Achtes Netzwerktreffen-Oral History 2020

Ort
Hamburg
Veranstalter
Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg; Archiv der Sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung
Datum
27.02.2020 - 28.02.2020
Von
Lisa Hellriegel, Fachbereich Geschichte, Universität Hamburg

Seit 2014 besteht das Netzwerk Oral History, mitgegründet von LINDE APEL (Hamburg) und STEFAN MÜLLER (Bonn) mit dem Ziel, den interdisziplinären Austausch zum Thema Oral History zu befördern und zu organisieren.[1] Seitdem ist es stark gewachsen: von anfänglich neun auf mittlerweile, beim diesjährigen achten Treffen des Netzwerks, knapp siebzig Personen. Dennoch sollte das Netzwerktreffen seinen workshopartigen Charakter nicht verlieren, wie Apel bei der Begrüßung betonte. Das diesjährige Netzwerktreffen fand im Februar in der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg statt, denn das dort untergebrachte Interviewarchiv, die Werkstatt der Erinnerung, feiert 2020 sein dreißigjähriges Bestehen. Passend zu diesem Jubiläum standen die „Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Oral History“ auf dem Programm.

Am Beispiel der Werkstatt der Erinnerung diskutierte Linde Apel einführend die Position der Oral History zwischen „Geschichte von unten“ und „Geschichte von unten“. Auch wenn Oral History im Kontext der „Geschichte von unten“ begonnen habe, sei sie in der Bundesrepublik schnell zur „Geschichte von oben“ geworden: So werde sie etwa im Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten als zentrale Methode empfohlen. Beide Stränge – der „von unten“ wie der „von oben“ – ließen sich auch in der Geschichte der Werkstatt der Erinnerung nachweisen, so Apel: Zur Gründung hatte ein Beschluss der Hamburgischen Bürgerschaft geführt, der vor dem Hintergrund intensiver gesellschaftlicher Debatten um den Umgang mit der Geschichte des Nationalsozialismus in den 1980er-Jahren sowie der Öffnung der Geschichtswissenschaft zu kulturwissenschaftlichen Einflüssen getroffen worden sei. Apel schloss mit der Frage, ob Oral Historians lieber „nach unten“ interviewten, weil die für diesen Zugang infrage kommenden Interviewpartner/innen eher einer Verwendung der Interviews zustimmen würden.

FLORIAN FISCHER (Berlin) verwies in der Diskussion auf ein Projekt mit Migrant/innen, die einer Benutzung der Interviews nicht zugestimmt hätten, weil sie sich aufgrund ihres nicht-muttersprachlichen Deutschs bloßgestellt gefühlt hätten. Daraufhin sei das Projekt partizipativer gestaltet worden: Die Interviewten erhielten selbst Kameras, mit denen sie andere Personen interviewten. Im klassischen Interview sei das Problem des Machtgefälles laut ALEXANDER VON PLATO (Horneburg) kaum aufzulösen, nicht zuletzt, weil die sogenannte „Streitphase“, in der die Interviewten Rückfragen an die Interviewenden stellen können, kaum stattfände oder zumindest nicht aufgezeichnet werde, und so die Befragten nichts über die Fragenden erführen. Ob überhaupt von einer „Geschichte von unten“ zu sprechen sei, wenn nicht die Befragten sich selbst aufnehmen, wandte ALMUT LEH (Hagen) ein und fragte, wie damit „fair und offen umzugehen“ sei. Dass Oral History im Geschichtswettbewerb empfohlen werde, könnte auch als ein Zeichen dafür verstanden werden, dass Oral History eher dem Bildungs- als dem Wissenschaftsbereich zugeordnet werde, argumentierte LINA NIKOU (Jerusalem).

