Racism in History and Context

Ort
online
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschland (VHD); Deutsches Historisches Institut (DHI) Washington; DHI Regionalbüro, Berkeley; Institute of European Studies an der UC Berkeley
Datum
15.09.2020 - 29.10.2020
Von
Frank Kell, Geschäftsstelle, Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands e.V.

“The clearest connection between historical trajectories of racism and present events is that racism makes structural vulnerability appear as fate. There is always a naturalization of race and of the racial hierarchies. That naturalization becomes more apparent in times of crisis: “You’re shaping your own fate, and this is fate. Deserved.” The racialized are always associated with infection. But the discourse is larger: association with infection, lack of civilization, closeness to nature. It is contradictory.”
(Manuela Boatcă)

Die COVID-19-Pandemie wirkt wie ein Katalysator auf bestehende gesellschaftliche Konfliktlagen. Offene oder versteckte Ungleichheiten, die oftmals das Ergebnis langer historischer Prozesse sind, werden unter den Bedingungen der Pandemie – wie unter einem Brennglas – deutlicher sichtbar. Einen seit dem Ausbruch der Pandemie im Frühjahr 2020 in den USA und Europa zentralen Aspekt der Diskussionen bildet das Thema Rassismus. Die virtuelle Diskussionsreihe “Racism in History and Context”, die im Herbst 2020 mit insgesamt mehr als 500 Teilnehmer/innen via Zoom und in englischer Sprache stattfand, griff die Debatten als eine zentrale Herausforderung für unsere Gesellschaften auf und entwickelte historische und soziologische Perspektiven auf die verschiedenen Kontexte und Vergangenheiten der gegenwärtige Krise.

Die pandemische Krisensituation wird begleitet von einer breiten Debatte über rassistische Ungleichheit und Diskriminierung in den Gesellschaften dies- und jenseits des Atlantiks. Ausgelöst durch die Tötung des US-amerikanischen Bürgers George Floyd durch Polizisten Anfang Juni, sind weltweit Menschen zum Protest gegen Rassismus und Polizeigewalt auf die Straßen gegangen. In den USA sind Bewegungen wie Black Lives Matter erstarkt. Dazu kommt, dass die afroamerikanische Bevölkerung in den USA nach wie vor überproportional von der Pandemie betroffen ist. Auch in Europa und darüber hinaus haben im vergangenen Sommer antirassistische Proteste stattgefunden, die zu einer kritischen Auseinandersetzung mit Traditionsüberresten der Kolonialzeit bzw. Sklaverei führten. In Deutschland hat eine geschichtspolitische Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit des Landes Fahrt aufgenommen, die sich beispielsweise in einer teilweise stark polarisierten Debatte um die Benennung von Straßen und öffentlichen Plätzen und Gebäuden oder um die nicht weniger umkämpfte Frage, wie breit und tief rassistische Einstellungen in der Mehrheitsgesellschaft oder konkret in der Polizei verankert sind, kristallisiert. Die Krise hat vielfach einen modernen Rassismus offengelegt, der in jeder Gesellschaft spezifische Ursachen und Ausdrucksformen gefunden hat und auf jeweils unterschiedliche historische Kontexte zurückgeht.

Der Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschland (VHD), das Deutsche Historische Institut (DHI) Washington und dessen Regionalbüro in Berkeley sowie das Institute of European Studies an der UC Berkeley haben diese transatlantische Zeitdiagnose zum Anlass genommen, um gegenwärtige gesellschaftliche Formen von Rassismus aus historischer Perspektive zu beleuchten. Dazu luden die beteiligten Institutionen Soziologinnen sowie Historikerinnen und Historiker aus Nordamerika und Europa zur Diskussion ein.

Erinnerung und Wissen
Das erste Panel „Rethinking Memory and Knowledge during Times of Crisis“ beschäftigte sich mit den Fragen, wie sich die Erinnerung an und das Wissen über Rassismus, rassistische Ungleichheit und rassistische Gewalt seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wandelte und welche Akteur/innen bei der Wissensproduktion jeweils eine Rolle spielten. Es diskutierten ANA LUCIA ARAUJO (Howard University Washington DC), MANUELA BAUCHE (FU Berlin), NORBERT FREI (Universität Jena) und MICHAEL ROTHBERG (UC Los Angeles). Die Moderation übernahmen FRANCISCO BETHENCOURT (King’s College London) und AKASEMI NEWSOME (UC Berkeley).

