Historikertag 2018: Mittelalterliche Geschichte

Von
Christian Scholl, Historisches Seminar, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Besprochene Sektionen:

Division se mist entre eulx. Politische Spaltungen im spätmittelalterlichen Europa

Spätantike und Frühmittelalter unter der Lupe aktueller Fragestellungen: Die Gesellschaft der Merowinger – eine gespaltene Gesellschaft?

Zerbrochene Einheiten – Die Beteiligung religiöser Gruppen in den Krisen und Konflikten im frühmittelalterlichen Japan

‚Bürgerkriege‘ im Spätmittelalter: Frankreich, England, die burgundischen Niederlande, Katalonien und Neapel. Vergleichende Perspektiven

Sprach- und ethnische Konflikte in Klöstern nördlich und südlich der Alpen in Spätmittelalter und Früher Neuzeit

Von Bürgerkriegen und politischen Spaltungen zu Sprachkonflikten in Klöstern, von den frühmittelalterlichen Merowingern zu den spätmittelalterlichen Rosenkriegen und von Frankreich, England, Katalonien, den Niederlanden und Ostmitteleuropa bis ins ferne Japan: die Mittelalter-Sektionen des 52. Deutschen Historikertags in Münster boten eine breite Spannweite an Themen, Teilepochen und geographischen Räumen.

Den Auftakt machte die Sektion von MARTIN KINTZINGER (Münster). Wie Kintzinger in seiner methodischen Einleitung betonte, ging die Sektion von den beiden Vorannahmen aus, dass die betrachteten Gesellschaften trotz Konflikten und Spaltungen als Ganze erhalten blieben, es sich somit nicht um „failed states“ handelte, und dass das Auftreten von Konflikten nicht zwangsläufig zerstörerisch wirkte. Die Sektion fragte danach, ob die exemplarisch ausgewählten Gesellschaften durch Stabilität oder Konfliktaustrag gekennzeichnet waren, welche Konfliktpotentiale es darin gab und wie sich diese auswirkten und schließlich ob die Gesellschaften – dem Oberthema des Historikertags folgend – als „gespaltenen“ bezeichnet werden können.

Mit diesen Fragen befasste sich zunächst JEAN-MARIE MOEGLIN (Paris) am Beispiel des Königreichs Frankreich im Hundertjährigen Krieg. Moeglin betrachtete Frankreich als gespaltene Gesellschaft im Konflikt mit den Engländern weniger auf einer faktischen als auf einer diskursiven Ebene: So habe die königstreue französische Chronistik das Bild einer Gesellschaft gezeichnet, die in loyale Untertanen, die den König unterstützten („bon et loyal Français“), und solche, die als Verräter mit dem ausländischen Aggressor gemeinsame machten, gespalten war. Einige Chroniken, so Moeglin weiter, schoben gar solchen vermeintlichen Verrätern wie Robert von Artois oder dem König von Navarra („Karl der Böse“) die Schuld am Krieg zu, da diese den englischen König zur Invasion Frankreichs aufgehetzt hätten. Der narratologischen Konstruktion der Chroniken zufolge stellte sich der französische Sieg gegen die feindlichen Invasoren erst ein, nachdem die Franzosen ihre Spaltungen überwunden und sich alle Untertanen hinter ihrem König vereint hatten. Demnach war also die communitas regni als Gemeinschaft des Gehorsams gegenüber dem König für den Sieg im Hundertjährigen Krieg entscheidend.

KLARA HÜBNER (Brno) setzte sich in ihrem Vortrag mit Spaltungen zur Zeit der hussitischen Unruhen in Böhmen auseinander. Eingangs stellte Hübner das aus der politischen Linguistik stammende Konzept der sogenannten Hochwertworte vor, die Emotionen hervorrufen sollen und daher häufig zu manipulativen Zwecken in politischen Diskursen eingesetzt werden (aktuelles Beispiel: „fake news“). Ein zentrales Hochwertwort zur Zeit der hussitischen Revolution war „Nation“. So erklärte etwa der tschechische Prediger Hieronymus im Jahr 1409, dass Teil der natio bohemica nur der sein konnte, der dem rechten, das heißt wiklifitischen Glauben anhing. Zentral für die damalige Spaltung der böhmischen Gesellschaft war also der Glaube, nicht die Sprache oder „Nationalität“.

