Zwischen Karthago, Rom und Hippo Regius: Augustinus in der nordafrikanischen und der europäischen Tradition

Ort
Rom
Veranstalter
Anja Bettenworth, Universität Köln; Claudia Gronemann, Universität Mannheim
Datum
27.03.2019 - 30.03.2019
Von
Jutta Weiser, Romanisches Seminar, Abteilung Literatur- und Medienwissenschaft, Universität Mannheim

Ende März trafen im Römischen Institut der Görres-Gesellschaft am Campo Santo Teutonico (Vatikan) Forscherinnen und Forscher verschiedener Disziplinen aus Deutschland, Italien, Marokko, Algerien und Tunesien zusammen, um sich dem Leben und Nachwirken des heiligen Augustinus und seinen Erinnerungsorten in Rom und Nordafrika anzunähern. Die thematische Fokussierung der Tagung ging aus dem interdisziplinären DFG-Projekt „Augustinus-Darstellungen als Formen spätantiker und postkolonialer Wissensproduktion“ der Romanistin CLAUDIA GRONEMANN (Mannheim) und der Altphilologin ANJA BETTENWORTH (Köln) hervor. Im Fokus der Vorträge und Diskussionen standen die afrikanische Herkunft des Kirchenvaters und die damit zusammenhängende kulturelle Formung der biographischen Räume in der Spätantike, im Mittelalter und im heutigen Maghreb. Während der heilige Augustinus in der europäischen Tradition eine intensive Rezeption erfahren hat, ist die Erinnerung an ihn im heutigen Maghreb alles andere als selbstverständlich. Hierfür sind nicht nur religiöse Gründe anzuführen, sondern auch historische und kulturelle, die unter anderem mit der hegemonialen Aneignung der Figur des Augustinus durch das koloniale Regime verbunden sind.

Die Tagung wurde mit einem Grußwort des Gastgebers STEFAN HEID, Leiter des Römischen Instituts der Görres-Gesellschaft, eröffnet, der die innovative Thematik, die Vielfalt der vertretenen Disziplinen und den in mehreren Sprachen (Deutsch, Französisch und Italienisch) gepflegten Austausch hervorhob. Die Verknüpfung der Perspektiven von der Archäologie, der Alten Geschichte und der Zeitgeschichte, der Kirchengeschichte sowie der Klassischen und der Romanischen Philologie sei für die Erschließung der biographischen Räume des Augustinus ebenso notwendig wie für die Analyse der traditionellen und der aktuellen Erinnerungsorte.

Im ersten Vortrag ging der Althistoriker KONRAD VÖSSING (Bonn) den Beweggründen für Augustins Übersiedelung nach Hippo Regius nach, wo er Priester und später Bischof wurde. Ausgehend von den Selbstaussagen in Sermo 355, in dem bereits zwei Beweggründe genannt werden – zum einen die Gründung eines Klosters, zum anderen der Besuch eines Freundes – zeigte Vössing die Diskrepanzen zwischen den Selbstaussagen, der zeitgenössischen Biographie des Possidius und den modernen Deutungen auf. Der Neuanfang des 36-Jährigen in Hippo Regius stelle offenkundig einen Bruch mit seinem bisherigen Leben in Thagaste dar, was jedoch von Augustin selbst ebenso wenig wie von seinen Biographen erwähnt werde. Augenscheinlich habe Augustin nach dem Tod seines Sohnes Adeodatus einen Ort für einen Neuanfang gesucht und in Hippo dann jenes geistliche Amt erhalten, das ihm die Kirche in Thagaste nicht angeboten hatte. Die Deutung des Possidius, derzufolge Augustin eines Sonntags ganz unerwartet durch das Volk zum Priesteramt gedrängt wurde und in Tränen ausbrach, als Bischof Valerius ihn dann sofort zum Priester weihte, sei zwar in das historische Gedächtnis eingegangen, aber durch seine eigenen Aussagen nicht gedeckt und faktisch unplausibel. Der Vortrag spürte den unterschiedlichen Auslegungsmöglichkeiten nach.

