100 Jahre Alte Geschichte in Rostock

Ort
Rostock
Veranstalter
Heinrich Schliemann-Institut für Altertumswissenschaften/ Alte Geschichte
Datum
09.07.2005
Von
Volker Grieb, Hamburg

Die Tagung "100 Jahre Alte Geschichte in Rostock" wurde vom Heinrich Schliemann-Institut für Altertumswissenschaften/ Alte Geschichte im Rahmen des Norddeutschen Althistorischen Colloquiums veranstaltet. Beabsichtigt war der Rückblick auf die Entwicklung des Faches insbesondere in Beziehung zur Zeit- und Universitätsgeschichte. Zudem sollten die fachlichen Schwerpunkte der ersten Lehrstuhlinhaber näher betrachtet werden - die griechische Epigraphik im Falle von Walter Kolbe, die römische Kaiserzeit im Falle von Ernst Hohl. Die weitere Entwicklung in der DDR spielte insbesondere in der Diskussion eine wichtige Rolle.

Walter Kolbe, der 1905-19 in Rostock tätig war, wurde von Rainer Bernhardt vorgestellt. Obwohl die Alte Geschichte im 19. Jahrhundert noch keinen Lehrstuhl in Rostock besaß, fand sie dort im Rahmen des Geschichtsstudiums punktuelle Berücksichtigung. Insbesondere der 1871 berufene Octavius Clason trat hierbei als Vertreter für die römische Altertumskunde hervor, doch konnte er durch seinen frühen Tod 1873 keine dauerhafte Etablierung des Faches erreichen. Der jung, mit 29 Jahren berufene Walter Kolbe stammte aus Pommern und hatte bei Ulrich Koehler über das athenische Seewesen promoviert (1901). Seinen Ruf nach Rostock verdankte er vor allem der Tatsache, dass er als Kenner der griechischen Epigraphik galt. 1913 kam seine Bearbeitung der Inschriften Lakoniens und Messeniens in der Reihe "Inscriptiones Graecae" zum Abschluss. Die finanzielle Ausstattung des Faches wie auch seines Gehaltes in Rostock war allerdings äußerst mäßig, so dass Kolbe sich beklagte, er hätte während seiner Tätigkeit die eigenen Ersparnisse aufbrauchen müssen. Institutionell bildete die Alte Geschichte das Historische Institut II, neben dem das Institut für Altertumswissenschaften (seit 1906) unter Otto Kern bestand. Im 1. Weltkrieg stand Kolbe dann "im Felde" und vertrat gegen Kriegsende das Fach in Dorpat/Tartu. Sein weiterer Lebensweg führte ihn noch nach Greifswald und Freiburg, wo er 1943 starb.

Der Vortrag von Markus Sehlmeyer befasste sich mit dem zweiten Lehrstuhlinhaber, Ernst Hohl (1919-1949), und der Entwicklung in der frühen DDR. Durch die damalige Abtretung des Elsaß an seiner weiteren Tätigkeit in Straßburg, wo er sich 1914 habilitiert hatte, gehindert, vertrat Hohl zunächst in Greifswald die Alte Geschichte und wurde dann 1919 nach Rostock berufen. Seinen wissenschaftlichen Schwerpunkt, die Historia-Augusta-Forschung, baute er dort weiter aus, verfasste aber auch eine Darstellung der römischen Kaiserzeit in der Propyläen Weltgeschichte (1931). Das Jahr 1933 bedeutete dann einen deutlichen Einschnitt für die beruflichen Perspektiven Hohls. Als er 1935 Nachfolger seines Doktorvaters Kornemann an der Universität Breslau werden sollte, fielen die Beurteilungen durch Rektor, Dozentenführer und Studentenführer, die noch heute im Rostocker Universitätsarchiv zu finden sind, negativ aus. Man war der Ansicht, dass er trotz fachlicher Qualitäten nie Nationalsozialist werden würde. Nach Kriegsende erhielt der "Antifaschist" dann Rufe nach Jena und an die Humboldt-Universität zu Berlin, wovon er den zweiten Ruf annahm. Die Wendungen der deutschen Geschichte - vom Kaiserreich über die Weimarer Republik und NS-Diktatur bis zur SED-Herrschaft - ließen seine wissenschaftlichen Ansichten nahezu unberührt. In der frühen DDR besaß das Fach "Alte Geschichte" geringe Priorität. Werner Hartke, der Rostocker Latinist und Institutsdirektor, nahm die Wiederbesetzung des Lehrstuhls äußerst zaghaft in Angriff, althistorische Forschung wurde nicht mehr betrieben, lediglich Anfängervorlesungen erteilt.