Die Auseinandersetzung mit rassistischen Vergangenheiten war und ist in erheblicher Weise von politischen und kulturellen Entwicklungen bestimmt und variiert von Land zu Land. Ein vergleichender Blick legt aber auch transnationale Muster und intersektionale Verflechtungen offen. Dabei spielen insbesondere die Erinnerung an den Holocaust und die Dekolonisierung – letztere verstanden als politischer aber auch als ein bis heute anhaltender kultureller (Wissens-)Prozess –, eine zentrale Rolle. In der Bundesrepublik, so Norbert Frei und Manuela Bauche, war die Erinnerung an den Holocaust erst nach Jahrzehnten des Verdrängens seit den 1980er-Jahren zu einem zentralen Anker des nationalen Selbstverständnisses geworden. Eine Auseinandersetzung mit rassistischer Gewalt in der Kolonialzeit des Kaiserreichs oder in der Bundesrepublik und in der DDR als nicht bloßes Überbleibsel der Nazizeit wird erst seit wenigen Jahren breiter rezipiert. In Frankreich dagegen, so führte Michael Rothberg aus, forderte die politische Dekolonisierung, insbesondere der Algerienkrieg, bereits in den 1960er-Jahren eine Auseinandersetzung mit dem Holocaust und der Besatzungszeit heraus. Ana Lucia Araujo verwies darauf, dass die Erinnerung an den atlantischen Sklavenhandel und die Sklaverei vom 16. bis ins 19. Jahrhundert in den beteiligten Gesellschaften keine lineare Entwicklung eines sich ausbreitenden Geschichtsbewusstseins darstellt, sondern stark von regionalen Kontexten abhängig war: In den USA spielte die Bürgerrechtsbewegung in den 1960er-Jahren eine entscheidende Rolle; in Lateinamerika unterdrückten die Militärdiktaturen, in Südafrika das Apartheidregime lange Zeit eine erinnerungskulturelle Auseinandersetzung. Die späten 1980er- und vor allem die vom Ende des Kalten Krieges geprägten 1990er-Jahre waren, so die Einschätzung der Diskutant/innen, ein Wendepunkt, weil sich nun globale Erinnerungsorte wie der Holocaust oder die Sklaverei etablierten.

Ein übergreifendes Muster in der neueren Geschichte des Wissens über Rassismus in der transatlantischen Welt scheint die beständige Herausforderung nationaler Erinnerungsnarrative „von unten“ zu sein. Für die 68er-Bewegung in der Bundesrepublik, so Norbert Frei, stellte das Bedürfnis, das breite kollektive Beschweigen der Nazi-Vergangenheit in der Adenauer-Ära zu durchbrechen, einen wichtigen Kristallisationspunkt dar. In den 1980er-Jahren haben die Geschichtswerkstätten die Erinnerung an den Holocaust vor allem auf lokaler Ebene und häufig in lebensweltlicher Perspektive entscheidend geprägt. Auch die Erinnerung an die Sklaverei, so Ana Lucia Araujo, wurde und wird in vielen Fällen über identitätsstiftende, familiengeschichtliche Erinnerungserzählungen sichtbarer gemacht. Auf ähnliche Weise – darauf wies Manuela Bauche hin –, werfen die zahlreichen Postkolonial-Gruppen und -Bewegungen heute ein Schlaglicht auf die lange vergessene rassistische Gewalt in der Kolonialzeit und leisten damit einen wichtigen Beitrag zur Rekalibrierung und Ausdifferenzierung nationaler Erinnerungsnarrative. Dass Rassismus eine zeithistorische und gegenwärtige, jedenfalls keine überwundene Realität darstellt, die nicht nur als intentionales Gewalthandeln, sondern als pragmatisches, historisch institutionalisiertes Alltagswissen auftritt und als solches Phänomen, zumindest in Deutschland, erst seit wenigen Jahren breiter diskutiert wird, stellte den Ausgangspunkt des zweiten Panels der Reihe dar.

