Warum Antisemitismus? Zur Politischen Theorie der Judenfeindschaft

Warum Antisemitismus? Zur Politischen Theorie der Judenfeindschaft

Veranstalter
Anne-Maika Krüger (TU Berlin), Felix Kronau (Uni. BW München/Goethe-Uni. Frankfurt) und Stefan Vennmann (Uni. Duisburg-Essen)
Veranstaltungsort
Campus Essen
Gefördert durch
Hans-Böckler-Stiftung
PLZ
45141
Ort
Essen
Land
Deutschland
Vom - Bis
06.05.2022 - 08.05.2022
Deadline
13.02.2022
Von
Anne-Maika Krüger, Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA), Technische Universität Berlin

Hiermit laden wir dazu ein, vom 6. bis 8. Mai 2022 an der Universität Duisburg-Essen Ansätze einer Politischen Theorie des Antisemitismus zu diskutieren. Die Einladung richtet sich sowohl an etablierte Wissenschaftler:innen als auch an den wissenschaftlichen Nachwuchs.

Warum Antisemitismus? Zur Politischen Theorie der Judenfeindschaft

Die Idee zu diesem Projekt entstand aus der Diagnose, dass Antisemitismus in der Gegenwart offensichtlich immer wieder zum Katalysator politischer Praxis wird. Ob auf den Demos der Corona-Leugner:innen oder bei den rechtsterroristischen Attentaten von Christchurch und Halle: Antisemitismus wird als Herzstück eines verschwörungsmythologischen Zugangs zur Welt erkennbar. Erstaunlicherweise scheint die Theorie des Antisemitismus diesen praktischen Aspekt weniger zu beachten, obwohl es hierzu immer mehr empirisches Material gibt. Theorien des Antisemitismus reagieren also nur unzureichend auf die Ausdifferenzierung der empirischen Antisemitismusforschung.

Gerade empirische Studien beziehen sich nach wie vor maßgeblich auf Max Horkheimer und Theodor W. Adorno als theoretisches Fundament. Dieselben hatten in den 1940er Jahren mit den Elementen des Antisemitismus den Grundstein für die moderne Antisemitismusforschung gelegt. Allerdings bezieht sich nicht nur die Forschung zu Erscheinungsformen des Antisemitismus hauptsächlich auf die Erkenntnisse der Kritischen Theorie. Auch die jüngeren Theorien des Antisemitismus kommen immer wieder auf diese zurück. Doch eine genuin theoretische Erweiterung auf Grundlage der Kritischen Theorie findet kaum statt.

Diesem zentralen Defizit der Theorien des Antisemitismus soll sich die Tagung stellen. Kritische Theorien der Gesellschaft haben bisher nur sehr unzulänglich Fragen zur antisemitischen Praxis beantworten können.

Diesem Problem soll sich interdisziplinär genähert werden. Dazu wird Prof. Dr. Roger Griffin (Oxford Brooks University) einen Einführungsvortrag halten, der nach der konstitutiven Rolle des Antisemitismus für die Ideologie des Nationalsozialismus fragt. Griffins politische Theorie der Palingenesis bietet die Möglichkeit, sich mehr auf die antisemitischen Subjekte innerhalb von Bewegungen zu konzentrieren und deren activism und enthusiasm zu analysieren, um so Schlüsse auf deren Konstitution und Motivation ziehen zu können.

Erkenntnisleitend ist für uns, dass Antisemitismus als Praxis der individuellen Partizipation an Herrschaftsstrukturen begriffen werden kann und sollte. Mittels einer Praxis, die als ‚Selbstermächtigung‘ (Michael Wildt) beschrieben wurde, können sich die an Bewegungen Partizipierenden über das gemeinsame Erleben antisemitischer Gewaltakte als politische Subjekte erfahren. Doch auch diese Erkenntnis bleibt eher theoriearm und vielmehr das Ergebnis einer historisch-empirischen Dokumentenanalyse. In diese begriffliche Armut soll die Tagung intervenieren.

Unserer Einschätzung nach ist für den Zugang zum Problem der Analyse antisemitischer Subjekte und deren Praxis eine Politische Theorie notwendig. Die Frage nach dem systematischen Zusammenhang der Verfasstheit sozialer Ordnung und der Verfasstheit des Einzelnen – als Frage nach der Politik und ihrem Subjekt – steht im Zentrum Politischer Theorie. Sie antwortet daher darauf, wie Gesellschaft sowohl durch Akteur:innen gestaltet wird, als auch wie Subjekte durch eben jene Verhältnisse hervorgebracht werden, welche sie zu gestalten beanspruchen.

