Kriegsverbrechen im 20. Jahrhundert: Intention oder Situation?

Ort
Münster
Veranstalter
Geschichtsort Villa ten Hompel mit Unterstützung der Landeszentrale für Politische Bildung NRW, Münster initiiert und organisiert von Christoph Spieker und Timm C. Richter
Datum
06.07.2005 - 07.07.2005
Von
Armin Owzar, Historisches Seminar, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Was ist die bestimmende Ursache für die Barbarisierung der Kriege des 20. Jahrhunderts? Wurde diese vorsätzlich herbeigeführt, waren die allenthalben zu konstatierenden Kriegsverbrechen bereits im Vorfeld intendiert? Oder ist nicht in jedem Krieg der Keim für Verbrechen angelegt? In welchem Verhältnis stehen situative und intentionale Aspekte bei der Entstehung von Kriegsverbrechen? So lautete die zentrale Frage der vom Geschichtsort Villa ten Hompel veranstalteten Tagung, die am 6. und 7. Juli 2005 in Münster stattfand, initiiert und organisiert von Christoph Spieker und Timm C. Richter (beide Münster), der mit einem luziden Eröffnungsvortrag in die Thematik einführte.

Die Validität der Fragestellung für die zahlreichen Kriege des 20. Jahrhunderts, auch die nach 1945 geführten, ist evident. Dementsprechend breit war der zeitliche und räumliche Rahmen des über H-Soz-u-Kult verbreiteten Call for Papers angelegt. Gleichwohl scheint das Forschungsinteresse weiterhin auf den deutschen Kriegsverbrechen zu liegen. Fast alle der insgesamt 20 Beiträge behandelten den Zweiten Weltkrieg (18), davon konzentrierten sich die meisten auf den osteuropäischen Raum (11); jeweils nur ein Vortrag widmete sich dem französischen, skandinavischen, griechischen und pazifischen Kriegsschauplatz. Nur drei Vorträge berücksichtigten auch den Ersten Weltkrieg. Und nur einer bezog die aktuelle Lage mit ein. Von anderen Kriegsschauplätzen, etwa vom Balkan, aus Vietnam oder Ruanda, wurde nichts berichtet.

Eingeteilt waren die Referate in insgesamt fünf Sektionen. In der ersten, von Peter Longerich (London) moderierten Sektion über die "Anatomie von Kriegsverbrechen" wurden von den ersten drei Referenten vor allem die situativen und eigendynamischen Aspekte von Kriegsverbrechen betont. In seinem Beitrag über völkerrechtswidriges Verhalten der Deutschen in Belgien während des Ersten Weltkrieges zeigte Jens Thiel (Berlin), wie mit der "Totalisierung des Krieges bestehende Hemmschwellen in der Kriegsführung und in der Behandlung der Zivilbevölkerung [...] so weit sanken, daß Völkerrechtsnormen zeitweilig außer Kraft" gesetzt wurden. Gegen den anfänglichen Widerstand aus Kreisen der Reichsleitung wie der deutschen Zivilbehörden in Belgien vermochte sich schließlich die von deutschen Industriellen unterstützte deutsche Heeresleitung unter Ludendorff und Hindenburg durchzusetzen. Zehntausende Belgier wurden zu Zwecken der Zwangsarbeit nach Deutschland respektive in die frontnahen Gebiete deportiert und in Arbeitslagern interniert. Ethische Argumente spielten bei den Besatzern keinerlei Rolle, übrigens – wie Thiel zeigte – auch nicht bei den Kritikern. Ausschlaggebend für die innerdeutsche Diskussion waren vielmehr kriegswirtschaftliche Motive auf der einen, völkerrechtliche, politische und pragmatische Bedenken auf der anderen Seite.