Osteuropa stand auch im Fokus der folgenden Referentin, JULIA BURKHARDT (Heidelberg), die in ihrem Vortrag Spaltungsrisiken in den Königreichen Ostmitteleuropas thematisierte. In einigen dieser Reiche wurden im Laufe des 14. Jahrhunderts einheimische Herrscherdynastien von „fremden“ abgelöst, darunter die Anjou und Luxemburger. Leitfrage des Vortrags war, ob diese Machtwechsel, die eine große Tiefenwirkung auf die betreffenden Königreiche ausübten und häufig mit militärischen Konflikten einhergingen, als Spaltungsphänomene zu verstehen sind. Nach der Diskussion einiger Beispiele plädierte Burkhardt in ihrem Fazit jedoch dafür, in den von ihr untersuchten Fällen eher von temporären Friktionen zu sprechen, die im Zuge von Dynastiewechseln entstanden. Wie dargelegt, führten diese zwar zu Spannungen, aber nicht zu dauerhaften Spaltungen oder Brüchen innerhalb der betreffenden Gesellschaften.
BÉNÉDICTE SÈRE (Paris) behandelte in ihrem Vortrag politische Spaltungen zur Zeit des Abendländischen Schismas. Dabei zeigte sie auf, dass Europa ab 1378 nicht nur dahingehend gespalten war, welche Region bzw. welche Institution welchen Papst anerkannte, sondern dass es auch innerhalb der römischen bzw. avignonesischen Obödienz zu Spaltungen kam. So standen sich beispielsweise auch in Frankreich, das den Papst in Avignon unterstützte, Anhänger und Gegner des dortigen Papstes Benedikt XIII. gegenüber. Diese Konflikte wurden etwa zwischen den Universitäten von Toulouse, die eine Bastion des Pontifikalismus war, und Paris als Verfechterin des Konziliarismus ausgetragen.

Dezidiert dem Frühmittelalter gewidmet war die Sektion von PHILIPPE DEPREUX (Hamburg). Ziel der Sektion war es, wie Depreux einleitend formulierte, die Epoche der Merowinger auf der Grundlage von Formulae zu diskutieren und dabei die Frage zu klären, ob es sich bei der Gesellschaft der Merowinger um eine gespaltene Gesellschaft handelte.
In einer Reihe von kurzen Impulsreferaten sich abwechselnder ReferentInnen, darunter HORST LÖSSLEIN, CHRISTOPH WALTHER (beide Hamburg) und ALEXANDRE JEANNIN (Dijon) untersuchte die Sektion zunächst, inwieweit Kontinuitäten oder Brüche am Übergang von der Spätantike ins Frühmittelalter festzustellen sind. Formelsammlungen seien hierfür eine geeignete Quellengattung, da die Schreiber der Formeln Männer der Praxis waren und demzufolge ihre Formeln an veränderte Rahmenbedingungen anpassten. Dies zeige sich beispielsweise darin, dass in vielen frühmittelalterlichen Formeln vermehrt Grafen und Bischöfe, aber keine römischen Beamten mehr vorkommen. Dennoch zeigten die Formeln, so die Referenten, keinen totalen Umbruch zwischen Antike und Mittelalter, sondern vielmehr den Versuch, Praktiken, die sich in der Vergangenheit bewährt hatten, an die neuen Verhältnisse anzupassen.

Im zweiten Teil der Sektion befassten sich die Referenten wiederum in kurzen Impulsreferaten mit den „Lebenswirklichkeiten einer vielfältigen Gesellschaft“. Dabei ging es unter anderem um die Spaltung der merowingischen Gesellschaft in „Freie“ und „Unfreie“. Ein Blick in die Formelsammlungen zeigt allerdings, dass keine scharfe Trennlinie zwischen beiden Gruppen existierte, sondern dass sich die Lebenswelten von „Freien“ und „Unfreien“ durchaus überschneiden konnten, zum Beispiel durch die Heirat zwischen freien Frauen und unfreien Männern. Ferner gab es verschiedene Abstufungen zwischen den beiden Kategorien „frei“ und „unfrei“; so bestand die Möglichkeit, Freiheit als Ware einzusetzen, um ein Silberdarlehen zu erwerben, wofür sich der Käufer im Gegenzug in teilweise Unfreiheit begab. Außerdem kam es vor, dass Menschen sich in (teilweise) Unfreiheit begaben, um Wergeldzahlungen zu entgehen, die für zahlreiche Mitglieder der frühmittelalterlichen Gesellschaften unerschwinglich waren, wie LAURY SARTI (Freiburg) in ihrem Impulsreferat ausführte. Beispiele wie diese zeigen also, dass von einer radikalen Spaltung der Gesellschaft in Freie und Unfreie nicht die Rede sein kann, sondern dass die soziale Realität der Merowingerzeit sehr viel komplexer war.

