Soziale Folgen des Wandels der Arbeitswelt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Ort
München
Veranstalter
Graduiertenkolleg „Wandel der Arbeitswelt“
Datum
12.12.2019 - 14.12.2019
Von
Jacopo Ciammariconi, Fachbereich III Geschichte, Universität Trier

Im Dezember 2019 fand im Institut für Zeitgeschichte die Abschlusstagung des von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Graduiertenkollegs „Soziale Folgen des Wandels der Arbeitswelt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts" in München statt. Seit Dezember 2016 steht im Mittelpunkt des Graduiertenkollegs „Soziale Folgen des Wandels der Arbeitswelt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts" die Historisierung des Wandels der Arbeitswelt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und seiner sozialen Folgen. Die Tagung des Kollges wurde mit Grußworten sowie einer positiven Bilanz der Arbeit des Graduiertenkollegs von Jens Becker, Referent der Promotionsförderung der Hans-Böckler-Stiftung, und von Frank Bösch, Direktor des Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam, eröffnet.

Die Struktur der Tagung spiegelte konsequent die Schwerpunkte des Graduiertenkollegs wider. Die Reihenfolge der Sektionen drückt eine Rekonstruktion der Ereignisse der Industriearbeit im zwanzigsten Jahrhundert aus, die von der Analyse der Makroebene (die Analyse bestimmter Industriebereiche) ausging und dann in die Mesoebene überging, mit der Thematisierung verschiedener Formen sozialer Ungleichheiten bis hin zu den Überlegungen zum Strukturwandel der 1970er-Jahre und seinen Folgen. Eine besondere Relevanz hatte die Dimension der Analyse von Akteursgruppen sowie ihrer Wahrnehmung von Transformationen und ihren Gestaltungsstrategien, die insbesondere im Mittelpunkt der letzten drei Sektionen stand.

Die erste Sektion der Tagung bot eine akteurszentrierte Perspektive, die den Wandel der deutschen Arbeitswelt in bestimmten Industriebranchen analysierte. In seinem Beitrag hat TORBEN MÖBIUS (Bielefeld) aus einer vergleichenden Perspektive die Konkurrenzpraxis der deutschen und US-amerikanischen Eisen- und Stahlindustrie (1870er- bis 1930er-Jahre) analysiert. Aus praxeologischer und akteurszentrierter Perspektive thematisierte er, wie nationale Produktionsideologien innerhalb des untersuchten Zeitraums hergestellt werden und sich in der Dynamik des Wettbewerbs auf dem Weltmarkt gegenseitig beeinflussen. Möbius zeigte, wie die deutsche Stahlindustrie in der Kommunikations- und Werbestrategie gezielt auf das Vorbild der amerikanischen Konkurrenz zurückgegriffen hat. Auch beim Beitrag von MALTE MÜLLER (München) stand die Stahlindustrie im Mittelpunkt. Müller hat sich mit dem Wandel der Arbeit und der Arbeitspraktiken in der Stahlindustrie des Ruhrgebiets (1960er- bis 1980er-Jahre) aus praxeologisch-mikrohistorischer Perspektive beschäftigt. Müller erfasste die Entwicklung der Stahlindustrie in ihrer zweischneidigen Natur: die Transformationen, die Automatisierung und die technologischen Innovationen in den 1970er-Jahren brachten einerseits eine deutliche Verbesserung der Arbeitsbedingungen mit sich, andererseits gingen sie mit einem starken Rückgang der Beschäftigtenzahl einher.

Mit technischen Innovationen und der Anwendung der Mikroelektronik auf den Produktionsprozess beschäftigte sich auch MORITZ MÜLLER (Bochum). Die zwei zentralen Forschungsfragen des Beitrags waren die Positionierung der IG Metall in Bezug auf die neuen mikroelektronischen Technologien und deren Versuche den Wandel zu gestalten. Nach einer ersten, für die Gewerkschaften defensiven Phase des Programms zur Humanisierung des Arbeitslebens (HdA) stellten laut Müller die Gestaltungsprojekte des IG Metall-Vorstands (1979-1992) den Versuch „eine(r) kopernikanische(n) Wende“ dar, auf die Transformationen nicht nur zu reagieren, sondern sie zu gestalten. Laut Müller bewegen sich die aktuellen Projekte der IG Metall in die gleiche Richtung wie die der 1970/80er-Jahre, jedoch ohne expliziten Bezug zu diesen.

