HT 2018: „Bürgerkriege“ im Spätmittelalter: Frankreich, England, die burgundischen Niederlande, Katalonien und Neapel. Vergleichende Perspektiven

Ort
Münster
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
25.09.2018 - 28.09.2018
Von
Julia Bühner, Historisches Seminar, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

„Bürgerkrieg“ sei heutzutage ein geradezu inflationär gebrauchter Begriff, so NILS BOCK (Münster), der zusammen mit JESSIKA NOWAK (Basel) die Sektion zu „‘Bürgerkriege(n)’ im Spätmittelalter: Frankreich, England, die burgundischen Niederlande, Katalonien und Neapel. Vergleichende Perspektiven“ leitete. Im Mittelalter hingegen variierten die Begrifflichkeiten zur Beschreibung dieses Phänomens, das sich vor allem aus zwei Gründen nur sehr schwer fassen lasse. Während heute Staatsgrenzen definierten, ob es sich bei militärischen Auseinandersetzungen um Kriege zwischen Staaten (externe Konflikte) handele oder um Bürgerkriege (interne Konflikte), lasse sich diese Unterscheidung im Spätmittelalter so einfach nicht treffen. Darüber hinaus erschwere die Vielfalt interner Konfliktformen im Mittelalter die eindeutige Qualifizierung eines internen Konflikts als „Bürgerkrieg“: Man denke beispielsweise an die Fehdeführung, an Parteienkämpfe etwa zwischen Ghibellinen und Guelfen oder an gesellschaftliche Spaltungen – ein Thema, mit dem sich die Sektion von Martin Kintzinger beschäftigte. Überdies regte Nils Bock an, dass die Konsequenzen der in den Vorträgen behandelten Bürgerkriege in den Blick genommen werden sollten. Zentrale Eigenschaften eines „Bürgerkriegs“ seien der durchgängige Umschlag ins Gewalttätige und die Teilnahme von Bürgern, von Personen mit einem ähnlichen sozialen, politischen und rechtlichen Status, die mit der Gewalteskalation zu „tödlichen Feinden“ würden.

Dies versuchte zunächst ROXANE CHILÀ (Bordeaux) am Beispiel von Adelskonflikten in der italienischen Stadt Neapel zu verdeutlichen. Innerhalb der adeligen universitas Neapels entbrannte im 14. Jahrhundert ein Konflikt, der erst durch die Intervention der Königin Johanna I. und die Unterzeichnung eines Amnestievertrages im Jahr 1380 zu einem vorläufigen Ende gebracht werden konnte. Dort wurden die – vor allem um die Frage des wahren Adelsstatus – geführten Straßenkämpfe als tumultus bezeichnet. Mit der Infragestellung der Herrschaft der Königin aus dem Hause Anjou wurden die Kämpfe schließlich jedoch fortgesetzt.

In seinem Vortrag „Ungrateful daughters and unworthy mothers: political misogyny at the heart of civil wars in the Low Countries (13th-14th century)” interpretierte GILLES LECUPPRE (Louvain-la-Neuve) frauenfeindliche Propaganda und das sich demgegenüber durchsetzende maskuline, autochthone Herrscherbild als latente Ursache und Folge von Bürgerkriegen in den Regionen Flandern, Hennegau, Zeeland und Holland. An drei Beispielen – Johanna von Konstantinopel, Margarethe I. von Holland und Margarethe II. von Konstantinopel – versuchte Gilles Lecuppre zu zeigen, wie aus der Infragestellung weiblicher Herrschaftsmacht in den Jahren 1224 bis 1354 Bürgerkriege erwuchsen.

Den Abschnitt zu Johanna von Konstantinopel überschrieb der Vortragende mit „Joan of Constantinople and the ghost of her father“. Die Eltern der Gräfin von Flandern und Hennegau waren beide während des vierten Kreuzzugs umgekommen. Ein Hochstapler behauptete jedoch in späteren Jahren, er sei Graf Balduin, Johannas Vater, und erhob somit Anspruch auf die Macht in ihrem Reich. Im Falle Margarethes I. von Holland machte ihr ein tatsächlicher Blutsverwandter den Thron streitig. Ein Zwist zwischen Margarethe und ihrem Sohn Wilhelm stürzte sie in einen Bürgerkrieg. Margarethe II. von Konstantinopel hingegen verursachte durch ihre zwei Ehen und die daraus resultierende Legitimitätsfrage der Herrschaftsfolge den flämischen Erbfolgekrieg. Die Aufteilung der Grafschaften Flandern und Hennegau an ihre zwei Söhne Johann und Wilhelm führte zu einer – jedoch nur vorläufigen – Lösung des Konflikts.

