Qualitätsmessung: P. Stekeler-Weithofer: Das Problem der Evaluation von Beiträgen zur Philosophie. Ein streitbarer Zwischenruf

Von
Pirmin Stekeler-Weithofer, Universität Leipzig, Institut für Philosophie

Dieser Beitrag wurde uns vom Autor freundlicherweise für das Forum „Qualitätsmessung, Evaluation, Forschungsrating. Risiken und Chancen für die Geschichtswissenschaften?“ überlassen. Der Urtext wurde für die Alexander von Humboldt Stiftung verfasst und zunächst veröffentlicht unter dem Titel „Publikationsverhalten in der Philosophie“. In: Kritikon, 25.11.2008. <http://www.kritikon.de/index.php?pn=article&id=49d=49>. Unter dem Titel „Das Problem der Evaluation von Beiträgen zur Philosophie. Ein streitbarer Zwischenruf“ findet sich der Beitrag auch in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 2009.57 (1), S. 149-158.

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Der folgende Text behandelt, erstens, das Problem, dass die Fachsprache Deutsch in der Philosophie, wie in den Geisteswissenschaften generell, an Anerkennung verliert, und zwar nicht zuletzt aufgrund des Vorurteils, dass in einer globalisierten Welt überall nur englischsprachige Veröffentlichungen international sichtbar und damit nicht bloß provinziell seien. Er kritisiert dann auf dieser Grundlage, zweitens, das von der European Science Foundation in Auftrag gegebene Ranking der Fachzeitschriften in unserem Fach, und zwar schon im Ansatz. Der Text wurde ursprünglich verfasst für die Reihe der „Diskussionspapiere der Alexander von Humboldt-Stiftung“ zum Thema „Publikationsverhalten in unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen. Beiträge zur Beurteilung von Forschungsleistungen (2009)“.

1. Das Problem des Englischen als Lingua Franca in den Geisteswissenschaften
Die unaufhaltsame Globalisierung in Ökonomie, Technik und Kultur scheint eine einzige transnationale lingua franca für alle Wissenschaften nötig zu machen. Das ist sicher so für die Natur- oder besser Sachwissenschaften, von der Physik über die empirische Psychologie bis zu einer statistisch-modelltheoretischen Soziologie. Fraglich ist, wie weit es auch für Orientierungs- und Reflexionswissenschaften gilt, also für die historischen und philologischen Geisteswissenschaften und die Philosophie, zumal es hier immer auch um eine freie Debatte über neue bzw. verbesserte Normen im kompetenten Umgang mit Sprache, also für eine sprachliche Feinartikulation von wichtigen Unterscheidungen geht. Das wiederum setzt schon höchstes Sprachverständnis voraus. Hierher gehört auch die Einsicht in die von Gilles Deleuze mit Recht hervorgehobene Verschränkung von begriffslogischer Präzision und Sprachkultur.