Natürlich besteht ein Unterschied zwischen Tätern, die moralisch indifferent sind, und solchen Tätern, die vorsätzlich handeln. Gerade letztere begegnen uns zuhauf im Zweiten Weltkrieg, und das nicht nur in den Reihen der SS. Am Beispiel der vorsätzlichen Ermordung des französischen Generals Maurice Mesny zeigte Sebastian Weitkamp (Osnabrück), wie reibungslos mitunter die verschiedenen Institutionen des Dritten Reiches kooperierten. Der direkte Urheber des Verbrechens war Hitler: der hatte Vergeltung gefordert für einen deutschen General, der laut Radio London im Oktober 1944 auf der Flucht erschossen worden war. In den folgenden Monaten kam es zu einer minutiösen Mordplanung, an der das Auswärtige Amt, verschiedene Stellen der Wehrmacht sowie das Reichssicherheitshauptamt beteiligt waren und die schließlich von der SS im Januar 1945 umgesetzt wurde. Weitkamp versuchte, das Polykratie-Modell auf dieses Ereignis anzuwenden – eine Interpretation, die in der anschließenden Diskussion zurecht auf Kritik stieß. Schließlich lag dem Verbrechen nicht nur ein mündlich erteilter Führerbefehl zugrunde; auch eine von Rivalitäten bestimmte Eigendynamik läßt sich nicht ausmachen. Im Gegenteil, alles verlief reibungslos. Ob es sich freilich dabei um einen repräsentativen oder doch nur um einen Einzelfall handelte, blieb letztlich offen.
Das spricht natürlich nicht grundsätzlich gegen die Einzelfallanalyse. Gerade mit ihr läßt sich studieren, wie zum Teil mehrere Faktoren das Handeln einer einzigen Person motivieren. So etwa in dem von Florian Dierl (Berlin) geschilderten Fall von Richard Sand, einem seit 1943 auf Kreta stationierten Kompanieführer, der im Rahmen des Partisanenkrieges auch unbewaffnete Gefangene exekutieren ließ. Der Referent schilderte ihn als Prototyp des "unauffälligen Täters" aus dem Beamtenmilieu: als ehrgeizigen Befehlsempfänger, der zwar über einen Handlungsspielraum verfügte, sich dabei aber stets bemüht zeigte, es seinen Vorgesetzten rechtzumachen.

Karrierismus machten auch Rüdiger Ritter (Bremen) und Alexander Neumann (Freiburg) in ihren Vorträgen über Litauen im Zweiten Weltkrieg als zentrale Motivation einiger Täter für den an Juden und Kommunisten begangenen Massenmord aus. Neumann lenkte den Blick vor allem auf die für den Auftakt des Holocaust in Litauen zentrale Tätergruppe: auf den Führungsnachwuchs der Sicherheitspolizei. Für diese in sozialer wie generationeller Hinsicht recht homogene Tätergruppe bedeutete die Sipo-Verwaltungsausbildung einen Karrieresprung. Für die Einbindung in die nationalsozialistische Vernichtungspolitik hatten die im Rahmen der Ausbildung angebotenen Lehrgänge eine besondere Bedeutung. Sie vermittelten den durchweg nach 1910 geborenen Teilnehmern "eine besondere Mischung aus Karriereangebot, ideologischer Schulung und organisatorischen Fähigkeiten". Sie transportieren somit "sowohl ideologische Überzeugungen als auch situativ nutzbare Kompetenzen", die im Kontext des Osteinsatzes verbrecherische Folgen zeitigen sollten.
Ohne die Bedeutung der NS-Ideologie in Frage zu stellen, zeigte Ritter, wie situative Aspekte eine Radikalisierung des Vernichtungsprozesses bewirkten. Zum einen führte der Streit zwischen verschiedenen NS-Karrieristen um Einfluß und Macht "zu noch größerer Grausamkeit, da die Rivalen ihre ‚Kompetenz' durch die Demonstration der Fähigkeit zu noch größerer Gewalt zu erweisen suchten". Zum anderen hatte die Übertragung der Initiative auf lokale Akteure eine weitere Dynamisierung zur Folge, nicht zuletzt weil es den deutschen Stellen "mit perfider Geschicklichkeit" gelang, den "freigesetzten Haß litauischer Mitglieder der Vernichtungseinheiten für die eigenen Zwecke nutzbar zu machen". Es handelte sich mithin um arbeitsteiligen Massenmord, um einen Massenmord, an dem sowohl litauische als auch deutsche Einheiten beteiligt waren, darunter auch Angehörige der Wehrmacht.