In allen drei Beispielen, so folgerte der Vortragende, hätte die Einbeziehung der städtischen Bürgerschaft in die dynastischen Konflikte zu internen Kriegen geführt. Darüber hinaus verschärfte die Einbeziehung äußerer Mächte durch die kämpfenden Parteien die Intensität der militärischen Auseinandersetzungen. Die in diesem Zusammenhang entwickelten frauenfeindlichen Stereotypen, lassen sich, wie Gilles Lecuppre zum Ende seines Vortrags zeigte, im historiographischen Diskurs sogar bis ins 19. Jahrhundert weiterverfolgen.

Der Vortrag von Gilles Lecuppre führte zu einer angeregten Diskussion: Handelte es sich nicht eher um dynastische Konflikte als um Bürgerkriege? Denn nicht in allen vorgestellten Fällen wären Bürger in die militärischen Auseinandersetzungen involviert gewesen. Lag der Grund für die skizzierten internen Konflikte wirklich in der Infragestellung weiblicher Herrschaftsmacht oder war diese Infragestellung nicht eher nur diskursiver Natur? Die einseitige Auswahl kritischer, frauenfeindlicher Quellen hätte zu einem verqueren Gesamteindruck geführt, monierten die Diskutanten. Denn im Goldenen Zeitalter weiblicher Herrschaftsmacht habe es ebenso eine Fülle von Quellen gegeben, in denen die Herrschaft von Frauen legitimiert und verteidigt worden sei. Außerdem gebe es zum einen zahlreiche spätmittelalterliche Herrscherinnen, deren Macht nie in Zweifel gezogen worden sei. Zum anderen seien dynastische Kriege auch zwischen männlichen Thronprätendenten geführt worden, was ebenso wenig als eine grundsätzliche Infragestellung und Schwäche männlicher Herrschaft interpretiert werden dürfe.

Anhand der Rosenkriege in England (1455-1485) und des Konflikts zwischen Armagnacs und Bourguignons in Frankreich (1405-1435) während des Hundertjährigen Kriegs untersuchte ÉLODIE LECUPPRE-DESJARDIN (Lille) in ihrem Vortrag „French and English civil wars: a laboratory for political innovation in the 15th century?”, inwieweit Bürgerkriege Antriebskräfte für politische Neuerungen sein konnten. Obwohl Innovation im 15. Jahrhundert in der Theorie lediglich als Reform bzw. als Wiederbelebung einer idealen Vergangenheit verstanden worden sei, seien Neuerungen in der politischen Praxis dennoch möglich gewesen, was Élodie Lecuppre-Desjardin anhand von zahlreichen Beispielen illustrierte. Die Bürgerkriege hätten in England wie in Frankreich zu einer Vergrößerung der öffentlichen Sphäre geführt. Dies zeige sich an einem verstärkten Ausbau der Propagandamaschinerie wie an einer intensivierten Kommunikation mit der breiten Öffentlichkeit, die mithilfe von Bildmedien erreicht werden konnte. Zum einen hätten somit Stimmen des Protests erstmals Gehör finden können, zum anderen hätte diese Entwicklung zur Ausbildung einer manipulativen, politischen Rhetorik beigetragen. Darüber hinaus betonte die Vortragende den großen Einfluss, den die Bürgerkriege auf die Ideen politischer Denker – wie etwa Alain Chartier – hatten, in deren politischen Theorien Moralität zunehmend einem Tugendideal gewichen sei, der Idee einer Raison d’Etat.

Die Bürgerkriege hätten darüber hinaus die Effizienz von Gerichtsverfahren gesteigert, denn die latente Angst vor Komplotten und Verrat hätte zu einer Beschleunigung der Prozesse und zu rigorosen Verurteilungen geführt. Auch die im französischen Parlement im Jahr 1454 beschlossenen Reformen nannte die Vortragende als Indikator dafür, dass die Bürgerkriege in England und Frankreich Veränderungen politischer und rechtlicher Natur beschleunigt hätten, woran sich eine allgemeine „efficiency of creative disorders“ ablesen lasse.

Mit seinem Vortrag „Politische Repräsentation des Landes in Zeiten des Konflikts. Das Beispiel Kataloniens während des "Bürgerkriegs" (1462-1473)“ schlug STÉPHANE PÉQUIGNOT (Paris) eine Brücke zum aktuell hochbrisanten politischen Diskurs um die Unabhängigkeit Kataloniens. Aufgrund seiner Ambivalenz würde das von ihm ausgewählte historische Beispiel des Bürgerkriegs zwischen Katalanen und König Johann II. heute von Spanien und Katalonien politisch manipuliert. Insgesamt sei dieser Bürgerkrieg in der spanischen Geschichte in ganz unterschiedlicher Weise behandelt worden, von bewusstem Vergessen bis hin zur politischen Instrumentalisierung.

