Geld und Internationale Politik von der Antike bis zum 20. Jahrhundert

Ort
digital
Veranstalter
Guido Thiemeyer, Düsseldorf; Korinna Schönhärl, Paderborn; AG Internationale Geschichte des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands
Datum
01.07.2021 - 02.07.2021
Von
David Irion, Neueste Geschichte und Zeitgeschichte, Ludwig-Maximilians-Universität München

Der Mai 2020 wird in Erinnerung bleiben – und das nicht allein aufgrund eines die Welt lahmlegenden Virus. Zu Beginn des Monats rief die Urteilsverkündung des deutschen Bundesverfassungsgerichts (BVerfG) zur Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs in der Rechtssache Weiss ein europaweites und langanhaltendes Echo hervor und unterbrach das Stakkato der Corona-fixierten Nachrichten.[1] Gerade in politischen, aber auch in akademischen Kreisen fiel die Reaktion auf das Urteil überaus negativ aus.[2] Einerseits befürchtete man unmittelbare Folgen in Form einer Delegitimierung der europäischen Institutionen, was wiederum andererseits das gesamte politische Projekt der Europäischen Union (EU) nachhaltig gefährden könnte. Darüber hinaus aber rückte das gemeinhin unter dem Namen PSPP bekannte Urteil des BVerfG durch seine juristische Bewertung des zentralen Wertpapierkaufprogramms des Eurosystems PSPP (Public Sector Purchase Programme) etwas ganz generelles in den medialen Fokus auch einer breiteren Öffentlichkeit: das virulente Spannungsverhältnis aus monetären Maßnahmen und internationaler Politik im Rahmen der EU, das sich kurz darauf auch in den Verhandlungen über den sogenannten Wiederaufbaufonds für alle sichtbar erneut Bahn brechen sollte.

Insofern besaß die aufgrund der Pandemie digital stattfindende Tagung eine hohe Aktualität. Zeitlich spannte sie einen weiten Bogen von der Antike bis in das 20. Jahrhundert, in welchem sie den komplexen Nexus aus Geld und internationaler Politik zu analysieren versuchte. Die drei Sektionen der Tagung benannten die verschiedenen perspektivischen Zugriffspunkte für die einzelnen Vorträge. Da präzirkulierte Texte der Referentinnen und Referenten die Basis der Tagungsinhalte bildeten, waren die Vorträge und Diskussionen konzentriert, engagiert und pointiert. Der hier gewählte Rahmen kann für kommende Online-Formate dieser Art sicherlich eine lohnende Überlegung sein, will man Aufmerksamkeit und Aktivität der Beteiligten über einen längeren Zeitraum hinweg hochhalten.

In seiner Einführung kam GUIDO THIEMEYER (Düsseldorf) neben der Aktualität auf die Relevanz eines die beiden Themenbereiche kombinierenden geschichtswissenschaftlichen Forschungsansatzes zu sprechen. Dabei problematisierte er die parallele und damit unabhängig voneinander stattfindende Betrachtung von Geld und internationaler Politik, die durch Disziplingrenzen mit ihren jeweils eigenen methodischen Regeln noch begünstigt werde. Geld und internationale Politik seien aber nicht einfach zwei Seiten einer Medaille, sondern vielmehr eng miteinander verwoben und bedingten sich wechselseitig. Ziel der Tagung sei es deshalb, einen Ausblick auf das Potenzial zu geben, das die verbindende Untersuchung von Geld und internationaler Politik für die historische Forschung haben könnte.

Die erste Sektion unter dem Titel „Geld als Instrument der Außenpolitik“ eröffneten die Überlegungen zu Geld als (rhetorischer) Waffe von DOROTHEA RHODE (Bielefeld). Im Zentrum ihres Vortrages stand die Macht des Geldes in einer kriegerischen Außenpolitik. Rhode ging es allerdings nicht darum, die tatsächliche Bedeutung von finanziellen Ressourcen in militärischen Auseinandersetzungen zu beleuchten. Sie interessierte stattdessen vor allem die Suggestion (finanzieller) Ressourcen als Mittel der Kriegsvermeidung, also die rhetorische Strategie hinter der Verknüpfung von Geld und Macht. Empirisch richtete sich Rhodes Blick auf die kriegerischen Auseinandersetzungen im Griechenland des 5. vorchristlichen Jahrhunderts. Anhand historiographischer Darstellungen wie der von Thukydides zum Peleponnesischen Krieg konnte sie zeigen, dass die finanzielle Suggestion deshalb gelingen konnte, weil die Annahme, Geld ließe sich direkt in militärische Überlegenheit transferieren, weit verbreitet war.

