International Conference on the History of Cartography – Themenschwerpunkt „Maps and Water“

Ort
Amsterdam
Veranstalter
Bram Vannieuwenhuyze, Universiteit van Amsterdam; et al.
Datum
14.07.2019 - 19.07.2019
Von
Felix Schürmann, Forschungszentrum Gotha, Universität Erfurt; Frederic Theis / Florian Tüchert, Deutsches Schifffahrtsmuseum

Wie kartiert man eine bewegliche Fläche? Gezeitenkräfte, Verdunstung oder etwa Niederschlagsschwankungen verändern die Grenzen vieler Gewässer stetig. Auch versagen bewährte Techniken des Vermessens inmitten großer Wasserflächen an der Absenz fixer Örtlichkeiten. Zugleich haben Karten abseits der physischen Geographie und ihrer Herausforderungen häufig auch die Bedeutung der Meere als Projektionsflächen für Imaginationen und Phantasien reflektiert, gerade im Medienverbund mit Literatur, Malerei, Film oder jüngst in Computerspielen. Auf der diesjährigen International Conference on the History of Cartography bildete die besondere Stellung von Gewässern in der Geschichte von Karten und Kartographie eines von vier Schwerpunktthemen, das im Folgenden mit Blick auf die große Zahl der Präsentationen nur auszugsweise referiert wird.

Im Mittelalter repräsentierten europäische Karten Großflüsse meist weitaus schematischer und detailärmer als etwa Küstenverläufe. Am Beispiel italienischer Karten des Spätmittelalters argumentierte VICTORIA MORSE (Northfield, Minnesota), dass solchen vorgeographischen Flussdarstellungen gleichwohl eine bedeutende Funktion für die Ordnung religiöser, politischer und umweltbezogener Raumvorstellungen zukam. In der Zusammenschau mit Schriftquellen ermöglichen kartographische Flussdarstellungen durchaus Einsichten auch in die Alltagsgeschichte des Mittelalters, so Morse.

Als Zwischenform von Gewässer und Land eröffnen Moore mannigfaltige Optionen der kartographischen Darstellung. Im Fall der ostenglischen Moorlandschaft Fens erschien die früheste gedruckte Karte 1633 im Zusammenhang von Konflikten um die Trockenlegung des Gebiets. An ihr und der ihr zugrundeliegenden, bereits 15 Jahre zuvor angefertigten Skizze fächerte TOM HARPER (London) die Vielfalt der Funktionen auf, die unterschiedliche Akteure dem Medium Karte zugedachten: als visuelles Argument, als Repräsentationsform, als Planungsinstrument und als Werkzeug zur Meinungslenkung.

BRUNO ALMEIDA (Lissabon) thematisierte Aspekte kartenbezogener Wissenstransfers. Nach umfangreichen Vorarbeiten des portugiesischen Kosmographen Pedro Nunes hatte Edward Wright (1561–1615) in seiner Schrift Certaine Errors in Navigation (1599) das mathematische Prinzip der Mercator-Projektion erklärt, die im 17. Jahrhundert zum Standard von Seekarten avancierte. Darüber hinaus hatte Wright wiederkehrende Fehler in der Kartenkonstruktion seiner Zeit aufgezeigt. So waren Orte in höheren Breiten bezüglich ihrer Ost-West-Lage häufiger falsch eingetragen als solche in Äquatornähe. Auch strich Almeida die Rolle schriftlicher Quellen im navigationsbezogenen Wissenstransfer der Frühen Neuzeit heraus.

Nicht zuletzt aufgrund unterschiedlicher Projektionskonventionen entwickelten sich terrestrische Karten und Seekarten in voneinander weitgehend unabhängigen Darstellungstraditionen. Jedoch wurden Informationen aus spanischen und portugiesischen Seekarten im 16. und 17. Jahrhundert versuchsweise auch in terrestrische Karten übernommen. JOAQUIN ALVES GASPAR (Lissabon) erkannte die Ursache für die fundamentale Unvereinbarkeit der von Kosmographen und Geographen konstruierten terrestrischen Karten und der auf navigatorische Belange abgestellten Seekarten darin, dass letztere die kontinentalen Landmassen im Sinne frühneuzeitlicher Kriterien nicht akkurat wiedergaben, sondern sich in ihrem Aufbau aus den Navigationsmethoden der Zeit ableiteten.