Das Fürstentum Katalonien als autonomes, politisches Subjekt mit besonderen Privilegien hatte sich bereits in den 1450er-Jahren zu einem Zankapfel entwickelt. Ohne Zustimmung des Königs richtete die katalanische Generalita einen neuen Rat ein, der den Auftrag hatte, den Königssohn aus der Inhaftierung zu befreien. Mit diesem Vorgehen traten die politischen „Grenzen des Möglichen“ des Fürstentums Katalonien hervor. Krieg brach aus, der, so der Vortragende, in der Historiographie unterschiedlich bewertet worden sei: Vom Aufstand der „katalanischen Furie“, von „Aufruhr“, von einer schließlich gescheiterten „Revolution“ und nicht zuletzt von einem „Bürgerkrieg“ war die Rede. Im Zuge des internen Konflikts kam es sogar zur politischen Spaltung, als der „einzige Abgeordnete“ Bernat Saportella eine zweite Generalitas einrichtete. Schließlich siegte König Johann II., was zu einem Verbot des Rates, Gebietsverlusten und einer wirtschaftlichen Schwächung Kataloniens führte. Mit der dadurch entstandenen Furcht vor der königlichen Macht konnte ein vorläufiger Frieden erreicht werden.

Erste Ergebnisse seines Forschungsprojekts, einer akteurszentrierten Untersuchung der diplomatischen Bemühungen des Grafen von Flandern und der Städte Gent und Brügge am englischen Königshof im Rahmen zweier intensiver Bürgerkriege (1379-1385 und 1487-1492) präsentierte MICHAEL DEPRETER (Oxford). Die Verhandlungen am englischen Hof, zwischen den Städten und dem englischen König auf der einen und den Fürsten und dem englischen König auf der anderen Seite, seien parallel geführt worden. Die auserwählten Gesandten der Städte, um Partizipation ringend, standen jedoch nicht auf gleicher Ebene mit den Fürsten und wurden deshalb am englischen Hof nicht auf dieselbe Weise in Empfang genommen. Im Ergebnis, so hielt Michael Depreter fest, wurden nur Übereinkommen erzielt, die den Handel zwischen dem englischen Königreich und den Grafschaften betroffen hätten. Dies spiegele die Tatsache, dass der englische König rein wirtschaftliche Interessen verfolgt habe. Aus den Verhandlungen sei er durch seine starke Position als Gewinner hervorgegangen.

Zusammenfassend verknüpfte Nils Bock die gewonnenen Erkenntnisse zu einem eindrücklichen Bild. An den Vorträgen hätte sich gezeigt, dass insbesondere die Einbeziehung äußerer Mächte in die internen Konflikte zu einer Verhärtung der Fronten geführt habe. Zugleich hätten die internen Konflikte damit das Potenzial für einen größeren Krieg in sich geborgen.

Bezüglich des Begriffs „Bürgerkrieg“ wurde festgestellt, dass dieser neben anderen, wie etwa „Tumult“ oder „Aufruhr“, auch in den zeitgenössischen Texten zu finden war. Die Begriffsvielfalt habe gezeigt, dass nicht nur heute, sondern auch in den historiographischen Quellen der Zeit und in späteren Jahrhunderten die Frage nach der Einordnung – handelte es sich noch um normale Konstellationen oder bereits um Eskalation und Entgrenzung? – und nach der Bezeichnung der kriegerischen Auseinandersetzungen strittig gewesen sei.

Wie gesellschaftliche Spaltungen brachten auch Bürgerkriege den Entscheidungszwang für die Zeitgenossen mit sich, einer Partei oder Gruppe anzugehören. Darüber hinaus war beiden Phänomenen gemein, dass sie Motor für gesellschaftliche Veränderungen sein konnten. Jessika Nowak unterstrich abschließend – unter Verweis auf die am gleichen Tag stattfindende Sektion „Bürgerkriegskultur. Bellum civile und politische Kommunikation in der späten römischen Republik“ –, wie wichtig es sei, den transepochalen Dialog weiterzuführen, um das Phänomen des „internen Kriegs“ weiter zu erhellen.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Nils Bock (Münster) / Jessika Nowak (Basel)

Roxane Chilà (Bordeaux): Continue seditiones et tumultus: strife among the Neapolitan nobility in the late Middle Ages

Gilles Lecuppre (Louvain-la-Neuve): Ungrateful daughters and unworthy mothers: political misogyny at the heart of civil wars in the Low Countries (13th-14th century)

Élodie Lecuppre-Desjardin (Lille): French and English civil wars: a laboratory for political innovation in the 15th century?

Stéphane Péquignot (Paris): Politische Repräsentation des Landes in Zeiten des Konflikts. Das Beispiel Kataloniens während des "Bürgerkriegs" (1462-1473)

Michael Depreter (Oxford): Zwischen Wettbewerb und Komplementarität: Städtische und fürstliche Diplomatie während des Bürgerkriegs in den burgundischen Niederlanden. Eine vergleichende Studie zwischen den 1380er und den 1480er Jahren

Zitation
Tagungsbericht: HT 2018: „Bürgerkriege“ im Spätmittelalter: Frankreich, England, die burgundischen Niederlande, Katalonien und Neapel. Vergleichende Perspektiven, 25.09.2018 – 28.09.2018 Münster, in: H-Soz-Kult, 03.12.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7974>.