Zukunft auf dem Dorf. Zukunftskonzepte und Planungen für den ländlichen Raum im 20. Jahrhundert

Ort
Regensburg
Veranstalter
Ludwig-Maximilians-Universität, München; Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung (IOS), Regensburg; Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO) (Saale)
Datum
16.09.2021 - 18.09.2021
Von
Claudia Hempel, Lehrstuhl für Geschichte Südost- und Osteuropas, Universität Regensburg

Wer in einem kleinen Dorf in einer ländlichen Umgebung aufgewachsen ist, weiß, dass die Uhren dort anders ticken. Kein Handy-Empfang, schlechte Verkehrsanbindungen, keine spontanen Einkaufsmöglichkeiten, aber mit einer Kirche als Zentrum und ganz viel Natur zum Ausgleich. Die Landwirtschaft spielt heutzutage oft keine große Rolle mehr, da sich die landwirtschaftlichen Betriebe nur noch auf einige Höfe verteilen und die übrige Dorfbevölkerung in der nächstgelegenen Stadt arbeitet. In all diesen Settings spiegeln sich Modernisierung, Industrialisierung und Verstädterung in verschiedenen ideologischen Ausprägungen seit dem 19. Jahrhundert wider. Den Hoffnungen, Erwartungen und Befürchtungen in Bezug auf das Dorf widmete sich die Konferenz. Dabei diskutierten Historiker:innen, Soziologen:innen und ein Sozialanthropologe Zukunftsentwürfe für den ländlichen Raum – utopische und apokalyptische; von Städter:innen und von Dorfbewohner:innen selbst; religiöse und antiklerikale.

ERNST LANGTHALER (Linz) führte in seinem Beitrag über nationalsozialistische Agrarplanung und bäuerliche Wirtschaftspraxis im österreichischen Bergland die Begriffe high modernism und low modernism ein. In vielen weiteren Vorträgen und Diskussionen der Tagung sollte diese Unterscheidung fortan eine Rolle spielen. High modernism beschreibt eine schnelle, auf das Potenzial des Fortschritts vertrauende Entwicklung des ländlichen Raumes, die von außen, meistens durch staatliche Organe angeleitet wird. Low modernism hingegen meint eher die von unten, von der Dorfgesellschaft ausgehenden Modernisierungsansätze. Langthaler konnte zeigen, wie ambivalent sich die nationalsozialistische Agrarpolitik zwischen diesen Polen bewegte. Einerseits griff sie auf ein traditionelles Rollenbild der Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau zurück, andererseits förderte sie die Landwirtschaft technisch, organisatorisch und finanziell, um eine „Aufrüstung des Dorfes“ im Sinne einer Produktionssteigerung zu erreichen. Dabei wurden Baupläne für neue, fortschrittsorientierte Wohn- und Wirtschaftsgebäude entworfen und teils auch umgesetzt.

Ähnliche staatliche Baukonzepte thematisierten auch die Vorträge von MÁRKUS KELLER (Budapest) zum kommunistischen Ungarn, EKATERINA KAMENSKAJA (Ekaterinburg) zur Sowjetunion, CHRISTIAN PROMITZER (Graz) zu Österreich zwischen den Weltkriegen sowie CRISTIAN CERCEL (Bochum) für donauschwäbische Siedlungen in Brasilien nach 1945. Diese Beiträge unterstrichen gemeinsam, dass die von Expert:innen konzipierten und geplanten Veränderungen sich zunächst durchaus positiv auf den ländlichen Raum auswirkten, jedoch die dörfliche Struktur später vom Zerfall des betreffenden Regimes schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde.

HENRIK SCHWANITZ (Dresden) stellte in seinem Beitrag zur Transformation des ländlichen Raumes in der SBZ und der DDR zudem fest, dass der dörfliche Raum in der DDR als ein „ideologischer Kampfplatz“ bezeichnet werden kann. Offiziell wurde er als ein harmonischer Raum propagiert, der die sozialistische Industriegesellschaft ideal und widerspruchsfrei ergänze. Mit der Auflösung der DDR hinterließ das Regime den landwirtschaftlichen Betrieben jedoch Umweltschäden, hervorgerufen durch die propagierte Monokultur.

GERGELY KRISZTIÁN HORVÁTH betonte in seinem Beitrag zur kommunistischen Dorfpolitik in Ungarn, dass die Erosion des ländlichen Raums sich schon lange vor dem Systemwechsel von 1989 offenbart habe. Denn das sozialistische Regime habe bewusst „Siedlungen ohne Verwaltung“ geschaffen, deren Dysfunktionalität schon im Realsozialismus zur Landflucht beitrug.

CHRISTIAN PROMITZER (Graz) sprach über ländliche Zukunftsvorstellungen im slowenisch-österreichischen Grenzraum zwischen 1919 und 1938. Er wies darauf hin, dass sich dörfliche Strukturen zunächst um Kirchen bildeten. Mit der neuen „künstlichen“ Grenzziehung traten jedoch nationale Ideologien ins Zentrum der Dorfgemeinschaft. Besonderen Fokus erhielten dabei das Schulwesen und die Landwirtschaft. Beispielhaft dafür war ein Musterhof, der neben einer deutschen Schule erbaut wurde, so dass die Kinder und Jugendlichen schon im frühen Alter eine gewisse landwirtschaftliche Orientierung erhielten und somit später den slowenisch-österreichischen Grenzraum besiedeln und Landwirtschaft betreiben konnten.