An die von Alves Gaspar diskutierte Inkompatibilität der ptolemäischen Kartenkonstruktionsprinzipien mit den Erfordernissen der frühneuzeitlichen Seekartenproduktion knüpfte HENRIQUE LEITÃO (Lissabon) unmittelbar an. Die von Ptolemäus (ca. 100–160 n. Chr.) in seiner „Geographie“ skizzierten Projektions- und Konstruktionsprinzipien seien für Seekarten ungeeignet gewesen. Als die ptolemäische Weltkarte im 16. Jahrhundert eine starke Rezeption durch Portugiesen und Spanier erfuhr, hatten sich diese in ihre eigenen Kartenproduktionen gleichwohl weitgehend von den Prinzipien des antiken Vorbilds emanzipiert.

Neue Karten erstellten Niederländer und Portugiesen seit dem frühen 16. Jahrhundert von der Straße von Malakka, dem Schifffahrts-Nadelöhr beziehungsweise Verbindungsweg zwischen dem Indischen und dem Pazifischen Ozean. In der Folge führte die Konkurrenz im europäisch-ostasiatischen Gewürzhandel zu immer neuen und aufschlussreichen Karteneditionen. Während das Kartenbild der Cantino-Planisphäre (1502) noch auf arabische Quellen zurückging, erschien 1511 die erste auf eigene Beobachtung gestützte portugiesische Karte. BENJAMIN KHOO JUN QI (Leiden) arbeitete in seinem Vortrag die Rivalität von Seefahrern und Kaufleuten im ostasiatischen Warenstrom ebenso heraus wie die Konkurrenz der europäischen Kartenproduzenten.

Dem Pazifik – genauer: seinem nördlichen Grenzraum – widmete sich eine eigene Sektion. In der vergleichsweise späten Kartierung des Gebiets im 18. und 19. Jahrhundert wirkten Akteure aus verschiedenen Weltregionen zusammen und lernten vom Wissen, den Techniken und den Instrumenten der jeweils anderen. Ausgehend von zwei Karten aus den 1760er-Jahren diskutierte KATHERINE PARKER (La Jolla) zunächst die in Europa geführten Debatten über die Geographie des Nordpazifiks am Vorabend der Expeditionen von James Cook. Schon in jener Zeit prägten auch imperiale Rivalitäten die Suche nach der Nordwestpassage und die Kartierung der angrenzenden Gebiete. Während Parker den daraus resultierenden Unterschieden in kartographischen Repräsentationen von Küstenräumen wie Alaska viel Raum gab, blieb das Meer beziehungsweise der zeitgenössische Diskurs um seine Konzeption etwas blass.

Auch VASILII SHCHEPKIN (St. Petersburg) legte den Fokus stärker auf den terrestrischen denn auf den marinen Raum – namentlich auf die Kartierung der von Ainu bewohnten Gebiete auf Hokkaidō, Sachalin und den Kurilen durch Russland und Japan zwischen Mitte des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts. Wie Shchepkin zeigen konnte, durchwirkten konfligierende Gebietsansprüche der beiden Mächte nicht nur die Zielsetzungen, sondern auch die Methoden der in diesem Zusammenhang unternommenen Expeditionen.

In Japan öffnete sich das Tokugawa-Shōgunat Anfang des 19. Jahrhunderts gegenüber der physischen Geographie und ließ durch Inō Tadataka alle Küsten des Inselstaats erfassen. Am Beispiel der Vermessungsexpeditionen in die nördlichen Küstengebiete entwickelte EDWARD BOYLE (Fukuoka) die These, dass das neuartige Kartenwissen unter staatlichen Akteuren zu Verunsicherung führte, weil es alte Gewissheiten erschütterte. Der anfängliche Verzicht auf die Kartennutzung zur Machtentfaltung zeigt, so Boyle, dass Karten selbst keine Macht besitzen, sondern stets nur im Zusammenhang ihres Gebrauchs zu machtvollen Objekten werden – oder eben nicht.

Zur hydrographischen Vermessung und Kartierung der japanischen Küstengewässer arbeiteten Japan und Großbritannien in den 1860er- und 1870er-Jahren eng zusammen. YUTO ISHIBASHI (Tokyo) vertrat das Argument, dass diese Kooperation im beiderseitigen wirtschaftlichen und politischen Interesse lag. Auch vermochte sich die japanische Seite im Rahmen gemeinsamer Expeditionen europäische Kartierungstechniken anzueignen, während sich die Briten zu Wissen nicht nur über die Meere, sondern auch über das Land verhalfen. In der Diskussion darüber kam unter anderem die Anregung auf, auch einer möglichen Bedeutung von Spionage in kartographischen Kooperationen dieser Art nachzugehen.

