Über den Zusammenhang zwischen Quellenkritik und Informationserhalt. Ergebnisse der Anfrage „Forschen mit ‚digitalen Quellen’“

Von
Christian Keitel, Landesarchiv Baden-Württemberg

Umfragen können auch dann hilfreich sein, wenn sie kaum verwertbare Antworten ergeben. Denn sie markieren ein Fehlen, einen blinden Fleck. Im vergangenen Dezember wurde an dieser Stelle nach der Benutzung genuin digitaler, also digital entstandener Quellen gefragt.[1] Die Reaktion war bescheiden. Offenbar ist der quellenkritische Umgang mit diesen Dokumenten kein Thema innerhalb der Geschichtswissenschaft.
Für sich genommen ist bereits dieses Ergebnis erstaunlich. Liegen doch schon in verschiedenen Archiven genuin digitale Dokumente vor, die beispielsweise beim Bundesarchiv oder dem Landesarchiv Baden-Württemberg bis in die 1960er-Jahre zurückreichen. Die Quellen sind also teilweise bereits frei benutzbar. Das Internet selbst stellt eine für alle verfügbare Sammlung solcher Quellen dar. Weshalb also gibt es keine quellenkritische Auseinandersetzung mit diesem Quellentyp?
Das Fehlen der Quellenkritik ist aus einem weiteren Grund zu bedauern. Schließlich könnten quellenkritische Überlegungen den Archivarinnen und Archivaren wesentliche Anhaltspunkte geben, wie digitale Objekte überhaupt erhalten werden sollen. Es hängt auch von der Beteiligung heutiger Historikerinnen und Historiker ab, ob unsere Nachfahren in den Archiven noch benutzbare digitale Quellen finden können.
Die Ergebnisse der Umfrage legen daher nahe, den Dialog zwischen Historikern und Archivaren zu vertiefen.

Zur Umfrage

Neun Antworten gingen ein, hierfür herzlichen Dank. Thematisiert wurde die Notwendigkeit, von Historikern hergestellte digitale Dokumente (genannt wurden Forschungsdaten, geschichtswissenschaftliche Websites und Homepages von Historikern) zu erhalten. Hier sind die Naturwissenschaften schon erheblich besser organisiert, als dies bei den Kultur- und Geisteswissenschaften der Fall ist. Man vergleiche die von den europäischen Nationalbibliotheken gegründete „Alliance for Permanent Access to the Records of Science <http://www.alliancepermanentaccess.eu/>. Zweitens wurde eine verstärkte Digitalisierung angemahnt und auch problematisiert. Zur Quellenkritik genuin digitaler Dokumente ging keine Antwort ein. Auch eine zusammen mit Peter Haber durchgeführte frühere Umfrage[2] konnte keinen Historiker ermitteln, der sich bereits mit dem Thema beschäftigen würde.

Genuin digital und digitalisiert

Manche Antworten griffen ein verbreitetes Missverständnis auf. Zwar arbeiten Historiker bereits heute in zahlreichen Bereichen mit digitalen Quellen. In vielen Fussnoten wird auf Internetseiten verwiesen, die eingescannte Dokumente digital zur Verfügung stellen. Die Glaubwürdigkeit der Scans kann stets an dem analogen Original überprüft werden. Abgesehen davon bieten die digitalisierten Quellen aber keine grundsätzlich anderen Auswertungsmöglichkeiten als die Pergamenturkunden und Papierakten selbst. Sie sind nur ubiquitär verfügbar.
Ganz anderes sieht es bei Dokumenten aus, die digital entstanden sind (das Scannen ist hier nicht gemeint) und nur digital vorliegen. Ihre Glaubwürdigkeit kann nicht mehr durch den Vergleich mit einem analogen Original überprüft werden, da ein solches gar nicht mehr existiert. Auch können digitale Dokumente – Stichwort Datenbanken – Möglichkeiten eröffnen, die in der analogen Welt noch unbekannt waren. Um die Kenntnis und Erhaltung dieser Dokumente geht es hier. Interessant wäre also zweierlei: Die Verwendung der spezifischen Eigenschaften digitaler Quellen für historische Fragestellungen und eine angemessene Quellenkritik der Informationen, die kein Original mehr kennen.

Was hat nun das Erhaltungsproblem der Archivare mit den Interessen der Historiker zu tun? Datenträger und Dateiformate haben eine sehr geringe Lebensdauer. Digital gespeicherte Information kann nur erhalten werden, indem sie immer wieder in eine neue Erscheinungsform (ein neues Datei- oder Zeichenformat) überführt wird. Diese Transformationsprozesse (Migrationen) erzwingen Veränderungen, es kann nicht all das erhalten werden, was ursprünglich vorlag.

Damit stellen sich zwei Fragen:
- Welche Eigenschaften sollen unbedingt erhalten werden (im Fachjargon significant properties)?
- Wie kann trotz Transformationen die Authentizität der Archivalien gewahrt werden?

Annahmen über künftige Benutzer sind die Richtschnur, an der sich diese Transformationsprozesse auszurichten haben.[3] Digitale Quellen sind also nicht unveränderlich gegeben, sie werden von den Archiven in Annahme von Benutzerinteressen konstituiert.
Von wem werden diese Annahmen vorgenommen? Derzeit machen dies die verantwortlichen Archivare. Wäre es nicht vorteilhaft, wenn Historiker selbst ihre Anforderungen an die Quellen und die zu erhaltenden Eigenschaften formulieren würden? Gibt es vielleicht sogar eine Verantwortung der Historiker, die eigenen Interessen zu formulieren?
Reaktionen aller Art sind sehr willkommen.

Anmerkungen:
[1] Anfrage 'Forschen mit Digitalen Quellen' vom 4.12.2008 <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/id=1055&type=anfragenagen>.
[2] <http://weblog.histnet.ch/archives/tag/digitale-quellen> vom 1.9.2008 (23.09.2009).
[3] Man vergleiche den einschlägigen Standard Open Archival Information System, OAIS, ISO 14721 und dessen Terminus der designated community.

Zitation
Über den Zusammenhang zwischen Quellenkritik und Informationserhalt. Ergebnisse der Anfrage „Forschen mit ‚digitalen Quellen’“, in: H-Soz-Kult, 24.09.2009, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-1173>.
Redaktion
Veröffentlicht am
24.09.2009
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