Die zweite, von Hans-Ulrich Thamer (Münster) moderierte Sektion widmete sich explizit dieser Tätergruppe. Auch bei den von der Wehrmacht begangenen Verbrechen trugen situative Aspekte zu einer Radikalisierung der langfristig geplanten Kriegsverbrechen bei. Das zeigte Felix Römer (Freiburg) in seinem Beitrag über die Durchführung des Kommissarbefehls. Der darin gefaßte intentionale Mordvorsatz "verband sich während des Feldzuges mit situativ generierten, gleichgerichteten Handlungsmotiven". So spielte auf deutscher Seite der (von der nationalsozialistischen Binnenpropaganda geschürte) Rachegedanke eine zentrale Rolle: verbittert über den hartnäckigen Widerstand der Sowjets, für den man in erster Linie die politischen Kommissare verantwortlich machte, wurden in der Wehrmacht die Erschießungen auch als Vergeltungsmaßnahme verstanden. Mithin mußte man, so Römer, kein fanatischer Nationalsozialist sein, um sich an der Ausführung des Mordbefehls zu beteiligen.

Die Referate von Gert Lübbers (Göttingen) und Christoph Rass (Aachen) beschäftigten sich mit zwei Themen, die bislang im Rahmen der Forschungen zum Vernichtungskrieg seltener aufgegriffen worden sind: der Ausplünderung der besetzten sowjetischen Gebiete sowie der Deportation und willentlich in Kauf genommenen Unterversorgung der sowjetischen Bevölkerung. Diese hatte, wie Rass in seinem Beitrag zeigte, ein Massensterben zur Folge. Allein bei der von der 9. Armee organisierten Verschleppung von Ozarichi im März 1944 kamen nach sowjetischen Angaben bis zu 9.000 Personen ums Leben. Nicht immer bestand im Vorfeld Einigkeit über die militärpolitischen Ziele. Das demonstrierte Lübbers in seinem Beitrag über die Genese der deutschen Wirtschaftsplanungen für das Unternehmen ‚Barbarossa'. "Ausnutzung oder Ausschlachtung?", so lauteten die beiden Positionen, die im Vorfeld zwischen Vertretern des Regimes und der Wehrmacht kontrovers diskutiert wurden. Welche Rolle spielte in diesem Zusammenhang das Wehrwirtschafts- und Rüstungsamt im Oberkommando der Wehrmacht unter Georg Thomas? Anders als Christian Gerlach, der den General als einen der "glühendsten Verfechter und Mitinitiatoren des Hungerplans" bezeichnet hat [1], betonte Lübbers die weitverbreitete Skepsis innerhalb der Wehrmacht. Die Gegensätze seien unüberbrückbar gewesen, so daß Thomas "eine Lösung des Konflikts nur noch durch die Entscheidung einer Instanz", der des Führers, erblickt habe.

In der dritten, von Alfons Kenkmann (Münster/Leipzig) geleiteten Sektion wurden weitere Tätergruppen in den Blick genommen. Dirk A. Riedel (Augsburg) widmete sich den 2.600 jugoslawischen Partisanen, die in Norwegen zur Zwangsarbeit eingesetzt wurden und von denen nur etwa 960 Gefangene überlebten. Geschont werden sollten nur die arbeitsfähigen Kräfte, die anderen wurden von der SS ermordet. Dabei waren vor allem ideologische Faktoren ausschlaggebend: die SS-Männer sahen sich verpflichtet, "an einer imaginären ‚Front' innerhalb der Lager den unangenehmen Vernichtungskampf" gegen die als "Banditen und Verbrecher" gebrandmarkten Partisanen auszutragen. Ideologische Motive spielten auch bei der von Andreas Mix (Berlin) untersuchten Gruppe eine zentrale Rolle: einer durchweg aus „Alten Kämpfern“ bestehenden Gruppe von SS- und Polizeiführern im Distrikt Warschau, die mit weitreichenden Kompetenzen ausgestattet war und der laut Mix bei der Entfesselung der Gewalt vor Ort im besetzten Osteuropa eine Schlüsselstellung zukam.