Leider findet eine gedankenlose Angleichung der Bereiche, in denen eine schon schematisierte Sprache bloß gebraucht wird und der Bereiche, in denen solche Schematisierungen thematisch werden, längst ihren bürokratischen Niederschlag in den zuletzt auch von der European Science Foundation vertretenen Rankings wissenschaftlicher und philosophischer Journale und der offenkundigen Bevorzugung englischsprachiger Veröffentlichungen. Dies hat zur Folge, dass deutsche Publikationen a priori als drittklassig eingestuft werden – unbeschadet der Tatsache, dass in vielen Bereichen der Geisteswissenschaften die deutschsprachige Debatte aufgrund ihrer historischen Tiefendimension durchaus weniger provinziell sein mag als eine über die ganze Welt verteilte Diskussion bloß modischer Themen. Dabei könnte man gegen das Vorurteil, dass nur englischsprachige Veröffentlichungen erstklassig sein können, schon das Folgende ins Feld führen: Würde man die Mehrsprachigkeit der Absolventen berücksichtigen, dann würde sich die Bewertung der Internationalität von Bildungsinstitutionen gegenüber den heute üblichen dramatisch ändern. Wichtiger als dies ist aber die Tatsache, dass in den Wissenschaften immer auch eine transnationale Provinzialität gibt, und übrigens oft auch eine transdisziplinäre. Es ist zwar sicher schön, wenn eine wissenschaftliche Schule mindestens einige Interessenten in einem Ausland findet (oder in einem anderen Fach) – so dass es für unser Fach übrigens gerade auch in den USA etwas bedeutet, wenn man in Deutschland wahrgenommen wird. Angesichts von Internet und Migration tendiert die nachhaltige Signifikanz derartiger Vernetzungen am Ende aber gegen Null. Was also bleibt, ist bloß das Argument, dass das Englische wissenschaftliche Ergebnisse international sichtbarer mache, während Nationalsprachen wie das Französische, Spanische, Deutsche nicht anders als etwa das Tschechische oder Schwedische nur eine regionale Leserschaft in einem begrenzten Einzugbereich hätten. Diese Unterstellung ist jedoch für die Philosophie nicht richtig. Von Santiago de Chile bis Moskau, Peking oder Kyoto gibt es (noch und wieder) ansehnliche Gruppen auch von jungen Philosophen, die Deutsch (und Französisch) lesen, verstehen und oft auch sprechen können. Dies geschieht im Wissen um die besonderen Leistungen ‚kontinentaler’ Philosophie, von Kant über Schelling, Husserl und Heidegger bis in den lebhaften Diskurs der Gegenwart etwa bei Foucault oder Habermas, und zwar in Abhebung von einer seit Hobbes, Locke oder Hume traditionell eher empiristisch, das heißt teils szientistisch, teils nominalistisch ausgerichteten Philosophie im englischen Sprachraum.

Die Bedeutung nationalsprachlicher Artikulationskultur zeigt sich schon am einfachen Beispiel der Übersetzung von Begriffen wie Anschauung und Geist. Denn in der üblichen Wiedergabe dieser von Kant und Hegel terminologisch wesentlich mitgeprägten Wörter durch „intuition“, „mind“ oder „spirit“ werden psychologistisch-empiristische oder mentalistisch-metaphysische Vor- und Fehlurteile der britischen Tradition zumeist mitgeschleppt. Wo eine hinreichend präzise Kenntnis dieser Sachlage fehlt, bleiben ganze Modetrends im Bereich einer cognitive philosophy of mind schon im Ansatz provinziell. Daher bleibt das Deutsche für die systematische Philosophie wichtig, nicht bloß, wie Latein oder Griechisch, für ihre Geschichte. Dem steht nicht entgegen, dass sich die Ergebnisse philosophischen Nachdenkens am Ende in jeder anderen Sprache ausdrücken lassen müssen – sofern man nur begreift, dass Übersetzungen in der Kaskade der Wissenschaftlichkeit häufig ähnlich wie bloße Lehr- oder Schultexte oder auch Power-Point-Präsentationen zu behandeln sind. Um auf wissenschaftlichem Niveau in der Philosophie argumentieren zu können, müssen daher gerade diejenigen Forscher, die sich auf Übersetzungen stützen, inhaltlich relevante Eigenheiten der Ursprungssprachen kennen. Das ist für die Philosophie im Ganzen ebenso wenig zu leugnen wie etwa für die Literaturwissenschaften. Allgemeine Bewertungen dagegen, die sich an bloßen Ergebnisberichten oder exakten Theorien orientieren, wie wir sie aus einer rein formalen Logik oder anderen mathematisierten Wissenschaften kennen, erweisen sich damit als disziplinär provinziell. Denn für ein qualitatives, also differenzierendes, Argumentieren, etwa in der Überprüfung der Anwendung von Theorien, brauchen wir die Strenge einer wirklich erfahrungsgesättigten und begrifflich verfeinerten Wissenschaftssprache wie des Deutschen. Die Exaktheit von quantitativen Aussagen, wie man sie sich für schnelle und allgemeine Strukturvergleiche wünscht, ist nämlich immer nur durch Schematisierungen oder Abstraktionen und damit durch systematische Entdifferenzierungen zu erhalten.