Fragen der Tagung:
In Adornos Rezeption Freuds oder der Beschreibung Eichmanns durch Arendt wird der nationalsozialistische Antisemitismus als ein Wunsch nach Auflösung des Individuums im Kollektiv beschrieben. Die Einzelnen erlebten sich als Teil einer Gemeinschaft, die ihr je individuelles Verhalten bestimmt und zu verantworten hat. Gleichwohl wird im Zuge aktueller antisemitische Praktiken ein Streben nach Befreiung voneiner abstrakten Unterdrückung geäußert. Selbst zu denken, sich nicht anzupassen oder sich zu befreien, sind etwa zentrale Motive der aktuellen Querdenken-Proteste. Auch hier erscheint politische Praxis also nicht nur als heroischer Einsatz für das Kollektiv, sondern gleichermaßen als Bewährung des eigenen Handlungsvermögens und der individuellen Teilhabe an einer Gemeinschaft.

Welche Bedeutung kommt einem solchen antisemitischen Kollektiv zu, an das sich die Einzelnen in ihrer politischen Praxis binden und an dessen Ideologie sie sich orientieren? Hier stellt sich zentral die Frage nach dem Status des Kollektivs für das Subjekt. Zu prüfen wäre, ob die Diagnose einer Determinierung durch gesellschaftliche Herrschaftsstrukturen mit dem praxisrelevanten Selbstverständnis antisemitisch Handelnder übereinstimmen kann.

Das hieße zu fragen:
- Welche Funktion erfüllt Antisemitismus für politische Bewegungen?
- Warum erfahren Akteur:innen sich gerade mittels Antisemitismus als Handelnde und nicht als durch ein Kollektiv beherrschte Objekte?
- Zerstört ein solches Kollektiv letztlich Subjektivität und löst sie in einer Masse auf?
- Ist Subjektivierung durch Antisemitismus nur eine Illusion – eine Nicht-Subjektivierung?
- Welche Formen von Verantwortung und Schuldfähigkeit sind an den Status eines (antisemitischen) Subjektes gebunden?
- Welche interdisziplinären Ansätze politik-, gefühls- oder subjekttheoretischer Art können zur Klärung dieses Problemkomplexes beitragen?
- Wie tradiert sich Antisemitismus trotz seiner Tabuisierung in der Bundesrepublik?

Einreichung des Abstracts:
Gesucht werden Wissenschaftler:innen, die sich diesen und verwandten Fragen mit unterschiedlichen disziplinären Hintergründen widmen wollen. Senden Sie Ihre Abstracts für Vorträge von etwa 20 Minuten bis zum 13. Februar 2022 an: tagung@warum-antisemitismus.de. Die Abstracts sollten den Titel des Beitrags sowie Name und Anschrift des:der Autor:in enthalten und nicht mehr als 2.500 Zeichen (inkl. Leerzeichen) umfassen. Bitte fügen Sie einen kurzen Lebenslauf bei. Bei Interesse, sich über die Moderation eines Panels oder das Verfassen eines Tagungsberichts einzubringen, melden Sie sich gern bei uns. Die
Konferenzsprachen sind Deutsch und Englisch. Abstracts können in beiden Sprachen eingereicht werden. Wir bemühen uns, die Tagung in einen Sammelband münden zu lassen.

Die Tagung wird von der Hans-Böckler-Stiftung finanziert, es stehen beschränkte Mittel für Übernachtungs- und Reisekosten zur Verfügung. Wir bitten darum, bei Ihren Institutionen nach Möglichkeiten der Kostenübernahme zu fragen.

Die Tagung findet vom 6.-8. Mai 2022 am Campus in Essen statt. Sollte die pandemische Situation eine Veranstaltung in Präsenz unmöglich machen, wird sie in den digitalen Raum verlegt.

Wir freuen uns auf Ihre Einreichungen.

Anne-Maika Krüger (TU Berlin), Felix Kronau (Uni. BW München/Goethe-Uni. Frankfurt) und Stefan Vennmann (Uni. Duisburg-Essen)

Kontakt

Stefan Vennmann, tagung@warum-antisemitismus.de