Stärker berücksichtigt wurden die situativen Aspekte in den drei folgenden Vorträgen, die sich mit nichtdeutschen Tätergruppen auseinandersetzten. In seinem Referat über die ukrainische Lokalverwaltung unter deutscher Besatzung (1941-1944) betonte Markus Eikel (Den Haag) die für die Deutschen unverzichtbare Mitarbeit der einheimischen Hilfsverwaltung und -polizei. Schließlich gab es im Unterschied zu anderen Besatzungsgebieten in Europa in den besetzten Gebieten der Sowjetunion "weder einheimische Kollaborationsregime noch eine einheimische Verwaltungsstruktur, die über die Regionalebene hinausging". Die dünne deutsche Personaldecke, so Eikel, "machte es für die Besatzungsbehörden vor Ort geradezu unerläßlich, sich weitgehend auf einheimische Kräfte zu stützen". Diese beteiligten sich nicht nur an zivilen lokalen Aufgaben, sondern auch an Maßnahmen, die im Zusammenhang der Judenvernichtung ergriffen wurden. Bei diesem arbeitsteiligen Vorgehen spielten auf Seiten der Okkupierten antisemitische und nationalistische Einstellungen eine gewisse Rolle. Aber auch materielle Motive lassen sich ausmachen: so bildeten die sogenannten Bußzahlungen der jüdischen Bevölkerung eine feste Einnahmequelle für die Gemeinden; und für die den Juden geraubten Häusern zeigten gerade ‚volksdeutsche' Kreise großes Interesse. Ohne die daraus resultierende Kooperation durch Teile der ukrainischen Bevölkerung wäre die Besatzung bei weitem nicht so schlagkräftig gewesen. Das war denn auch der ausschlaggebende Grund für die Deutschen, auf die Beihilfe der einheimischen Bevölkerung zu setzen.
Nicht selten wandte sich daher die Gewalt der Partisanen auch gegen die eigene Bevölkerung: gegen solche Personen, die mit den Deutschen kooperierten. Jene waren allerdings nicht die einzigen Opfer von Übergriffen, wie Alexander Brakel (Mainz) in seinem Beitrag über die Gewalt der sowjetischen Partisanen gegen die Zivilbevölkerung zeigte. Es traf auch "einfache Dorfbewohner, die sich keiner Zusammenarbeit mit den Deutschen schuldig gemacht hatten" - ein Phänomen, das Brakel zum einen auf die Disziplinlosigkeit zurückführte, die "in jeder Armee als Folge von Abstumpfung und Radikalisierung zu beobachten" sei. Situative Momente waren also auch hier von zentraler Bedeutung. Zum anderen erwies sich gewalttätiges Vorgehen bedingt als kriegsnotwendig. Schließlich waren die Partisanen zum Lebensmittelraub gezwungen. Nicht selten requirierten sie allerdings nach eigenem Gutdünken und über den Mindestbedarf hinaus, ohne auf die existentiellen Bedürfnisse der einheimischen Bevölkerung Rücksicht zu nehmen.

Abschließend behandelte Chungki Song (Bochum/Seoul) ein Thema, das (nicht nur) in der deutschen Forschung völlig unterbelichtet ist: die Rolle der koreanischen Kriegsverbrecher im Pazifikkrieg. Diese hatten sich an den Mißhandlungen alliierter Kriegsgefangener in Südostasien beteiligt. Insofern die Koreaner selbst von den Japanern mißhandelt und aus Personalnot in die Lager verschleppt worden waren, handelte es sich ihrerseits um Gewaltopfer. Das ändert freilich nichts an ihrer Rolle als "gewöhnliche Täter". Im Kontext der Tagung kam dem Vortrag insofern eine besondere Bedeutung zu, als er nicht nur nach den situativen Auswirkungen der sich zunehmend verschlechternden Kriegssituation fragte, sondern auch eine kulturanthropologische Perspektive einnahm, um die im Vergleich zu westeuropäischen Lagern überdurchschnittlich hohe Todesrate zu erklären. So maß Song den kulturellen Differenzen zwischen Ost und West große Bedeutung bei: sprachliche Barrieren hätten eine reibungslose Verständigung zwischen den westlichen Kriegsgefangenen und den fernöstlichen Wachmannschaften belastet; und manche Bewacher hätten ihre kulturellen Minderwertigkeitskomplexe durch Gewalt zu kompensieren versucht.