2. Zum Stellenwert von Monographien, Buchbeiträgen und anderen Veröffentlichungen
Als Herausgeber, Mitherausgeber und Mitglied in editorial boards von einigen philosophischen Fachjournalen wäre ich freilich, normativ gesehen, sehr dafür, wenn Zeitschriftenbeiträge in unserem Fach höher als etwa Beträge in Festschriften und Proceedings bewertet würden. Denn dadurch würden die Philosophischen Zeitschriften zu einem bevorzugten Medium interfachlicher Kommunikation über aktuelle Forschungen und Debatten werden. Faktisch ist das jedoch keineswegs der Fall. Thematische Sammelbände und Konferenzbände sind zur Zeit mindestens ebenso wichtig für die aktuelle philosophische Debatte. In meiner „normativen“ Bevorzugung der Journale, wie sie in anderen Fächern längst üblich ist, spiegelt sich also eher der Wunsch einer institutionellen Verschiebung faktischer Anerkennung. Er steht in Diskrepanz zur Realität, und zwar nicht nur in unserem Lande, sondern weltweit.

Es sind zwar Zeitschriftenartikel in der Regel besonders gut vorgeprüft und sichern daher ein Mindestmaß an wissenschaftlicher Seriosität. Das ist übrigens unabhängig davon, ob die Zeitschriften ein blind referee-System eingeführt haben oder nicht. Es ist aber weltweit keineswegs so, dass die wichtigsten Artikel unseres Faches in Zeitschriften veröffentlicht würden und die wichtigsten Debatten in Journalen geführt würden. Das Gegenteil ist der Fall. Die Journale greifen Themen von wichtigen Monographien und Konferenzen immer nur auf. In ihnen wird daher in unserem Fach, anders als in den Naturwissenschaften, zumeist nur eine Sekundärdiskussion dazu geführt, was primär anderswo, besonders in Monographien, entwickelt wurde. In der Reihenfolge der Bedeutung von Texten steht daher in unserem Fach die Monographie an erster Stelle. Freilich sind dabei lehrbuchartige und narrative Monographien von echten Beiträgen für die philosophische Forschung zu unterscheiden: Nur die letztere zählen für das Fach. Nicht jede Monographie ist daher als ein vom Autor authentisch verfasster systematischer Beitrag zu zählen.

Daher ergibt sich als Aufgabe, die Monographien zu unterteilen in eigenständige thematische Arbeiten (echte Monographien) und zusammenfassende Darstellungen etwa zu einem Autor oder einer Epoche der Philosophie (Lehrtexte und Enzyklopädien). Letztere sind, wie in jedem Fach, für die publizitäre Verbreitung von Wissensinhalten wichtig, zählen aber bestenfalls partiell als eigene Forschungsleistung, und das weitgehend mit Recht. Das betrifft insbesondere alle Einführungsliteratur (etwa unter Titeln wie „Habermas zur Einführung“, oder „Einführung in die Analytische Philosophie“), erst recht aber für Literatur mit hohen Auflagen („Kant für Eilige“ etc.). Demgegenüber sind besonders in den USA die bei besonders renommierten Verlagen veröffentlichten systematischen Monographien oder die Erschließungen eines historischen oder zeitgenössischen Forschungsbereichs, welche in der Regel nach mehrjähriger Ausarbeitung aus einer PhD- oder Doktor-Dissertation entstehen, als das zentrale Werk anzusehen. Analoges gilt für Großbritannien und andere Ländern, wobei in Frankreich die Thèse unserer Habilitation entspricht.

In Verbindung mit ein paar in hochrangigen Journalen bei hochrangigen Verlagen veröffentlichten Artikeln entspricht eine solche Monographie unserer Habilitation. Es gibt nur wenige Fälle, in denen einige wichtige Artikel in Zeitschriften oder Sammelbänden als gleichwertig zu einer Monographie bewertet werden, ohne dass es sinnvoll wäre, hier eine quantitative Gewichtung vorzunehmen – es sei denn, man vergleicht Artikel mit Kapitel und rechnet, im Durchschnitt, mit sechs Kapiteln.

Was die Vergleiche der Zeitschriften untereinander und die Zeitschriftenbeiträge mit Beiträgen in Sammelbänden (Festschriften, Proceedings, etc.) betrifft, so ist, wie gesagt, faktisch und zur Zeit eine allzu hohe Einschätzung der Zeitschriftenartikel, etwa auch in englischer Sprache, fachlich und sachlich durch nichts zu begründen. Echte Internationalität zeigt sich in unserem Fach eher darin, dass es Veröffentlichungen in verschiedenen Sprachen gibt, also etwa in Italienisch, Russisch, Deutsch oder Englisch, zumal wenn sich das internationale Interesse in den Übersetzungen spiegelt. Veröffentlichungen bloß in Englisch sind, anders als in andern Fächern, per se noch kein Zeichen für internationale Sichtbarkeit.