Der zweite Tag wurde mit einem Panel eröffnet, das den Schwerpunkt auf die Mesoebene und das Thema „Strukturwandel der Arbeitswelt(en)“ verlagerte. In den 1970er-Jahren der Strukturwandel brachte mit sich nicht nur eine Transformation der produktiven Landschaft sondern auch eine Reihe an gewerkschaftlichen Strategien sowie neuen Begriffen und Diskursen mit sich. Die zweite Sektion wurde von MARIO BOCCIA (München) am Beispiel einer empirischen Analyse der Betriebsebene von BMW in München eröffnet. Am Ende seines Beitrags argumentierte er, dass nicht von einem „Ende des Fordismus“ am Anfang der 1970er-Jahre, sondern von einem Bruch des „fordistischen Konsenses“ im Betrieb zu sprechen sei. Die Analyse von Boccia betraf zwei Ebenen: erstens die Ebene der Strategien und Handlungsfelder des Unternehmens in Bezug auf die Dynamik des Automobilmarktes und zweitens die Ebene der Akteure auf der Arbeitnehmerseite – zu diesen gehörten der von der IG Metall dominierte Betriebsrat von BMW und die politischen Kräfte der Neuen Linken, wie die italienische operaistische Gruppe „Lotta Continua“, die sowohl die Gewerkschaft als auch das fordistische Fabrikmodell kritisierte. Auf beiden Seiten des Arbeitsverhältnisses bei Boccia werden die Prozesse beleuchtet, die den „fordistischen Konsens“ bei BMW ausgehöhlt haben. Der Strukturwandel ist auch mit dem kognitiven und epistemologischen Wandel, allgemeiner, mit der Art und Weise verbunden, wie die soziale Realität verstanden wird. JAN KELLERSOHN (Bochum) bot dazu eine interessante Perspektive mit einem Forschungsvorschlag für eine „Geschichte des Verhältnisses von Arbeit und Wissen“ an. Kellersohn schlug eine Neudefinition des Begriffs „Wissenspolitik“ als konzeptionelles Werkzeug zur historischen Analyse von Wissen vor. Von besonderem heuristischem Interesse ist seine Definition des Strukturwandels als „gesellschaftliches Wahrnehmungs- und Aushandlungsmuster“ und „epistemischer Apparat“. Der Begriff „Wissen“ ist aber auch mit der Dimension der sozialen Ungleichheit verbunden, wie SINDY DUONG (Berlin) in ihrem Vortrag zeigte. Sie beschäftigte sich mit einem noch nicht tiefergehend untersuchten Thema: die akademische Arbeitslosigkeit in Deutschland zwischen 1967 und 1990. Das Thema ist von großem Interesse, weil es mit einer der Hauptdynamiken der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verbunden ist, nämlich der Ausweitung der Bildung und der wachsenden Bedeutung von Wissen und Ausbildung in der Arbeitswelt. Von großer Relevanz ist auch ihre Forschungsperspektive. Sie thematisierte wie trotz der Produktion und Zirkulation von Wissen über das Thema akademische Arbeitslosigkeit zwar eine Debatte entstand bzw. ein politisches Handlungsfeld geschaffen wurde, jedoch daraus entstand keine Bewegung arbeitsloser AkademikerInnen.