Der dritte Teil der Sektion setzte sich schließlich mit den Wert- und Normvorstellungen des frühmittelalterlichen Frankenreiches auseinander. Ein besonderer Fokus wurde dabei auf die damaligen Vorstellungen von Ehe und Scheidung gelegt. Wie CHARLES MÉRIAUX (Lille) anhand einer Formelsammlung deutlich machte, bestand in merowingischer Zeit noch die Möglichkeit der Scheidung nach gemeinsamer Übereinkunft. Die Ehe galt also noch nicht als unauflöslich und noch nicht als so verbindlich wie in der Karolingerzeit, was Mériaux als Hinweis auf eine noch nicht vollständig christianisierte Gesellschaft wertete, in der es ein Nebeneinander verschiedener Normvorstellungen gab. Auch diesbezüglich habe es aber keine scharfe Spaltung in einerseits christliche und andererseits „heidnische“ Normvorstellungen gegeben, sondern vielmehr den Versuch einer grundlegenden Neuordnung moralischer Werte entlang christlich-monastischer Vorstellungen.

Im abschließenden Fazit-Vortrag von SEBASTIAN SCHOLZ (Zürich) und der sich daran anschließenden Diskussion wurde noch einmal wiederholt, dass die Merowingerzeit durch einen grundlegenden Wandel geprägt war, der dazu führte, dass Regelungen immer wieder aktualisiert und an die neuen Begebenheiten angepasst werden mussten. Dabei zeigte Scholz auch auf, dass die von der Sektion näher beleuchteten Formelsammlungen häufig Einflüsse des römischen wie des kanonischen Rechts aufnahmen, somit also zwei unterschiedliche Rechtssysteme zu etwas Neuem verschmolzen. In der Diskussion kam ebenfalls zur Sprache, dass es sich bei der Gesellschaft der Merowingerzeit zweifelsohne – wie bei allen anderen Gesellschaften auch – um eine Gesellschaft handelte, die in verschiedenste soziale, wirtschaftliche und religiöse Untergruppen zersplittert war, dass aber ausgerechnet die von der alten Forschung so stark betonte Spaltung in „Romanen“ und „Germanen“ bzw. „Barbaren“ nahezu überhaupt keine Rolle spielte. Solche Begriffe hatten vielmehr eine politische oder soziale, aber keine ethnische Bedeutung, wodurch sich die vermeintliche Spaltung der frühmittelalterlichen Gesellschaften in „Romanen“ und „Germanen“ als Konstrukt der Forschung erweist.

Die aus Sicht der klassischen Mediävistik wohl exotischste Mittelalter-Sektion des Historikertags führte die Zuhörer nach Japan. So war es denn auch das Ziel der Sektion, wie der Organisator DANIEL SCHLEY (Bonn) in seiner Einleitung formulierte, das Thema zu entexotisieren und „klassische“ Mediävisten näher mit den Verhältnissen im mittelalterlichen Japan vertraut zu machen. Schley wies auf einige strukturelle Parallelen zwischen Europa und Japan im Mittelalter hin, zum Beispiel stützten sich die Herrscher Japans wie die Monarchen Europas auf religiöse Symbole, um ihre Herrschaft zu stabilisieren und zu legitimieren. Ferner kam es auch in Japan zu Konflikten um die Ernennung geistlicher Würdenträger durch den Kaiser („Investitur“), die im fernen Osten allerdings nicht in einer Trennung von regnum und sacerdotium resultierte.