Im Hinblick auf Geld waren Sprache und rhetorische Strategien für die Außenpolitik jedoch nicht nur in der Antike elementar. So stellte JONATHAN KRAUTTER (Berlin) die Frage nach der Funktion des Zahlungsbilanzarguments im Liberalisierungsdiskurs der japanischen Außenwirtschaftspolitik in den Jahren 1950 bis 1971. Untermauert durch ökonometrische Daten konnte er deutlich machen, wie die Regierung Japans das Zahlungsbilanzargument als ein wirkmächtiges Instrument der Legitimierung ihrer Politik nutzte, und das, obwohl die Zahlungsbilanz als solche in der Anwendung von Kapitalkontrollen schon zu Beginn der 1950er-Jahre nur eine untergeordnete Rolle spielte.

Dass abseits der Sprache auch eine materielle Dimension des Geldes in einem außenpolitischen Kontext zu berücksichtigen ist, dafür plädierte JULIANE CLEGG (Potsdam). Plastisch demonstrierte sie unter anderem am Beispiel Margaret Thatchers, die Kreditkarten für schädlich und gefährlich hielt, wie starke Emotionen die Beziehung zu (materiellem) Geld prägen können. In der Debatte über die britische Teilnahme am Europäischen Währungssystem zwischen 1985 und 1990 führten Einstellungen wie diese dazu, die nationale Souveränität an den Bestand der traditionsreichen britischen Währung zu koppeln. Dadurch, so Clegg, waren die währungspolitischen Verhandlungen zwischen den Ländern der Europäischen Gemeinschaft und dem Vereinigten Königreich von Anfang an eben auch identitätspolitische.

Die folgende Keynote von HUBERT ZIMMERMANN (Marburg) zu Geld als interdisziplinärem Forschungsobjekt zielte vor dem Hintergrund der präsentierten Fragestellungen und Ansätze auf den Mehrwert, den gerade die Geisteswissenschaften zur Erforschung des Geldes leisten könnten. Im Unterschied zur Orthodoxie der klassischen Ökonomie, die die Neutralität des Geldes postuliere, sei für die Geisteswissenschaften ihre Standortgebundenheit wesentlich, was den jeweiligen (Entstehungs-)Kontext betone. Analytische Konzepte wie Vertrauen, Konventionen oder soziale Ordnungen als konstitutive monetäre Faktoren rückten damit in den Fokus. So würde Geld über seine volkswirtschaftliche Funktion hinaus auch zu einem Symbol der Zugehörigkeit zu Kollektiven, ein Medium akzeptierter und umstrittener Identitätsnarrative. Zimmermann verwies in diesem Zusammenhang exemplarisch auf weiterführende Fragen nach Macht, Herrschaft oder Autorität, die sich aus einem solchen Geldverständnis ergäben.

FREDERIKE SCHOTTERS (Tübingen) eröffnete die zweite Sektion der Tagung, die der Rolle des Geldes in Internationalen Organisationen nachspüren sollte. Sie untersuchte die grenzüberschreitenden Finanzströme des Lyoner Werks zur Glaubensverbreitung in der Zeit von 1822 bis 1922 und ging der Frage nach, welche Rolle Geld für zivilgesellschaftliche Akteurinnen und Akteure spielte. Dabei unterstrich sie, dass aus Sicht der historischen Akteurinnen und Akteure Geld die Funktion einer Handlungsressource und eines Steuerungselements erfüllte. Auffällig sei, wie sich durch die geographische Verschiebung der Hilfstätigkeiten des Lyoner Werks im Laufe des 19. Jahrhunderts ein Vorstellungs- und Bedeutungswandel in Bezug auf Hilfe und Bedürftigkeit vollzogen habe. Schotters betonte, weitere Forschungen müssten vor allem das asymmetrische Machtverhältnis zwischen den Gebern in Lyon und den Empfängern im missionarischen Feld näher bestimmen.

