Wege aus der Krise. Umbrüche und Normalitätsnarrative in Franken in vergleichender historischer Perspektive

Ort
digital
Veranstalter
Martin Ott / Marcus Mühlnikel, Institut für Fränkische Landesgeschichte (IFLG) der Universitäten Bamberg und Bayreuth, Thurnau
Datum
19.10.2020 - 20.10.2020
Von
Margitta Grötsch / Michael Seiz / Walter Gaube, Institut für Fränkische Landesgeschichte der Universitäten Bamberg und Bayreuth

Die Online-Tagung widmete sich in interdisziplinären Beiträgen den Handlungsspektren verschiedener Akteure im Nachklang einer Krise. Durch den Blick auf Krisen der Vergangenheit wurde ersichtlich, dass krisenhafte Veränderungen zu neuen Vorstellungen, Strukturen und Narrativen von Normalität führen können. Der Weg dorthin und die Nachhaltigkeit der Veränderungen waren zentrale Aspekte der Vorträge. Während am ersten Veranstaltungstag der regionale Schwerpunkt auf Franken lag, weitete sich der Blick am zweiten Tag hin zu internationalen Fragestellungen.

MADELEINE ZIER (Thurnau) untersuchte die Verfolgung von Hexerei und Zauberei in Bamberg im 17. Jahrhundert. Während die Hexenverfolgung gemeinhin als Ausdruck einer Krisenzeit gesehen wird, kann sie in ihren extremen Exzessen – wie in den fränkischen Hochstiften – als Krise an sich betrachtet werden, mit Opfern in allen sozialen Schichten. In Bamberg verlief die Verfolgung in drei sich in ihrer Intensität steigernden Wellen. Die Prozesspraxis wich dabei stark vom rechtmäßigen Vorgehen gemäß der Constitutio Criminalis Carolina ab. Die großzügige Auslegung der Gesetze, bis zur Beugung, führte in Bamberg zu Prozesskaskaden mit besonders geringen Anforderungen an Indizien, Zeugen und Beweise. Der Verfolgungsexzess endete 1631 mit dem Eingreifen des Reichshofrates in Wien. Im Zuge des Schwedeneinfalls 1632 flohen die führenden Köpfe der Hexenverfolgung – und damit die Hauptverantwortlichen für die Eskalation der Krise – aus der Stadt. Wie Zier zeigte, konnten die neuen Zuständigen auch gegen das Drängen der Bevölkerung maßvollere Verfahrensformen durchsetzen, im Einklang mit der Carolina: Manche Anschuldigungen wurden nun mangels Beweisen zurückgewiesen, auf Folter bald ganz verzichtet, Verfahren professionalisiert, Urteile milder gefällt und Falschbeschuldigungen konnten gar zu Gegenklagen führen.

MARCUS MÜHLNIKEL (Thurnau) verglich die Sicherheitsdiskurse nach dem Bismarck-Attentat von Kissingen (1874) mit dem zweiten Attentat auf Wilhelm I. im Jahr 1878 und stellte dabei grundlegende Unterschiede im öffentlichen Diskurs fest. Das Nobiling-Attentat auf Wilhelm I. wurde als deutlich fatalere Krise empfunden. Die Unsicherheit, ob der Kaiser das Attentat überleben würde, stellte die grundlegende Ordnung des Deutschen Reiches in Frage und motivierte die Akteure zu entsprechenden Gegenmaßnahmen, die das Leben des Monarchen künftig schützen würden. Sonst übliche Handlungsoptionen erschienen unsicher, bestimmte Routinen galten nicht mehr als zuverlässig. Beim Kissinger Anschlag war dies nicht der Fall. Um den Weg zurück zur Normalität zu finden, waren keine tiefgreifenden Neuerungen nötig.