Das Thema von Duong stimmte besonders mit dem Thema der zweiten Sektion überein, nämlich den Formen der Strukturierung sozialer Ungleichheiten. Unter ihnen gehören Arbeitslosigkeit und Armut sicherlich zu den wichtigsten. Die Beziehung zwischen den deutschen Gewerkschaften und den Arbeitslosen war jedoch weder linear noch offensichtlich, wie der Bericht von KATHARINA TÄUFERT (Bochum) hervorhob. Die Beziehung zur Welt der Arbeitslosen war für die Gewerkschaft (DGB) keineswegs selbstverständlich. Die Herausforderung war sowohl strategisch als auch organisatorisch. Täufert unterteilte die Aktion des DGB zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit in drei Phasen: eine „Findungsphase“ in den 1970er-Jahren, eine „Kampfphase“ in den 1980er-Jahren und schließlich eine „Überforderungsphase“ in den 1990er-Jahren. Ihre abschließende Meinung ist, dass der Kampf für die Umverteilung der Arbeitszeit als Instrument gegen die Arbeitslosigkeit sehr stark auf ein Handlungsmodell ausgerichtet war, das mit der Vollbeschäftigung verbunden war. Die komplexe Beziehung zwischen der Gewerkschaft und den AkteurInnen in der Arbeitswelt mit spezifischen Ansprüchen und Bedürfnissen wurde auch von MANDY STALDER-THON (Bochum) in der fünften Sektion aus der Perspektive der Genderforschung behandelt. Im Mittelpunkt stand die Beziehung zwischen der Neuen Frauenbewegung und der Gewerkschaft. Ihr Schwerpunkt liegt auf dem DGB und der Verkehrsgewerkschaft ÖTV. Stalder-Thon ging von einer allgemeinen Auslegungsfrage über den Einfluss und die Beziehungen zwischen institutionellen Organisationen und sozialen Bewegungen aus; in Bezug auf die Beziehung zwischen der Gewerkschaft und der Neuen Frauenbewegung zeigte sich, wie schwierig und konfliktreich sie war. Ein von Stalder-Thon unterstrichener Aspekt war das Verhältnis zwischen der Neuen Frauenbewegung und den DGB-Gewerkschafterinnen: Über den Gender-Aspekt hinaus war die Beziehung zwischen den zwei Gruppen nicht einfach. Dies ist ein empirisch interessantes Beispiel, um die Beziehungen zwischen institutionellen Akteuren und sozialen Bewegungen sowie ihre gegenseitige Beeinflussung zu reflektieren.

Soziale Ungleichheiten hängen mit Formen der Verteilung des Reichtums in der Gesellschaft zusammen. RONNY GRUNDIG (Potsdam) schlug aus zeithistorischer Perspektive eine Reflexion über eine dieser Formen vor, nämlich die Weitergabe des patrimonialen Erbes sowie seine Rolle bei der Entstehung und Reproduktion sozialer Ungleichheiten. Anhand des Vergleichs zwischen Deutschland und Großbritannien analysierte Grundig die unterschiedlichen Vorstellungen von Familie und Eigentum, die konkrete Erbschaftspolitik und -praxis und deren Zusammenhang mit sozialen Ungleichheiten. Grundig möchte damit einen Beitrag sowohl zur Familiengeschichte als auch zur Geschichte der sozialen Ungleichheiten leisten.

Neben der Gewerkschaft waren, entsprechend den Richtlinien des Graduiertenkollegs, auch andere AkteurInnen der Arbeitswelt in den Themen der Tagung präsent, wie z.B. die Rolle und der Zustand der Frauen in der Arbeitswelt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Den roten Faden bildete die Funktion der Arbeitswelten als Produzent von nicht nur sozialen, sondern auch geschlechtsspezifischen Ungleichheiten. JESSICA ELSNER (Potsdam) analysierte Formen sozialer Ungleichheit in der DDR auf der Ebene der betrieblichen Arbeitsverhältnisse, speziell im Automobilwerk Eisenach (AWE). Im Fokus ihrer Analyse standen insbesondere zwei Formen der Ungleichheit: die geschlechtsspezifische und die ethnische; beide wurden im Bezug zu der Dimension der (Selbst)Wahrnehmung sozialer Ungleichheiten thematisiert. Insbesondere Frauen nahmen sich selbst als Verliererinnen vor und nach dem Einigungsprozess wahr. Der Schwerpunkt von HENRIKE VOIGTLÄNDER (Potsdam) lag auf der Dimension von Geschlecht und Sexualität in der alltäglichen Interaktion, die mit den geschlechtsspezifischen oder sexualisierten Praktiken in DDR-Betrieben verknüpft war. Ihre Reflexion beginnt mit einer Definition von „Arbeit“, die sie als Dimension an sich, als sexuell und vom Geschlecht geprägt, versteht. Die konkret vorgestellten Beispiele werden in ihrer Dimension der Strukturierung von Geschlechtsidentitäten, in diesem Fall der Männlichkeit, und den Kräfteverhältnissen zwischen ihnen, anhand östdeutscher Unternehmen analysiert, die Bestandteil von etwas waren, das Voigtländer als „eine- hegemoniale (hetero) sexuelle Arbeitskultur“ definiert. Die geschlechtsspezifische Ungleichheit stand im Mittelpunkt der Beschreibung der Arbeitswelten der Verkäuferinnen von MANUELA RIENKS (München). Ihre Forschung konzentriert sich auf die Geschäftspraktiken der Mitarbeiterinnen mittels der Analysekriterien Arbeitsraum und -zeit. Insbesondere am Beispiel von Firmen aus dem Lebensmittel- und dem Textileinzelhandel hat sie hervorgehoben, wie sich sowohl die Arbeit als auch die soziale Darstellung der Verkäuferinnen mit den technologischen und organisatorischen Transformationen negativ verändert haben. Laut Rienks war diese betriebliche Dimension von Geschlechterspezifität in den Geschäftspraktiken kennzeichnend, wodurch Geschlechterungleichheiten erzeugt und reproduziert werden.

