Status quo und quo vadis? Neue Forschungen zur Anerkennung und Wiedergutmachung von NS-Unrecht in vergleichender Perspektive

Status quo und quo vadis? Neue Forschungen zur Anerkennung und Wiedergutmachung von NS-Unrecht in vergleichender Perspektive

Veranstalter
Forschungsstelle Antiziganismus am Historischen Seminar der Universität Heidelberg; Hochschule für jüdische Studien Heidelberg
Veranstaltungsort
Hochschule für jüdische Studien Heidelberg
Gefördert durch
Baden-Württemberg-Stiftung
PLZ
69117
Ort
Heidelberg
Land
Deutschland
Vom - Bis
30.03.2023 - 31.03.2023
Deadline
31.12.2022
Von
Joey Rauschenberger, Forschungsstelle Antiziganismus, Historisches Seminar, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Status quo und quo vadis? Neue Forschungen zur Anerkennung und Wiedergutmachung von NS-Unrecht in vergleichender Perspektive

Das von der Forschungsstelle Antiziganismus der Universität Heidelberg in Zusammenarbeit mit der Hochschule für jüdische Studien Heidelberg ausgerichtete Symposium dient dazu, das Thema "Wiedergutmachung für NS-Unrecht" unter Einbeziehung vielfältiger interdisziplinärer, raum- und epochenübergreifender Vergleichsperspektiven zu beleuchten und (neu) zu historisieren.

Status quo and quo vadis? New Research on the Recognition and Compensation of Nazi Injustice in Comparative Perspective.

The symposium, organized by the Research Center on Antigypsyism at Heidelberg University in cooperation with the Heidelberg University of Jewish Studies, serves to illuminate and (re)historicize the topic of "Compensation for Nazi Injustice" by incorporating diverse interdisciplinary, cross-spatial, and cross-epochal comparative perspectives.

Status quo und quo vadis? Neue Forschungen zur Anerkennung und Wiedergutmachung von NS-Unrecht in vergleichender Perspektive

2022 jährt sich das Luxemburger Abkommen von 1952 zum 70. Mal. Diesem von Bundeskanzler Konrad Adenauer forcierten Vertragswerk mit dem Staat Israel und der Jewish Claims Conference folgten in Westdeutschland weitere Regelungen zur Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts. Mit dem Bundesergänzungsgesetz von 1953 wurde die Individualentschädigung bundesweit vereinheitlicht und richtete sich an einen erweiterten Personenkreis ehemaliger Verfolger. Doch zahlreiche Opfergruppen blieben unberücksichtigt. Erst 2020 erkannte der Deutsche Bundestag Personen, die als sogenannte „Asoziale” und „Berufsverbrecher“ verfolgt worden waren, als Opfer des Nationalsozialismus an, wodurch die wenigen verbliebenen Überlebenden dieser Gruppe einen erleichterten Zugang zu Entschädigungsleistungen erhielten. Sowohl im politischen Diskurs um die Anerkennung der Opfer als auch in der Verwaltungspraxis der Entschädigung zeigen sich Kontinuitäten der Diskriminierung, so dass viele Überlebende gezwungen waren, Forderungen öffentlich Nachdruck zu verleihen. Tendenzen wie diese offenbarten sich ebenfalls in der DDR. Nichtsdestoweniger sind Unterschiede im Behörden- und Verwaltungsalltag auf regionaler und lokaler Ebene auszumachen, die über die Differenzen im deutsch-deutschen Systemkonflikt hinausgehen.