Ein wiederkehrendes Thema der Konferenz waren sozialwissenschaftliche Untersuchungen, die im 20. Jahrhundert an und mit Dorfbewohner:innen stattfanden, und in denen sich sowohl staatliche, wissenschaftliche als auch lokale, rurale Zukunftsvorstellungen kristallisierten. HEINER GRUNERT (München) und ANNETT STEINFÜHRER (Braunschweig) stellten für das östliche Europa sowie für Deutschland Forschungen aus den 1930er- bis 1990er-Jahren vor, in denen (Land-)Soziolog:innen die enormen Veränderungen aus der Sicht der Landbewohner:innen analysierten. In den dabei entstandenen Berichten von Bauern und Bäuerinnen, Handwerker:innen sowie Dorfgeistlichen spiegeln sich ein spezifisch rurales Bewusstsein, distinkte Zeitwahrnehmungen als auch eigenständige Reformansätze wider, die aktive Gestaltungsansprüche des Dorfes belegen.

In der Abschlussdiskussion wurden Parallelen im Europa des 20. Jahrhunderts thematisiert, wie Bestrebungen nach Veränderung und Erhalt des ländlichen Raumes sowie die Vielfalt beruflicher und fachlicher Perspektiven auf das Dorf. Klaus Buchenau (Regensburg) erläuterte anhand von Beispielen der Tagung, dass die Ansätze des high modernism sich auf dem Dorf als hochgradig anfällig erwiesen hätten, weil sie ohne starke staatliche Strukturen schnell in sich zusammenbrächen; auf low modernism basierende Veränderungen seien dagegen eher in der Lage, historische Zäsuren zu überstehen. Daran anknüpfend wies Ger Duijzings (Regensburg) darauf hin, dass Stimmen von Dorfbewohner:innen in der Forschung bis heute selten seien und Wissenschaftler:innen in ihren Beiträgen bevorzugt auf Quellen von staatlichen Instanzen zurückgriffen. Duijzings sprach sich nochmals für die Bedeutsamkeit von Oral-History-Interviews aus und erinnerte daran, dass jedes Dorf seine eigene Geschichte besitzt und diese Individualität innerhalb der Forschung mehr berücksichtig werden sollte. Dietmar Müller (Leipzig) verwies schließlich auf das vergleichende Potential eines wissensgeschichtlichen Ansatzes, der jenseits von nationalen oder regionalen Eigenheiten und über die politisch gefassten Periodisierungen hinweg Denkmodelle für Wandel im ländlichen Raum in den Blick nimmt.

Konferenzübersicht:

Eröffnung: Heiner Grunert (München), Klaus Buchenau (Regensburg)

Panel I: Ordnungskonzepte
Moderation: Dietmar Müller (Leipzig), Kommentar: Klaus Buchenau

Jovica Lukovic (Frankfurt am Main): Verbriefte Zukunft. Antizipative Potentiale des Serbischen Bürgerlichen Gesetzes (1844)

Ernst Langthaler (Linz): „Aufrüstung des Dorfes“: Nationalsozialistische Agrarplanung und bäuerliche Wirtschaftspraxis im österreichischen Bergland 1938-1945

Panel II: Nationale Aufbrüche
Moderation: Ger Duijzings, Kommentar: Dietmar Müller

Heiner Grunert (München): Problem und Retter aus aller Not: Der ländliche Raum in den Debatten zur Weltwirtschaftskrise in Polen

Aleksandra Bilewicz (Warszawa): The future of the Polish village in the work of Stanisław Miłkowski

Panel III: Sozialistische Dorfpolitik
Moderation: Klaus Buchenau, Kommentar Ger Duijzings (Regensburg)

Ekaterina Kamenskaja (Ekaterinburg): Discussion of rural construction projects in the Soviet press (1950s-1980s)

Martin Zückert (München): Vom Rückzug des Staates aus der Fläche? Die slowakischen Bergregionen zwischen staatssozialistischer Durchdringung und Entsiedelung des ländlichen Raumes nach 1945

Gergely Krisztián Horváth (Budapest): Die fröhlichste Baracke? Visionen, Praxis und Folgen der kommunistischen Dorfpolitik in Ungarn

Márkus Keller (Budapest): Kleinsiedlungen und Musterdörfer. Staatliche Wohnkonzepte für ländliche Gebiete in Ungarn und BRD nach 1945

Panel VI: Raumplanung
Moderation: Heiner Grunert, Kommentar: Ernst Langthaler

Arndt Macheledt (Geisa/Jena): „Soziale Aufrüstung des Dorfes“. Der Hessenplan der Regierung Zinn von 1951

Henrik Schwanitz (Dresden): Landschaft nach Plan. Die Transformation des ländlichen Raumes in der SBZ und DDR

Annett Steinführer (Braunschweig): Wenn Zukunft zur Vergangenheit geworden ist. Reflexionen über eine Langzeitstudie in westdeutschen Dörfern (1952 – 1972 – 1993 – 2012)

Panel V: Religion und Kultur
Moderation: Heiner Grunert, Kommentar: Ger Duijzings

Christian Promitzer (Graz): Schulreform und Musterhof im Gebirge: Ländliche Zukunftsvorstellungen im slowenisch-österreichischen Grenzraum (1919-1938)

Cristian Cercel (Bochum): Organisierte Auswanderung und ländliche Siedlungen in der unmittelbaren Nachkriegszeit: Die Ansiedlung von 2.500 donauschwäbischen Vertriebenen in Brasilien

Abschlussdiskussion: Klaus Buchenau, Ger Duijzings, Heiner Grunert, Dietmar Müller

Zitation
Tagungsbericht: Zukunft auf dem Dorf. Zukunftskonzepte und Planungen für den ländlichen Raum im 20. Jahrhundert, 16.09.2021 – 18.09.2021 Regensburg, in: H-Soz-Kult, 29.10.2021, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-9105>.