Diese Besonderheit unseres Faches liegt in folgendem Umstand begründet: Die ersten Debatten über begriffliche Vorschläge und Einsichten werden in der Regel in der Muttersprache geführt. Denn nur eine Sprache, die wir in allen Nuancen beherrschen, stellt uns die für das philosophische Denken nötige eigenständige sprachliche Differenzierungskompetenz zur Verfügung. Es bedeutete eben deswegen die Abkehr vom Latein als lingua franca für die Gelehrten zu einer der europäischen Vernakularsprachen, zum Italienischen bei Galileo oder zum Französischen bei Descartes, nicht etwa einen Rückschritt, sondern einen Fortschritt in der Wissenschaftsentwicklung: Jetzt erst konnten hinreichend viele in der Wissenschaft und Philosophie schnell und authentisch mitreden und mitprüfen. Erst was in der Prüfung einer umfangreichen, aber lokalen, Wissenschaftsgemeinde bewährt, wurde dann durch Übersetzungen international sichtbar. Für unser Fach ist besonders gravierend, dass sein Thema die Reflexion auf Wissenschaft und deren Sprache bzw. auf Institutionen und deren sprachliche Artikulation ist. Philosophische Kompetenz ist daher nicht von der vollen Beherrschung der gesprochenen Sprache als der Metasprache für solche Reflexionen zu trennen. Eine schematische Bevorzugung einer Sprache wie des Englischen bedeutet daher auch den apriorischen Ausschluss von vielen möglichen Argumenten und Personen aus dem kritischen Diskurs.

Es ist also die Voraussetzung problemloser Inhaltsäquivalenzen, wie sei die Übersetzungen zwischen zwei Sprachen darstellen, welche es allererst erlaubt, das, was zu sagen ist, in einer Sprache zu sagen, die auf Feindifferenzierungen verzichtet. Eben das geschieht in jeder Fokussierung auf den Inhalt, wenn wir die Lektion der logischen Abstraktionslehre begriffen haben. Mit anderen Worten, für die Sachwissenschaften wird das Problem der Übersetzung, damit auch der Disambiguierungen von Sprachgebräuchen, als schon gelöst betrachtet. In der Philosophie bleibt dieses Problem Thema. Ihr Thema ist ja das Verstehen, der kompetente Umgang mit und die vernünftige Entwicklung von Sprache und sprachlichen Artikulationsformen innerhalb und außerhalb der Wissenschaften. Sachwissenschaft zielt am Ende sogar explizit ab auf invariante Formulierungen in einer lingua franca oder gar, vorzugsweise, in mathematischen Ausdruckformen. Denn diese erlauben rein schematische Definitionen und Inferenzregelungen. Mit diesen löst sich ein Großteil des Inhalts- und Übersetzungsproblems auf. Denn soweit der Inhalt durch schematische Inferenzformen bzw. kalkülartige Inferenzregeln fixiert bzw. fixierbar ist, ist auch das Übersetzungsproblem schematisch lösbar. Für die axiomatischen und kalkulatorischen Theorien der Mathematik spielt es daher praktisch keine Rolle, in welcher Normalsprache der erläuternde Rahmentext verfasst ist. Das Wesentliche steht in den Formeln. Daher ist es auch absolut vernünftig, in den mathematisierten Wissenschaften Englisch als die Lingua Franca für die Publikation von wissenschaftlichen Forschungsergebnissen anzuerkennen.

Das Problem für ein anders geartetes Wissen wird besonders deutlich, wenn wir als Beispiel Ludwig Wittgensteins berühmten Spruch, alles, was sich (in der Wissenschaft) sagen lässt, lasse sich klar sagen, seiner eigenen philosophischen Kunst des feinen Hörens auf die Sprache gegenüberstellen. Dabei gibt es durchaus Probleme der Übersetzung seiner in Deutsch verfassten Texte. Diese rühren daher, dass das Englische, nicht anders als das Deutsche und Französische, durch begriffliche Vorschläge großer Philosophen wie Locke oder Kant oder Descartes sozusagen schon terminologisch infizierte Schrift- oder Hochsprachen sind. Es ist also die sprachbildnerische Leistung der Philosophie samt der damit möglicherweise verbundenen Verfestigung von Vor-Urteilen in den verschiedenen semantischen Inferenznormen der unterschiedlichen Nationalsprachen nicht zu unterschätzen.