Mit dem politischen Anspruch der Oral History beschäftigten sich NICOLE IMMLER (Utrecht) und ÉVA KOVACS (Wien). Ob der politische Anspruch, die Stimmen der „Underdogs“ hörbar zu machen, in der aktuellen Tendenz zum (ungeordneten) Sammeln von Interviews verloren gegangen sei, oder ob gerade dies helfe, das unbewusste diskursive und epistemologische Framing der Interviewer/innen zu unterlaufen, fragte Immler einführend. Und: „Warum hören [die Befragten] nicht, dass sie gehört werden?“[2] Immler hatte Interviews mit Aktivist/innen aus der indonesischen Diaspora in den Niederlanden geführt, die sich für eine Entschädigung der Massenexekutionen seitens des niederländischen Militärs im Indonesischen Unabhängigkeitskrieg 1945-49 einsetzten. Immler sprach sich dafür aus, komplexe Identitäten, die im Interview mit den Aktivist/innen zur Sprache kamen, auch als solche darzustellen, selbst wenn dies der Eigenpositionierung der Aktivist/innen in einem juridisch-nationalen Framing entgegenliefe. Die Aktivist/innen hätten dies als mangelnde Solidarität kritisiert. Aus Immlers Sicht war es jedoch bereits eine Positionierung, zu dem Thema zu schreiben. Abschließend stellte sie die Frage: „Welche Sprache brauchen wir, um das koloniale Erbe besprechbar zu machen, sodass auch die Mehrheitsgesellschaft zuhört?“ Die folgende Diskussion drehte sich darum, wie mit den Erwartungen der Interviewten an ein Interview umzugehen sei. DOROTHEE WIERLING (Berlin) betonte die Herausforderungen von „Aktivisteninterviews“, bei denen sich die Interviewpartner/innen häufig als Sprecher/innen ihrer Gruppe verstünden.

Éva Kovacs ging in ihrem auf einer Sekundäranalyse basierenden Beitrag[3] auf das fehlende Kontextwissen von Interviewer/innen im Rahmen einer soziologischen Befragung von ungarischen Roma im Jahr 1971 ein. Mit dieser Erhebung sollte geprüft werden, ob das „Zivilisierungsnarrativ“ zutraf, das die Regierung verbreitet hatte. Obwohl der Fokus der Umfrage auf der damaligen sozialen Lage der Roma lag, erwähnten einige Befragte ihre Verfolgung während des Zweiten Weltkriegs. „Da diese Erzählungen [...] den Interviewern völlig unbekannt waren und sich wesentlich von den Erzählungen über die Verfolgungen der Juden unterschieden, haben die Interviewer diese Geschichten nicht erkannt“, erklärte Kovacs. Stattdessen hätten sie neue Themen angesprochen. Waren Familienmitglieder anwesend, gingen diese häufig auf die Erzählung ihrer Verwandten ein und kommentierten sie. Daran wird – heute – sichtbar, dass diese Ereignisse in der Roma-Gemeinschaft weder tabuisiert noch vergessen waren, von der Mehrheitsgesellschaft jedoch nicht wahrgenommen wurden. Diskutiert wurden partizipative Methoden (etwa durch Interviewer/innen, die selbst Roma sind) sowie die Frage, wer überhaupt das Privileg habe, zu forschen.

Als öffentlicher Teil des Netzwerktreffens folgte ein Podiumsgespräch zwischen Dorothee Wierling und Alexander von Plato, moderiert von Linde Apel. Als ausschlaggebend für ihre Entscheidung, mit Interviews zu arbeiten, bezeichneten sowohl Wierling als auch von Plato das Projekt „Lebensgeschichte und Sozialkultur im Ruhrgebiet“ (LUSIR), an dessen Planung bzw. Durchführung sie beteiligt gewesen waren. Darüber hinaus betonten beide die „Fremdheitserfahrung“ bei der Konfrontation mit individuellen Lebensgeschichten, die sich ihren Erwartungen widersetzten. So sei laut Wierling auch die Vorstellung der „Unterdrückten“, deren Stimmen durch Oral History miteinbezogen werden sollten, „durch die Subjekte selbst komplexer gemacht“ worden. Von Plato ergänzte, dass diese „Erfahrungsdimension […] etwas Eigenständiges“ sei und ihre Erforschung eine „viel länger laufende“ Vorgeschichte als die Oral History selbst habe. Auf die Frage nach der kombinierten Nutzung mündlicher und schriftlicher Quellen erklärte Wierling, dass man durch die intensive analytische Arbeit mit Interviews auch einen geschärften Blick für die subjektive Bedeutung in anderen Quellen erhalte. Beide betonten die marginale Stellung der Oral History in der Geschichtswissenschaft der 1980er-Jahre. Hinter der anfänglichen „Feindseligkeit“ vieler Historiker/innen der neuen Methode gegenüber vermutete Wierling eine „Angst vor der Quelle“ und ihrer Subjektivität, die es den Forschenden schwierig mache, klare Thesen zu formulieren. Von Plato verwies auf die in jüngerer Zeit wachsende Akzeptanz gegenüber „Zeitzeugeninterviews“, machte aber deutlich, dass diese nicht immer eine entsprechende methodische Anstrengung nach sich ziehen: Häufig fehle die Analyse. Dies sei besonders dann problematisch, wenn dadurch die Erfahrungsdimension verloren gehe. Auch Wierling kritisierte den Begriff des „Zeitzeugen“, denn ein „Zeitzeuge“ solle aufgrund seiner „auratischen Funktion“ vor allem etwas bezeugen.