Gesundheit und Gewalt
Dieses Panel fragte unter dem Titel „Rethinking Health and Power during Times of Crisis“ nach historischen und gegenwärtigen Schnittpunkten von Rassismus, Gesundheit und Staatsmacht. Es diskutierten MANUELA BOATCĂ (Universität Freiburg), TERESA KOLOMA BECK (Bundeswehr Universität München), MONICA MUÑOZ MARTINEZ (UT Austin) und KATHRYN OLIVARIUS (Stanford). Moderiert wurde das Panel von ELISABETH ENGEL (DHI Washington) und LETI VOLPP (UC Berkeley).

Teresa Koloma Beck blickte aus der Perspektive ihrer Forschung zu Gewalterfahrungen in Kriegsgesellschaften auf die Reorganisation des Alltagslebens in Zeiten der Pandemie und deckte dabei eine neue Zentralität von Sicherheit-und-Risiko-Abwägungen auf, entlang derer die Menschen verstärkt grundlegende Verhaltensregeln ausrichten. Indem etwa Gefahrensituation konstruiert und bestimmte Personen oder Gruppen als riskant qualifiziert werden, können historisch gewachsene rassifizierte Zuschreibungen abgerufen werden, die Orientierung in einer undurchsichtigen Gemengelage versprechen. So ist etwa die Information, COVID-19 sei erstmals im chinesischen Wuhan aufgetreten, alltagspraktisch in die auf bestehende rassistische Stereotype aufbauende Maßgabe „Vorsicht vor asiatisch aussehenden Menschen“ übersetzt worden – racial profiling als Akt eines sinnstiftenden, gesellschaftlich getragenen othering im Alltag. In einem anderen Beispiel, auf das Manuela Boatcă aufmerksam machte, zeigt sich die Wirksamkeit rassistischer Strukturen und das gesellschaftlich vorhandene Reservoir eingespielter Argumentationslinien in der Charakterisierung osteuropäischer Saisonarbeiter/innen als vorzivilisierte, weniger domestizierte, körperlich robuste und an Krankheiten gewöhnte Gruppe, deren Arbeitskraft in der deutschen Ernährungswirtschaft ohne größere Bedenken auch unter Pandemiebedingungen weiter wie gewohnt ausgebeutet werden kann.

Solche Formen des alltagspraktischen Rassifizierens von Menschengruppen sind keine neuen Phänomene der Gegenwart oder auch nur auf Krisenzeiten beschränkt, sondern in ihrer ordnungsbildenden Funktion geschichtswissenschaftlich dokumentiert. Monica Muñoz Martinez zeigte auf, wie US-bundesstaatliche und texanische Akteur/innen Anfang des 20. Jahrhunderts unter anderem mithilfe der Qualifizierung von Immigrant/innen aus Mexiko als Risiko für die „nationale Gesundheit“ rassistische Gewalt und Lynchjustiz zu legitimieren versuchten. Und wie Kathryn Olivarius ausführte, entwickelte sich im Kontext der Gelbfieberepidemien im amerikanischen Süden im frühen 19. Jahrhundert das Konzept des „Immunkapitals“, welches auf der rassistischen Hierarchie der Sklaverei aufbauend Rechte und Privilegien von Weißen, aber auch den Marktwert von Sklavinnen und Sklaven für ihre Besitzer vom Status der „Akklimatisierung“ abhängig machte. Da Moskitos als Überträger des Gelbfiebers unentdeckt blieben, verfehlten übliche Präventionsmaßnahmen weitestgehend ihren Zweck. Immunität durch natürliche Infektion blieb daher die einzige Möglichkeit der „Akklimatisierung“ und damit auch eine Art Eintrittskarte in die Welt des Cotton Kingdom. Die deutungsmächtigen Sinnstiftungsversuche der Gelbfieberepidemien durch die weiße besitzende Pflanzerelite verschärften auf diese Weise bestehende rassistische Ungleichheiten zwischen Arm und Reich und zementierten so eine als natürlich und damit logisch und gerecht ausgedeutete Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung.