Daran anschließend analysierte die Altphilologin THERESE FUHRER (München) die 399 und 401 in Karthago gehaltenen augustinischen Predigten, die im Allgemeinen als Belege für den nordafrikanischen Ikonoklasmus im Kampf der Christen gegen die Heiden gelten. Fuhrer hingegen veranschaulichte, dass der Kirchenlehrer gerade nicht zum Bildersturm aufrief, sondern auf die innere Einstellung der Christen einzuwirken verstand mit dem Ziel, die Herausbildung einer eigenen kulturellen Identität der nordafrikanischen Katholiken zu ermöglichen – und zwar in Abgrenzung zu Karthagos Paganismus einerseits und zur christlichen Hauptstadt Rom andererseits. Augustinus habe demzufolge vielmehr, so Fuhrer, zu einem „inneren Ikonoklasmus“ aufgerufen, insofern er nicht die Zerstörung von Statuen sondern eine grundlegende Veränderung im Denken anstrebte.

Der Kirchenhistoriker WINRICH LÖHR (Heidelberg) stellte die autobiographischen Aspekte der Confessiones ins Zentrum seines Vortrags und arbeitete dabei insbesondere die psychologische Komponente heraus. Mit dem Bekenntnis der eigenen Schwächen ebenso wie mit der Preisgabe persönlicher und intimer Details – etwa seine Geschlechtsreife betreffend oder auch das heimliche Weintrinken seiner Mutter und die häusliche Gewalt durch seinen Vater Patricius – sei es dem Rhetoriker Augustinus gelungen, seinen Text publikumswirksam zu gestalten und Identifikationsangebote für den Leser zu schaffen. Diese Strategie erweise sich insbesondere in Bezug auf das Konversionsereignis als relevant, insofern dem „authentischen Sprechen“ über die eigene Bekehrung Modellcharakter zugesprochen werden könne.

Der Altphilologe MORITZ KUHN (Köln) analysierte in seinem Vortrag die Vita Augustini (430) des Augustinus-Schülers Possidius von Calama unter dem Aspekt einer Verortung des Kirchenlehrers in Nordafrika. Possidius betone dabei sowohl die nordafrikanische Herkunft, als auch das nachhaltige Wirken seines Weggefährten und Lehrers im christlichen Afrika, das durch den Kampf der katholischen Kirche gegen verschiedene Häresien, insbesondere den in Nordafrika stark verbreiteten Donatismus, geprägt gewesen sei. Durch seine Position als Bischof von Hippo avancierte Augustinus zu einer wichtigen Leitfigur der nordafrikanischen katholischen Kirche und deren kultureller und religiöser Identität.

Im Anschluss daran veranschaulichte die Kirchenhistorikerin ELENA ZOCCA (Rom) das deutliche Nachwirken der Biographie des Possidius – und insbesondere seines Märtyrer-Modells – in historischen und hagiographischen Schriften der Vandalenzeit. Dabei rückte sie mit Vittore de Vitas Historia persecutionis Africanae Provinciae zunächst das wichtigste zeitgenössische Zeugnis der Vandalen-Invasion in den Fokus, das dem augustinisch-possidianischen Modell wichtige Impulse verdankt. Weiterhin widmete sich Zocca der Vita Fulgentii des Ferrandus von Karthago (‚Pseudo-Ferrandus‘), deren Affinitäten zur Vita Augustini bereits im Prolog deutlich würden, insofern auch Fulgentius an exponierter Stelle als „Africanae Ecclesiae doctor praedestinatus“ eingeführt werde. Da seine Biographie darüber hinaus einige Parallelen zu derjenigen Augustins aufweise, werde ersichtlich, dass der Text des Possidius hier offenkundig Pate gestanden habe.

Über die hagiographische Darstellung des Augustinus hinaus widmete sich die Tagung daran anschließend im zweiten thematischen Block den augustinischen Erinnerungsorten und ihrer jeweiligen kulturellen Prägungen. Dazu analysierte zunächst die Mediävistin ANNA ESPOSITO (Rom) die mittelalterlichen Kirchenbauten des Augustinerordens innerhalb der römischen Stadtarchitektur. Die Augustiner-Eremiten ließen sich im 14. Jahrhundert zunächst im Kloster Santa Maria del Popolo nieder, das zwar noch innerhalb der römischen Stadtmauern, aber an ihrem äußersten Rand in der Nähe des Stadttors Porta Flaminia liegt. Mit der Umsiedlung einiger Mönche in das nahe der Piazza Navona gelegene Kloster von San Trifone ließe sich eine Bewegung von der Peripherie ins Zentrum beobachten.