MARTIN REPP (Heidelberg) nahm die Rolle buddhistischer Kriegermönche und ihre religiöse Legitimierung in Japan in den Blick. Die Einführung des Buddhismus aus Korea im 6. Jahrhundert führte zunächst zu Konflikten zwischen Clans, die die neue Religion übernahmen, und solchen, die beim alten Glauben blieben. Im Laufe der nächsten Jahrhunderte stieg der Buddhismus zur Staatsreligion auf, da die einheimischen Religionen es nicht vermocht hatten, das Land zu einen. Dabei wurde die ursprünglich fremde Religion des Buddhismus von der einheimischen Gottheit Hachiman legitimiert, worin sich, so Repp, die integrative Wirkung des Buddhismus und dessen friedliche Koexistenz mit den nach wie vor praktizierten einheimischen Religionen zeigte. Allerdings konnte der Buddhismus auch eine ausschließende Wirkung haben, beispielsweise als er zur Religion des Adels wurde und die einfache Bevölkerung ausschloss oder als buddhistische Kriegermönche aufkamen, deren ursprüngliche Aufgabe der Schutz der monastischen Landgüter war. Später jedoch wurden diese für gewaltsame Konflikte mit konkurrierenden Klöstern oder lokalen Adligen eingesetzt. Der Buddhismus wurde in solchen Fällen also zur Legitimierung religiöser Gewalt verwendet.

KATSUYA KOIKE (Tokio) führte in einige religiöse Institutionen des mittelalterlichen Japans ein, bevor sich Daniel Schley mit der Einheit von königlicher Ordnung und Buddhas Gesetz in Konflikten des 12. und 13. Jahrhunderts auseinandersetzte. In diesem Zusammenhang stellte Schley die Lehre des buddhistischen Mönchs Kanzan vor, dem zufolge das Gesetz des Herrschers und die Lehre Buddhas untrennbar verbunden waren. Dahinter steckte die Vorstellung, dass die kaiserliche Ordnung nicht ohne Buddhas Lehre und diese Lehre umgekehrt nicht ohne die kaiserliche Macht bestehen könne („vergleichbar zweier Räder eines Wagens oder zweier Flügel eines Vogels“). Diese Annahme wurde jedoch tief erschüttert, nachdem ein kaiserliches Heer die ehemalige Herrscherresidenz geplündert hatte, wobei auch ein buddhistischer Tempel mitsamt einer kolossalen Buddha-Statue zerstört worden war. Die Einheit zwischen herrscherlicher Ordnung und Buddhas Gesetz war in den Konflikten des 12./13. Jahrhunderts also zerbrochen.

Das Ziel der Sektion, klassische Mediävisten näher mit dem japanischen Mittelalter vertraut zu machen, kann in jedem Fall als erfüllt angesehen werden. Dies bestätigte auch die abschließende Diskussion, in der seitens der DiskutantInnen auf Parallelen und Unterschiede zwischen dem europäischen und dem japanischen Mittelalter hingewiesen wurde. Eine Parallele ist sicherlich, dass hier wie dort religiöse Pluralität vorherrschte, doch scheint alles in allem der Umgang mit ebendieser in Japan friedlicher und unverkrampfter erfolgt zu sein als in weiten Teilen Europas. Dies zeigt sich unter anderem daran, dass es in Japan offensichtlich kein Problem war, ein einheimisches Heiligtum neben einem buddhistischen Tempel zu errichten. Die Einführung des Buddhismus führte somit nicht zur Ausrottung sämtlicher einheimischer Religionen, während im Zuge der Christianisierung pagane Kultstätten wie die Irminsul oder die Donareiche vernichtet wurden.

Zurück nach Europa ging es mit der von NILS BOCK (Münster) und JESSIKA NOWAK (Basel) geleiteten Sektion. In seiner Einleitung legte Bock dar, dass der Begriff bellum civile in mittelalterlichen Quellen nur selten Verwendung finde, obwohl die Epoche eine Reihe von inneren Konflikten wie die Auseinandersetzungen zwischen Guelfen und Ghibellinen oder die sogenannten Rosenkriege erlebt habe. Definitorisch folgte die Sektion dem Bürgerkriegsbegriff von Henning Börm, dem zufolge Bürgerkriege zum einen durch organisierte militärische Gewalt gekennzeichnet sind. Zum anderen müssen die Teilnehmer solcher Konflikte laut Börm Mitglieder derselben Gruppe sein und einen ähnlichen sozialen, politischen und rechtlichen Status teilen.