In eine akteurszentrierte Perspektive der Arbeitsgeschichte muss die Dimension der Migranten und ihr Verhältnis zur Arbeit einbezogen werden. Einerseits stellte die Arbeit für die MigrantInnen sowohl ein Integrationsmittel, insbesondere in Bezug auf die berufliche Bildung, als auch einen diskriminierenden Faktor dar. Anderseits müssen die Migranten aber auch als aktive Subjekte im Integrationsprozess verstanden werden und sie entwickelten bestimmten Arbeitswelten und Arbeitskulturen, die Problemen und Herausförderungen für die deutsche Gesellschaft mitbrachten[1] . Das Thema wurde in dem letzten Panel thematisiert, wo LAURA LADEMANN (München) sich mit der Rolle der Berufsqualifikation im Integrationsprozess der zweiten Generation von Ausländern in Deutschland zwischen den 1970er- und 1990er-Jahren beschäftigte. In den 1970er-Jahren war das Postulat der Integrationsmaßnahmen die Steuerung von Integrationsprozessen durch den Arbeitsmarkt selbst und die Entwicklung von lokalen Initiativen (insbesondere Sprachkurse), die später auf nationaler Ebene mit den „Maßnahmen zur sozialen und beruflichen Eingliederung für ausländische Jugendliche“ (MSBE) institutionalisiert wurden. Ein Paradigmenwechsel Anfang der 1980er-Jahre läutete den Beginn einer neuen Phase ein, in der Lademann fachliche Inhalte im Ausbildungsangebot als bedeutender identifiziert. Mit der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre und dem Beginn der 1990er-Jahre wurde ein multikultureller pädagogischer Ansatz eingeführt. Laut Lademann war dieser Prozess durch die Zentralität des Arbeitsmarktes selbst als Steuerungsfaktor in den Integrationsprozessen gekennzeichnet. Trotz des Versuches eine chancengleiche Integration anzubieten, hatte er in einigen Fällen eine stigmatisierende und ausschließende Wirkung. Das Thema von STEFAN ZEPPENFELD (Potsdam) war „die Veränderungen der Arbeitswelt der Arbeitsmigranten "Nach dem Boom"“ mit der Untersuchung von drei Tätigkeitsbereichen: das Großunternehmen (am Beispiel der Berliner Siemens Werke), die öffentliche Verwaltung, die akademischen Berufe. Was aus seiner Untersuchung hervorging, ist ein komplexes und differenziertes Bild der Arbeitswelten der MigrantInnen nach dem Anwerbestopp, in dem in den von Instabilität geprägten Erwerbsbiographien der Protagonisten verschiedene Formen von Aktivitäten thematisiert wurden.