Abschließend behandelte Rainer Bernhardt die Gründung des Instituts für Altertumswissenschaften (IAW) und den Neuanfang nach der Wende. Die Gründung des IAW hatte zur Folge, dass 1963 ein Assistent für Alte Geschichte eingestellt wurde, Heinz-Jürgen Kühne, der auch in Rostock promovierte und später Oberassistent wurde. Mit der dritten Hochschulreform in der DDR folgte aber das Ende des IAW und auch der Studiengänge. Ab 1977 vertrat Liselot Huchthausen als Professorin die Alte Geschichte - das Fach war inzwischen den Geschichtswissenschaften zugeordnet. Forschungsschwerpunkte lagen im römischen Recht und der Übersetzung lateinischer Quellen. Als Nachfolgerin des Latinisten Hering kam Gabriele Bockisch hinzu, die aber auch althistorische Lehrveranstaltungen anbot. Die Wiedervereinigung führte dann zur Neugründung des IAW, wobei Alte Geschichte zunächst nur als Nebenfach betrieben werden konnte. Mittlerweile sind mehrere Forschungsbeiträge von M. Horster, S. Arndt, M. Sehlmeyer, S. Mratschek und dem Referenten selbst erschienen, eine Publikation von G. Bockisch zu Cornelius Nepos sei in Kürze zu erwarten; Alte Geschichte könne als Erstfach im Studiengang "Bakkalaureus Artium" studiert werden.

Die anschließende Diskussion begann mit Walter Kolbe; W.A. Schröder merkte an, dass die Neue Deutsche Biographie ein falsches Todesdatum für Kolbe anführe (richtig: 24.2.1943). Beate Wagner-Hasel fragte, ob es für die Zeit außergewöhnlich gewesen sei, dass gleich zwei Frauen bei Ernst Hohl ihre Dissertationen (1919 und 1925) anfertigten. In Heidelberg jedenfalls habe es zu dieser Zeit einen höheren Anteil von Frauen bei Dissertationen gegeben. Sehlmeyer verwies auf den statistisch höheren Anteil von Frauen durch den 1. Weltkrieg. Liselot Huchthausen merkte an, dass zu dieser Zeit in Berlin die Frauen erst nach den Männern antworten durften; dieses sei in Rostock allerdings nicht der Fall gewesen. Bernard van Wickevoort Crommelin fragte, ob die Franzosen an der Universität Straßburg, Hohls früherer Wirkungsstätte, nach dem 1. Weltkrieg an die vorherige deutsche Tradition angeknüpft hätten. W.A. Schröder verwies auf die Vertreibung der deutschen Professoren (z.B. Eduard Schwartz), während Jürgen Deininger anführte, man sollte überprüfen, ob nicht anderen deutschen Hochschullehrern die französische Staatsbürgerschaft angeboten worden sei. Jürgen Gundlach, 1948/49 Student in Rostock, bekräftigte Hohls kritische Haltung gegenüber Nationalsozialisten wie auch der SED. Zunächst habe es am Seminar keine "Blauhemden" (FDJ) gegeben.

Gabriele Bockisch machte zwei Anmerkungen zum zweiten Vortrag von Bernhardt. So seien einerseits die erheblichen Probleme bei der Anschaffung von Literatur zur Zeit der DDR für viele Bibliotheken der Normalfall gewesen, während nur sehr wenige Institute eine entsprechend befriedigende Ausstattung aufwiesen. Die Kollegen hätten durch persönlichen Einsatz diverse zusätzliche Bücher beschaffen können, eine besondere Leistung der DDR-Lehrkräfte in Rostock. Zum anderen hätte man, entgegen der Kritik von Herrn Bernhardt, 1991 aus ihrer Sicht nicht die Forderung nach einem eigenständigen Fach Alte Geschichte stellen können. Frau Huchthausen ergänzte die erste Ausführung von Frau Bockisch dahingehend, dass die Bibliotheksbestände häufig durch Tausch mit den westlichen Universitäten vergrößert werden konnten. Zur zweiten Anmerkung von Frau Bockisch merkte sie an, dass es in der DDR keinen eigenen Studiengang Alte Geschichte gegeben habe, so dass dieses Fach insbesondere als Dienstleister zu betrachten gewesen sei.