Nicht nur hier zeigte sich, welche große Bedeutung einer vergleichenden Geschichtswissenschaft zwecks Erklärung bestimmter Phänomene zukommt. So machte die vierte, von Wolfgang Jacobmeyer (Münster) moderierte Sektion den ‚Königsweg' der Geschichtswissenschaft, den historischen Vergleich, zum Ausgangspunkt der Referate. Zunächst hielt Klaus Jochen Arnold (Berlin) ein Plädoyer für den "Vergleich als grundlegendes Werkzeug zur Erforschung der Verbrechen von Wehrmachtseinheiten". Nur so lasse sich die "Bedeutung verschiedener Faktoren, von ‚Intention und Situation'" darstellen und abwägend gewichten. Folgende Vergleiche böten sich dabei an: 1. innerhalb der Wehrmacht, zwischen verschiedenen Einheiten oder Kriegsschauplätzen, 2. mit SS- und Polizeiformationen, 3. mit anderen Armeen im Zweiten Weltkrieg sowie 4. mit Armeen anderer Kriege.
Schon tags zuvor hatte Jörn Hasenclever (Berlin) am Beispiel der rückwärtigen Heeresgebiete in der Sowjetunion gezeigt, wie verschieden mitunter die Verhaltensweisen der verantwortlichen Befehlshaber der Wehrmacht waren. Denn auch wenn die sogenannten Berücks [Anm.d. Red.: Befehlshaber des rückwärtigen Heeresgebietes] mit ihren Verwaltungsanordnungen durchweg den administrativen Rahmen für den Ausschluß der jüdischen Bevölkerung aus dem öffentlichen Leben schufen und damit die Grundlage für die spätere systematische Vernichtung durch SS und Polizei legten: auf den Massenmord reagierten sie höchst unterschiedlich. Die einen unterstützten die Vernichtungsmaßnahmen (wie Max von Schenkendorff) oder duldeten sie (wie Karl von Roques), andere wiederum protestierten gegen das Vorgehen der SS- und Polizeiverbände (wie Franz von Roques). Wie groß war der Einfluß der individuellen Disposition auf das jeweilige Verhalten? Die Quellenlage dazu ist disparat. Aber zumindest für Schenckendorff konnte Hasenclever die ausschlaggebende Bedeutung des Antisemitismus und Antibolschewismus durch eine Auswertung seiner Tagebuchaufzeichnungen aus den Jahren 1914 bis 1919 nachweisen. Indes spielten, so Hasenclever, auch situative Faktoren, etwa die selbstgeschaffenen Zwänge und der Bewährungsdruck, der auf den Älteren lastete, eine große Rolle.

Einen Binnenvergleich zog auch Martin Cüppers (Berlin), und zwar zwischen zwei Kavallerieregimentern der SS, die im August 1941 in dem von der Deutschen eroberten weißrussischen Pripjetgebiet unter der dort lebenden jüdischen Zivilbevölkerung wüteten. Dabei gingen die beiden Einheiten recht unterschiedlich vor. Während die Reitende Abteilung des SS-Kavallerieregiments 1 unter dem Kommando von Gustav Lombard die gesamte jüdische Bevölkerung auslöschte, ermordete die weiter südlich operierende Reitende Abteilung des 2. Kavallerieregiments unter Franz Magill fast ausschließlich Juden männlichen Geschlechts, Kinder einbegriffen. Mit dem "linearen und einseitigen Verhältnis von bloßem Befehl und Gehorsam", so Cüppers, ist der "radikale Schritt hin zur ‚Endlösung' in der Sowjetunion", der sich hier erstmals deutlich abzeichnete, also nicht hinreichend zu erklären. Offensichtlich legten die Kommandeure die Instruktionen und Einsatzbefehle unterschiedlich aus. Als ausschlaggebend erwies sich auch hier die antisemitische Einstellung der Täter. Cüppers wörtlich: "Je radikaler Antisemitismus, nationalsozialistische Weltanschauung und die Bereitschaft, zivilisatorische Schranken durch persönliches Handeln niederzureißen, bei den einzelnen Kommandeuren vor Ort verankert waren, desto schärfer fielen die Interpretationen der Anweisungen und die Versuche zu deren Umsetzung aus."