Die Ergebnisse der Tagung sind zweifelsohne nicht nur inhaltlich aufschluss- und lehrreich gewesen. Die Vorträge haben ein präzises und artikuliertes Bild der Ereignisse und Transformationen der deutschen Arbeitswelt im Westen wie im Osten sowie eine methodisch fruchtbare interdisziplinären Perspektive geliefert. Besonders hervorzuheben ist der positive Beitrag, den die Arbeit des Kollegs und die Tagung zum Wissenszuwachs darüber, wie die Akteure der Arbeitswelt die Veränderungen der Arbeitswelt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dank einer akteurszentrierten Forschungsperspektive erlebt haben, geleistet hat. In den Vorträgen wurden die Akteure sowie ihre Praktiken und Strategien in den Mittelpunkt der Analyse gestellt. Der rote Faden lässt sich in der Zentralität der Arbeit identifizieren, indem vielfältige Arbeitswelten die Strukturierung und die Reproduktion sozialer und geschlechtsspezifischer Ungleichheiten beinhalten. Das wurde auch von LUTZ RAPHAEL (Trier) thematisiert. Er skizzierte die Aufgaben für eine Zeitgeschichte der Arbeitswelten und bewertete die Ergebnisse des Graduiertenkollegs sehr positiv: Das Kolleg habe dazu beigetragen, dass die Geschichte der Arbeit in einer kritischen Zeitgeschichte den ihr gebührenden Platz einnehmen kann. Unter den Aufgaben, die für die Arbeitsgeschichte zu bewältigen sind, nannte Raphael erstens die Implementierung einer transnationalen Forschungsperspektive, dank der Impulse der globalen Arbeitsgeschichte, und zweitens die Herstellung einer Balance zwischen neuen Forschungsperspektiven und den traditionellen Themen der Arbeitsgeschichte. Abschließend skizzierte er vier Probleme für die Zukunft einer als Problemgeschichte konzipierten Arbeitsgeschichte: a) soziale Ungleichheiten, b) soziale Anerkennung, Inklusion und generell die soziale Dimension der Arbeit c) gesellschaftliche Verteilung von Wissen und Kompetenz d) internationale Arbeitsteilung im globalen Kapitalismus.

DIETMAR SÜß (Augsburg) hob am Schluss der Tagung die wissenschaftliche Relevanz der Ergebnisse des Graduiertenkollegs hervor, da es seiner Meinung nach dazu beitrug, die arbeitsgeschichtliche Perspektive in die historiographischen Erzählungen der Bundesrepublik fest zu verankern. Anschließend skizzierte Süß einige relevante Punkte für die Weiterentwicklung der Arbeitsgeschichte. Dazu gehört die Umsetzung einer fruchtbaren Beziehung zwischen Geschichte und Soziologie sowie das Forschungspotenzial des Begriffs „Mikropolitik“, um Arbeitskonflikte auf der Ebene des Betriebs als politisierte soziale Beziehungen zu analysieren. Potenzielle Erweiterungen der Forschungsperspektive ergeben sich zum einen aus einem Umdenken in der Gewerkschaftsgeschichte, z.B. durch gewerkschaftssoziologische Impulse, zum anderen aus einer Erweiterung der territorialen Schwerpunkte sowie aus der Suche nach neuen zeitlichen Zäsuren. Am Ende plädierte Süß für die die Fortsetzung der Forschung der verschiedenen Formen sozialer Ungleichheiten (in Bezug auf Kategorien wie Armut, Reichtum, Migration).

In Zukunft wäre zu untersuchen, wie einzelne Akteure bestimmte Kulturen, Semantiken und Bedeutungen der Arbeit in Bezug auf den Strukturwandel entwickelt haben und wie da sozio-kulturellen Trends mit einer normativen Kraft entstanden sind[2]. Darüber hinaus könnte eine Ausweitung der Periodisierung auf die 1980er- und 1990er-Jahre weitere gewinnbringende Impulse und Ergebnisse für das Verständnis der Problemkonstellation in der Arbeit der Gegenwart liefern. Zusammenfassend kann die Abschlusstagung in München als erfolgreich sowie als Ausdruck der positiven Konjunktur der Arbeitsgeschichte in den letzten Jahren bewertet werden. Die Beiträge boten ein tieferes Verständnis nicht nur des Wandels der deutschen Arbeitswelten, sondern auch der Geschichte der Bundesrepublik an, in der die Industriearbeit ein wesentlicher Bestandteil war und noch ist.

Konferenzübersicht:

Andreas Wirsching (München) / Stefan Berger (Bochum) / Jens Becker (Düsseldorf): Begrüßung

PANEL I: Innovationen. Traditionelle Industrien zwischen Automatisierung und Mikroelektronik
Moderation: Stefan Berger (Bochum)

Torben Möbius (Bielefeld): Von der ökonomischen Konkurrenz zum politischen Konflikt: Vergleichspraktiken in der deutschen und amerikanischen Eisen- und Stahlindustrie 18701940

Malte Müller (München): Montanindustrielle Welten im Umbruch. Der Wandel von Arbeit in der Stahlindustrie des Ruhrgebiets zwischen den 1960er und 1980er Jahren

Moritz Müller (Bochum): ‚Die Robbys kommen‘. Die IG Metall und die Durchsetzung der Mikroelektronik in den 1970er und 1980er Jahren