ARNDT MACHELEDT (Geisa) stellte dar, dass Grenzen als Krisen oder Normalität wahrgenommen werden können. Er beleuchtete das Rhön-Gebiet als Grenzregion. Hier durchtrennten die nach der Gründung zweier deutscher Staaten geschaffene Grenze und die damit einhergehende zunehmende Abriegelung der DDR regional gewachsene Strukturen. Macheledt beleuchtete den krisenhaften Prozess, sich den neuen Gegebenheiten in einer Grenzregion anzupassen, und die sich anschließende Normalisierung anhand konkreter Beispiele auf beiden Seiten. Auffällig war die Wandlung der Narrative und Wahrnehmungen von Krise und Normalität, die in einem historisch eng verflochtenen und nun durchschnittenen Gebiet stattfanden. Im Vortrag wurde deutlich, wie sich soziale und ökonomische Beziehungen wandelten und gleichzeitig Aktivitäten entfaltet wurden, um sich mit dem Status quo zu arrangieren, ihn zu unterwandern oder sich durch Flucht zu entziehen.

JENS DETZER (Thurnau) widmete sich der Krise der mindermächtigen Reichsstände Anfang des 19. Jahrhunderts. Diese bestand in erster Linie darin, dass Adelige seit 1806 ihrer bisherigen Machtstellung beraubt wurden und nach dem Ende des Wiener Kongresses 1815 als „privilegierte Untertanen“ galten. Dazwischen wurden verschiedene Versuche von Seiten der sogenannten Standesherren unternommen, um den durch die Mediatisierung entstandenen Verlust ihrer herrschaftlichen Stellung rückgängig zu machen. Dazu gehörten etwa die Frankfurter Union (1803–1806) und der Mediatisiertenverein (1813–1815), in denen sich insbesondere Adelige aus der Wetterau, Franken und Schwaben organisierten. Die angestrebte Restituierung der Verhältnisse vor der Mediatisierung erwies sich als unmöglich. Detzer stellte heraus, dass der als Krise wahrgenommene Verlust von Herrschaftsrechten nur zum Teil ausgeglichen werden konnte, weshalb sich hauptsächlich diejenigen Familien mit der neuen Normalität abfinden konnten, in denen zwischenzeitlich ein Generationswechsel stattgefunden hatte.

ROBERT SCHMIDTCHEN (Bayreuth) referierte über die gesellschaftlichen Folgen des Atomreaktorunglücks von Tschernobyl für die UdSSR. Während die politische Führung früh Kenntnisse über bautechnische Mängel und Sicherheitsverstöße hatte, wurden diese Informationen gezielt vor der Bevölkerung zurückgehalten. Mit dem vor laufenden Kameras stattfindenden Reaktorunglück war eine Vertuschung nicht mehr möglich. Dieses Ereignis beschleunigte eine Veränderung der Beziehung zwischen Staat und Bürgern – ein breiteres Meinungsspektrum im öffentlichen Diskurs wurde zugelassen und bisher im Selbstverlag erschienene Schriften wurden öffentlich zugänglich gemacht. Michail Gorbatschow strebte den Umbau der bisherigen politischen Praxis an und setzte sich das Ziel, die Politik transparenter zu gestalten. Seine Wirtschaftsreform erzielte jedoch nicht die erhofften Ergebnisse. Stattdessen waren Inflation, Streik, Hungersnot und ein mangelhaftes Gesundheitswesen die Folge. Die durch das Reaktorunglück deutlich gewordene Krise erwies sich als zu fundamental für das bestehende politische und wirtschaftliche System und bedingte einen grundlegenden Umbau.