Eine Internationale Organisation von gänzlich anderer Natur als das Lyoner Werk war die Lateinische Münzunion. Ihr und der ambivalenten Rolle Frankreichs in dieser Währungsunion widmete sich Guido Thiemeyer. Sein Vortrag verband gewissermaßen die beiden thematischen Schwerpunkte der ersten und zweiten Sektion miteinander. Denn zum einen beleuchtete er mit Blick auf Frankreich die Währungspolitik als Instrument der Außenpolitik. Zum anderen ging es ihm um die Lateinische Münzunion als Internationale Organisation, die für ihn ein geldpolitisches Forum einer Konkurrenz nicht ausschließenden Kooperation unterschiedlicher kontinentaleuropäischer Länder war. Diese doppelte Perspektive mündete in der These Thiemeyers, dass Frankreich es im geldpolitischen Forum der Münzunion schaffte, die Führung innezuhaben und seine währungspolitischen Standards als Gegengewicht zum britischen Pfund als der Währung des Empire durchzusetzen. Gleichzeitig geriet es aber auch in Abhängigkeit zu den Entwicklungen in den anderen Mitgliedsländern, auf die die französische Regierung letztlich keinen Einfluss mehr hatte.

JONATHAN VOGES (Hannover) nahm sich des Budgets des Völkerbundes in den 1920er- und 1930er-Jahren an. Seine zentrale These verband die auch schon von Rhode und Thiemeyer angesprochene Verbindung von Geld und Außenpolitik. Doch anders als Rhode zielte Voges nicht auf die Suggestion des Geldes als Machtmittel, sondern auf dessen tatsächliche durch Einsatz direkt erzeugte Macht. Auch unterschied er sich dadurch von Thiemeyers währungspolitischen Ausführungen. Neben der politisch eng umgrenzten Kompetenz des Völkerbundes sah Voges dessen Finanzierungsmodalitäten als zentralen Schwachpunkt seiner Struktur an. Der Völkerbund blieb stets auf die Zustimmung der Mitgliedsstaaten zum vorgeschlagenen Budgetplan angewiesen, ohne die er nicht handlungsfähig war. Weil seine gesamte Finanzierungslage somit permanent prekär war, konnten die einzelnen Mitgliedsstaaten ihre Investitionen an programmatische Bedingungen knüpfen.

Die dritte Sektion widmete sich internationalen Beziehungen und der Dynamik der Währungsmärkte. TATIANA TERESHCHENKO (Moskau) betonte zunächst noch einmal, was die bisherigen Vorträge deutlich vor Augen geführt hatten: Geld hat mannigfaltige Funktionen. Sie wolle hier eine weitere hinzufügen, indem sie Geld als ein Objekt der angewandten Kunst verstehe, als ein semiotisches Medium, mithilfe dessen große Mengen an Informationen und Bedeutungen transportiert werden könnten. Die Bilder und Motive antiker römischer Münzen dienten ihr als Beispiel, um zu illustrieren, wie sie, zu Propagandazwecken eingesetzt, den Herrschern die Möglichkeit gaben, öffentlichkeitswirksam ihre Agenden und Erfolge oder ihre Art der Repräsentation im Wortsinne zu prägen.

Dass Geld nicht nur mannigfaltige Funktionen hat, sondern auch unzählige verschiedene Formen, darauf machte EVA BRUGGER (Zürich) aufmerksam. Sich eines praxeologischen Zugriffs bedienend, fragte sie: Was war für wen wann Geld? In der Kolonie Nieuw Nederland in Nordamerika im 17. Jahrhundert waren neben bestimmten Kleidungsstücken unter anderem Muschelkalkketten und Biberfelle in wechselhafter und hybrider Gestalt ein gängiges Zahlungsmittel im Alltag. Daran zeigte Brugger, dass die Zuschreibung „Geld“ immer vom jeweiligen Kontext abhing und leitete daraus die Forderung ab, sich verstärkt der Gebrauchsgeschichte des Geldes zuzuwenden. Das schließe mit ein – wie sie besonders hervorhob –, die Frage zu beantworten, was mit Dingen wie Biberfellen passierte, wenn sie nicht gerade als Geld dienten.

