescheitert war, zurückzuziehen - was jedoch keinesfalls einen Machtverzicht zugunsten Bismarcks darstellte. Mit diesem teilte Wilhelm I. vielmehr grundlegende politische Ziele: Die Stärkung des monarchischen Prinzips im konstitutionellen System und die Etablierung der preußischen Suprematie in Deutschland, die durch eine scharfe antiösterreichische Politik erreicht werden sollte. Seit den einschneidenden Revolutionserfahrungen 1848-50 hatte Wilhelm I. gerade das Legitimitäts- und machtpolitische Potential erkannt, welches die Deutsche Frage für die Hohenzollernmonarchie bot. Mit Bismarck gelang es dem König und späteren Kaiser diese Ziele nach 1862 erfolgreich umzusetzen. Eingehend diskutiert wurde die provokant formulierte These Markerts, dass man Bismarck in vielerlei Hinsicht als ‚Werkzeug‘ Wilhelms I. betrachten könne.

FREDERIK FRANK STERKENBURGH (Coventry) zeigte daraufhin, dass das Bild von Wilhelm I. als Verkörperung des ‚alten Preußens‘ teilweise ein kulturelles Konstrukt darstelle, welches unter anderem von Erich Marcks und Theodor Fontane verbreitet wurde. Gleichwohl habe Wilhelm I. selbst dieses Bild initiiert, indem er sich seit den 1850er-Jahren als Repräsentant der preußischen Militärmonarchie inszenierte. Somit verhielt sich Wilhelm I. als Mitglied jener politischen Generation von Monarchen, die im Zeitraum 1790-1815 geboren worden waren, und sich im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts als Verkörperung ihres Staates zeigten. Seine Thronbesteigung im Jahr 1861 sowie seine Langlebigkeit trugen dazu bei, dass diese partikularistische politische Praxis bis in die Zeit des deutschen Nationalstaates fortdauern konnte. Da Wilhelm I. ab Mitte der 1870er-Jahre sein borussianisches Herrschaftsverständnis zugunsten eines dynastischen Föderalismus zurückstellte, war dies, angesichts der komplexen monarchisch-politischen Struktur des Kaiserreiches, sogar vorteilhaft. Hierzu benutzte er inzidentelle zeremonielle Feiern, wie die Einweihung des Kölner Doms (1880) und des Niederwalddenkmals (1883), sein 25-jähriges Regierungsjubiläum als König von Preußen (1886) und seine 90. Geburtstagsfeier (1887), um dieses Verständnis der Bevölkerung zu vermitteln. Zwar zog Wilhelm I. sich Ende der 1870er-Jahren aus den Regierungsgeschäften zurück, doch schützte er nach wie vor seine Prärogative und nutzte öffentliche Auftritte, um sich im Zeitalter der Massengesellschaft und wachsenden Bürokratie als fürsorglicher Landesvater und aktiv regierender Monarch zu präsentieren. Mit diesen Perspektiven lässt sich das Bild von Wilhelm I. als widerwilligem, von Bismarck überherrschten deutschen Kaiser revidieren. Stattdessen, so Sterkenburgh, soll der erste deutsche Kaiser im Kontext der Verwandlung der monarchischen Herrschaft im Europa des 19. Jahrhunderts betrachtet werden.

Abschließend informierte BÄRBEL HOLTZ (Berlin) in einer Kurzpräsentation über das Projekt "Anpassungsstrategien der später mitteleuropäischen Monarchie am preußischen Beispiel (1786–1918)", das im Rahmen des Akademieprogramms der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften seit Januar 2017 tätig ist. Ausgehend von der These zur ‚Neuerfindung der Monarchie‘ im 19. Jahrhundert in europäischer und globaler Perspektive widmet sich das Editions- und Forschungsvorhaben dem Problem der Anpassung der Monarchie als spezifische politische Kultur an eine sich wandelnde Gesellschaft, um ihre wirksamen Integrationsleistungen, aber auch deren Grenzen offen zu legen. Zunächst geht es um höfische Strukturen und die monarchische Herrschaftspraxis in Preußen, sodann um die repräsentativen und politischen Dimensionen der monarchischen Herrschaft und deren Strategien auf den gesellschaftlichen Wandel. Das Vorhaben wird erstmals für ein europäisches Beispiel ein großes mehrbändiges Editionswerk schaffen, das ungedruckte Quellen zur Geschichte der Monarchie (1786 bis 1918) der internationalen und komparatistischen Forschung zur Verfügung stellen wird. Neben gedruckten Editionsbänden werden die Forschungsdaten in digital aufbereiteter Form der breiten interessierten Öffentlichkeit auch online präsentiert. Das von Wolfgang Neugebauer (Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften) und Monika Wienfort (Humboldt-Universität Berlin) beantragte Projekt hat eine Laufzeit von zwölf Jahren.

Als Fazit konnte von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern die Feststellung gewonnen werden, dass sich die bisherige historiographische Marginalisierung Kaiser Wilhelms I. und Kaiserin Augustas aus den Quellen und angesichts der breitgefächerten Fragestellung der modernen Monarchieforschung nicht mehr rechtfertigen lasse. Das Kaiserpaar als eigenständige politische Akteure des ‚langen 19. Jahrhunderts‘ aus dem Schatten Bismarcks zu befreien, stelle vielmehr eine seit langem überfällige Aufgabe der Forschung dar.

Konferenzübersicht:

Ulrich Lappenküper (Otto-von-Bismarck-Stiftung, Friedrichsruh): Einführung

Susanne Bauer (Universität Trier): Die Briefkommunikation der Kaiserin Augusta

Caroline Galm (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg): Augusta – "Visionärin ohne Macht"? Eine politische Biografie der ersten deutschen Kaiserin

Jan Markert (Otto-Friedrich-Universität Bamberg): "Wer Deutschland regieren will, der muß es sich erobern" - Die politische Entwicklung Wilhelms I. und sein Einfluss auf die Transformation der Hohenzollernmonarchie 1840-1866

Frederik Frank Sterkenburgh (University of Warwick, Coventry): Wilhelm I. und monarchische Herrschaft im deutschen Kaiserreich

Bärbel Holtz (Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften): Anpassungsstrategien der späten mitteleuropäischen Monarchie am preußischen Beispiel 1786-1918

Zitation
Tagungsbericht: Kaiser Wilhelm I. und Kaiserin Augusta - ein Monarchenpaar im Schatten Bismarcks, 21.09.2018 Friedrichsruh, in: H-Soz-Kult, 01.11.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7907>.
Redaktion
Veröffentlicht am
01.11.2018
Beiträger