Kommentar: Martina Heßler (Darmstadt)

Keynote

Lutz Raphael (Trier) , Geschichte(n) deutscher Arbeitswelten in Zeiten von Deindustrialisierung und Globalisierung. Methodische und theoretische Herausforderungen angesichts globaler Problemlagen und nationaler Handlungsbezüge

PANEL II: Arbeit, Arbeit, Arbeit? Arbeitnehmerbewusstsein und Wissenspolitik im Strukturwandel
Moderation: Winfried Süß (Potsdam)

Mario Boccia (München): Belegschaften in der Automobilindustrie zwischen Boom und Krise. Das Beispiel BMW

Jan Kellershohn (Bochum): Der Wille zur Umstellung. Strukturwandel, Wissenspolitik und die Anthropologie der Arbeit, 1956-1980

Kommentar: Kim Priemel (Oslo)

PANEL III: Diskrepanzen Reichtum, Armut, Arbeitslosigkeit in der Nachkriegszeit
Moderation: Frank Bösch (Potsdam)

Ronny Grundig (Potsdam): Vermögen vererben: Praktiken und Politiken in der Bundesrepublik und Großbritannien (1945–1990)

Katharina Täufert (Bochum): Arbeit für alle? Die Rolle des Deutschen Gewerkschaftsbundes in den Auseinandersetzungen um Arbeitslosigkeit und Armut, 1972–1998

Sindy Duong (Berlin): Genese und Zukunft der Akademikerarbeitslosigkeit. Wissen, Kontroversen, Praktiken, 1967–1990

Kommentar: Stephan Lessenich (München)

PANEL IV: „Reih dich ein in die Arbeiterinnen Einheitsfront?“ Arbeit und Geschlecht in der DDR
Moderation: Christoph Lorke (Münster)

Henrike Voigtländer (Potsdam): Geschlecht, Sexualität und Herrschaft im Betriebsleben der DDR-Industrie von Mitte der 1960er bis Ende der 1980er Jahre

Jessica Elsner (Potsdam): Arbeitsverhältnisse, Geschlecht und soziale Ungleichheit im Automobilbau Ostdeutschlands - das Automobilwerk Eisenach (AWE) seit den 1970er Jahren

Kommentar: Dierk Hoffmann (Berlin)

PANEL V: Gleichberechtigung im Berufsleben? ‚Weibliche Arbeit‘, Frauenbewegung und Gewerkschaften
Moderation: Sebastian Voigt (München)

Manuela Rienks (München): Tante Emma macht jetzt Teilzeit. Arbeitswelten von Verkäuferinnen in der Bundesrepublik Deutschland 1949-1996

Mandy Stalder-Thon (Bochum): Das Verhältnis zwischen Neuer Frauenbewegung und den Gewerkschaften

Kommentar: Maren Möhring (Leipzig)

PANEL VI: „Der Kollege spricht türkisch“ Migration und Arbeit nach dem Wirtschaftswunder
Moderation: Andreas Wirsching (München)

Stefan Zeppenfeld (Potsdam): Beschäftigung nach der „Gastarbeit“. Türkische Arbeitswelten in West-Berlin seit den 1960er Jahren

Laura Lademann (München): Integration durch Arbeit? Berufsqualifikationsmaßnahmen für MigrantInnen der 2. Generation in den 1970er und 80er Jahren in der Bundesrepublik Deutschland

Lisa Hilbig (Göttingen): "Weiblich, migrantisch, prekär? - Arbeit und Migration im Einzelhandel in der Bundesrepublik seit den 1970er Jahren.“

Kommentar: Helen Schwenken (Osnabrück)

Abschlusskommentar und –diskussion

Dietmar Süß (Augsburg)

Anmerkung:
[1] Über das Verhältnis zwischen Migration und Arbeit sowie über das fruchtbare Treffen von Migrationsgeschichte und Arbeitsgeschichte sehen Alexandra David u.a. (Hg.), Migration und Arbeit. Herausforderungen, Problemlagen und Gestaltungsinstrumente, Leverkusen 2019.
[2] Theoretische Beiträge darüber kann man im Blog Tribes https://tribes.hypotheses.org/ finden.

Zitation
Tagungsbericht: Soziale Folgen des Wandels der Arbeitswelt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, 12.12.2019 – 14.12.2019 München, in: H-Soz-Kult, 21.03.2020, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8702>.