J. Deininger verwies in Zusammenhang mit der Frage nach der Eigenständigkeit des Faches auf die Situation in Hamburg, wo aus dem Seminar für Alte Geschichte mittlerweile der Arbeitsbereich für Alte Geschichte geworden sei. In Bezug auf die Zeit der DDR führte Frau Huchthausen auch die grundsätzlichen Probleme bei der Vermittlung des Faches an, weil damals die alten Sprachen kaum noch an der Schule unterrichtet wurden, dieses also an der Universität nachzuholen war. Hierzu merkte Frau Bockisch an, dass sie damals diese Sprachen in zahlreichen Sprachkursen vermittelt habe. Auch sei heute immer noch die Kenntnis der alten Sprachen im Umfange des Graecums und Latinums für das Studium unabdingbar.

Die Etablierung der Alten Geschichte als selbstständiges Fach vollzog sich im selben Zeitraum, wie dies auch andernorts erfolgte. Nach Kolbe brachte Hohl eine lange Zeit der Kontinuität in das Historische Seminar II, die dann nach seiner Wegberufung jäh unterbrochen wurde. In der DDR-Zeit konnte althistorische Forschung in Rostock nur sehr punktuell betrieben werden, gegen Ende der DDR wurde aber zumindest die Lehrtätigkeit auf diesem Gebiet intensiviert, so dass wenigstens seit der Wiedervereinigung wieder eine hoffnungsvolle Entwicklung zu verzeichnen ist.

Fazit

Die im Rahmen des Norddeutschen Althistorischen Colloquiums durchgeführte Veranstaltung "100 Jahre Alte Geschichte in Rostock" ermöglichte durch die einzelnen Beiträge vielfältige Einblicke in die dortige Entwicklung des Faches und bot durch die Berücksichtung der ganz unterschiedlichen historischen Bedingungen im nunmehr vergangenen Jahrhundert gleichsam einen Überblick über die zu verschiedenen Zeiten bestehenden politischen Einflüsse und Vorstellungen sowie den daraus resultierenden Schwierigkeiten hinsichtlich einer dauerhaften Etablierung der Alten Geschichte in Rostock. Gerade die Aufarbeitung und kritische Diskussion der DDR-Zeit steht aus wissenschaftshistorischer Sicht noch am Anfang. Dieses Desiderat zu beseitigen, gilt es für die Zukunft verstärkt zu berücksichtigen, wozu die Tagung sicherlich einen fruchtbaren Beitrag geleistet hat; die rege Diskussionsbeteiligung zu eben dieser Phase der Institutsgeschichte hat dieses kenntlich gemacht. Dass darüber hinaus eben auch die vorherigen, ja in 'kürzeren' Zeitabständen wechselnden politischen Bedingungen und Einflüsse auf das Fach in Rostock in den Beiträgen gebührend berücksichtigt wurden, verdankt die Veranstaltung den gelungenen Einzelbeiträgen von R. Bernhardt und M. Sehlmeyer. Gleichzeitig wurde damit aber auch deutlich, dass eben die Bedingungen und Einflüsse und damit verbundene Auswirkungen auf die Alte Geschichte in Rostock unterschiedlichsten und mitunter sogar einzigartigen Konstellationen unterlagen, die aufgrund des begrenzte Zeitrahmens der Tagung kaum ausführlicher zu besprechen waren, sodann aber eine eingehendere Behandlung verlangen. In diesem Zusammenhang sei verwiesen auf die aktuelle Darstellung von Markus SEHLMEYER und Uwe WALTER zu dem Rostocker Althistoriker Ernst Hohl [1], in der entsprechend ausführlich auf die angeführten historischen Bedingungen eingegangen werden konnte, die insbesondere auch auf einer Auswertung der Rostocker Archivalien beruht.

Den Veranstaltern und Vortragenden darf an dieser Stelle für eine überaus gelungene Tagung nochmals der Dank der Teilnehmenden ausgesprochen und gleichzeitig dem Fach Alte Geschichte in Rostock eine von Schwierigkeiten weitestgehend unberührte Zukunft gewünscht werden.

Anmerkung:
[1] "Unberührt von jedem Umbruch? Der Althistoriker Ernst Hohl zwischen Kaiserreich und früher DDR", Verlag Antike 2005

Zitation
Tagungsbericht: 100 Jahre Alte Geschichte in Rostock, 09.07.2005 Rostock, in: H-Soz-Kult, 09.11.2005, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-901>.
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Veröffentlicht am
09.11.2005
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