So stellt sich heute nicht nur die Frage, wie die gesamtdeutsche Entschädigungspolitik und -praxis bilanziert werden kann, sondern damit zusammenhängend auch, wie es um den Stand der historischen Aufarbeitung dieser Felder bestellt ist. Zahlreiche Forschungen widmen sich der „Vergangenheitsbewältigung“ oder der „Transitional Justice“ in Bezug auf die Zeit des Nationalsozialismus. Sie beschäftigen sich neben der Strafverfolgung von NS-Täter:innen oder Formen des Gedenkens u.a. auch mit der Anerkennung und Entschädigung von Überlebenden der Verfolgung. Die Wiedergutmachung stand historiographisch jedoch lange im Schatten anderer Seiten von Vergangenheitspolitik wie der alliierten Militärtribunale, der Verfolgung von NS-Gewaltverbrechen oder der Entnazifizierung. Eine erste Welle von Forschungen setzte erst in den 1980er-Jahren ein. Dabei verteilte sich die wissenschaftliche und öffentliche Aufmerksamkeit nicht gleichmäßig auf die verschiedenen Teilgebiete dieser Thematik: Die Globalentschädigung für Israel und die Claims Conference nach dem Luxemburger Abkommen stand stets im Zentrum. Indes sind andere Aspekte wie die Rückerstattung und Individualentschädigung auch nichtjüdischer Opfergruppen weniger systematisch aufgearbeitet, was mit der bis heute anhaltenden Tätigkeit der Wiedergutmachungsverwaltung, aber auch mit der lange Zeit fehlenden gesamtgesellschaftlichen Anerkennung sogenannter „vergessener Opfer“ zu begründen ist. Den Einfluss der weltpolitischen Lage auf die Geschichte der Wiedergutmachung verdeutlicht die jahrzehntelang völlig ausgeklammerte Gruppe der ausländischen, mehrheitlich osteuropäischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, deren Entschädigung aus Mitteln der im Jahr 2000 gegründeten Stiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft (EVZ)“ erst nach dem Zusammenbruch des Kommunismus möglich geworden war.

Der mittlerweile durch systematisch angelegte Digitalisierungsprozesse der Archive erleichterte Zugang zu den Einzelfallakten der Landesentschädigungsämter behebt das zentrale Quellenproblem, das die Erforschung der Individualentschädigung in den letzten 40 Jahren stark gehemmt hat. Darüber hinaus steht mit dem in absehbarer Zeit bevorstehenden Tod der letzten Überlebenden das Auslaufen von Entschädigungszahlungen bevor. Diese Faktoren – verbunden mit Impulsen aus dem Bereich der Provenienzforschung – lassen einen neuen Boom der Wiedergutmachungsforschung in Deutschland sowie eine systematischere Historisierung der Wiedergutmachungspraxis erwarten. Die Forschungsstelle Antiziganismus an der Universität Heidelberg und die Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg wollen diese Entwicklungen zum Anlass nehmen, den bisherigen Forschungsstand zu rekapitulieren und zur Diskussion von Entwicklungs- und Erkenntnispotentialen des Themas auf einem wissenschaftlichen Symposium einzuladen. Dabei sollen die Perspektiven der älteren Forschung in einen produktiven Dialog mit neueren Fragestellungen treten. Vorgestellt werden sollen vor allem laufende und avisierte Forschungen, die sich u.a. den folgenden Problemkreisen widmen:

