HT 2021: Deutungskämpfe um die Gegenwart: Zeitgenossenschaft und Zeitdiagnostik um 1800 in der Kontroverse

Ort
hybrid (München)
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
05.10.2021 - 08.10.2021
Von
Kai Gräf, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Der Zeitgenosse oder die Zeitgenossin ist, wie es bei Adelung heißt, „eine Person, welche mit einer andern zu einer und eben derselben Zeit lebet“ [1]. Nicht die bloße Teilhabe an derselben Zeit im Sinne der chronologischen Gleichzeitigkeit aber ist es, die das Phänomen der Zeitgenossenschaft für die Geschichtswissenschaft interessant macht, sondern das Moment der Gegenwartsreflexion, das hinzutritt, wenn sich Zeitgenosse und Zeitgenossin zur eigenen Zeit ins Verhältnis setzen, sie beobachten, beschreiben und deuten. Aus dem Konflikt unterschiedlicher Wahrnehmungswirklichkeiten entstehen dann eben jene Deutungskämpfe, die sich dieser 53. Historikertag zum Thema gemacht hat. Diese Idee der ‚Zeitgenossenschaft‘ (übrigens ebenfalls ein Quellenbegriff, wie man etwa bei Campe nachlesen kann [2]) erhoben die Veranstalter und Beiträger dieser Sektion zur heuristischen Figur, anhand derer sie der Umbruchszeit zur Moderne um 1800 auf die Spur zu kommen hofften – und wählten damit wohl nicht zufällig gerade den historischen Zeitabschnitt, in dem Wortgebrauchsanalysen erstmals eine deutliche Zunahme der Verwendung des Terminus ‚Zeitgenosse‘ selbst ergeben.

THEO JUNG (Freiburg) eröffnete die Sektion mit einem begriffsgeschichtlichen Blick auf die Denkfigur des ‚Zeitgeists‘. Als Bezeichnung für den Gesamtcharakter oder die Mentalität eines Zeitalters gewinnt die Rede vom Zeitgeist im deutschen Sprachraum erstmals am Ende des 18. Jahrhunderts an Bedeutung. Jung zufolge spiegelt sich in dieser Begriffskonjunktur zum einen das Bestreben, die Vielfalt einer neuartigen Wirklichkeit im Angesicht der politisch-industriellen Doppelrevolution auf eine ideelle Einheit zu bringen und damit zugleich eine Ordnung zeitgenössischer Erscheinungen anhand des Schemas ‚zeitgemäß/unzeitgemäß‘ zu ermöglichen. Zum anderen bringe der Begriff des Zeitgeists die Figur des Zeitgeistdiagnostikers hervor, dem die Fähigkeit zugesprochen wird, hinter dem Schleier der Oberflächenphänomene den Wesenskern einer Epoche erkennen zu können. Für Jung entfaltet sich damit in der Denkfigur des Zeitgeists eine „neue Gattung der Gegenwartsreflexion“, die auf einer abstrakten Ebene als Ausdruck des Erfahrungswandels in der Sattelzeit gedeutet werden könne, den Reinhart Koselleck auf den Begriff der ‚Verzeitlichung‘ gebracht hat. Auf einer diskursiv-pragmatischen Ebene müsse allerdings vor allem der rhetorische Aspekt jeder Zeitgeistdiagnose berücksichtigt werden – gemeint ist die dahinterstehende Sprechabsicht, die auf eine intellektuelle Positionierung innerhalb der literarischen Öffentlichkeit ebenso zielen kann wie auf eine politische Intervention. Im letzteren Fall verberge sich hinter der Bestimmung des Gegenwartscharakters ein „metapolitischer Stellvertreterdiskurs“, der untrennbar mit den politischen Absichten der Zeitgeistdiagnostiker verbunden ist – ganz gleich, ob sie dem ‚Zeitgeist‘ zu folgen oder ihn zu bekämpfen vorgeben.