Gegenwärtige Überlegungen zur Absicherung der Wirtschaft durch Herstellung von „Herdenimmunität“ oder Ausgabe von „Immunitätsausweisen“ zeigen an, dass „Immunkapital“ kein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte darstellt. Erneut erscheint in diesen Ansätzen der Staat als zentraler Distribuent von Privilegien, die meist zuungunsten bereits an den Rand gedrängter Gruppen ausfallen, die zudem oftmals gar keine Wahl haben, dem Virus aus dem Weg zu gehen. Zum Verständnis der verschränkten Dynamiken von Pandemie, Rassismus und Staatsgewalt in historischer Perspektive gehört aber auch die gemeinsame Einschätzung der Diskutant/innen, dass der Auftakt eines Wandels struktureller Ungleichheiten immer wieder auch im Kontext von Krisensituationen stattfand.[1]

Die Video- und Audioaufzeichnungen der Diskussionsreihe sind auf L.I.S.A. – Das Wissenschaftsportal der Gerda Henkel Stiftung online abrufbar.[2]

Konferenzübersicht:

Rethinking Memory and Knowledge during Times of Crisis
Moderation: Francisco Bethencourt, King’s College London / Akasemi Newsome, UC Berkeley

Teilnehmer/innen: Ana Lucia Araujo, Howard University Washington DC; Manuela Bauche, FU Berlin; Norbert Frei, Universität Jena; Michael Rothberg, UC Los Angeles

Rethinking Health and Power during Times of Crisis
Moderation: Elisabeth Engel, DHI Washington / Leti Volpp, UC Berkeley

Teilnehmerinnen: Manuela Boatcă, Universität Freiburg; Teresa Koloma Beck, Bundeswehr Universität München; Monica Muñoz Martinez, UT Austin; Kathryn Olivarius, Stanford Universityt

Anmerkungen:
[1] Weiterführende Literaturhinweise der Diskutant/innen: Ana Lucia Araujo, Slavery in the Age of Memory. Engaging the Past, Bloomsbury 2020; Manuela Bauche, Medizin und Herrschaft. Malariabekämpfung in Kamerun, Ostafrika und Ostfriesland (1890-1919), Frankfurt am Main 2017; Teresa Koloma Beck, (Staats-)Gewalt und moderne Gesellschaften. Der Mythos vom Verschwinden der Gewalt in der Moderne, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 4 (2017), S.16-21; Francisco Bethencourt, Racisms. From the Crusades to the Twentieth Century, Princeton 2013; Manuela Boatcă, Global Inequalities Beyond Occidentalism, New York 2016; Elisabeth Engel / Nicholas Grant (Hrsg.), Going South: Tracing Race and Region in the Post-Emancipation Black Atlantic, Special Issue, Journal of American Studies 52,2 (2018); Norbert Frei / Franka Maubach / Christina Morina / Maik Tändler, Zur rechten Zeit. Wider die Rückkehr des Nationalismus, 3. Aufl., Berlin 2019; Monica Muñoz Martinez, The Injustice Never Leaves You. Anti-Mexican Violence in Texas, Cambridge Mass. 2018; Akasemi Newsome, The Color of Solidarity. Explaining the Conditions of Labor Union Support for Immigrants, im Erscheinen; Kathryn Olivarius, Immunity, Capital, and Power in Antebellum New Orleans, in: American Historical Review 124,2 (2019), S. 425-455; Michael Rothberg, Multidirectional Memory. Remembering the Holocaust in the Age of Decolonization, Stanford 2009; Leti Volpp, Protecting the Nation from “Honor Killings”. The Construction of a Problem, in: Constitutional Commentary 133 (2019), S. 133-169.
[2] Vgl. https://lisa.gerda-henkel-stiftung.de/racism_in_history_and_context?nav_id=9427 (06.01.2021).

Zitation
Tagungsbericht: Racism in History and Context, 15.09.2020 – 29.10.2020 online, in: H-Soz-Kult, 16.01.2021, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8853>.