- Politische Anerkennung von NS-Unrecht und gesetzlicher Rahmen für Entschädigungsleistungen
- Verwaltungsalltag, Entscheidungsmechanismen, behördliche Handlungsspielräume und Vergleichsperspektiven auf regionaler und lokaler Ebene
- Perspektive der Überlebenden und ihre Handlungsspielräume
- Einordnung von Wiedergutmachung oder Entschädigungsleistungen in gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge oder den allgemeinpolitischen Diskurs
- Transnationale Zusammenarbeit und Allianzen bei der Anerkennung als Verfolgte und der Entschädigungspraxis
- Nationale und institutionelle Auslegungen und Umsetzungen der auf der Washingtoner Konferenz erarbeiteten Empfehlungen hinsichtlich NS-Raubgut
- Interdisziplinäre Ansätze und Theorien
- Methodologische Zugänge, z.B. quantitative Analysen oder Digital Humanities
- Vergleichende Perspektiven in Bezug auf unterschiedliche Opfergruppen („rassisch“, „politisch“ oder „religiös“ Verfolgte, Homosexuelle, Zwangsarbeiter:innen, sowjetische Kriegsgefangene oder sog. „Italienische Militärinternierte“, Zwangssterilisierte, „Euthanasie“-Opfer, als „Asoziale“ Verfolgte und andere „vergessene“ Opfergruppen)
- Vergleichsperspektiven auf die verschiedenen Schadensarten nach dem Bundesentschädigungsgesetz (Leben, Gesundheit, Freiheit, Eigentum und Vermögen, berufliches Fortkommen), Verknüpfung opfergruppenspezifischer und schadensartspezifischer Probleme
- Diachrone Analysen und Entwicklung der Aufarbeitung oder der Historisierung der Aufarbeitung von NS-Unrecht, Vergleiche zur Aufarbeitung von Unrecht durch die SED-Diktatur nach 1989/90
- Globale und transnationale Vergleiche zu historischen Diktaturüberwindungen in anderen Ländern, insbesondere der Umgang mit Opfern staatlichen Unrechts

Formalia:

Bitte reichen Sie Ihr Exposé in deutscher oder englischer Sprache, bestehend aus einem Abstract mit Titel (500 Wörter) und einem kurzen akademischen CV einschließlich Kontaktmöglichkeit und institutioneller Zugehörigkeit bis zum 31. Dezember 2022 per E-Mail an FSA-Symposium@zegk.uni-heidelberg.de ein. Die Bewerbung von Nachwuchswissenschaftler:innen ist ausdrücklich erwünscht. Die Benachrichtigung über die Annahme erfolgt Mitte Januar 2023.

Das Symposium wird aus Mitteln der Baden-Württemberg-Stiftung im Rahmen des Verbundprojekts „Reintegration, Schuldzuweisung und Entschädigung. Bewältigung und Nicht-Bewältigung der NS-Vergangenheit in den drei Vorgängerländern Baden-Württembergs 1945–1952“ gefördert. Die Veranstaltung findet vom 30. bis 31. März 2023 in Heidelberg statt und wird von der Forschungsstelle Antiziganismus an der Universität Heidelberg (Verena Meier, Joey Rauschenberger) und der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg (Philipp Zschommler) organisiert.

Status quo and quo vadis? New Research on the Recognition and Compensation of Nazi Injustice in Comparative Perspective.

2022 marks the 70th anniversary of the Luxembourg Agreement of 1952. This agreement with the State of Israel and the Jewish Claims Conference, which was pushed through by Chancellor Konrad Adenauer, was followed in West Germany by further regulations for the redress of National Socialist injustice. With the Federal Supplementary Act of 1953, individual compensation was standardized nationwide and directed at an expanded group of persons who had been persecuted. However, numerous groups of victims remained left out. It was not until 2020 that the German Bundestag recognized persons who had been persecuted as so-called "asocials" and "professional criminals" as victims of National Socialism, giving the few remaining survivors of this group easier access to compensation benefits. Continuities of discrimination are evident both in the political discourse surrounding the recognition of victims and in the administrative practice of compensation, so that many survivors were forced to lend public weight to demands. Tendencies such as these also manifested themselves in the East of Germany (GDR). Nevertheless, differences in the everyday life of authorities and administrations at the regional and local level can be discerned that go beyond the differences in the German-German system conflict.