Der Vortrag der Archäologen STEFAN ARDELEANU (Heidelberg) und AMAR NOUARA (Annaba) stellte die im 19. Jahrhundert einsetzende archäologische Spurensuche an Augustins Wirkungsort Hippo Regius und deren zeitlichen Wandel innerhalb der letzten 150 Jahre vor. Dabei wurden in einer doppelten Bewegung sowohl die Monumente im antiken Stadtareal als auch die koloniale und postkoloniale Prägung ihrer jeweiligen Kommemoration untersucht. Der Vortrag zeigte die Wechselwirkung zwischen der archäologischen Augustinus-Rezeption und der Valorisierung seiner Wirkungsstätten als lieu de mémoire.

Im Anschluss daran untersuchte der Zeithistoriker HABIB KAZDAGHLI (Tunis) die nach der tunesischen Unabhängigkeit 1956 einsetzende Antikerezeption in Nordafrika und die damit einhergehende politische Indienstnahme des heiligen Augustinus. Diese habe sich als eine allmähliche Wiederaneignung von Figuren und Orten des kulturellen Gedächtnisses gestaltet, die während der Kolonialzeit durch die Orient-Okzident-Dichotomie verblasst seien. Kazdaghli zeigte diese Wiederaneignung exemplarisch am Personenkult des früheren tunesischen Staatspräsidenten Habib Bourguiba, der sich nicht mehr an kriegerischen Figuren wie Jugurtha orientierte, sondern als gemäßigten, volksverbundenen Machthaber in der Tradition des Augustinus inszenierte, mit dem er sich sogar gleichsetzte.

Der Beitrag von AHMED CHENIKI (Annaba), der aufgrund der aktuellen Lage im Land nur verlesen werden konnte, bot eine Bestandsaufnahme der Augustinus-Rezeption in der algerischen Literatur, im Theater und im Film der Gegenwart. Augustinus werde oftmals – so etwa bei Assia Djebar oder Abdelaziz Ferrah – im positiven Sinne als Berber und Zeitzeuge des spätantiken Nordafrika dargestellt, der als solcher eine entscheidende Rolle bei der historischen und kulturellen Identitätssuche Algeriens leiste. Andere Autoren, wie z.B. Mouloud Feraoun oder Jacques Derrida, adaptieren den autobiographischen Stil der Confessiones, der damit zu einem Schlüsseltext der modernen und postmodernen Selbstthematisierung avanciert sei.

Aus kulturwissenschaftlicher Perspektive analysierte KHALID ZEKRI (Meknès) die Rolle des Augustinus in der kolonialen und postkolonialen französischsprachigen Literatur: zum einen in der „écriture savante“, wobei Zekri dem kolonialen Blick auf den afrikanisch-lateinischen Augustinus bei Louis Bertrand die dekoloniale Lektüre des marokkanischen Autors Kebir Ammi gegenüberstellte; zum anderen die Strategien einer „cyber-écriture“, die auf eine Aneignung der Augustinus-Figur hinauslaufe. Eine ähnliche Aneignung sei schon bei Bertrand zu beobachten, der die Figur des Augustin für eine katholische und koloniale Propaganda instrumentalisiere, insofern er Algerien als Erweiterung der Kolonialmacht Frankreich begreife.

Die Erinnerungsorte des Augustinus fanden die Teilnehmer am gleichen Abend in kinematographischer Visualisierung wieder, als Habib Kazdaghli den aktuelle Augustinus-Film Augustin: fils de ses larmes (Algerien/Tunesien 2015) des ägyptischen Regisseurs Samir Seif präsentierte, der im Anschluss einem breiteren Publikum vorgeführt wurde. Nicht nur das Drehbuch, auch das Filmprojekt selbst geht zurück auf Imed Dabbour, einen ehemaligen Schüler Kazdaghlis.

Am letzten Konferenztag fand ein von Stefan Heid organisierter Ausflug nach Ostia Antica statt, der Ausgrabungsstätte in der antiken Hafenstadt, in der Augustins Mutter Monnica im Jahr 387 starb. Die Besichtigung bot den Teilnehmern einen Einblick in das alltägliche Leben im antiken Ostia, die Wohnverhältnisse, das römische Forum und das Theater.