Damit waren bereits die historischen Akteure in den Fokus dieser Sektion gerückt: die Zeitgenossen als Beobachter und Exegeten der eigenen (vergangenen) Gegenwart. Mit ihnen beschäftigten sich die zwei folgenden Beiträge anhand unterschiedlicher, aber miteinander verbundener Fallbeispiele. Die Aufmerksamkeit galt hier verstärkt der Sinnesdimension von Zeiterfahrung, die zunächst SEBASTIAN SCHÜTTE (Heidelberg) unter dem Titel „Das engagierte Ohr“ anhand von Louis-Sébastien Merciers (1740–1814) 1798 erschienenem Werk „Le Nouveau Paris erkundete“. Mercier beschreibt darin das Paris der Französischen Revolution, wo er als Journalist und Schriftsteller, aber auch als Abgeordneter und Überlebender der Terreur gewissermaßen zum teilnehmenden Beobachter der umwälzenden Ereignisse geworden war. Eine besondere Rolle spielt dabei, so Schüttes These, das Ohr: Der beobachtende Poet, als der Mercier sich inszeniert, erfahre seine Gegenwart vor allem akustisch – und erfasse damit auch solche Signale, die dem auf die Oberfläche der Erscheinungen beschränkten Auge verborgen bleiben. Impliziert wird dabei, dass es gerade diese Geräusche, Rhythmen und Stimmungen sind, in denen der Zeitgeist zum Vorschein kommt. Vor allem aber – so liest Schütte Mercier – ermögliche es das ‚engagierte‘ Hören dem Zeitgenossen, die Wirklichkeit des menschlichen Lebens und Leidens empathisch zu begreifen. Der Tuileriensturm vom 10. August 1792, der Beginn der zweiten Phase der Revolution, wird von diesem dann nicht als optischer Eindruck oder durch das Nachvollziehen von Kausalketten erfasst, sondern – mithilfe des ‚engagierten Ohrs‘ – im Murren der Sansculotten, dem ‚Todesschluckauf‘ (Mercier) der Schweizergardisten und dem Triumphgesang der Marseillaise. Noch vor ihrer intellektuellen Durchdringung bedeutet „akustische Zeitgenossenschaft“ demnach vor allem die unmittelbare sinnliche Erfahrung der eigenen Gegenwart, wie Schütte an diesem Beispiel aus Merciers Schilderung anschaulich belegte.

Hier konnte der Beitrag von SUSAN RICHTER (Kiel) anschließen, der sich mit den Formen und Analyseinstrumenten der Zeitdiagnostik beschäftigte. Als Quelle dienten ihr Restif de la Bretonnes (1734–1806) „Les Nuits de Paris ou le Spectateur nocturne“ (1788–1794). Der zeitgenössisch auch im deutschen Raum vielgelesene Schriftsteller präsentiert dort gewissermaßen die Nachtseite zu Merciers Tagesbeobachtungen aus dem (vor-)revolutionären Paris. Anhand des Frontispiz’ aus dem ersten Band der Nuits, das eine nachtwandelnde Figur zeigt, die eine Eule auf dem Kopf trägt, arbeitete Richter heraus, wie sich Restif de la Bretonne in seiner Schrift als spectateur des Zeitgeschehens inszeniert, der mit einem eulenartigen Sensorium für das im Dunkeln Verborgene bis in das Innere der Zeitläufte blicken kann. Dieser Beobachter ist nach Richter zu begreifen als „transfiguratives Subjekt“, also eine mehrschichtige Figur, die in ihrer Tätigkeit zugleich Philosoph, Dichter und Historiograph sein will: Als Philosoph, der hinter den Schleier der Erscheinungen sehen kann, nähert sich der spectateur kraft seiner besonderen Fähigkeiten der eigenen Gegenwart, indem er ihre substanzlose Stimmung zunächst ganz körperlich – „wie ein Seismograph“ (Richter) – auf- und wahrnimmt. Mithilfe der schöpferischen Kraft des Dichters vermag er es dann, diesem Gegenwartsgeist zur Substanz zu verhelfen, indem er ihm sprachlichen Ausdruck verleiht. Historiograph ist er schließlich, indem er dem Aufgezeichneten eine Richtung gibt, seine Zeit also nicht nur abbildet, sondern zugleich deutet. Wie Richter zeigen konnte, steht diese hybride Beobachterfigur nur scheinbar über den Zeiten: Auch wenn Restif de la Bretonne als flanierender Eulenzuschauer eine atemporale Vogelperspektive einzunehmen beansprucht, interveniert er letztlich doch in die Deutungskämpfe um die eigene ebenso dynamische wie instabile Gegenwart.