Zunächst sprach ROXANE CHILÀ (Paris) über innerstädtische Auseinandersetzungen zwischen der universitas populorum und der universitas nobilorum im Neapel des späten 14. Jahrhunderts. Dieser in den Quellen als tumultus bezeichnete und von Straßenkämpfen gekennzeichnet Konflikt, der sich an Streitigkeiten um die Besetzung öffentlicher Ämter in der Stadt entzündet hatte, wurde schließlich durch die Unterzeichnung eines Amnestievertrags im Jahr 1380 beendet.
GILLES LECUPPRE (Louvain-la-Neuve) beschäftigte sich in seinem Vortrag mit drei Bürgerkriegen in den Niederlanden im 13. und 14. Jahrhundert. Den von Lecuppre besprochenen Beispielen war gemein, dass in allen drei Fällen die Herrschaft einer Frau herausgefordert wurde. Bei den drei Herrscherinnen handelte es sich um Johanna von Konstantinopel, Gräfin von Flandern und Hennegau, ihre jüngere Schwester Margarete II., die Johannas Herrschaft folgte, und Margarethe von Avesnes, Gräfin von Holland, Zeeland und Friesland. Neben dynastischen Gründen, die in den drei Fällen zur Infragestellung der jeweiligen Herrschaft führten, sah der Referent Misogynie als Ursache der Konflikte an. Lecuppre zufolge setzte sich im damaligen Diskurs die Auffassung durch, dass monarchische Herrschaft männlich und autochthon zu sein habe und somit die weibliche Thronfolge abzulehnen sei. Diese Sichtweise zog eine intensive Diskussion nach sich, da sich, so die DiskutantInnen, für das 13. und 14. Jahrhundert auch Gegenbeispiele finden ließen, in denen weibliche Herrschaft nicht infrage gestellt wurde, und umgekehrt auch zahlreiche männliche Herrscher zu dieser Zeit herausgefordert wurden, was in der Forschung jedoch nie als grundsätzliche Infragestellung männlicher Herrschaft interpretiert würde.

ÉLODIE LECUPPRE-DÉSJARDIN (Lille) ging am Beispiel der englischen Rosenkriege und des Konflikts zwischen französischen Armagnaken und Burgundern während des Hundertjährigen Krieges der Frage nach, ob Bürgerkriege als Triebkräfte politischer Innovationen gesehen werden können. Sie bejahte diese Frage, was sie unter anderem damit begründete, dass es im Zuge der von ihr thematisierten Bürgerkriege zu einer enormen Ausweitung des öffentlichen Raumes gekommen sei. Dies habe sich im Anlaufen einer bis dato noch nicht gesehenen Propagandamaschinerie gezeigt, die eine riesige Menge an Manifesten, Pamphleten und Briefen hervorgebracht habe, mittels derer der Diskurs im öffentlichen Raum bestimmt werden sollte. Ferner hätten die Bürgerkriege neue politische Ideen – zum Beispiel technokratische Herrschaft – oder neue Praktiken hervorgebracht, wie sie etwa in der Reform des französischen Parlaments von 1454 zum Tragen gekommen seien. Als Grund für den von den Bürgerkriegen angestoßenen Innovationsschub machte die Referentin die permanente Bedrohung von innen und die Angst vor Anarchie aus, die es nötig gemacht hätten, auf diese neue, existenzbedrohende Gefahr mit neuen Mitteln zu reagieren.

STÉPHANE PÉQUIGNOT (Paris) befasste sich mit dem Konflikt zwischen König Johann II. von Aragon und dem autonomen Fürstentum Katalonien, der von 1462 bis 1473 ausgetragen wurde. Ins Zentrum seiner Ausführungen stellte Péquignot den „repräsentierenden Rat des Fürstentums Katalonien“, der juristische, politische und wirtschaftliche Rechte für sich beanspruchte und das Ziel verfolgte, das gesamte Fürstentum und damit die Einheit Kataloniens zu demonstrieren. Im „Bürgerkrieg“ stand der Rat, der gegen den expliziten Willen des Königs eingerichtet worden war, jedoch nicht nur dem König gegenüber, sondern es gab auch verschiedene Parteiungen innerhalb des Rates selbst, was zu Abspaltungen von diesem führte. Der Krieg Kataloniens gegen den König brachte verheerende Zerstörungen mit sich und ging schließlich verloren. Der Rat wurde nach Kriegsende verurteilt und verboten. Die Erinnerung an ihn sollte auf Geheiß des Königs für immer ausgelöscht werden. Letzteres gelang jedoch nicht, was sich nicht zuletzt daran zeigt, dass der Rat sowie der Bürgerkrieg in den folgenden Jahrhunderten immer kontrovers diskutiert und politisch instrumentalisiert wurden, nicht zuletzt im aktuellen Konflikt um die Unabhängigkeit Kataloniens.