LINA SCHRÖDER (Würzburg) beleuchtete Wirtschaftsstandorte in der Krise. Über drei Zeiträume hinweg verfolgte sie die Debatte über den Rhein-(Maas-)Schelde-Kanal, ein Infrastrukturprojekt, von dem sich die miteinander konkurrierenden Städte Aachen, Neuss und Antwerpen besonders in wirtschaftlichen Umbrüchen eine Stärkung als Wirtschaftsstandorte und damit mehr Krisenfestigkeit erhofften. Schröder betonte, dass als Krise zu gelten habe, was von den Akteuren als solche wahrgenommen werde, wobei sich die Positionen, etwa zwischen Wirtschaftsvertretern und der Tagespresse, unterscheiden können. Im Falle des Kanalprojektes bemühten sich mehrere Vereine und Interessenvertretungen darum, ein Problembewusstsein für die wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu schaffen und den Kanalanschluss als mögliche Lösung in der Diskussion zu halten. Die angewandten Strategien erwiesen sich letztlich als nicht erfolgreich: In der Politik konnte nicht genug Rückhalt gefunden werden, um das knappe Kapital in ein unsicheres Infrastrukturprogramm zu stecken. In Aachen und Neuss trug dies wohl zum Niedergang der Zechen bei, der Binnenhafen von Neuss fusionierte schließlich mit Düsseldorf.

JAN SCHULZ und DANIEL MAYERHOFFER (beide Bamberg) betrachteten das Phänomen Krise und deren Überwindung von einer strukturellen, theoretischen Ebene aus. Sie stellten die Arbeitshypothese auf, dass Strategien in Krisenzeiten viel stärker nach der wahrgenommenen Expertise ihrer Agenten selektiert werden, als dies unter normalen Umständen der Fall ist. Um dies zu belegen, entwickelten sie ein multidimensionales mathematisches Modell, in dem abstrakte Strategien der Krisenbewältigung gegeneinander antreten. Im Fokus steht dabei die Verzahnung der Dimensionen von Krisen und deren Agenten. Der Erfolg einer Strategie wird daran bemessen, ob diese umgesetzt wird bzw. im Diskurs präsent ist. Es zeigt sich, dass die Mehrheit der Strategien ungünstige Startbedingungen haben, weswegen sie nicht weiterverfolgt werden und nach kurzer Zeit verschwinden. Nur wenige Strategien weisen günstige Startbedingungen auf, wodurch sie schnell in den Diskurs aufgenommen werden und erst wieder aus dem Modell austreten, wenn sie durch ähnliche Vorgehensweisen ersetzt werden. Je interdependenter die Strategien sind, desto länger bleiben sie im Diskurs erhalten.

DANIEL REUPKE (Bayreuth/Stuttgart) erforschte den Aufbau lokaler Kreditnetzwerke der ländlichen Gesellschaft im 19. Jahrhundert im Saar-Mosel-Raum und prüfte diese Netzwerke auf ihre Resilienz. Laut historischer Netzwerkforschung erwiesen sich die damaligen Kreditnetzwerke als besonders widerstandsfähig gegenüber exogenen Schocks, da die Kreditvergabe innerhalb des unmittelbaren Umfelds erfolgte. Reupke überprüfte die Anpassungsfähigkeit dreier Kreditnetzwerke anhand der beiden Krisenszenarien Naturkatastrophe und Krieg. Für die Untersuchung wählte er die Weinbauorte Remich, Merzig und Sierck-les-Bains. Es zeigte sich, dass Krisen zum Beispiel in Form von Naturkatastrophen als Katalysator des Kreditmarktes dienen können. So stieg die Kreditnachfrage nach dem Ausbruch des Vulkans Tambora 1815 oder auch nach starken Reblausbefällen. Doch Krisen sind nicht immer ein Katalysator der Kreditnachfrage. So war das 1867 noch stark verzweigte Kreditnetzwerk in der Gemeinde Sierck-les-Bains nach dem Deutsch-Französischen Krieg faktisch zusammengebrochen.

