Vor dem Skandal. Faktoren für die Skandalisierung

Vor dem Skandal. Faktoren für die Skandalisierung

Veranstalter
Joachim Werz, Professur für Kirchengeschichte, Fachbereich Katholische Theologie, Goethe-Universität Frankfurt am Main
Veranstaltungsort
Goethe-Universität Frankfurt am Main
Gefördert durch
Fritz Thyssen Stiftung
PLZ
60629
Ort
Frankfurt am Main
Land
Deutschland
Vom - Bis
27.11.2020 - 29.11.2020
Deadline
20.11.2020
Von
Joachim Werz, Fachbereich Katholische Theologie, Goethe-Universität Frankfurt am Main

Die Erforschung von Skandalen als sozialem und medialem Phänomen ist seit einigen Jahren en vogue. „Skandalogie“ hat sich als interdisziplinäres Forschungsfeld etabliert. Die internationale und interdisziplinäre Tagung beabsichtigt die bisherigen Erkenntnisse der skandalhistorischen Forschung um den zentralen Aspekt der Vorbedingungen bzw. der vorausgehenden Faktoren zu erweitern. Zudem soll Skandalogie als Methode (kirchen)historischer Forschung reflektiert werden.

Vor dem Skandal. Faktoren für die Skandalisierung

Historiker, Soziologen, Medien- und Kommunikationswissenschaftler setzen sich seit einigen Jahren mit Skandalen in unterschiedlichen Bereichen des öffentlichen Lebens, in verschiedenen Jahrhunderten und in transnationaler Perspektive auseinander. Im Fokus stehen dabei in erster Linie die Phasen und Mechanismen der Skandalisierung, die eine mediale Inszenierung von skandalträchtigem Verhalten oder skandalösen Ereignissen intendieren und somit auf eine öffentliche Empörung, also einen Skandal, zusteuern.

Die Untersuchung von Skandalen – also von Ereignissen, Personen oder Sachverhalten, die aufgrund ihrer medialen Vermittlung eine öffentliche Empörung hervorrufen – findet in den christlichen Theologien und vor allem in ihren kirchenhistorischen Disziplinen hingegen bis dato kaum eine systematische, wissenschaftlich fundierte oder auf bereits erbrachten Forschungsergebnissen basierende Berücksichtigung. Durch die (kirchen)historische Unter-suchung von Skandalen soll keineswegs Kirchengeschichte als Skandal- oder gar als Kriminalgeschichte betrieben werden. Vielmehr sollen durch die historische Analyse von Skandalen in den christlichen Konfessionskirchen die konstituierenden Faktoren im prozessualen, vielschichtigen und multiperspektivischen Geschehen der Skandalisierung in den Fokus gelangen.

Die internationale und interdisziplinäre Tagung beabsichtigt die bisherigen Erkenntnisse der skandalhistorischen Forschung um den zentralen Aspekt der Vorbedingungen bzw. der vorausgehenden Faktoren zu erweitern. Die erbrachten und verdienstvollen Arbeiten im Bereich der Skandalforschung setzen nämlich in ihren Theorien sowie bei ihren Untersuchungen bei einer ersten Phase der Skandalisierung an, in der bereits die mediale Inszenierung des Skandals in vollem Gang ist. Dadurch wird der Eindruck erzeugt, dass ein Skandal und seine mediale Inszenierung geradezu im luftleeren Raum entstehen würden. Von der Annahme geleitet, dass dem gerade nicht so ist, erscheint es daher als eine Notwendigkeit, einen Schritt vor die etablierten „Phasen der Skandalisierung“ zu gehen und dabei von verschiedenen Fachperspektiven aus zu analysieren, welche Faktoren und Bedingungen das Werden unterschiedlicher Skandale der älteren oder jüngeren Geschichte begünstigen oder vielmehr – so die Hypothese, die auf der Tagung diskutiert werden soll – überhaupt erst ermöglichen konnten.

Ein grundlegendes Ziel der in drei Sektionen angelegten Tagung ist es, durch die Einzelfallstudien sowohl renommierter Forscher/innen als auch von einschlägigen Nachwuchswissenschaftler/innen Skandale aus verschiedenen Epochen mithilfe der heuristischen Werkzeuge der jeweiligen Disziplinen auf diese Faktoren hin zu analysieren, Forschungsansätze systematisch zusammenzuführen und impulsgebend zu erweitern. Ein übergeordnetes Ziel der internationalen sowie interdisziplinären Tagung besteht darin, dass auf der Basis der referierten Beobachtungen eine Art transepochale Typologie von konstitutiven Faktoren für das Werden eines Skandals sowie dessen medialer Inszenierung systematisch herausgearbeitet werden soll.

Die historische Erörterung von Skandalen birgt auch einen großen Erkenntnisgewinn für das gegenwärtige Handeln von Politik, Wirtschaft und Kirche. Daher wird im Rahmen der Tagung nach dem öffentlichen Abendvortrag von Prof. Dr. Hans Mathias Kepplinger (Mainz) eine Podiumsdiskussion mit Vertretern aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik, Medien und Kirche stattfinden.