Zur aktuellen Situation der Oral History bemerkte Wierling, dass die heute von vielen geteilte Empfindung, wonach „die Zeiten […] wieder schlechter“ werden, gute Ausgangsbedingungen für Oral History bedeute, denn umgekehrt gelte: „Gute Zeiten sind schlechte Zeiten für Oral History!“ Auch in der Transformationsforschung zum Mauerfall, insbesondere im Kontext erstarkender rechter Tendenzen, könnte Oral History als „sanktionsfreies Gespräch“ eine wichtige Rolle bei der Erforschung der Ursache von Rechtsradikalismus spielen. Nicht zuletzt brauche es auch für die Diversifizierung der bundesdeutschen Gesellschaft durch Migration Konzepte der Oral History.

Die Rolle der Oral History in der Auftragsforschung diskutierten Stefan Müller, INA CZUB (Aabenraa) und MANFRED GRIEGER (Gifhorn), moderiert von Almut Leh. Alle drei führen für verschiedene Auftraggeber/innen Interviews durch. Eine Auswertung der Interviews fände, abhängig vom einzelnen Auftrag, nicht unbedingt statt, kritisierte Müller. Grieger sprach sich dafür aus, keinen allzu großen Unterschied zwischen der als akzeptabel geltenden Drittmittelförderung und der als „anfällig für good-will Leistungen“ geltenden Auftragsforschung zu sehen. Von den konkreten Auswirkungen eines Auftrags auf ihr Interviewprojekt erzählte Czub: Sie interviewte ehemalige Angestellte des dänischen Unternehmens Jebsen & Jessen, bei dem sie selbst angestellt ist. Einerseits erreichte sie so Interviewpartner/innen, die sonst vielleicht nicht zu einem Interview bereit gewesen wären; andererseits sei nicht auszuschließen, dass ihre Unternehmenszugehörigkeit die Erzählungen beeinflusst haben könnte. Czub machte aber deutlich, dass Historiker/innen bei etwaigen Eingriffen in das Forschungsdesign durchaus in der Position seien, darüber zu verhandeln, statt einen Auftrag einfach den Vorgaben entsprechend auszuführen. Grieger betonte insbesondere den rechtlichen Rahmen des Vertragsabschlusses und die Wichtigkeit „eine[s] klare[n] Eigenprinzip[s]“, wenn es etwa um Nutzungsrechte oder Bezahlung gehe. Er wies außerdem auf die auseinandergehenden Interessen von Historiker/innen und Unternehmensvorständen hin, für die Geschichte vor allem ein „Kommunikationsproblem“ sei.

LENA LANGENSIEPEN (Hamburg) stellte, moderiert von Lina Nikou, ihr Dissertationsprojekt zur Entstehung der Hamburger Geschichtswerkstätten in den 1980er-Jahren vor. Eine zentrale Rolle spielen dafür Selbstzeugnisse der Aktiven, neben schriftlichen Quellen auch Interviews, bei denen vor allem Fragen nach dem politischen und biografischen Hintergrund im Mittelpunkt stehen. Besonders aufschlussreich war für Langensiepen die Befragung von Personen, die selbst häufig Interviews geführt hatten. Die Aktiven in den Geschichtswerkstätten zeigten eine große Bereitschaft zu Interviews und seien häufig selbst an der Erzählung der Geschichte ihrer Bewegung interessiert. Dadurch habe die Archivierung der Interviews und die bevorstehende Publikation zeitweise als „unsichtbare[] Dritte“ im Raum gestanden, was gerade beim Gespräch über Konflikte in den Geschichtswerkstätten die Situation verkompliziert habe. Fraglich sei auch, inwieweit die Erzählungen von individuellen oder kollektiven Erfahrungen geprägt seien.