MICHAEL DEPRETER (Oxford) beendete die Sektion mit einem Beitrag zu städtischer und fürstlicher Diplomatie während der Bürgerkriege in den burgundischen Niederlanden zwischen den 1380er- und 1480er-Jahren. Depreter nahm insbesondere die Gesandtschaften in den Blick, die die gegnerischen Parteien – auf der einen Seite die Städte Brügge, Gent und Ypern, auf der anderen der Graf von Flandern – an den englischen Königshof entsandten. Die städtischen Gesandten hätten sich darum bemüht, so der Referent, Waffenhilfe des englischen Königs zu erlangen, der parallel aber auch mit den gräflichen Diplomaten verhandelt habe. Dabei seien Letztere aufgrund ihrer höheren sozialen Position aber bevorzugt behandelt und pompöser empfangen worden als die Abgesandten der Städte. Abgeschlossen worden seien indes auch nur wirtschaftliche Verträge, keine militärischen Vereinbarungen.

Die letzte hier angesprochene Sektion behandelte sprachliche und ethnische Konflikte in Klöstern nördlich und südlich der Alpen in Spätmittelalter und Früher Neuzeit. GABRIELA SIGNORI (Konstanz) ging in ihrer Einführung zunächst ins Frühmittelalter zurück und zitierte eine Passage aus Bedas Historia Ecclesiastica, in der von Konflikten zwischen „Schotten“ und „Angeln“ bei der Neugründung eines Klosters die Rede ist, wobei Beda die Ursache der Konflikte nicht näher spezifizierte. Ein Beispiel wie dieses war Signori zufolge aber eine Ausnahme, da – abgesehen von einigen „Hotspots“ in Böhmen oder Polen – Sprachkonflikte in Klöstern bis ins Spätmittelalter hinein wohl die Ausnahme geblieben seien, was schlichtweg daran lag, dass die meisten Klöster bis ins 14./15. Jahrhundert hinein einsprachig waren. Wenn es zu Konflikten kam, so Signori weiter, traten diese vor allem an Orten auf, an denen sprachliche Mehr- und Minderheitskonstellationen aufeinandertrafen oder wenn „fremdsprachliche“ Mönchsdelegationen zum Durchführen von Reformen in andere Klöster versandt wurden.

Der Vortrag von PETR HLAVÁČEK (Prag), der aufgrund der Verhinderung des Referenten verlesen wurde, thematisierte einen Sprachkonflikt zwischen „Tschechen“ und „Deutschen“ in der spätmittelalterlichen Franziskanerprovinz Bohemia. Der Konflikt spiegelte den Kampf um Einfluss und Ämtervergabe wider und wurde dadurch weiter verkompliziert, dass das böhmische Vikariat auch einen Teil Polens umfasste und der Provinzvikar Gabriel von Verona darüber hinaus Italiener war. Folge des Streits waren zunächst die Einsetzung eines neuen „deutschen“ Provinzvikars und anschließend die Teilung des Vikariats.
MAXIMILIAN ALEXANDER TROFAIER (Wien) befasste sich mit den Beziehungen der irischen Mönche des Schottenklosters in Wien mit ihrem deutschsprachigen Umfeld. Bis ins 15. Jahrhundert blieb in dem Kloster die ethnische Homogenität gewahrt; im Jahr 1418 aber zogen sich die verbliebenen iro-schottischen Mönche in ihr Mutterkloster nach Regensburg zurück, nachdem gefordert worden war, das Kloster auch für Nicht-Iren zu öffnen. Während die ältere Forschung den 1418 erfolgten Auszug der Iren mit deren verweigerter Integrationsbereitschaft erklärte, stellte Trofaier klar, dass der Konflikt zwischen den Mönchen und Herzog Albrecht V. nicht in der „Fremdheit“ der Iren begründet lag. Die Gründe für das Scheitern der Iren seien vielmehr, so Trofaier, institutioneller Natur gewesen, was sich nicht zuletzt an deren geringer Anzahl zeigte. Ferner widersprach die Idee des Klosterverbandes, innerhalb dessen ein Kloster wie das in Wien Weisungen von seinem Mutterkloster erhielt, der Idee der Melker Reform. Zu guter Letzt litt das Kloster am Fehlen verwandtschaftlicher Beziehungen und Netzwerke in die Stadt Wien bzw. deren Umfeld. Im Spätmittelalter ging die Tendenz eher dahin, Klöster zu begünstigen, in denen lokale Förderer Verwandte hatten. Die Gründe für das Scheitern der irischen Mönche in Wien waren also vielfältig und lagen sicher nicht in deren Integrationsverweigerung. Solche Interpretationen sind der späteren, national geprägten Geschichtsschreibung entsprungen und entbehren nahezu jeder Grundlage.