Da auf die formale Logik als Teil unseres Faches die obige Überlegung nicht zutrifft, ist für sie, aber eben nur für sie und das formalanalytische Philosophieren als Teilbereich der Philosophie, wie für die Mathematik, Englisch die Fachsprache. Eine generelle Bevorzugung des Englischen würde nun aber nicht zuletzt deswegen für unser Fach eine thematische Vorentscheidung in der Gewichtung bedeuten, nämlich für einen angloamerikanischen Logischen Empirismus und gegen die kontinentaleuropäische Tradition der begrifflichen Empirismuskritik und der philosophischen Phänomenologie. Beruhigend ist allerdings, dass die Einsicht in diese Zusammenhänge zur Zeit gerade in den USA an Boden gewinnt, wenn man an Autoren wie R. Pippin oder R.B. Brandom denkt. Im Übrigen ist die Dauer, die bei uns nötig ist, um zu nachhaltigem Wissen zu gelangen bzw. die Nachhaltigkeit von begrifflichen Überlegungen zu prüfen, wesentlich länger als in anderen Fächern. Das ist nicht zu verwundern, geht es der Philosophie doch um grundsätzliche begriffliche Netze, nicht um kurzfristig erreichbares empirisches Wissen oder kurzfristig diskutierte Hypothesen.

3. Enzyklopädien, Rezensionen und Online-Veröffentlichungen
Dabei kondensieren sich in guten Enzyklopädien wie zum Beispiel dem international vorbildlichen Historischen Wörterbuch für Philosophie bis zur Enzyklopädie Wissenschaftstheorie und Philosophie die Ergebnisse begrifflicher Bestimmungen. Nur die besten Kenner des Faches bzw. des Themas werden an solchen Unternehmen beteiligt. Freilich hängt die Bewertung vom Projekt, Verlag, Thema und Umfang ab.

Bedeutsam sind dann auch Besprechungen ganzer Diskussionskomplexe, (bzw. Sammelrezensionen), wie sie in Deutschland besonders in der Philosophischen Rundschau, aber auch in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie als peer review der Veröffentlichungslandschaft organisiert und in den USA etwa in Philosophy and Phenomenological Research und anderen Journals gepflegt werden. Diese meta-kritischen Texte zur Philosophie sind unbedingt als volle Aufsätze zu zählen. Die Tatsache, dass zu diesen Besprechungen eingeladen wird und daher die Artikel nicht einem blind referee System (das übrigens meistens von Nachwuchswissenschaftlern betrieben wird) unterworfen ist, sondern direkt von den Herausgebern beurteilt werden, spricht nicht gegen, sondern für das Verfahren einer gezielten und nicht anonymen peer-Begutachtung derartiger Sammelrezensionen. Es ist daher systemisch abwegig, für solche Meta-Rezensionen ein blind referee-System zu fordern.

Es ergibt sich insgesamt, dass weit wichtiger als die bloße Bewertung der Veröffentlichungsart die allgemeine Qualität der Fachverlage ist. Außerdem gilt: Deutsch und Französisch sind in unserem Fach internationale Fachsprachen, für die Geschichte der Philosophie auch Italienisch. Wer Anderes behauptet, provinzialisiert sich selbst, etwa weil er aus der Sicht der USA oder Großbritannien heraus meint, diese Orte, etwa Harvard oder Oxford, wären die Zentren philosophischer Reflexion oder Kritik, also meint, selbst das Zentrum zu sein, oder weil er meint, das Zentrum des Denkens finde sich an einem anderen Ort als seinem eigenen oder in einer anderen Sprache als seiner eigenen.