BART PETERS (Mainz) stellte das 11. Jahrhundert in Süditalien als eine Krisenzeit vor, in der mehrere Akteure um die Vorherrschaft kämpften. Im Zuge der entsprechenden Kriegshandlungen erscheinen in den erzählenden Quellen auch Ansprachen militärischer Anführer. Diese haben neben dem performativen Element – das Verhältnis von Anführer zur Gefolgschaft zu etablieren – auch emotionale und argumentative Dimensionen, d.h. sie sollten Krisenbewusstsein schaffen, die Moral stärken und die (Kampf-)Handlungen rechtfertigen – und damit helfen, die Krise zu überwinden. Peters verglich an zwei konkreten Beispielen höchst unterschiedliche Redestrategien: zum einen die Rede des byzantinischen Heerführers Exaugustus Boioannes vor seiner Niederlage in der Schlacht von Montepeloso 1041, zum anderen die Ansprache des Normannen Robert Guiskard während der Belagerung von Palermo. Während Exaugustus vergeblich an den Mut der griechischen Vorfahren erinnerte und die Feigheit unter seinen Soldaten verurteilte, versuchte der später siegreiche Guiskard seine Männer mit einem Gottesbezug von der Alternativlosigkeit eines Sieges zu überzeugen. Quellenkritisch zu beachten ist, dass die erst nach dem Kampf niedergeschriebenen Reden narrativstiftend wirken sollten. Sie mussten in Inhalt und Argumentation den bekannten Ereignissen und den Erwartungen der Rezipienten gerecht werden, charakterisieren und idealisieren aber auch den Redner. 

Die Tagung beleuchtete Wege aus der Krise aus unterschiedlichen Perspektiven. Als gemeinsame Schnittmenge der vielseitigen Vorträge und der engagierten Abschlussdiskussion kann festgehalten werden, dass Krisen situations- und akteursabhängig wahrgenommen und beurteilt, mitunter auch aktiv konstruiert werden, um intendierte Handlungen zu evozieren. Der Weg aus der Krise kann über radikale Umbrüche, die Adaption bekannter und die Innovation neuer Deeskalationsmechanismen führen. Wichtig für die Überwindung von Krisen scheinen dabei sich neu etablierende Netzwerke zu sein sowie Akteure, die als Krisenagenten auftreten. Die Vorträge werden für die Publikation vorbereitet.

Konferenzübersicht:

Martin Ott (Thurnau): Begrüßung und Einführung

Madeleine Zier (Thurnau): Die Verfolgung von Hexerei und Zauberei in Bamberg nach dem Ende der großen Prozesswellen im 17. Jahrhundert

Marcus Mühlnikel (Thurnau): Den Reichskanzler schützen. Der Sicherheitsdiskurs nach dem Bismarck-Attentat von Kissingen (1874)

Arndt Macheledt (Geisa): Grenze als Krise und Normalität. Die deutsche Teilung nach 1945 in Franken, Hessen und Thüringen

Jens Detzer (Thurnau): Die mindermächtigen Reichsstände in der Krise. Der Zerfall des Alten Reiches und der Überlebenskampf einer überlebten Ordnung 1803 bis 1821

Robert Schmidtchen (Bayreuth): Krise als Katalysator: Tschernobyl und seine Folgen für die UdSSR

Lina Schröder (Würzburg): Wirtschaftsstandorte in der Krise. Die Bemühungen Aachens, Neuss und Antwerpens um eine Rheinanbindung nach dem Zweiten Weltkrieg

Jan Schulz / Daniel Mayerhoffer (beide Bamberg): Wer bekommt die Aufmerksamkeit? Krisenbewältigung im agentenbasierten Modell

Daniel Reupke (Bayreuth/Stuttgart): Krise und Kredit in der ländlichen Gesellschaft des langen 19. Jahrhunderts

Bart Peters (Mainz): Speeching your way out of a crisis. Battle orations in the eleventh-century chronicles of Norman Italy

Abschlussdiskussion

Zitation
Tagungsbericht: Wege aus der Krise. Umbrüche und Normalitätsnarrative in Franken in vergleichender historischer Perspektive, 19.10.2020 – 20.10.2020 digital, in: H-Soz-Kult, 30.01.2021, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8866>.