Wie ANDREAS REHBERG (Rom) ausführte, wurden ähnliche nationale Interpretationsmuster auch herangezogen, um das Ende zweier „deutscher“ Klöster in Mittelitalien, Subiaco und Farfa, zu erklären. In beiden Klöstern hatten „italienische“ und „deutsche“ Mönche über Jahrhunderte hinweg zusammengelebt, ohne dass es zu Auseinandersetzungen kam. Ab ca. 1500 traten jedoch vermehrt Konflikte auf; beispielsweise verschlechterte sich in beiden Klöstern das Verhältnis zum Abt. Hinzu kamen strukturelle Veränderungen. So wurde etwa Subiaco in die Kongregation von Montecassino gezwungen. Papst Pius V. ließ die deutschen Mönche schließlich 1567 vertreiben, was die päpstliche Bulle mit stereotypen Vorwürfen gegen die Mönche begründete. Rehberg legte dar, dass das Ende der deutschen Mönche in beiden Klöstern die Folge eines Rechtsstreits war, den die Mönche verloren hatten. Es handelte sich somit nicht um einen sprachlichen oder gar ethnischen Konflikt zwischen „Deutschen“ und „Italienern“. Solche Deutungen sind, wie der Referent überzeugend ausführte, Erfindungen der späteren Forschung des frühen 20. Jahrhunderts, die den Konflikt als Kampf ums „Deutschtum“ in Italien interpretiert hatte.

Die Sektionen zur Mittelalterlichen Geschichte boten einen breit gefächerten Einblick in verschiedene Gesellschaftsformen des Mittelalters, die alle in unterschiedlicher Form Spaltungstendenzen oder Brüche aufwiesen. Neben politischen Spaltungen, die zu (Bürger-)Kriegen führten, kamen religiöse, soziale, wirtschaftliche, sprachliche und ethnische Spaltungen innerhalb mittelalterlicher Gesellschaften zur Sprache. Wie in mehreren Sektionen betont wurde, ist die „Spaltung“ einer Gesellschaft aber keineswegs per se mit deren Scheitern gleichzusetzen. Auch wenn viele Spaltungen existenzbedrohende Dimensionen annehmen konnten und mit verheerenden Kriegen einhergingen, sind die betroffenen Gesellschaften doch keineswegs immer zusammengebrochen.

Die Stärke der Mittelalter-Sektionen lag nicht zuletzt in der Breite an Themen, Regionen und Zeiten, die während des Historikertags zur Sprache kamen. Zeitlich lag der Fokus zwar zweifelsohne auf dem Spätmittelalter, doch auch die häufig vernachlässigte Epoche des Frühmittelalters war mit einer eigenen Sektion vertreten. Diese Sektion zeigte, dass sich mit neuen Fragestellungen auch neue Erkenntnisse zu einer quellenarmen Zeit gewinnen lassen. Die betrachteten geographischen Räume bestätigen schließlich den Befund, dass die deutschsprachige Mediävistik zunehmend auch Regionen in den Blick nimmt, die jenseits von Mittel- bzw. Westeuropa liegen. Neben einigen Vorträgen zu Osteuropa zeigte sich dies insbesondere in der Sektion zum mittelalterlichen Japan, die eindrucksvoll belegte, wie der transkulturelle Blick über Europa hinaus und die Zusammenarbeit von JapanologInnen und MediävistInnen zu neuen Erkenntnissen für beide Seiten führen kann. Solche Sektionen verringern die Distanz zwischen den Disziplinen und sind daher auch für zukünftige Historikertage wünschenswert.

Zitation
Historikertag 2018: Mittelalterliche Geschichte, in: H-Soz-Kult, 24.11.2018, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-4636>.
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Veröffentlicht am
24.11.2018
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