4. Zeitschriftenranking
4 A: Nationale und internationale peer groups
Aufgrund des Gesagten ergibt sich für die im Auftrag der European Science Foundation erstellten Rankingliste philosophischer Journale weltweit[1], dass sie zur Bewertung der Qualität der Zeitschriften und ihrer Inhalte und über diese der Leistung der Autoren völlig unbrauchbar ist. Man sieht das schon an einem Beispiel. Es ist geradezu absurd, wenn die wichtigste deutsche Zeitschrift in unserem Fach, die Deutsche Zeitschrift für Philosophie, mit ihrer hohen Auflage in diesem Ranking als drittklassig bewertet wird. Was immer die Kriterien des Rankings gewesen sein mögen, es ist für jeden Kenner offenkundig, dass inhaltlich eher zweitklassige Journale dort aufgrund ihrer Englischsprachigkeit als vermeintlich „erstklassig“ bewertet werden.

Dabei wird erstens übersehen, dass es natürlich nationale Peer group-Bewertungen der besten Artikel in den wichtigsten nationalen Zeitschriften gibt. Diese Information ist für eine Beurteilung von Kandidaten für irgendwelche Förderungen ihrer wissenschaftlichen Projekte oder Karrieren als relevant anzuerkennen. Denn diese Relevanz zu bezweifeln und den nationalen Evaluationen keinen Signifikanz zuzusprechen, ist im besten Fall ignorant. Man verschenkt damit wichtige Informationen. Im schlimmsten Fall ist es nicht mehr als blanker Chauvinismus, wie er eher ins 19. Jahrhundert als in das 21. gehört. Man tut dann nämlich so, als seien die nationalen scientific communities nicht in der Lage, überhaupt irgendwelche Standards wissenschaftlicher Beurteilung einzuhalten, geschweige denn die des vermeintlichen Zentrums der philosophischen bzw. wissenschaftlichen Vernunft, als deren Sprache scheinbar selbstverständlich das Englische gilt.

Zweitens ist die für viele anderen Fächer in der Tat zutreffende These, dass der „Markt“ für nicht-englische Publikationen sehr viel kleiner sei als der für Publikationen in der lingua franca der Naturwissenschaften, der empirischen Sozialkwissenschaften und der mathematisierten Wissenschaften wie der Informatik oder Theoretischen (Computer-)Linguistik, nämlich des Englischen, für die Philosophie nur bedingt richtig. Denn es gibt nationale Intellektuellenkulturen wie die deutschsprachige und französischsprachige, in denen die Philosophie wissenschaftskulturell durchaus eine viel breitere Rolle spielt als in die auf den engen fachakademischen Kreis eingeschränkte englischsprachige Philosophie. Es ist daher auch kaum mehr überraschend, dass die Auflagenhöhe der wichtigsten Bücher und Journale in unserem Fach in deutscher oder französischer Sprache zwar geringer als die bei Oxford oder Cambridge University Press, das aber in höchst moderaten Größenverhältnissen, zumal wenn man populärwissenschaftliche Bestseller, auf die etwa ein Autor wie Daniel Dennett verweisen kann, generell aus der Betrachtung heraus lässt. Solche Texte für eine (oft auch ideologische) Volksbildung bringen die Wissenschaft ohnehin auf keine Weise voran zählen daher nicht. Es ist daher einfach ein Vorurteil, dass das Fachpublikum und die Anzahl der Fachleser für englischsprachige Texte wirklich wesentlich größer sei. Daher ist die apriorische Annahme, dass die peer group der kritischen Leser für englischsprachige Texte um ein Vielfaches höher liege als die für deutsche oder französische in unserem Fach zumindest vorschnell. Richtig ist allerdings, dass wegen des Mangels an Sprachkenntnissen und damit einer mangeIhaften internationalen Bildung nicht-englische Texte selten oder nie einen unmittelbaren Weg zu einer amerikanischen oder auch nur britischen Leserschaft findet.