Als Schlusspunkt der Tagung präsentierte KORINNA SCHÖNHÄRL (Paderborn) ein offenes Fazit, das durch darauffolgende Debattenbeiträge von Referierenden wie Teilnehmenden gleichermaßen ergänzt und abgeschlossen wurde. Sich die einzelnen Vorträge in Erinnerung rufend, war man sich darüber einig, dass Geld sowohl eine materielle als auch eine diskursive Logik habe. Geld könne als materielles Objekt nicht nur Machtmittel sein, sondern identitätsstiftend wirken – gerade in seiner in einem bestimmten Kontext spezifisch existierenden Form. Daran beteiligt seien auch Diskurse über Geld, die die Grenzen des Sagbaren im Reden über Geld etablierten und es so als erfahrbares Objekt erst konstruierten. Darüber hinaus dienten Diskurse, wie die Beispiele zeigten, der vorsätzlichen Verschleierung der wahren Verhältnisse, in welcher Menge Geld vorhanden war. In dieser Hinsicht konnten Über- und Untertreibungen genutzt werden, um beispielsweise Ansprüche zu erheben oder Forderungen abzuweisen. Auf große Zustimmung stieß die abschließende Bestandsaufnahme Schönhärls, wonach insbesondere die Erforschung der diskursiven Logik des Geldes noch zahlreiche Lücken aufweise, die es in Zukunft zu untersuchen gelte.

Zusammenfassend ist zu konstatieren, dass es der Tagung dank unterschiedlichster historischer Perspektiven gelang, den Beweis zu führen, dass es sich bei Geld mitnichten um eine feststehende Totalität handelt. Weder materiell noch diskursiv als Einheit in einem ontologischen Sinne zu erfassen, muss stattdessen nach der Konstruktion und den dahinterliegenden Konzepten gefragt werden – und das in Bezug auf Motive, Möglichkeiten und Mechanismen der internationalen Politik. Ein interdisziplinärer Ansatz, der ökonomische mit soziologischen sowie politik- und geschichtswissenschaftlichen Wissensbestände und Methodologien verknüpft, könnte darauf fruchtbare Antworten liefern. Die Tagung war ein deutlicher Fingerzeig hierauf.

Konferenzübersicht:

Inhaltliche Einführung

Guido Thiemeyer (Düsseldorf)

Sektion 1: Geld als Instrument der Außenpolitik

Dorothea Rohde (Bielfeld): Geld ist eine Waffe – und das Reden darüber ebenso. Die Suggestion von finanziellen Ressourcen als Mittel der Kriegsvermeidung

Jonathan Krautter (Berlin): Devisen als Mittel der Durchsetzung von Außenwirtschaftspolitik. Japan und seine Kapitalkontrollen zwischen Liberalisierung und Abschottung 1950-1971

Juliane Clegg (Potsdam): Großbritannien, Deutschland und die Debatte um die britische Teilnahme am Europäischen Währungssystem 1985-1990

Keynote

Hubert Zimmermann (Marburg): Geld als interdisziplinäres Forschungsobjekt

Digitale Führung

Ulrich Rousseaux (Frankfurt am Main): Digitale Führung durch das Geldmuseum der Deutschen Bundesbank

Sektion 2: Die Rolle des Geldes in Internationalen Organisationen

Frederike Schotters (Tübingen): Die Gelder der Mission. Grenzüberschreitende Finanzströme und die Rolle nichtstaatlicher Akteure im internationalen Ordnungsgefüge (1922-1922)

Guido Thiemeyer (Düsseldorf): Macht und Ohnmacht. Der französische Franc als Leitwährung in Europa 1832-1914

Jonathan Voges (Hannover): „League contributions have been very well paid”. Das Budget des Völkerbundes in den 1920er und 1930er Jahres

_Sektion 3: Internationale Beziehungen und die Dynamik der Währungsmärkte

Tatiana Tereshchenko (Moskau): Images of Provinces in the Coins of “Provincia Capta”. Series as Medium of Propaganda of Power in Ancient Rome

Eva Brugger (Zürich): Sewantketten und Castorhüte. Gebrauchspraktiken von Geld und Mode in der Kolonie Neu Niederlande (1609-1664)

Korinna Schönhärl (Paderborn): Fazit

Anmerkungen:
[1] Siehe: Bundesverfassungsgericht [BVerfG], Urteil des Zweiten Senats vom 05. Mai 2020, 2 BvR 859/15-, Rn. 1-237,
https://www.bundesverfassungsgericht.de/e/rs20200505_2bvr085915.html (15.7.2021).
[2] Ulrich Haltern, Revolutions, real contradictions, and the method of resolving them: The relationship between the Court of Justice of the European Union and the German Federal Constitutional Court, in: International Journal of Constitutional Law 19, 1 (2021), S. 208–240, hier S. 209.

Zitation
Tagungsbericht: Geld und Internationale Politik von der Antike bis zum 20. Jahrhundert, 01.07.2021 – 02.07.2021 digital, in: H-Soz-Kult, 28.08.2021, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-9039>.