Thus, not only the question arises today how the all-German compensation policy and practice can be assessed, but also, in connection with this, how the status of the historical reappraisal of these fields is. Numerous studies are devoted to "coming to terms with the past" or "transitional justice" in relation to the National Socialist era. In addition to the prosecution of Nazi perpetrators or forms of commemoration, they also deal with the recognition and compensation of survivors of persecution. Historiographically, however, the matter of compensation has long been overshadowed by other aspects of the politics of the past, such as the Allied military tribunals, the prosecution of Nazi violent crimes, and denazification. A first wave of research only began in the 1980s. Scholarly and public attention was not evenly distributed among the various subfields of this topic: Global compensation for Israel and the Claims Conference under the Luxembourg Agreement were always at the center. Other aspects, such as restitution and individual compensation for non-Jewish victim groups, have not received as much systematic attention. This is due to the ongoing activities of the Compensation Administration, but also to the fact that so-called "forgotten victims" were not recognized by society as a whole for a long time. The influence of the global political situation on the history of compensation is illustrated by the group of foreign, mostly Eastern European forced laborers, who were completely excluded for decades and whose compensation from funds of the Foundation "Remembrance, Responsibility, Future" (EVZ), established in 2000, only became possible after the collapse of communism.

The access to the individual case files of the state compensation offices, which has meanwhile been facilitated by systematic digitization processes of the archives, solves the central source problem that has severely hampered research on individual compensation over the past 40 years. Moreover, with the death of the last survivors in the foreseeable future, the expiration of compensation payments is imminent. These factors – combined with impulses from the field of provenance research – lead us to expect a new boom in the research of compensation in Germany as well as a more systematic historicization of compensations practice. The Research Center on Antigypsyism at the University of Heidelberg and the Heidelberg University on Jewish Studies want to take these developments as an opportunity to recapitulate the state of research to date and to invite discussion of the development and knowledge potential of the topic at a scientific symposium. The perspectives of older research are to enter into a productive dialogue with newer questions. In particular, current and planned research will be presented, which is dedicated to the following problem areas, among others:

- Political Recognition of National Socialist Injustice and the Legal Framework for Compensation Payments
- Everyday administration, decision-making mechanisms, scope for action by authorities and comparative perspectives at regional and local level
- Perspective of survivors and their scopes of action
- Placing compensation payments in the context of society as a whole or in the general political discourse
- Transnational cooperation and alliances in recognition as persecuted persons and in compensation practice
- National and institutional interpretations and implementations of the recommendations developed at the Washington Conference regarding Nazi looted property
- Interdisciplinary approaches and theories
Methodological approaches, e.g. quantitative analyses or digital humanities
- Comparative perspectives on different groups of victims ("racially", "politically" or "religiously" persecuted persons, homosexuals, forced laborers, Soviet prisoners of war or so-called "Italian military internees", forced sterilized persons, "euthanasia" victims, persons persecuted as "asocials" and other "forgotten" groups of victims)
- Comparative perspectives on the various types of damage under the Federal Compensation Act (life, health, freedom, property and assets, professional advancement), linking problems specific to victim groups and types of damage
- Diachronic analyses and development of the reappraisal or historicization of the reappraisal of Nazi injustice, comparisons with the reappraisal of injustice by the SED dictatorship after 1989/90
- Global and transnational comparisons to historical overcoming of dictatorship in other countries, especially dealing with victims of state injustice

Formalities:

Please submit your abstract in German or English, consisting of approx. 500 words and a short academic CV including contact details and institutional affiliation by December 31, 2022 via email to FSA-Symposium@zegk.uni-heidelberg.de. Applications from early career scholars are strongly encouraged. Notification of acceptance will be made in mid-January 2023.

The symposium is funded by the Baden-Württemberg-Stiftung as part of the joint project Reintegration, Schuldzuweisung und Entschädigung. Bewältigung und Nicht-Bewältigung der NS-Vergangenheit in den drei Vorgängerländern Baden-Württembergs 1945–1952“. The event will take place from March 30 to 31, 2023 in Heidelberg and is organized by the Research Center on Antigypsyism at the University of Heidelberg (Verena Meier, Joey Rauschenberger) and the Heidelberg University on Jewish Studies (Philipp Zschommler).

Kontakt

E-Mail: fsa-symposium@zegk.uni-heidelberg.de

Redaktion
Veröffentlicht am
15.09.2022
Klassifikation
Weitere Informationen
Land Veranstaltung
Sprach(en) der Veranstaltung
Englisch, Deutsch
Sprache der Ankündigung