4 B: Impact Faktoren und Internationalität
Was die Zitationsindikationen und schematisch ausgezählten impact factors angeht, so sind diese für unser Fach ohnehin weder gut ausgewiesen noch überhaupt brauchbar. Das liegt an der langen Zeit, welcher die nachhaltige Prüfung der Brauchbarkeit begrifflicher Analysen und Vorschläge bedarf. Zu prüfen sind dabei nämlich, was temporäre Mode ist, was bleibende Einsicht, was in nationalen und dann auch internationalen Netzwerken als interessant erscheint und was jenseits solcher bloß temporären Zirkel wirklich nachhaltig interessant bleibt. Daher ist gerade in Zeiten, in denen Modethemen durch den wissenschaftlichen Nachwuchs aufgegriffen werden müssen, jede bloße gegenwärtige Internationalität per se noch kein signifikantes Kriterium für die Be-deutsamkeit eines Themas und die Qualität und Eigenständigkeit seiner Behandlung.

Der zentrale systematische Fehler der „ESF“-Liste besteht aber darin, dass ohne weitere Kategorisierung der philosophischen Journale alle philosophischen Zeitschriften in drei Klassen A, B und C eingeteilt werden. Es wird dabei zwar an etwas versteckter Stelle gesagt, dass vor allem nach Graden der Internationalität ‚gerankt’ werde. Aber erstens ist das nach dem oben Gesagten keineswegs richtig, zumal die Sprache der Artikel für die Internationalität in unserem Fach keineswegs die Bedeutung hat, welche das Ranking suggeriert. Zweitens suggeriert das Ranking eine qualitative Bewertung der Journale als erstklassig, mittel und drittklassig. Eine derartige, am Ende bloß suggestive, Qualitätsabstufung ist methodisch sogar auf alarmierende Weise problematisch. Sie ist am Ende so sinnvoll, wie wenn man alle Lebewesen etwa der Größe nach in irgendwelche drei Klassen (sagen wir, in die unter 2 cm, die über 1 m und die dazwischen) einteilen würde. Die Kriterien der (zum Teil einfach willkürlichen) Evaluation der ESF können daher kaum als fachnah durchdacht gelten.

4 C: Vorklassifkationen
Zum Mindesten müssten die Journale vor jedem Qualitätsranking unbedingt thematisch vorkategorisiert werden, etwa in die folgenden Kategorien:

1. National führende Zeitschriften allgemeinen philosophischen Inhalts / Leading Journals for General Philosophy).
Hier gibt es in den meisten Ländern ein bis drei ‚leading journals’, die zumeist leicht identifizierbar sind. Wichtig ist dabei, dass die entsprechenden Zeitschriften in Großbritannien und den USA ebenfalls als nationale Zeitschriften zu zählen sind.

2. International führende Zeitschriften zu speziellen Personen und Themen.
Man denke etwa an Journale zu Kant oder zur Philosophy of Science oder zu Applied Ethics.

3. International wahrgenomme bzw. bemerkenswerte Nationale Zeitschriften zu speziellen Personen und Themen.
Ein weiteres Ranking erübrigt sich, wenn wir für jede der Kategorien die relevanten und besten angeben.

Ich halte wenig von dem Glauben, dass ein Vorschlag einer solchen Liste von einem Gremium sanktioniert werden sollte. Denn vernünftige Normen dieser Art ergeben sich aus der diffusen Anerkennung, Nichtanerkennung, Ergänzung und Aufhebung explizit gemachter Vorschläge, nicht bürokratisch durch irgendwie ‚demokratisch’ legitimierte Behörden. Daher wage ich es, der in Wirklichkeit ebenso subjektiven Liste der in Straßburg unter Einsatz von viel Geld aufgestellten Liste der ESF eine eigene entgegenzusetzen, insbesondere um die andere Art der Beurteilung deutlich zu machen.

4 D: Führende Zeitschriften in der Philosophie
1. National führende Zeitschriften allgemeinen philosophischen Inhalts / Leading Journals for General Philosophy).
Acta Philosophica Fennica
Algemeen nederlands tijdschrift voor wijsbegeerte
Analysis
Cadernos de Filosofia
Deutsche Zeitschrift für Philosophie
Dialectica
Etudes philosophiques,
Filozoficky casopis
Inquiry
Journal of Philosophy
Mind
Philosophisches Jahrbuch
Philosophische Rundschau
Phronesis
Proceedings of the Aristotelian Society
Rivista di filosofia
Revista Portuguesa de Filosofia
Revue Philosophique
Revue de la Métaphysique et de la Morale
Synthese
Tijdschrift voor filosofie
Zeitschrift für Philosophische Forschung