Um Anmeldung zur Präsenzteilnahme wird bis zum 20.11.2020 unter der unten angegebenen Mail-Adresse gebeten. Die Tagung wird auch über den YouTube-Channel „Kirchengeschichte FB07 GU Frankfurt“ live gestreamt.

Programm

Freitag, 27. November 2020

18.00–18.30 Uhr Eröffnung und Begrüßung
18.30–20.00 Uhr Hans Mathias Kepplinger, Mainz
Keynote: Ursachen und Auslöser von Skandalen
anschließende Podiumsdiskussion mit Prof. Dr. Moritz Hunzinger (Public-Relations-Berater), Bernhard Keller (Pressesprecher Erzbistum München und Freising), Prof. Dr. Hans Mathias Kepplinger (Kommunikationswissenschaftler), Raoul Löbbert (Journalist bei Die Zeit), Klaus Pfeffer (Generalvikar Bistum Essen); Moderation: Dr. Barbara Wieland, Frankfurt am Main

Samstag, 28. November 2020

Sektion I: Journalistisch-mediale Faktoren
Moderation: Klara Pišonić, Frankfurt am Main

08.00–08.30 Uhr Amalie Hänsch, Nürnberg
Die Porträts Martin Luthers – ein bildgewordener Skandal? Faktoren und Bedingungen.

08.30–09.00 Uhr Anna Schürmer, Düsseldorf
Von der Krise zum Skandal: Temporale Dimensionen der Eklatanz, oder: Medienumbrüche als eklatantes Apriori

09.00–10.00 Uhr Moderiertes Zwischenfazit und Kaffeepause

10.00 – 10.30 Uhr Wahid Samimy, Bonn
Skandal- und Krisenkommunikation. Alter Saft in neuen Schläuchen.

10.30–11.00 Uhr Hendrik Michael, Bamberg
Merkmale und Rahmenbedingungen von Medienskandalen in unterschiedlichen journalistischen Berichterstattungsmustern – eine interkulturelle und diachrone Analyse.

11.00–11.30 Uhr Julia Lefkowitz, Oxford
Scandal in the Internet Age: A Longitudinal Analysis of Legacy British Newspapers.
11.30–13.00 Uhr Moderierte Abschlussrunde der Sektion I mit Mittagspause

Sektion II: Emotion, Moral, Norm und Geschichte – Einflussreiche Faktoren
Moderation: Maximilian Röll, Frankfurt am Main

13.00–13.30 Uhr Hannes König, Berlin
Belle indifference. Emotionale und unbewusste Aspekte in der Skandalisierung.

13.30–14.00 Uhr Annika Klein, Frankfurt am Main
Korruption–die Schwester von Demokratie und Parlamentarismus? Der Fall Sklarz (1919–1920)

14.00–14.30 Uhr Moderiertes Zwischenfazit

14.30–15.00 Uhr Jessica Scheiper, Bonn
Zur kirchlichen Verwendung des Skandalbegriffs

15.00–15.30 Uhr Joachim Werz, Frankfurt am Main
Das „Vor“ der Bafile-Affäre

15.30–16.15 Uhr Moderiertes Zwischenfazit und Kaffeepause

16.15–16.45 Uhr Laeed Zaglahmi, Algier
Media coverage of scandals and public perception in Algeria

16.45–17.15 Uhr Heiner Möllers, Potsdam
Warum eine Generalsentlassung in einen Skandal mündete. Anmerkungen zur Kießling-Affäre 1983/84.

17.15–17.45 Uhr Moderierte Abschlussrunde der Sektion II

Sonntag, 29. November 2020

Sektion III: Mechanismen und Strategien vor dem Skandal
Moderation: Julian Reibling, Frankfurt am Main

9.00–9.30 Uhr Ernst Henning Hahn, Bonn
Skandal-Labeling von Entscheidungen am Beispiel der Anti-AKW- und Neuen Frauenbewegung

9.30–10.00 Uhr Julia Westendorff, Frankfurt am Main
Die Kirche und das liebe Geld.

10.00–10.30 Uhr Moderiertes Zwischenfazit und Kaffeepause

11.00–11.30 Uhr André Haller, Bamberg
Intendierte Selbstskandalisierung als Marketingstrategie – Theoretische Grundlagen und empirische Beobachtungen

11.30–12.00 Uhr Moderierte Abschlussrunde von Sektion III

12.00 Uhr Fazit – Ausblick – Tagungsabschluss

Kontakt

Dr. Joachim Werz
Professur für Kirchengeschichte
Goethe-Universität Frankfurt / Fachbereich Katholische Theologie
Fachbereich Katholische Theologie
Norbert-Wollheim-Platz 1 (Campus Westend)
D-60629 Frankfurt am Main
werz@em.uni-frankfurt.de

https://www.uni-frankfurt.de/86761601/Kirchengeschichte
Redaktion
Veröffentlicht am
06.09.2020
Beiträger
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