Außerhalb der Nordpazifik-Sektion nahm eine weitere Präsentation zum 19. Jahrhundert das Seegebiet zwischen Island und Neufundland in den Blick, das in den 1820er- und 1830er-Jahren zum Schauplatz einer wirtschaftlichen Rivalität französischer und britischer Fischer avancierte. ISABELLE DELUMEAU (Brest) zeigte, wie offizielle Stellen dem Gesuch französischer Fischer nach Unterstützung entsprachen. Demnach dienten auf Island und in Neufundland errichtete Marinestationen als Basen für kooperative Messkampagnen der Fischer einerseits und Offizieren der Marine Nationale andererseits. So war bereits die erste, 1836 durch den Service Hydrographique et Oceanique de la Marine publizierte Karte des Seegebietes ganz auf die Bedürfnisse der Fischer eingestellt.

Eine weitere eigene Sektion fragte nach Genealogien meeresbezogenen Wissens und nahm dafür Karten aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert in den Blick. Ein besonderes Interesse galt der Verbindung zwischen der Rolle von Karten als Navigationsinstrumenten und ihrer Funktion zur Herstellung von Übersicht, die auch die Erzeugung von Globalitätsvorstellungen beinhaltete. Dafür nahm sich zunächst IRIS SCHRÖDER (Erfurt/Gotha) mit Herrmann Berghaus‘ Chart of the World eines Herzstücks des Verlags Justus Perthes an, die nach der Erstausgabe 1863 in vergleichsweise kurzen zeitlichen Abständen revidiert und ab 1871 mit Nebenkarten herausgegeben wurde. Die Meere erscheinen auf der Karte als Arena globaler Vernetzung, visualisiert unter anderem durch farbige Linien für Schiffsverkehrsrouten. Obschon die Karte in ihrer Akzentuierung des Meeresraums ein seinerzeit neuartiges Gegenmodell zu eurozentrischen Weltsichten entwarf, verschwieg sie manche maritimen Verflechtungen, so etwa im Indischen Ozean.

Am Beispiel dreier Übersichtskarten des Pazifiks aus den 1850er-Jahren diskutierte FELIX SCHÜRMANN (Erfurt/Gotha) die Beziehungen zwischen Praktiken auf und Imaginationen von dem Meeresraum. Die Grundlage für alle drei Karten wurde von „Lehnstuhl-Kartographen“ in Europa und den Vereinigten Staaten durch das Zusammentragen von Informationen von Seeleuten geschaffen. In ihrer Repräsentation des Meeresraums akzentuierten die Karten unterschiedliche Themen – Ressourcenausbeutung, imperiale Machtentfaltung und Verkehrsverdichtung –, die indes alle im Zusammenhang der Integration des Pazifiks in ein globales kapitalistisches Ordnungsgefüge standen.

Wie an Bord gewonnenes Wissen in die deutschen hydrographischen Institute gelangte und dort weiterverarbeitet wurde, diskutierte FREDERIC THEIS (Bremerhaven) unter anderem anhand der Berichtigungen, die regelmäßig in Karten eingefügt wurden. Da für die Vermessung relevanter Küstengebiete zu wenig Schiffe zur Verfügung standen, wurden für die Kartenerstellung Grundlagen aus anderen Ländern herangezogen – insbesondere aus Großbritannien –, um die größtmögliche Sicherheit der Schifffahrt zu gewährleisten.

Zusammen betrachtet zeigen diese und weitere Beiträge zum Themenschwerpunkt „Maps and Water“, dass die Kartographie von Meeren und anderen Gewässern über die Frühneuzeitforschung hinaus inzwischen auch in der Forschung zur neueren und neuesten Geschichte vermehrt als lohnendes Thema erachtet wird. In einem einwandfrei organisierten Rahmen verhalf die epochenübergreifende Ausrichtung zu Einsichten in die langzeitliche Entwicklung von Darstellungskonventionen der geographischen Kartographie der Meere und ihrer Vorformen – und in die Prägekraft transnationaler Beziehungen und Kooperationen auf diese. Eine Diskussion fiktiver Karten blieb indes aus und hätte wohl von einer Öffnung der Konferenz für Nachbardisziplinen wie die Literatur- und Medienwissenschaften profitiert. Den Brückenschlag vom Spezialgebiet der Kartographiegeschichte in allgemeinere Felder der Geschichtsforschung stellten viele Beiträge über Fragen der Wissens- und Wissenschaftsgeschichte her, manche auch über die Politische Geschichte und Imperialgeschichte. Sozial-, wirtschafts- oder etwa militärgeschichtliche Zugänge fanden demgegenüber kaum Anwendung. Auch Fragen nach der Bedeutung von Klasse, Race oder Geschlecht in der Produktion und dem Gebrauch von Karten kamen nur punktuell zur Sprache. Neben europäischen fanden vor allem asiatische Karten viel Aufmerksamkeit, wohingegen die Kartenproduktion in Afrika, Lateinamerika oder etwa Ozeanien auffallend unterrepräsentiert blieb. Gesprächsbedarf für weitere Foren besteht also durchaus.