Den Abschluss und Höhepunkt der Tagung bildete dann der öffentliche Festvortrag der beiden Organisatorinnen CLAUDIA GRONEMANN (Mannheim) und ANJA BETTENWORTH (Köln), der dem Publikum Einblicke in die moderne Augustinus-Rezeption in der maghrebinischen Literatur und damit in die Ergebnisse des gemeinsamen interdisziplinären Forschungsprojektes bot. Im Mittelpunkt stand dabei die veränderte Wahrnehmung des historischen Augustinus im Zuge der Kolonialisierung und der politischen Unabhängigkeit Nordafrikas. Wenn sich die heutige Literatur des Maghreb schwer tue mit der Wiedergewinnung des Nordafrikaners Augustin, so liege dies – wie die Romanistin Gronemann betonte – an der nachhaltigen Wirkmächtigkeit kolonialer Mythen, zu deren festem Bestand die Verortung Augustins in der Afrique latine gehöre, womit das antike Erbe eindeutig den Kolonisatoren zugeschrieben werde. In diesem Sinne werden etwa bei Louis Bertrand sowohl die nordafrikanischen Landschaften als auch die dortigen Ruinen und Inschriften zu „kolonialen Gedächtnisorten“. In dieser Perspektive ist der heilige Augustinus ein wichtiger Repräsentant der europäisch-lateinischen Kultur auf afrikanischem Gebiet, das allerdings nicht als fremd, sondern im Gegenteil als eigenes wahrgenommen wird. Als Beispiel für die postkoloniale Augustinus-Rezeption wurde darüber hinaus Abdelaziz Ferrahs Roman Moi, Saint Augustin. Aurègh, fils de Aferfan de Thagaste (2004) unter dem Gesichtspunkt des kulturellen Raumes analysiert.

Die Tagung konnte am Beispiel der textuellen Darstellung biographischer Orte und der Entstehung von Erinnerungsorten belegen, dass die mit Augustinus verbundenen Räume in religiöse und kulturelle Diskurse und dabei auch in jene des Eigenen und Fremden übersetzt werden. So ist im heutigen Maghreb eine Abgrenzung von kolonialen Mustern zu erkennen, die sich auch in den kulturellen Spannungen der im Umbruch befindlichen nordafrikanischen Gesellschaften zeigt und die es weiter zu erforschen gilt.

Konferenzübersicht:

Begrüßung

Stefan Heid (Görres-Gesellschaft, Rom), Anja Bettenwort (Universität Köln), Claudia Gronemann (Universität Mannheim)

Historische Perspektiven: Augustinus der Afrikaner

Konrad Vössing (Universität Bonn): Warum kam Augustinus nach Hippo Regius (391)? Selbstaussagen, Hagiographie und moderne Deutung

Therese Fuhrer (LMU München): Augustinus als Prediger in den nordafrikanischen Kirchen

Winrich Löhr (Universität Heidelberg): Die Confessiones Augustins – Ein autobiographisches Projekt in der Spätantike

Moritz Kuhn (Universität Köln): Der afrikanische Augustinus in der Vita Augustini des Possidius

Elena Zocca (La Sapienza, Rom): L’impatto della Vita Augustini e di Agostino sulla produzione letteraria di età vandalica: Temi martiriali e agiografici

Europäische und nordafrikanische Perspektiven: Augustinus und seine Erinnerungsorte

Anna Esposito (La Sapienza, Rom): Presenza degli Agostiniani nell’ambito urbanistico di Roma

Stefan Ardeleanu (Universitä Heidelberg) & Amar Nouara (Office National de Gestion et d’Exploitation des Biens Culturels Protégés, Annaba): Hippo Regius – Bouna – Bône – Annaba et la biographie d’un lieu de mémoire. La cité d’Augustin entre réalité archéologique et réception moderne

Habib Kazdaghli (Universität Tunis): La mémoire de Saint Augustin chez les hommes politiques tunisiens

Ahmed Cheniki (Universität Annaba): La présentation de Saint Augustin dans les littératures d’Afrique du Nord durant la période postcoloniale

Khalid Zekri (Universität Meknès): Lectures euro-maghrébines de Saint Augustin: de l’écriture savante à la cyber-écriture.

Öffentlicher Abendvortrag

Anja Bettenworth & Claudia Gronemann: Der Heilige Augustinus im modernen Maghreb: Kulturelle Erinnerung und literarische Rezeption

Zitation
Tagungsbericht: Zwischen Karthago, Rom und Hippo Regius: Augustinus in der nordafrikanischen und der europäischen Tradition, 27.03.2019 – 30.03.2019 Rom, in: H-Soz-Kult, 27.06.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8334>.