Im Anschluß daran unternahm Frank Grelka (Berlin) in seinem Beitrag über den Befreiungskrieg als Beutezug in der Ukraine einen epochenübergreifenden Vergleich. Trotz aller Unterschiede zwischen Erstem und Zweitem Weltkrieg – verwiesen sei nur auf die singuläre Lebensraumpolitik der Nationalsozialisten – gab es auch parallele Entwicklungen, ja sogar Kontinuitäten zwischen beiden Ostfeldzügen. So habe sich die deutsche Politik in beiden Kriegen die ukrainisch-nationalen Strömungen zur Durchsetzung eigener Ziele nutzbar zu machen versucht. Und in beiden Fällen hätten sich die zur Kooperation bereiten Protagonisten ukrainischer Selbständigkeit von Illusionen über die deutschen Interessen leiten lassen.

In der letzten, von Thomas Vormbaum (Hagen) geleiteten Sektion wurden Kriegsverbrechen primär aus strafrechtlicher Perspektive, im Fokus von Recht und Justiz, untersucht. Daniel Marc Segesser (Bern) zeichnete die internationale Debatte zur Frage der Ahndung von Kriegsverbrechen zwischen 1919 und 1945 nach. Alexa Stiller (Hannover) beschäftigte sich mit der Ahndung der nationalsozialistischen ‚Volkstumspolitik' im Rahmen der Nürnberger Nachfolgeprozesse. Sie beschrieb, wie die Amerikaner die Vertreibungs- und Germanisierungsmaßnahmen unter Bezugnahme auf den neu festgeschriebenen Tatbestand "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" verfolgten, der gemeinsam mit dem ebenfalls neu festgeschriebenen Tatbestand "Verbrechen gegen den Frieden" einen ‚Quantensprung' in der Ahndung von Kriegsverbrechen darstellte. Kontrovers diskutiert wurden die Thesen, die Thomas Speckmann (Bonn) in seinem Referat über die nachlassende Unterscheidbarkeit von Kombattanten und Nonkombattanten in den sogenannten neuen Kriegen präsentierte. Kritische Fragen bezogen sich u.a. auf die problematischen Folgen einer Auflösung der klassischen Begrifflichkeit für das Völkerrecht.

Insgesamt handelte es sich um eine äußerst ergiebige Tagung: sämtliche Referenten berichteten von aktuellen Forschungsprojekten; und fast alle orientierten sich an der leitenden Fragestellung. Auf deren Relevanz nicht zuletzt für die Beschreibung aktueller Konflikte wurde dann noch einmal in der Abschlußdiskussion verwiesen. Dem inhaltlichen Ertrag entsprach die gelungene Organisation und Durchführung des Workshops. Die Villa ten Hompel, der zum Geschichtsort umgewandelte ehemalige Sitz des Befehlshabers der Ordnungspolizei in Münster, bildete dafür einen geradezu idealen Rahmen. Nicht nur wird sie ihrer Funktion als Forschungsstätte vollauf gerecht; auch als Ort der historisch-politischen Bildung stößt sie bei zahlreichen historisch interessierten Bürgern auf große Resonanz. Das zeigte sich nicht zuletzt bei dem öffentlichen, in das Rahmenprogramm der Konferenz eingefügten Abendvortrag Peter Longerichs über die Biographie Heinrich Himmlers.

Anmerkungen:
[1] Christian Gerlach, Deutsche Wirtschaftsinteressen, Besatzungspolitik und der Mord an den Juden in Weißrußland 1941-1943, in: Nationalsozialistische Vernichtungspolitik 1939-1945. Neue Forschungen und Kontroversen, hg. von Ulrich Herbert, Frankfurt am Main 1998, S. 163-291, hier S. 270.

Zitation
Tagungsbericht: Kriegsverbrechen im 20. Jahrhundert: Intention oder Situation?, 06.07.2005 – 07.07.2005 Münster, in: H-Soz-Kult, 03.10.2005, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-868>.
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03.10.2005
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