2. International führende Zeitschriften zu speziellen Themen

2A Geschichte der Philosophie:
Ancient Philosophy
Archiv für Begriffsgeschichte
Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie
Archiv für Geschichte der Philosophie
Bochumer Jahrbuch für Antike und Mittelalter
British Journal for the History of Philosophy
Bulletin de philosophie medievale
Dionysius
History and Theory
History of Philosophy Quarterly
Rivista Neoscholastica
Theologie und Philosophie
Vigilia Christiana
Oxford Studies in Ancient Philosophy

2B Große Philosophen
Augustinian Studies
Hegelstudien
Fichte-Studien
Kantian Review
Kantstudien
Heidegger Studies
Hobbes Studies
Hume Studies
Husserl Studies
Kierkegaard Studies. Yearbook
Leibniz Review
Locke Studies. An Annual Journal of Locke Research
Nietzsche-Studien
Philosophical Investigations (Wittgenstein)
Recherches Husserliennes
Studia Spinozana
Studia Leibnitiana

2C Logik und Wissenschaftstheorie
Archive for Mathematical Logic
Biology and Philosophy
British Journal for the Philosophy of Science
Bulletin of Symbolic Logic
History and Philosophy of Logic
Journal of Philosophical Logic
Journal of Symbolic Logic
Notre Dame Journal of Formal Logic
Philosophy of Science

2D Formalanalytische Philosophie und Philosophie des Geistes
Brain and Mind
Erkenntnis. An International Journal of Analytic Philosophy
Logic and Logical Philosophy
Logique et Analyse
Mind and Language
Philosophiegeschichte und logische Analyse I Logical Analysis and History of Philosophy
Studia Logica
Theory and Decision

2E Ethik
Bioethics
Environmental Ethics
Ethical Perspectives
Ethical Theory and Moral Practice
Ethics
Journal of Ethics (The)

3. International bemerkenswerte nationale Zeitschriften, auch zu speziellen Themen
Allgemeine Zeitschrift für Philosophie
American Philosophical Quarterly
Argumentation
Asian Philosophy
British Journal of Aesthetics
Canadian Journal of Philosophy
Continental Philosophy Review
Das Argument
Etudes phenomenologiques
Etudes Philosophiques
European Journal of Philosophy
Informal Logic
Filosofia
Grazer Philosophische Studien
Midwest Studies in Philosophy
Monist (The)
Pacific Philosophical Quarterly
Philosophical Review (The)
Philosophy and Phenomenological Research
Pragmatics and Cognition
Proceedings of the Aristotelian Society, Supplementary Volumes
Ratio

Selbstverständlich ist eine solche Liste erstklassiger philosophischer Journale nur ein erster Vorschlag. Es ist aber wohl klar, dass ein derartiger Vorschlag für eine angemessene Evaluation der Qualität von Bewerbern durchaus hilfreich sein kann, und wohl mehr an Erfahrung und Wissen über unser Fach repräsentiert als das mit großen administrativen Aufwand offenbar von Nichtfachleuten verantwortete und für unser Fach höchst problematische ‚ESF’ oder gar ‚EU-Ranking’.

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Pirmin Stekeler-Weithofer, Studium, Forschung und Lehre in Konstanz, Berlin, Prag, Campinas/Sao Paolo, Berkeley/CA, New York, Pittsburgh und Swansea/Wales, Gründungsprofessor für Theoretische Philosophie an der Universität Leipzig, Präsident der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, ist Mitglied des Auswahlausschusses der Alexander von Humboldt Stiftung zur Vergabe von Humboldt-Forschungsstipendien im Bereich Philosophie.

Anmerkung:
[1] Vgl. ERIH Initial List: Philosophy 2007. Die Selbstbeschreibung des Projekts lautet: “European Reference Index for the Humanities (ERIH) is a project jointly sponsored by ESF and the European Commission ERA-Net project "Humanities in the European Research Area" (HERA) (Contract no.: ERAC-CT-2005-0161179). It comes under work-package 7 (Research Infrastructures).

Zitation
Qualitätsmessung: P. Stekeler-Weithofer: Das Problem der Evaluation von Beiträgen zur Philosophie. Ein streitbarer Zwischenruf , in: H-Soz-Kult, 02.06.2009, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-1117>.