Konferenzübersicht:[1]

Maps and Water 1

Bruno Almeida (Lisbon): Through his “Wright” Eyes: Analysing Nautical Chart Problems in the Sixteenth Century

Tom Harper (London): Additional Uses for Henricus Hondius’s Map of the English Fenland (1632)

Victoria Morse (Minnesota): Meanings of Rivers on Late Medieval Maps

Plenary session 1

Joaquim Alves Gaspar (Lisbon): Maps and Nautical Charts Historically: Two of a kind or Different Cartographic Paradigms?

Maps and Water 2

Ansari Taha (Adrar): Mapping Living Heritage: The Foggara of Adrar, Algeria

Weichung Cheng (Taipei): Sailing along the Riverbanks and Shores: Re-constructing the Visual Representation of a 17th-Century Dutch Itinerary Map of Taipei Basin

Linda Rui Feng (Toronto): Sources of the Yellow River on Ming Dynasty Maps: Hydrography, Cosmography, and Geographical Knowledge

Charlotta Forss (Oxford): From New Sweden to Pennsylvania: Early Modern Maps of the Delaware River

Special Session 2: Mapping the Northern Pacific: transnational knowledge, instruments, representations

Edward Boyle (Fukuoka): Knowledge, Security and “Cartographic Anxiety”: Creating and Utilising Cartographic Knowledge in Nineteenth-Century Japan

Katherine Parker (La Jolla): Looking Northward: A Comparative Analysis of two Maps Showing the North Pacific before Cook

Vasilii Shchepkin (St. Petersburg): Perception, Exploration, Representation and Mapping of Ainu Lands in Russia and Japan in 18th Century

Yuto Ishibashi (Shinjuku-ku): British Connections in the Early Japanese Hydrographic Surveying, c. 1860–1880

Maps and Water 3

Henrique Leitão (Lissabon): Ptolemaic Cartographic Prescription versus Nautical Charting: A Forgotten Sixteenth Century Scientific Debate

Benjamin Khoo Jun Qi (Oegstgeest): Navigation, Competition, Representation: Mapping the Straits of Melaka, 1502–1688

Isabelle Delumeau (Brest): Charting the North Atlantic Waters in the 19th Century: An Innovative Cooperation between Navy Officers and Fishermen

Poster Session

Göran Bäärnhielm (Stockholm): Transformation of a Chartbook – Piri Reis’ Sailing Handbook Reused for a Survey of Mediterranean Vegetation and Architecture

Maria Luisa Sturani (Torino) and Paola Pressenda (Torino): River Mapping in the Sabaudian States (16th–18th centuries): how to fix a Mobile Landscape Feature

Jiajing Zhang (Beijing): Yellow River Maps in Chinese Local Gazetteer

Sam An Sethykar: Cambodian Hydrography according to Pre-modern Western Maps: The Case of Tongle Sap Lake

Special Session 5: From the Captain’s Cabin to the Scientist’s Desk: Genealogies of Cartographic Knowledge about the Oceans, c.1850s–1940s

Iris Schröder (Erfurt/Gotha): Mapping Oceans in the Age of Connectivity: Herrmann Berghaus’ “Chart of the World” (1863–1924)

Felix Schürmann (Erfurt/Gotha): Forming Oceanic Space: Sailing, Mapping, and Imagining the Mid-nineteenth Century Pacific

Frederic Theis (Bremerhaven): From Sketches to Charts. Information Transfer between Navigators and the German Hydrographic Agencies in the 19th and early 20th Centuries

Miscellaneous

Silviu Anghel (New York City): “Between the River and the Water”. The Ethnographic Cartography of Dobroudja

Final Keynote

Günter Schilder (Amsterdam): Early Dutch Sailing across the World’s Oceans. A Chapter in Dutch Maritime Cartography

Anmerkung:
[1] Diese Übersicht beinhaltet die Konferenzbeiträge zum Themenschwerpunkt "Maps and Water"

Zitation
Tagungsbericht: International Conference on the History of Cartography – Themenschwerpunkt „Maps and Water“, 14.07.2019 – 19.07.2019 Amsterdam, in: H-Soz-Kult, 26.08.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8406>.