Die Symbolik der Eule verband den Beitrag Richters schließlich mit dem letzten Vortrag der Sektion. UWE JUSTUS WENZEL (Zürich) beschäftigte sich darin mit zwei nicht unbekannten Passagen aus Georg Friedrich Wilhelm Hegels (1770–1831) Rechtsphilosophie, in deren einer behauptet wird, die „Eule der Minerva“ beginne „erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug“; in der anderen erklärt Hegel, die Philosophie sei „ihre Zeit in Gedanken erfaßt“.[3] Dass es „erfasst“ und nicht – wie häufig zitiert – „gefasst“ heißt, ist nach Wenzel keine Nebensächlichkeit: Der Philosophie komme bei Hegel nicht einfach die Aufgabe zu, ein ideelles Abbild der vorgefundenen Wirklichkeitsverhältnisse zu schaffen, sondern sie im Modus der intellektuellen Auseinandersetzung zu verarbeiten. Das aber sei keineswegs dasselbe: Hegel sei eben kein Advokat des status quo und das Wirkliche eben nicht automatisch vernünftig (wie es ebenfalls in der Vorrede zur Rechtsphilosophie heißt). Vielmehr, so hob Wenzel hervor, sei es nach Hegel die Aufgabe der Philosophie, das Gegenwärtige begrifflich zu erfassen und dadurch erst zu beurteilen, ob etwas zur Zeit Gehöriges als vernünftig gelten kann oder nicht. Dass diese Form der Gegenwartsreflexion für Hegel paradoxerweise eine gewisse zeitliche Distanz voraussetzt, wollte Wenzel nicht als Defizit verstanden wissen – gerade darin liege die Natur der so verstandenen „philosophischen Zeitgenossenschaft“.

In den verschiedenen Formen des Gegenwartsbezugs traten in der Zusammenschau die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Beiträgen dieser Sektion zutage. HELGE JORDHEIM (Oslo) unterschied in seinem Kommentar, ausgehend von den jeweiligen Gegenwartskonzeptionen, vier verschiedene Formen der Zeitgenossenschaft: Während die ‚philosophische Zeitgenossenschaft‘ im Sinne Wenzels/Hegels dann vor allem als kognitiver Vorgang zu begreifen sei, stehe bei der von Sebastian Schütte präsentierten ‚akustischen Zeitgenossenschaft‘ Merciers der sinnliche Aspekt im Vordergrund. Stelle man beide Formen des Gegenwartszugriffs einander gegenüber, so ließen sich dazwischen die von Susan Richter beschriebene ‚liminal-hybride Zeitgenossenschaft‘ Restif de la Bretonnes und die ‚rhetorisch-begriffliche Zeitgenossenschaft‘, wie sie Theo Jung am Zeitgeistbegriff herausgearbeitet hatte, entlang eines Spektrums anordnen. Jordheim gelang es damit nicht nur, die inhaltliche Kohärenz der (immerhin von den nächtlichen Straßen des revolutionären Paris bis zum philosophischen Höhenkamm reichenden) Sektionsbeiträge aufzuweisen, sondern zugleich eine Typologie der Zeitgenossenschaft zu entwerfen, an die sich in der künftigen Forschungsdiskussion anknüpfen lässt. Es ist anzunehmen, dass dabei nicht wenig über die Funktionsweise auch zeitgenössischer „Deutungskämpfe um die Gegenwart“ zu lernen wäre. Auch diese Sektion zeigte sich dann als ein Beitrag zur Etablierung der Geschichte als Gegenwartswissenschaft [4].

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Susan Richter (Kiel) / Sebastian Schütte (Heidelberg)

Theo Jung (Freiburg): Augenblick und Durchblick. Zeitgeistdiagnosen und ihre Kritik um 1800 (und heute)

Sebastian Schütte (Heidelberg): Das engagierte Ohr. Akustische Zeitgenossenschaft am Beispiel Louis-Sébastien Merciers

Susan Richter (Kiel): Vom Besteck des Zeitgenossen. Formen und Analyseinstrumente der Zeitdiagnostik

Uwe Justus Wenzel (Zürich): Auf der Höhe der Zeit und in ihren Niederungen. Einige Probleme philosophischer Zeitgenossenschaft

Helge Jordheim (Oslo): Kommentar

Anmerkungen:
[1] Johann Christoph Adelung, Grammatisch=kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, mit beständiger Vergleichung der übrigen Mundarten, besonders aber der Oberdeutschen, Vierter Theil, 2. Auflage, Leipzig 1801, Sp. 1677.
[2] Joachim Heinrich Campe, Wörterbuch der Deutschen Sprache, Fünfter und letzter Theil, Braunschweig 1811, S. 833.
[3] Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts, Berlin [1820], hier zitiert nach der Werkausgabe im Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 1986, S. 28 u. 26, Letzteres i. O. mit Hervorhebung.
[4] Unter diesem Leitbegriff stand die Bilanz des Historikertags aus feuilletonistischer Sicht – vgl. Kurt Kister, Kümmert euch um die Hohenzollern, In: Süddeutsche Zeitung Nr. 233 vom 8. Oktober 2021.

Zitation
Tagungsbericht: HT 2021: Deutungskämpfe um die Gegenwart: Zeitgenossenschaft und Zeitdiagnostik um 1800 in der Kontroverse, 05.10.2021 – 08.10.2021 hybrid (München), in: H-Soz-Kult, 06.11.2021, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-9135>.