Über die Möglichkeiten, die Spracherkennungssoftware Oral Historians bietet, diskutierten Almut Leh und CORD PAGENSTECHER (Berlin). Leh nimmt mit dem Archiv „Deutsches Gedächtnis“ der FernUniversität in Hagen an einem Projekt des Kölner Zentrums Analyse und Archivierung von AV-Daten teil, mit dem Werkzeuge zur akustischen Analyse von audiovisuellen Daten erarbeitet werden sollen.[4] Zur Erprobung und Evaluation des mittlerweile im fünften Jahr laufenden Projekts werden Oral-History-Interviews verwendet, denn diese enthalten „schwierige Sprachdaten“ wie spontane Sprache oder Dialekte. Ist die akustische Analyse geglückt, enthält die Audio- oder Videodatei automatische Annotationen, etwa Untertitel oder Keywords, nach denen direkt gesucht werden kann. So ist es möglich, vom Suchbegriff direkt zur gewünschten Passage zu springen. Leh zufolge könnte dies einmal einen „Oral Turn der Oral History“ auslösen, da so die direkte Beschäftigung mit der Audio- oder Videodatei statt mit dem Transkript in den Vordergrund rücken und die Quelle durch ihre Lebendigkeit attraktiver würde. Linde Apel wandte ein, dass man so Gefahr liefe, nur noch bestimmte Passagen anzuhören und so den Kontext zu ignorieren. Hier müsse zwischen wissenschaftlicher und öffentlicher Nutzung unterschieden werden, argumentierte Leh, denn die „Nutzer/innen wollen zum Inhalt“. Erweiterte Angaben, etwa ein Inhaltsverzeichnis oder eine Biografie, erleichterten darüber hinaus den Zugriff auf die ganze Lebensgeschichte. Für eine öffentliche Nutzung, wie beim Online-Archiv „Zwangsarbeit 1939-1945“[5], das Pagenstecher vorstellte, müssten die automatisch erstellten Transkripte und Keywords auch „perfekter“ sein als für eine größtenteils wissenschaftliche Nutzung, bei der einzelne Fehler nicht unbedingt stören.

„Oral History digital“ soll auch auf dem nächsten Netzwerktreffen, das vermutlich in Leipzig stattfinden wird, eine Rolle spielen. Zudem sollen Interviewgenres, Übersetzungen von Interviews und die kombinierte Anwendung von mündlichen und schriftlichen Quellen sowie die Anwendung von Oral History im Museum diskutiert werden. Deutlich wurde im Verlauf der diesjährigen Zusammenkunft die Vielfältigkeit der Arbeit mit mündlichen Quellen, ob in der Interviewdurchführung oder -auswertung, sowie die Komplexität der politischen und ethischen Fragen, die sich in diesem Kontext stellen.

Konferenzübersicht:

Linde Apel (Hamburg) / Stefan Müller (Bonn): Begrüßung, Einführung, Vorstellung der Teilnehmenden

Linde Apel (Hamburg): Zur Werkstatt der Erinnerung. Geschichte von unten oder Geschichte von oben?

Nicole Immler (Utrecht) / Eva Kovacs (Wien): Zum politischen Anspruch der Oral History

Dorothee Wierling (Berlin) / Alexander von Plato (Horneburg) / Linde Apel (Hamburg): Gespräch zur Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Oral History

Almut Leh (Hagen) / Stefan Müller (Bonn) / Ina Czub (Aabenraa) / Manfred Grieger (Gifhorn): Roundtable-Gespräch: Oral History zwischen politischem Impuls, Wissenschaft und Auftragsforschung

Lena Langensiepen (Hamburg): Lebensgeschichtliche Interviews mit Akteur/innen der Hamburger Geschichtswerkstätten-Bewegung

Almut Leh (Berlin) / Cord Pagenstecher (Berlin): Schöne neue Welt. Oral History und KI

Anmerkungen:
[1] Linde Apel / Stefan Müller, Netzwerk Oral History gegründet, in: H-Soz-Kult, 07.02.2017, https://www.hsozkult.de/news/id/news-197 (29.02.2020).
[2] Nicole L. Immler, Hoe koloniaal onrecht te erkennen? De Rawagede-zaak laat kansen en grenzen van rechtsherstel zien, in: bmgn – Low Countries Historical Review 133–4 (2018), S. 57–87.
[3] Éva Kovacs, Parallel Readings. Narratives of Violence, in: Fazil Moradi / Ralph Buchenhorst / Maria Six-Hohenbalken (Hrsg.), Memory and Genocide. On What Remains and the Possibility of Representation, London 2017, S. 42–56.
[4] Mehr dazu hier: Universität zu Köln, KA³ – Kölner Zentrum Analyse und Archivierung von AV-Daten (2. Förderphase), https://dch.phil-fak.uni-koeln.de/projekte/ka-koelner-zentrum-analyse-und-archivierung-von-av-daten (12.03.2020).
[5] Zwangsarbeit 1939–1945. Erinnerungen und Geschichte, https://www.zwangsarbeit-archiv.de/ (12.03.2020).

Zitation
Tagungsbericht: Achtes Netzwerktreffen-Oral History 2020, 27.02.2020 – 28.02.2020 Hamburg, in: H-Soz-Kult, 17.04.2020, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8726>.